Samstag, Juni 23, 2018

Smoking


Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel
von Hanspeter Gsell - erschienen bei BoD


Ich bin mir als langjähriger Raucher einiges an Gefahren gewohnt. So entging ich in Singapur nur knapp der Todesstrafe, als ich mir am falschen Ort und zur falschen Zeit einen Zigarillo anzünden wollte. In Kalifornien wurde ich von grimmigen Sheriffs bedroht, und bigotte alte Damen mit blauen Haaren zeigten mit ihren goldberingten Fingern auf mich. Ich habe die Rauchkammern in den Flughäfen von Hongkong und Manila überstanden und aus Wut auch schon mal einen brennenden Glimmstängel vor dem Auge des Gesetzes lebendig geschluckt. 
Eigentlich dachte ich, alle gegen Raucher entwickelten Foltermethoden zu kennen. Ich rechnete aber nicht mit dem Schweizer Erfindungsgeist. Nachdem ich an der Eingangstüre zum Restaurant die Werbung einer berühmten Zigarrenmanufaktur entdeckt hatte, freute ich mich auf einen gelungenen Abend. Als ich dann auf der Menükarte den folgenden Aufdruck las, war diese Freude allerdings auch schon wieder vorbei. «Wir danken Ihnen, wenn Sie erst ab 22.00 Uhr rauchen.»

Es ist 19.30 Uhr und ich weise den Dank umgehend zurück. Was wird wohl als Nächstes kommen? Es gibt ja bereits Restaurants mit Handy-Verbot, mit Kreditkarten- und Kinderverbot. 
«Italienern und Zürchern ist das Sprechen erst ab 23.00 Uhr erlaubt. Das Benutzen von stark riechenden Deodorants ist ab 19.00 Uhr verboten. Wir danken Ihnen, wenn Sie unsere Toiletten erst nach 22.15 Uhr benutzen. Wir danken Ihnen, wenn Sie unser Restaurant um 23.00 Uhr ruhig und gesittet wieder verlassen. Bitte bezahlen Sie nur den aufgedruckten Betrag. 
Wir danken Ihnen, wenn Sie nicht mehr wiederkommen.» 
Bitte, gern geschehen.




Samstag, Juni 16, 2018

Haarige Geschichten

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel 
Hanspeter Gsell, Verlag BoD


Ich gebe es gerne zu: In jungen Jahren war mir der Coiffeur-Besuch immer ein Graus. Vielleicht lag es daran, dass ich mir auf dem schwarzen Stuhl immer die neusten Gruselgeschichten aus dem Koreakrieg anhören musste. Vater Stähli war ein begnadeter Erzähler und Schauspieler. Wenn nötig, konnte er den Angriff auf einen Nordkoreaner auch lebensecht nachstellen. Dazu warf er sich hinter die kleine Kommode mit den farbigen Shampoo-Flaschen, schaute durch das imaginäre Visier seiner Schere und feuerte durch das Schaufenster auf die Bäckertochter, die eben ihr Gesicht an der Scheibe platt drückte.


Diese Vorstellung, samt Haarschnitt mit dem dröhnenden Rasierer, kostete 50 Rappen, und ein Sugus gab es auch noch dazu. Der Nachfolger von Stähli hiess so ähnlich wie „Hitler“, was ihn auch nicht sympathischer machte; sein Kaffee war miserabel. Abgesehen davon, war der Haarschnitt in jenen Tagen nicht freiwillig, sondern eine elterliche Massnahme gegen die beginnende Verwahrlosung der Sitten.


Mein nächster prägender Kontakt mit einem Coiffeur erfolgte in den 70er-Jahren in der Stadt Basel. Er war klein, grau und schwatzhaft; sein Kaffee war miserabel. Nach kurzer Inspektion meiner Lockenpracht führte er seine Schere Richtung Ohr und entfernte mir gekonnt einen Teil meines rechten Ohrläppchens. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er die blutende Wunde fachmännisch versorgte. Da der besagte Schnitter nicht mehr unter uns weilt, werde ich seinen Namen natürlich nicht preisgeben.
Obwohl ich dem Täter keinen Vorsatz nachweisen konnte, wechselte ich trotzdem zu einem anderen Coiffeur. Dieser war jedoch offensichtlich von seinem Kollegen informiert worden. Nach einem schlechten Kaffee und wenigen Schnitten versuchte er, mich mittels eines gezielten Stiches in meinen Hals zu ermorden. Das Vorhaben misslang kläglich.


Seither ist natürlich alles anders geworden. Ich gehe wieder gerne zum Coiffeur und geniesse die entspannenden Momente, eine kleine Pause in der Ruhelosigkeit eines langen Tages. Niemand erzählt mir Kriegsgeschichten und auch die Rasierer dröhnen nicht mehr wie alte Rasenmäher. Ich lese gescheite Zeitungen und interessante Magazine; manchmal versinke ich in einen leichten Schlaf. Dann träume ich vom Duft einer wunderbaren Zigarre und der Prosecco prickelt erfrischend in meinem Glas. Wenn ich dann aufwache, zerplatzt der Traum und ich erhalte zum Abschied ein Sugus.
Seit es im Quartier so viele Coiffeure gibt, ist der Kaffeeumsatz im Café Schüümli massiv zurückgegangen. Das liess man sich natürlich nicht gefallen, und so kann man sich jetzt im Schüümli zum Macchiato gratis rasieren lassen.

Noch mehr Kolumnen finden Sie im neusten Buch von 
Hanspeter Gsell
Immer wieder Fernweh - Aus dem Logbuch eines Inselsammlers - erschienen im Verlag  BoD




Sonntag, Juni 10, 2018

Immer wieder Sonntags ...


 ... eine neuer Text von Hanspeter Gsell.
Heute aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel, erschienen bei BoD
 
Funktionsdürftig

Da meine Hände vom jahrelangen Schreiben in kalten Mansarden spröde und rau geworden sind, verwende ich regelmässig eine Handcrème. Ihr pflegender Wirkstoff, es handelt sich um den Extrakt der Aloe Vera, bringt meinen müden Schreiberhänden sofort lebendige Spannkraft, prosaischen Glanz und journalistische Griffigkeit zurück.

Seit kurzem nun muss ich mich nicht mehr täglich salben, und mein Federkiel freut sich des fettfreien Schreibens. Ich kann nämlich meine Handcrème jetzt als Beauty-Drink zum Apéro schlürfen. „Trink dich schön“, heisst die Werbebotschaft, und liebevoll hat man dem Getränk neben Aloe Vera gleichzeitig auch noch Biotin zugesetzt. Dieses wird mich ab sofort vor Ekzemen, Schleimhautentzündungen, bösartigen Blutveränderungen und Haarausfall beschützen. Warum man das Biotin nicht einfach Vitamin 'H' nennt, weiss ich nicht. Vielleicht, weil der menschliche Körper im Normalfall genügend eigenes Vitamin 'H' produziert? Den Functional Drinks sind keine Grenzen gesetzt. Man denke nur an den trinkbaren Sonnenschutz („Trink Dich braun mit Sherpa Cola!“) oder an die süffig prickelnde Zahnpasta („Bürste Dir ein weisses Lächeln!“). Barolo mit Betablockern für den älteren Herrn,  Frizzantino gegen das Blonde im Mann, Mosquito bianco mit integriertem Insektenschutz und Malariaprophylaxe.

Nun, ich werde meine Handcrème auch weiterhin einreiben und nicht zum Frühstück trinken. Ich streiche mir schliesslich mein Shampoo auch nicht aufs Brot. Obwohl: Immerhin enthält es Extrakte aus drei Honigsorten.


Dienstag, Juni 05, 2018

Canossa



Interessierten mich auf meinen frühen Reisen nach Italien vor allem die Winzer und ihre Weine, kamen über die Jahre neue Sachgebiete dazu. Ich begann mich mit der lokalen Geschichte, aber auch mit Geschichten und Sagen vertraut zu machen. In Italien stösst man bekanntlich hinter jeder Ruine, um nicht zu sagen hinter jedem Olivenbaum, auf «Geschichte». Das ist soweit ganz schön. Ausser man ist Besitzer eines Hügels und möchte dort einen neuen Weinkeller bauen. Natürliche ahnt man, dass unter einer dünnen Schicht Humus allerhand Wertvolles oder zumindest Kurioses verborgen sein könnte.


Nehmen wir die fiktive Ortschaft Paveggio in den Hügeln des Oltrepò Pavese. Die ersten Bewohner waren wohl Gallier. Eines Tages waren die Römer da und fochten ganz in der Nähe wilde Schlachten. Etwas später soll ein gewisser Hannibal vorbeigezogen sein. Keine Ahnung ob mit oder ohne Elefanten; auch diese Wandergruppe liess jede Menge Abfälle in und um Paveggio liegen. Das war Littering vom Feinsten!

Das Dorf war im 5. Jahrhundert das letzte Bollwerk der Ostgoten gegen die Oströmer. Nach der Eroberung durch die Langobarden, wurde Paveggio zu einem wichtigen Handelsplatz ausgebaut. Zwei Jahrhunderte später war es Karl der Grosse, der unser Dorf einnahm. Wieder etwas später sah man Heinrich II., Otto III. und Konrad I. vor den Toren stehen. Anfangs des 19. Jahrhunderts schlugen die Truppen Napoleons die Österreicher. Fünfzig Jahre später wurden letztere vor den Toren der kleinen Stadt von den Franzosen, verstärkt mit Soldaten aus dem Piemont, geschlagen. Wie sie sehen: Da blieb einiges liegen in der Gegend um Paveggio.

Und so hat der Bauherr des Weinkellers auf dem kleinen Hügel in der Nähe von Paveggio den Aushub heimlich und in der Nacht vorangetrieben. Sollte man zufälligerweise und höchstwahrscheinlich auf altes Zeugs treffen, könnte man die Sache kurz vor Anbruch des Tages von einem Bulldozer wieder bedecken lassen. Denn auch in Italien ist der Denkmalschutz unerbittlich und kann einen Bauherrn kurzerhand in den Ruin treiben.

Als ich neben Daniele stand und zuschaute, wie der Schaufelbagger auch noch die letzten Tonscherben wieder eingrub, erzählte er mir die Geschichte von Canossa.

Heinrich IV. aus dem Geschlecht der Salier war römischer Kaiser von 1084 bis 1105, und er hatte, wie man heute wohl sagen würde, Stress mit Papst Gregor VII. Dieser hatte ihn nämlich kurzerhand wegen ein paar Lappalien exkommuniziert, das heisst zur Kirche rausgeworfen.
Man vereinbarte ein klärendes Gespräch und traf sich auf halben Weg bei Mathilde von Canossa. Nicht dass sich diese um ein solches Treffen bemüht hätte. Aber wer hatte schon die Möglichkeit, gleichzeitig Papst und Kaiser in den eigenen Gemächern zu beherbergen!
Zudem hatte man von ihrer Burg, auf einem Hügel in der Nähe des heutige Reggio Emilia gelegen, einen guten Überblick über die Po-Ebene.
Im Winter 1076/1077 soll es gewesen sein, als Mathilde auf dem steilen Weg zur Burg einen bärtigen Wanderer entdeckte. Es war eisig-kalt, der Wind heulte grausig durch die Hügel.

«Herr Papst, ich glaube, der Heiri ist im Anmarsch! Solle’ mir ihn reinlasse’?», fragte Mathilde.
«Nein. Man lasse den Heiri noch warten.»

Und so liess man den Kaiser drei Tage warten. Kurz bevor er erfroren war, das Protokoll hatte nämlich nur ein einfaches Büssergewand vorgesehen, rief man ihn in die Burg. Keuchend und mit blauen Händen zog er sich die steile Treppe hinauf.
Nach einigem Zögern entschloss sich Gregor, das Tor zu öffnen. Heinrich warf sich zu Boden, Gregor sprach seinen Segen, erlöste Heinrich vom Bann und nahm den reuigen Sünder wieder in die Kirche auf: Die Sage vom «Gang nach Canossa» war geboren.

Ob man während des ungemütlichen Beisammenseins ein Glas Lambrusco, von diesem herrlich-süssen, roten Prickler gesüffelt hat, ist nicht überliefert. Vielleicht hatte Heiri diesen Wein noch aus seinen letzten Campingferien in Rimini in Erinnerung und vorsorglich ein paar Flaschen Rheinwein mitgenommen.






Sonntag, Juni 03, 2018

Verstand








Hühnerbrust und Federkiel
Hanspeter Gsell, Verlag BoD

Es war 21.00 Uhr und ich beschäftigte mich eben mit einem fantastischen Cordonbleu, als der Patron an meinen Tisch trat. Geschwollen schwadronierte er daher, dass sein Koch jetzt „seinen wohlverdienten Feierabend antreten zu gedenke“, und wedelte mit der Dessertkarte vor meinem Kopf herum. Er bat mich, jetzt schon den Nachtisch zu bestellen und dankte mir für mein Verständnis in dieser leidigen Sache. Da es sich bei der Person des Koches gleichzeitig um den Patron handelte, beschloss mein Verstand auf Verständnis, Dessert und weitere Besuche zu verzichten.

Ich übernachtete mit 20 Personen in einem Hotel am lieblichen Thunersee. Wir assen ausgezeichnet, wurden nett bedient und auch die Preise waren angenehm. Um Mitternacht wurden wir aufgefordert den Saal zu verlassen, da man jetzt das Frühstück aufdecken müsse. Der Patron bat um unser Verständnis: er sei jetzt schon seit mehr als 15 Stunden für uns da. Da er während unseres Aufenthaltes lediglich ein paar Minuten „für uns da war“, lehnte ich sein heuchlerisches Angebot ab. Im Gegenzug verzichtete er auf sein Verständnis, uns in der Hotelbar zu bewirten, und servierte uns die letzten Drinks auf dem Parkplatz hinter dem Haus. Es regnete bei acht Grad und stürmischen Böen aus westlicher Richtung. Für Unverstand gibt es kein Verständnis. Selbstverständlich nicht.

Der liebreizende Patron des Restaurants hat seither noch mehrere andere Betriebe zu Grunde gerichtet. Er arbeitet heute als Magaziner bei einem schwedischen Möbelhaus.

Noch mehr von Hanspeter Gsell finden Sie im neusten Buch:
IMMER WIEDER FERNWEH
Logbuch eines Inselsammlers