Dienstag, März 31, 2015

Das grosse Schrumpfen

Neulich zu Besuch bei Sohn und Familie im Markgräflerland. Der Enkel, 8 Jahre alt, schusselt am Tisch, hantiert mit dem Besteck und schaut mich mit unschuldig-heimtückischem Blick an.

„Grosspapi, gell du bisch scho e bissele alt.“

Da es sich eindeutig um eine Feststellung und nicht um eine Frage handelte, erübrigte sich eine Antwort und ich nickte stumm.

„Bisch au scho e bissele am Schrumpfä?“

Von Kindern und Narren kannst du die Wahrheit erfahren“, lehrt uns ein altes Sprichwort. Der geniale Aphoristiker Ulrich Erckenbrecht erweiterte es zu „Kinder, Narren und Zyniker sagen die Wahrheit.“ Da ich mich zu Letzteren zähle, mache ich mich auf, die kindliche Wahrheit zu finden. Ich stelle mich auf die Waage, wiege mich und vermesse meine Grösse, vergleiche sie mit den Einträgen im Dienstbüchlein. Weder Gewicht (leider) noch Grösse (Gottseidank) sind in irgendwelcher Art und Weise geschrumpft. Meine Nachfrage, weshalb er denn auf die Schrumpfidee komme, bleibt unbeantwortet.
Ich versuche mich an die Filmkomödie „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft!“ zu erinnern. Da wurde die Geschichte eines Erfinders erzählt, der versehentlich seine Kinder und die seines Nachbarn mit „Schrumpfstrahlen“ auf eine Größe von wenigen Zentimetern reduziert und mit dem Hausmüll in den Garten wirft. Soweit ich mich erinnere, wurden jedoch Grossväter davon verschont, sich mit Riesenameisen und anderem Getier im meterhohen Gras zu tummeln. Auch während Gullivers Reise nach Liliput wurde niemand und schon gar keine Grossväter „geschrumpft“. Die Bewohner Liliputs waren von Geburt an klein.
Als angehender Hypochonder weiss ich natürlich von schrumpfenden Nieren, Schilddrüsen und Kleinhirnis. Wikipedia bestätigt meine Vorahnung: Seit ich 40 bin schrumpft mein Knochengestell jährlich um einen Millimeter. Da man jeweils über Nacht wieder etwas zulegt, sollte man sich deshalb nur am Morgen vermessen. Meine Freude über die Bemerkung, Nase und Ohren würden mit zunehmenden Alter grösser, hält sich in Grenzen.
Ob der herzallerliebste Bub wohl Schrumpfköpfe meinte? In alten Zeiten haben edle Wilde auf der Insel Papua-Neuguinea die Köpfe ihrer getöteten Feinde geräuchert, über Feuer getrocknet und mit Moosen und Kräutern ausgestopft. Aber auch die prächtig tätowierten Köpfe ihrer Häuptlinge wurden nach ihrem Ableben sorgfältig präpariert und ausgestellt. Und da manche Häuptlinge sicher auch Grossväter waren, erhält die unschuldige Frage eine ganz andere Bedeutung. Ich habe nämlich eben eine Reise nach Melanesien gebucht. Genauer gesagt: nach Papua-Neuguinea.

P.S. Seit dem Zeitpunkt als ich diese Kolumne abgeliefert habe, bin ich übrigens 2 cm gewachsen; Verantwortung kann ganz schön auf den Schultern lasten. Hoffentlich geht’s nicht weiter mit dem Wachstum. Sonst muss ich mir noch neue Hemden kaufen.

 

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