Donnerstag, Oktober 09, 2014

Suser

Ein leuchtend gelbes Plakat verunstaltet die Eingangstüre zur Gaststube. „Suser past. im Stadion“. Was will man uns damit sagen? Was soll hier in welches Stadion passen? Dass es sich beim Gestalter dieser Affiche um eine Person mit akzentuierter Schreibschwäche handelt, ist unschwer zu erkennen.

Was ist eigentlich Suser? Um das Rätsel zu lösen, tauchen wir ab ins 16. Jahrhundert, bzw. ins Idiotikon, ins Schweizer Wörterbuch. Hier finden wir folgenden, durchaus allgemein gültigen Satz: „Suser ist der Saft nit grad der ersten zyt wyn, sunder zum ersten most, darnach suser, zuletst erst wyn.“ Sauser (Suser) ist also noch kein Wein, sondern aus Trauben gepresster Most, dessen alkoholische Gärung gerade begonnen hat. Sauser nennt man ihn, weil er im Glas – und manchmal auch in den Gedärmen – so schön „saust“. Man nennt ihn auch „Neuer Wein“, manchmal Rauscher (Südtirol), Sturm (Österreich), Bitzler (Pfalz) oder Bremser (Franken).
In alten Zeiten hatte man keine grosse Ahnung, wie denn der Alkohol in den Wein gelang. Man presste die Trauben und füllte den frischen Saft in ein Fass. Anschliessend betete man zu Bacchus (bei den alten Römern) oder Dionysos (wenn man Grieche war). Wollten unsere Vorfahren „Met“, den altgermanischen Honigwein herstellen, zog man höchstwahrscheinlich die gute alte Freya, Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe, die Schirmherrin des Ackers und der Feldfrüchte zu Rate.
Erst vor rund 150 Jahren brachte der Franzose Louis Pasteur Licht ins Dunkel der sausenden Säfte. Dank der von ihm entwickelten „Pasteurisierung“, der kurzzeitigen Erhitzung auf 100 Grad Celsius, gelang es, eine Gärung zu verhindern oder jederzeit zu stoppen. Man konnte ab sofort Sauser in einem bestimmten Stadium pasteurisieren, ihm das Leben entziehen. Somit ist pasteurisierter Sauser ein önologischer Kastrat, ist weder Fisch noch Vogel, ist nichts, gar nichts.








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