Freitag, Juli 08, 2016

Vor den Ferien

Es war ein eiskalter Montagmorgen im Frühling 2016. Und als ob dies nicht genügt hätte mir den Tag zu versauen, begegnete ich auf meinem Weg ins Dorf dem alten Kaderli. Ich bin zwar nicht wirklich jünger, aber er sieht einfach viel älter aus. Da nützte ihm auch die ungesunde Studiobräune nichts, die viel zu grosse Sonnenbrille sah schlicht lächerlich aus, sein roter Anorak aus der Boutique verlieh ihm den Charme einer alternden Diva. Kaderli stand vor dem Schaufenster des einzigen Reisebüros und betrachtete die bunten Plakate.

Eigentlich wollte ich ihn nicht ansprechen, die bissige Kälte liess meinen Atem gefrieren. Trotzdem konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und tippte dem Wichtigtuer auf die Schultern.
«Hallo Kaderli. Na, schon Ferien gebucht, wohin geht’s denn? »

Nachdem er sich vom Schrecken erholt hatte, plusterte er sich auf und antwortete etwas überheblich.
«Bambi und ich fahren dieses Jahr nach Fushi…– äh – Bambi, weisst du wie das heisst und wohin wir fliegen? »
Wieso Kaderli seine Frau Bambi nannte, war mir ein Rätsel. Weder war sie ein junges Reh noch herzallerliebst.
Tatsächlich hatten aber Kaderli und Bambi keine Ahnung, in welchem Land denn das ominöse «Fushi-äh» liegt und wussten deshalb auch nicht welche Sprache man dort spricht. Ich empfahl ihnen deshalb, sich danach zu erkundigen und sich gleichzeitig die Hunderter-Regel hinter die Ohren zu schreiben.
Man kaufe sich hundert Tage vor der Abreise ein Wörterbuch, lerne jeden Tag ein Wort und bereits nach wenigen Wochen wird man lustige Unterhaltungen führen können. Man vergesse Konjugation, Deklination und andere grammatikalischen Hürden. Man lerne nur die wichtigsten 10 Verben in ihrer Grundform, «ja und nein», «kalt und warm» sowie 86 Substantive. Diese können je nach Befindlichkeit selbst ausgesucht werden. Damit können nun lustige Sätze wie «Wollen Bier», «Haben Durst», «Suchen Trinkhalle» ausgesprochen werden.
Natürlich werden sie mit diesen Worten keine Diskussion über den Genitiv führen können. Und es wird ihnen auch nicht gelingen, einem Beduinen die Richtlinien des «Eidgenössischen Amts für die Gleichstellung von Mann und Frau» zu erklären. Aber vielleicht werden sie sich im italienischen Hotel nicht mehr die Hände verbrühen, weil sie «caldo» wieder einmal mit «kalt» verwechselt haben. Am besten reden sie eh so wenig wie möglich und -- so leise wie möglich. In gewissen asiatischen Ländern ist ein allzu lautes Auftreten nämlich absolut tabu: Sie könnten glattweg das Gesicht verlieren. Und wie wollen sie dieses je wiederfinden, so ganz ohne Fremdsprachen!

Seien sie auch vorsichtig mit der Deutung von Kopfbewegungen. Schüttelt ein alter Grieche den Kopf und sagt dazu anhaltend «Ne!» dann meint er damit «Ja». Würde er «Nein» meinen, täte er nicken und ein gutturales «ochi, ochi» rufen. Daran sollten sie denken, wenn ihnen demnächst ein Einheimischer vor der Akropolis beim Einparken hilft.
 

 

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