Donnerstag, Februar 13, 2014

Keine Schnapsidee



Der Nebel hatte sich wie ein gigantischer Wattebausch über das kleine Dorf am Bielersee gelegt. Nur vereinzelt kämpfte sich ein milchiges Lichtlein durch die dunkle Nacht. Wie sollte ich in dieser Milchsuppe je meinen Freund Jean finden?
Doch plötzlich schien es, als würde mir der Schein einer Funzel den Weg weisen. Als ich mich der diffusen Lichtquelle näherte, löste sich ein mächtiger Schatten aus der Dunkelheit. Ein Riese schien es zu sein, sein Körperumfang übertraf alles, was ich je gesehen hatte. Er trug eine dicke Lederschürze, seine Füsse steckten in Holzschuhen, seine Haare wuchsen wirr in den Nachthimmel. Als er mich bemerkte, wandte er sich ab und beugte sich weit über einen Bottich. Beinahe schien es, als wolle er sein elendiges Leben darin beenden. Als nur noch seine Schuhe herauslugten, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, zog ihn rückwärts heraus und rettete ihm das Leben. Und mir den Abend.
 Denn beim Riesen handelte es sich nicht um einen lebensmüden Rübezahl, sondern um meinen Freund Jean, der mich zum Treberwurstessen nach Twann eingeladen hatte. Im Bottich, der in Wahrheit ein Brennkessel war – und in dem aus ordinärem Weintrester edler Marc destilliert wurde – veredelte er glänzende Saucissons zu Treberwüsten.
Es war ein fantastischer Abend, ein bacchantisches Fest für fast alle Sinne!  Ein Muss für Liebhaber fetter Würste! Ich liess diese im übrigen ausgiebig in einem Chasselas schwimmen, der hausgemachte Kartoffelsalat half mir, die Haltung nicht zu verlieren. Auf die „edlen“ Schnäpse aber habe ich verzichtet. Sie waren von derart mieser Qualität, dass ich um meine Leber fürchtete.
Sollte jetzt jemand die Idee haben, sich in der nächsten Metzgerei eine Treberwurst zu kaufen, um sich die Reise an den Bielersee zu sparen, wird Pech haben: Denn nur in den Weinkellern entlang des Bielersees entstehen aus ordinären Saucissons echte Treberwürste. Zu geniessen noch bis Ende Februar. Mehr dazu unter www.bielerseewein.ch


Alle Angaben zu meinen Büchern finden Sie hier: www.gsellschreibt.blogspot.com








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