Sonntag, April 26, 2015

Auf der Suche nach Gaugin - Tahiti


III Tahiti


Seit drei Tagen und bald 20‘000 Flugkilometern sind wir unterwegs. Auf Grund ökonomischer Zwänge sitzen wir in der Transithalle des Flughafens von Auckland und warten auf den Weiterflug nach Papeete, unserer vorletzten Etappe auf der Reise zu Gauguin. Es ist Montagmorgen und wir werden am Sonntagnachmittag dort landen. Sollten Sie jetzt auf den Gedanken kommen, hier stimme etwas nicht, so haben Sie ausseracht gelassen, dass uns wieder einmal eine Datumsgrenze ins Gehege kommt. Gestern war Montag, heute ist Sonntag, so ist es und so bleibt es – basta!
Und nun sitzen wir also in Tahiti, ruhen uns aus, träumen ein bisschen und genehmigen uns ab und zu einen Drink. Und ich bringe einen ersten Teil der Reiseerfahrungen zu Papier. (Das mit dem Papier tönt einfach besser als „in den Laptop hacken“.)

„Na klar ist dieses Modell für Sie als Journalist bestens geeignet. Er ist stabil, verträgt Hitze und Kälte, der Akku versorgt Sie 8 Stunden lang mit Strom, Bildschirm und Tastatur sind wasserfest, der Bildschirm lässt sich auch bei hellstem Sonnenschein gut ablesen.“ So erklärte mir ein junger Verkäufer namens Erkan Uercic vor einigen Wochen die Vorzüge meines Computers.
„Mein lieber Erkan!
Ich kann Ihnen heute verbindlich mitteilen, dass dieses Gerät weder besonders stabil ist, mit Sicherheit jedoch einen lausigen Akku besitzt und bei Hitze den Geist aufgibt. Da sich der Bildschirm bei tropischem Tageslicht kaum ablesen lässt, schreibe ich nur noch nachts. Ob dieses Ding wirklich wasserfest ist, möchte ich in keinem Fall ausprobieren.
Mit freundlichen Grüssen.“

Auf der Suche nach Gauguin, bzw. nach seinen Spuren, werden wir auch in Papeete, dem Zentrum der Insel Tahiti fündig. Ein etwas abgehalftertes Museum zeigt Kopien seiner Bilder, bei der Brasserie „Les trois frères“ führt die Rue Paul Gauguin vorbei. Im Bistrot wird Toast Gauguin angeboten, seine Bilder finden sich auf billigen Shirts, auf teuren Designerklamotten, auf Schlüsselanhängern und Bierdeckeln. Natürlich sind wir nicht auf der Suche nach solchem Ramsch, da hätten wir ja gleich in Basel bleiben können. Nein, wir sind unterwegs auf die Marquesas, einer Inselgruppe ca. 1‘300 km nordwestlich von Tahiti. Hier hat der gute Gauguin vor guten100 Jahren zeitweise gelebt und gewirkt. Da ich über keinerlei Kunstverstand verfüge, eine  Tatsache die mich mitnichten irritiert, werde ich mich hüten, dieses „Wirken“ zu kommentieren. Nur dies: Sollte jemand mit einer Gauguin-Kopie im Gepäck über die USA reisen, ist Vorsicht geboten. Die allzu freizügigen Bilder allzu junger Mädchen könnten ihn wegen Verdachts auf Pornographie direkt nach Guantanamo bringen. Und ob sie diese tropische Hölle je wieder verlassen werden, ist ungewiss.
Morgen werden wir an Bord des Frachtschiffs ARANUI 3 gehen. Da kommunikative Hotspots in dieser Weltgegend eher selten anzutreffen sind, herrscht auf diesem Blog höchstwahrscheinlich Funkstille. Bis dann, auf den Marquesas!

 

Freitag, April 24, 2015

Auf der Suche nach Gauguin - Los Angeles


III Los Angeles

„Merke du auf, sobald du des Kranichs Stimme vernommen,
Der alljährlich den Ruf von der Höh' aus den Wolken dir sendet
Bringt er die Mahnung doch zum Säen, verkündet des Winters Schauer...“
Mit diesen Worten verabschiedete ich mich in Los Angeles von der Lufthansa. Und ich hoffte immer noch, dass sich der alte Grieche geirrt hatte. Wir wollen nämlich zu Gauguin. Natürlich hätte ich die grosse Gauguin-Ausstellung in Basel besuchen können. Aber wieso einfach, wenn es auch komplizierter geht. Ganz abgesehen davon, dass ein Bild von Gauguin nur in der Hitze einer tropischen Nacht wirklich zur Geltung kommt. Und solche Nächte gibt es in Basel nicht.
Die Hitze finden wir zwar in Los Angeles, einem weiteren Zwischenhalt auf unserer Reise zu Gauguin. Ich glaube nicht, dass Paul diese Stadt geliebt hätte. (Wie sie bemerken, habe ich zum vertraulichen DU gewechselt – man kommt sich ja mit der Zeit etwas näher.) Zu schrill ist das Leben hier, zu hell das Licht, zu grell die Farben, zu extravertiert die Vergnügungssucht, zu fett die Menschen.

Bildergebnis für Hollywood
Hier war eigentlich ein Essay über Los Angeles geplant. Der Text war bereits geschrieben, ich habe ihn wieder gelöscht. Die Zeit war einfach zu kurz, die Atmosphäre dieser faszinierenden Stadt einfangen zu können. Nicht, dass ich nicht schon über Orte geschrieben hätte, die ich nie besucht habe. Schliesslich hatte ich als Jugendlicher alle Bücher von Karl May gelesen. Aber ich wäre dieser Stadt nicht gerecht geworden.
 
Am nächsten Tag flogen wir nach Auckland. Piloten, Geographen und Vielflieger werden mit jetzt vorwerfen, keine Ahnung von Tuten und Blasen und schon gar nicht von meinem Reiseziel zu haben. Papeete, der letzte Zwischenhalt auf meiner Reise zu Gauguin, liege doch auf halbem Weg zwischen Los Angeles und Auckland. Natürlich, ihr Besserwisser! Aber der Flug via Auckland nach Tahiti (17 Stunden) war wesentlich billiger als ein Direktflug von Los Angeles nach Tahiti. Und da ich als freischaffender Journalist kaum auf Spesenersatz hoffen darf, reise ich nicht nur in der Holzklasse, sondern auch zum jeweils günstigsten Tarif.  Da ich in meinen Texten auch keinerlei lobende Hinweise auf Airlines platziere („nie so komfortabel gereist“), Lügen über Hotels verbreite („nie so gut geschlafen“) und Restaurants belobige („nie so gut gegessen“) fallen auch Sponsorenbeiträge weg. Und deshalb sitze ich an einem wunderschönen Montagmorgen auf dem Flughafen von Auckland und warte auf den Weiterflug nach Papeete. Nachdem wir dabei ein weiteres Mal die Datumsgrenze überschreiten werden wir dort bereits am Sonntagnachmittag ankommen. (Ja, ich weiss: Das mit dem „Ueberschreiten“ ist nicht wörtlich zu nehmen, wir werden sie „Ueberfliegen“.)

P.S. Gott sei Dank kennt sich meine Frau mit den Zeit- und Datumsverschiebungen bestens aus. Ich versuche schon gar nicht, mein Uhr umzustellen.

Auf der Suche nach Gauguin - Frankfurt

II Frankfurt

Mein Weg zu Gauguin führt über Frankfurt und zu den ersten Zweifeln, ob ich doch vielleicht zu pensioniert sei, mich solchen Torturen zu unterziehen. Obwohl ich durch  frühere Erfahrungen mit unhöflichen, rechthaberischen und überheblichen Lufthansa-Mitarbeitern der Gattung „Grus lufthanseatis“ hätte gewarnt sein sollen: Es kam alles noch viel schlimmer. Der Bestand der „Grus“ – der Kraniche – hatte zwar massiv abgenommen. Leider aber waren sie nicht mit netten Menschen aus Fleisch und Blut, sondern durch Check-in-Automaten aus Blech und Plastik ersetzt worden. Im Wissen, dass es noch keine Automaten gibt, die mit meiner genetisch bedingten Abneigung gegen elektronisches Gerät fertig werden, wandte ich mich an ein zufällig vorbeikommendes Wesen.

„Nein!“ antwortete Es auf meine Frage, ob ich denn nicht angesichts meines musealen Alters bei einem richtigen Menschen für den Flug zu Gauguin einchecken könne.

„Aber einer unserer netten Assistenten wird ihnen gerne behilflich sein.“

Zaghaft näherte ich mich dem elektronischen Säulenwald und begann zu lesen.

„Legen Sie ihr Ticket mit dem FGiK6dç nach oben nach unten.“

Es war wohl Zeit, die Hilfe des netten Assistenten in Anspruch zu nehmen.
Ich wollte ihn eben fragen, was denn die tiefere Bedeutung von FGiK6dç sei und ob mit unten vielleicht oben oder umgekehrt gemeint sei.

„Iss neu, manchmal kaputt, mache so. Oder so. Oder so.“

Ratzfatz hatte er sich meines Tickets sowie meines Passes bemächtigt, steckte alles in einen Schlitz und tippte wie ein wildgewordener Affe auf einer Tastatur herum.

„Verflixt, FGiK6dç, kaputt, nix, grosses Scheisse!“ Sagte es und drückte mir einen Zettel in die Hand. „Schalter 165 hilft Ihnen weiter, gute Reise!“

Wenn „Kranich“ der Überbegriff für unhöfliche, rechthaberische und überhebliche Mitmenschen ist, dann war die Dame am Schalter 165 ein Kolibri, ein höflicher, netter und zuvorkommender Piepmatz.

„Oh je!“ seufzt sie. „Sie haben keinen biometrischen Pass, deshalb brauchen Sie ein Visum für die USA!“

Mein Pass aber war derart biometrisch wie das vermessene Leben nur sein kann. Der Computer aber verweigerte sich jeder Korrektur der Passdaten. Erst nachdem das Buchungssystem der Lufthansa zusammengebrochen war, gelang es dank eines fulminanten Neustarts, meine Passdaten zu korrigieren. Dabei waren jedoch die Sitzplätze abhandengekommen. Meiner Frau wurde der Notsitz im Cockpit zugeteilt, ich selbst sollte im Gepäckabteil mitreisen. Irgendwann gegen Mitternacht hatte unser Kolibri jedoch sein Werk vollbracht und ich war stolzer Besitzer der Boardingkarten. Gottseidank hatten wir uns entschieden, bereits am Vorabend einzuchecken. Ansonsten wäre die Reise zu Gaugin wohl bereits zu Ende gewesen.
Es war schon beinahe Mitternacht als wir das Hotel erreichten. Im Traum erschien mir ein unbekannter aber alter Grieche und deklamierte:

„Merke du auf, sobald du des Kranichs Stimme vernommen,
Der alljährlich den Ruf von der Höh' aus den Wolken dir sendet
Bringt er die Mahnung doch zum Säen, verkündet des Winters Schauer...“

Hoffentlich irrt er sich. Wir wollen nämlich zu Gauguin.

Bildergebnis für Kranich Lufthansa

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, April 23, 2015

Auf der Suche nach Gauguin - Prolog



„Haben sie einen Ausweis?“

„Ausweis? Welchen Ausweis benötige ich denn für einen Museumsbesuch?“

„Wollen sie den keinen verbilligten Eintritt? Den AHV-Ausweis natürlich!“

Vorsichtshalber drehte ich mich um. Vielleicht hatte die nette Dame gar nicht mich gemeint. Doch da war weit und breit kein Mensch zu sehen. Also doch! Nachdem mir bereits letzte Woche ein junges Mädchen im Tram seinen Platz angeboten hatte, wurde ich nun von diesem Museumsdrachen endgültig aus dem Leben pensioniert.

Nach einigen Minuten tiefster Depression beschloss ich, das Beste aus der Situation zu machen und bestellte im hinteren Sternen das AHV-Menu. Der Hirsebrei mit vereinzelten vorgekauten Brätkügeli riss mich beinahe vom Stuhl. Man hatte mich nicht nur pensioniert, sondern wollte mich gleichzeitig auch noch verhungern lassen! Ich habe ja durchaus Verständnis, dass sich meine AHV-Ausgleichskasse angesichts der leeren Kassen meiner entledigen möchte. Aber Hungertod? Nein danke! Nun gut: Verdursten wäre schlimmer. Ich machte die Probe aufs Exempel und bestellte in der nächsten Beiz ein AHV-Tschumpeli. Für Spätgeborene: Ein AHV-Tschumpeli ist meistens ein Deziliter Rotwein obskurer Herkunft. Rotwein deshalb, weil Wirte davon ausgehen, dass Pensionierte generell eine schwache Blase haben und deshalb keinen Weissen mehr trinken sollten. Ich gebe zu, dass ich angesichts des servierten Getränks etwas ängstlich war. Grosszügig spendierte ich das Glas dem Alten vis-à-vis. Als dieser tot vom Stuhl fiel, war ich mir sicher: Man wollte mich nicht nur verhungern, sondern auch verdursten lassen!

Ich begab mich deshalb zurück zum Museumsdrachen und machte die Pensionierung rückgängig, indem ich ihm den AHV-Rabatt in Franken und Rappen zurückerstattete. Er fauchte zwar und spie Feuer, was mich nicht sonderlich beeindruckte. Mit einem Lied auf den Lippen verliess ich den Ort des Grauens, begab mich ins nächste Reisebüro und buchte eine Reise nach Hiva Oa. Dort kann man sich die Gauguins nämlich auch ohne AHV-Ausweis anschauen.

Dienstag, März 31, 2015

Das grosse Schrumpfen

Neulich zu Besuch bei Sohn und Familie im Markgräflerland. Der Enkel, 8 Jahre alt, schusselt am Tisch, hantiert mit dem Besteck und schaut mich mit unschuldig-heimtückischem Blick an.

„Grosspapi, gell du bisch scho e bissele alt.“

Da es sich eindeutig um eine Feststellung und nicht um eine Frage handelte, erübrigte sich eine Antwort und ich nickte stumm.

„Bisch au scho e bissele am Schrumpfä?“

„Von Kindern und Narren kannst du die Wahrheit erfahren“, lehrt uns ein altes Sprichwort. Der geniale Aphoristiker Ulrich Erckenbrecht erweiterte es zu „Kinder, Narren und Zyniker sagen die Wahrheit.“ Da ich mich zu Letzteren zähle, mache ich mich auf, die kindliche Wahrheit zu finden. Ich stelle mich auf die Waage, wiege mich und vermesse meine Grösse, vergleiche sie mit den Einträgen im Dienstbüchlein. Weder Gewicht (leider) noch Grösse (Gottseidank) sind in irgendwelcher Art und Weise geschrumpft. Meine Nachfrage, weshalb er denn auf die Schrumpfidee komme, bleibt unbeantwortet.
Ich versuche mich an die Filmkomödie „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft!“ zu erinnern. Da wurde die Geschichte eines Erfinders erzählt, der versehentlich seine Kinder und die seines Nachbarn mit „Schrumpfstrahlen“ auf eine Größe von wenigen Zentimetern reduziert und mit dem Hausmüll in den Garten wirft. Soweit ich mich erinnere, wurden jedoch Grossväter davon verschont, sich mit Riesenameisen und anderem Getier im meterhohen Gras zu tummeln. Auch während Gullivers Reise nach Liliput wurde niemand und schon gar keine Grossväter „geschrumpft“. Die Bewohner Liliputs waren von Geburt an klein.
Als angehender Hypochonder weiss ich natürlich von schrumpfenden Nieren, Schilddrüsen und Kleinhirnis. Wikipedia bestätigt meine Vorahnung: Seit ich 40 bin schrumpft mein Knochengestell jährlich um einen Millimeter. Da man jeweils über Nacht wieder etwas zulegt, sollte man sich deshalb nur am Morgen vermessen. Meine Freude über die Bemerkung, Nase und Ohren würden mit zunehmenden Alter grösser, hält sich in Grenzen.
Ob der herzallerliebste Bub wohl Schrumpfköpfe meinte? In alten Zeiten haben edle Wilde auf der Insel Papua-Neuguinea die Köpfe ihrer getöteten Feinde geräuchert, über Feuer getrocknet und mit Moosen und Kräutern ausgestopft. Aber auch die prächtig tätowierten Köpfe ihrer Häuptlinge wurden nach ihrem Ableben sorgfältig präpariert und ausgestellt. Und da manche Häuptlinge sicher auch Grossväter waren, erhält die unschuldige Frage eine ganz andere Bedeutung. Ich habe nämlich eben eine Reise nach Melanesien gebucht. Genauer gesagt: nach Papua-Neuguinea.

P.S. Seit dem Zeitpunkt als ich diese Kolumne abgeliefert habe, bin ich übrigens 2 cm gewachsen; Verantwortung kann ganz schön auf den Schultern lasten. Hoffentlich geht’s nicht weiter mit dem Wachstum. Sonst muss ich mir noch neue Hemden kaufen.

 

Freitag, Februar 27, 2015

1979

Khomeini – der Vater aller Bartträger – hat den Schah von Persien in die Wüste geschickt und plant die Eroberung der Welt. Die Russen machen sich daran Afghanistan zu besetzen, der Feind steht keine 5'000 km mehr vor der Schweizer Grenze: Wir beschliessen auszuwandern. Doch wohin? Neuseeland ist zu kalt, Thailand zu heiss. Ein Hotel in der Karibik kaufen? Die Meteorologen raten uns davon ab: Der Meeresspiegel sei weiter am steigen und das Ressort könnte bereits in wenigen Jahren unter Wasser stehen. Haie würden durch das Restaurant schwimmen und sich von Delfinen flippige Drinks und Fischstäbli servieren lassen. Wir entscheiden uns angesichts dieser Ausgangslage für die Immigration ins obere Baselbiet. Als Thurgauer hatte ich zwar keine Ahnung, was mich dort erwarten würde. Zudem hatte uns Tante Elise aus dem Waldenburgertal vor „Rampassen“ und seltsamen Bräuchen gewarnt.

Eines Tages stand der Zügelwagen vor der Türe und bereits am Abend waren wir in Sissach gelandet; todmüde fielen wir in unsere Betten. Am nächsten Tag wurden wir von seltsamen Geräuschen aus dem Mittagsschlaf getrommelt, sie beleidigten mein im “Ottenberger Singkreis“ gestähltes Ohr. Hatte Tante Elise etwa recht gehabt mit ihren Bemerkungen über seltsame Bräuche? Standen sogar etwelche „Rampassen“ vor unserer Haustüre?

Mit unsern beiden Jungs (5 und 6) machten wir uns auf, das atonale Jammertal zu suchen und wurden auch schon bald fündig. Es herrschte Fasnacht, ein unendlicher Zug seltsam gekleideter Wesen zog durch die Bahnhofstrasse. Als Thurgauer kannte ich nur die Beizenfasnacht, meine Frau stammt aus Thun und kannte überhaupt keine Fasnacht, einer der Jungs erlitt angesichts der Gestalten einen Schreikrampf und beschloss, nach Hause zu gehen.

Einige Wochen später. Freitagabend. Als die Erde bebte, versuchte ich mich an die Anweisungen des Schweizer Erdbebendienstes zu erinnern. Die folgende Explosion war gewaltig. Ich trieb die Familie immediat in den Härdöpfelkeller und holte das Sturmgewehr unter dem Ehebett hervor. Anschliessend warf ich mich hinter der Ottomane in Stellung und schliff das Bajonett. Diesen verdammten Russen würde ich es schon zeigen! Doch kein Russe zeigte sich, draussen vor dem Tore war es ruhig, im nahen Wald falteten die Rehlein ihre Zehlein. Ich beschloss, vorsorglich die Polizei zu verständigen.
„Überfall, die Russen stehen schon an der Beresina, oder an der Ergolz, oder sonst wo. Was soll ich tun?“
„Stellung halten! Wir schicken sofort die Panzer!“ rief der Diensthabende und bekam einen durchdringenden Lachanfall. „Diesmal werden wir den Bomber von Sissach erwischen!“

Doch auch diese Nacht fassten sie den Hochzeitsbomber nicht und die Sissacher lachten sich einen Schranz. Wir aber hatten bereits nach kurzer Zeit die ersten Baselbieter Bräuche kennengelernt. Wir möchten sie nicht mehr missen. Die Bräuche. Und die Baselbieter.


Samstag, Januar 31, 2015

Inselsammler

Kowalski sammelt alte Karabiner und hängt sie an die Wand. Hurni sammelt Briefmarken und klebt sie in ein Album. Spiess sammelt Schmetterlinge und spiesst sie auf. Gsell sammelt Inseln. Was aber macht man mit Inseln? Gar nichts. Man sammelt sie und archiviert die Erinnerungen und Geschichten platzsparend im Hirni.

Am Ursprung meiner Sammelleidenschaft stand eine merkwürdige Begegnung........
Als ER das Restaurant betrat, wurde es totenstill. Nur aus der Küche hörte man fröhlich vor sich hin klappernde Töpfe und Teller gegen das nahe Kirchengeläut ankämpfen. Der Grund der Stille war eine männliche Erscheinung von stattlicher Grösse. Eine Erscheinung die es gewohnt war, dass die Zeit kurz angehalten wurde, wenn sie einen Raum betrat.

„Der Graf, der Herr Graf!“ entfuhr es Mägi, der Serviertochter.

„Wollen Seine hochwohllöbliche Existenz ......“

„Hör auf mit dem Schmarren, Mägi“, entgegnete Jan Bernadotte, Graf von Wisborg und wohnhaft auf der Insel Mainau, mit dröhnender, jedoch nicht unfreundlicher Stimme und setzte sich zu uns an den Tisch. Mit offenem Mund lauschten wir seinen Geschichten. Geschichten von Königen, Prinzen und wilden Nächten auf der Insel Mainau. In diesem Moment beschloss ich, ebenfalls Besitzer eines Eilands zu werden. Nachdem ich meinen Lehrlingslohn hochgerechnet hatte, kam ich zur Erkenntnis, dass ich noch 874 Jahre arbeiten musste um mir eine kleine Sandbank im Bodensee kaufen zu können. Ich verwarf deshalb meinen Plan umgehend und entschied mich, fortan Inseln zu sammeln. Zum Beispiel die Insel Ik in Mikronesien.

Im Jahre 1564 verliess einmal mehr eine spanische Armada die Heimat in Richtung Asien. Klarer Auftrag auch diesmal: Gewürze, Gold und Ländereien für das Königshaus. Mit dabei war auch die San Lucas unter dem Kommando von Kapitän Alonso de Arellano.

Es war möglicherweise der 6. März 1565 als der Ausguck, ein junger Seemann unbekannten Namens jedoch spanischer Abstammung, die kleine Insel entdeckte. Sein erlösender Aufschrei hallte über das Schiff. Selbstverständlich wissen wir nicht, was er denn genau gerufen hat. Da er den Ausruf mit grösster Sicherheit in einem mittelalterlichen spanischen Dialekt tat, hätten wir es eh nicht verstanden und so legen wir uns auf ein laut gebrülltes „Land ahoi!“ fest. Kaum hatten sie ruhiges Wasser erreicht, kam auch schon ein Begrüssungscomité angepaddelt und und überreichte Gastgeschenke: Kokosnüsse, Fische und vergorenes Brotfruchtmus. Wer dieses tropische Müsli schon mal gerochen hat, wird diesen Höllengestank nie mehr vergessen! Und so können wir verstehen, dass der Seemann einen Schreikrampf bekam, vor Wut in die Reling biss und sich ins Wasser stürzte. In mondhellen Nächten hört man ihn in der Lagune von Ik mit schauriger Stimme obszöne Lieder singen.


P.S. Muss Kowalski fragen, ob es im Ammeler Weiher auch Inseln gibt.



 

Samstag, Januar 10, 2015

Betelnuss

Wir befinden uns auf hoher See, irgendwo zwischen Neuguinea und Sulawesi. Zeit zum Nachdenken, Zeit für ein Nüsschen oder zwei.

Es ist wahrlich erstaunlich, was sich Menschen einfallen lassen, um ihren Geist zu befreien. Nicht dass man auf den indonesischen Inseln keinen Alkohol oder andere Drogen finden würde. Die wahre Liebe jedoch gilt der Betelnusspalme, beziehungsweise deren Nüsschen, die man sich gerne und regelmässig hinter die Backen schiebt. Damit sich deren Wirkung so richtig schön entfalten kann, braucht es jedoch noch weitere Zutaten. Die halbierte Nuss wird zuerst mit pulverisiertem Korallenkalk bestreut und anschliessend mit dem Blatt eines Pfefferstrauches umwickelt. Um den bitteren Geschmack etwas erträglicher zu machen, packt man etwas Tabak oder Pfefferminze dazu. Das ganze Paket wird nun hinter die Backen geschoben und langsam zerkaut. Da das Zeugs die Produktion von Speichel anregt und sich überdies mit der Zeit rot färbt, sind viele Strassen und Böden mit lustigen roten Pickeln gespickt.

Was allerdings die Wirkung anbelangt, kann ich keine abschliessende Aussage machen. Denn selbstverständlich konnte auch ich der Versuchung nach dem ultimativen Palmenkick nicht widerstehen: Auf eine dröge Wirkung – man versprach mir „Wohlbefinden“ – warte ich allerdings noch heute. Auch der mir einst angebotene Drink namens „Puuh-Royale“, eine Art Caipirina mit einer halbierten Betelnuss und einem Blatt Minze konnte mich nicht begeistern.


Die Auswirkungen des jahrelangen Konsums von Betelnuss auf den Liebreiz indonesischer Schönheiten aber sind grausam, wenn nicht sogar grauenhaft. Sollte die Angebetete etwa ihren Kussmund öffnen, wird der Liebende einen teuflischen Abgrund aus schwarzen Zahnstummeln vor rotem Hintergrund erblicken.



Zum letzten Mal berichtet Hanspeter Gsell heute aus Indonesien


Samstag, Januar 03, 2015

Brotfrucht aus Ik

Im Jahre 1564 verliess einmal mehr eine spanische Armada die Heimat in Richtung Asien. Klarer Auftrag auch diesmal: Gewürze, Gold und Ländereien für das Königshaus. Mit dabei war auch die San Lucas unter dem Kommando von Kapitän Alonso de Arellano.



Es war möglicherweise der 6. März 1565 als der Ausguck, ein junger Seemann unbekannten Namens jedoch spanischer Abstammung, die kleinen Inseln entdeckte. Sein erlösender Aufschrei hallte über das Schiff. Selbstverständlich wissen wir nicht mehr, was er denn genau gerufen hat. Da er den Ausruf mit grösster Sicherheit in einem mittelalterlichen spanischen Dialekt tat, hätten wir es eh nicht verstanden und so legen wir uns auf ein laut gebrülltes „Land ahoi!“ fest. Kaum hatten sie ruhiges Wasser erreicht, kam auch schon ein Begrüssungschwadron an gepaddelt und überreichte Gastgeschenke: Kokosnüsse, Fische und abgehangene Brotfrüchte. Wer schon einmal solche fermentierten Früchte gerochen hat, wird diesen Höllengestank nie mehr vergessen! Und so können wir verstehen dass der Seemann einen Schreikrampf bekam, aus Wut in die Reling biss und sich ins Wasser stürzte. Nur mit Mühe konnte man ihn davon abhalten, zurück nach Spanien zu schwimmen.

 
Der Brotfruchtbaum stammt ursprünglich aus Südostasien, heute findet man ihn in tropischen Gebieten rund um die Erde. Aus dem Holz haben die alten Polynesier ihre Kanus gebaut, die Hawaiianer nutzten es zum Bau von Surfbrettern. Die Frucht selbst wiegt gute 2 kg und kann wie Kartoffeln zubereitet werden. Die in der Frucht enthaltenen Samen werden geröstet und zu Mehl gemahlen. Und damit wiederum kann Brot gebacken werden. Aber auch Geschichte hat sie geschrieben, unsere tropische Riesenkartoffel. Nachzulesen im Buch „Die Meuterei auf der Bounty“.














Samstag, Dezember 27, 2014

Pfeffer aus Ambon

Nach einer kurzen Überfahrt sind wir im Hafen von Ambon, gelandet. Diese Insel war über Jahrhunderte hinweg das weltweite Zentrum des Anbaus von exotischen Gewürzen wie Gewürznelken, Muskatnüssen und – Pfeffer! Wir befanden uns ganz offensichtlich in dem Land, wohin mich mein Geschichtslehrer des öfteren wünschte: im Pfefferland. Allerdings stritten sich noch andere Weltgegenden um diese Auszeichnung. So zum Beispiel die indische Malabarküste. Aber indische Kaufleute hatten den dort heimischen Pfeffer bereits vor langer Zeit auch nach Indonesien, auf die Molukken gebracht und diese auch erstmals „Gewürzinseln“ genannt.


„Wo ein Gewürz ist, ist auch ein Krieg“, mögen sich die Holländer 1623 gedacht haben und luden wieder einmal ihre Flinten. Man überfiel die auf Ambon bereits heimisch gewordenen Portugiesen und legte sich der Einfachheit halber auch gleich noch mit den Engländern auf der Nachbarinsel an. Man folterte diese ein wenig und haute ihnen anschliessend die Köpfe ab.(Warum nur kommt mir diese Geschichte so bekannt vor?)

Wieder einmal wurden einige Holländer sehr reich: Pfeffer wurde zeitweise mit Gold aufgewogen. Als sich dann auch noch die Apotheker einmischten und Pfeffer als Aphrodisiakum anpriesen, da kam man in Holland kaum mehr nach mit dem Geldzählen.

Die durch den Gewürzhandel reich gewordenen Kaufleute nannte man übrigens verächtlich „Pfeffersäcke“, ein auch heute noch gebräuchlicher Begriff für reiche, rücksichtslose und machtgierige Menschen.

Pfeffer kann fast ausnahmslos überall in der Küche verwendet werde. Ob grün (aus unreifen Früchten gewonnen) schwarz (aus reifen Früchten) oder weiss (geschälter, schwarzer Pfeffer): die berühmte Prise Pfeffer macht manchmal den Unterschied.



Noch bis Ende Januar berichtet Hanspeter Gsell von den indonesischen Gewürzinseln.