Freitag, Mai 20, 2016

Erdbeben in Trinidad

Eigentlich wollten wir zum Karneval nach Rio de Janeiro. Als unser Freund Dottore Umberto dies hörte, erbleichte er und hielt uns eine Gardinenpredigt.
      „In Rio ist es viel zu gefährlich für allein reisende Schweizer. An der Copacabana lauern Taschendiebe, die Girls von Ipanema sind auch nicht mehr was sie einmal waren und in den Favelas lauern Mörder und Totschläger. Ich begleite euch, mein Cousin der in Brasilien lebt, wird unser Führer sein.“
Leider kam es nicht dazu.
     „Der Cousin ist im Krankenhaus, ihr müsst den Karneval verschieben“, beschied uns der Dottore. „Taschendiebe haben ihm den Geldbeutel geklaut (Copacabana), das Girl (aus Ipanema) kam ihm am Strand deutlich zu nahe, verschleppte ihn in die Favelas, wo sie ihn mit ihrer Handtasche bewusstlos schlug und ausraubte.“
Da auch Umberto den Karneval nicht verschieben konnte, flogen wir stattdessen nach Port of Spain auf der Insel Trinidad. Denn dort sollte es mindestens so wild her und zu gehen wie an der Basler Fasnacht und am Karneval in Köln. Einfach ein bisschen heisser.

Das Erdbeben weckte uns um drei Uhr nachts. Im Badezimmer klapperten die Zahngläser, eine Tube Zahnpasta fiel auf den Boden. Die Fensterscheiben zitterten und in der Ferne war ein dumpfes Grollen zu hören. Augenblicklich entnahm ich meinem Reisegepäck das Merkblatt des schweizerischen Erdbebendienstes.
      "Sofort den nächstgelegenen, sicheren Platz aufsuchen.“ Wir warfen uns unter das Bett.
„Auf starke Beben können in zeitlich unregelmässigen Abständen Nachbeben folgen“. Wir blieben unter dem Bett.
      „Einrichtungsgegenstände können umkippen.“ Wir blieben unter dem Bett. „Deckenverkleidungen können sich ablösen.“ Wir blieben unter dem Bett.

Nachdem die Erde seit Stunden nicht mehr gebebt hatte, krochen wir unter den Betten hervor und gingen frühstücken. Auf einem Bildschirm lief eine Nachrichtensendung: Kein Erdbeben, nicht einmal ein kleines Seebeben, hatte die Insel heimgesucht. Es war kein geologisches Ereignis gewesen das uns aus unsern Betten gebebt hatte. Nein, es herrschte Karneval! Ein menschliches Beben hatte die Stadt erfasst, Menschen stapften durchschwitzt zu den Beats von Soca und Samba durch die Strassen, prachtvolle Wagen und Kostüme beherrschten die Gassen. Ein unvorstellbares Klangerlebnis erwartete uns. Dumpfe Trommeln und Unmengen von Steeldrums verursachten eine orgiastisch instrumentalisierte Kakophonie. Wir taumelten durch den Tag und dachten weder an Rosenmontag noch Aschermittwoch. Solche Gedanken hätten nur irritiert.

Sammler

Nach drei Tagen Karneval flogen wir weiter zur Nachbarsinsel Tobago, der Insel aller Sammler. Deren bekannteste Abteilung sind wohl die Schmetterlingssammler. Mit Netzen und bunten Botanisierbüchsen bewaffnet hüpfen sie durch hüfthohes Gras. Haben sie dann endlich ein Exemplar im Köcher, wird es umgebracht um später zuhause an die Wand genagelt zu werden.

Zur gleichen Gattung gehören die Fischsammler. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass ihr Sammeltrieb meistens nur einem einzigen Fischlein gehört. Meistens sind es irgendwelche Liliput-Fische wie Pygmäen-Seepferdchen, die sich hinter Steinen, grossen Muscheln oder Korallenblöcken verstecken. Der Sammler muss diese unentwegt aufheben und umdrehen. Um an Land dann mit Sätzen wie „Du glaubst nicht, was ich gesehen habe“ zu frohlocken. Er wird allen die es auch nicht hören wollen, den Unterschied in der Färbung der Afterflosse bei den juvenilen Graubarschen im Westpazifik gegenüber ihren Artgenossen im Südpazifik erklären. Zurück an Land wird er sein Bestimmungsbuch („Alle Fische dieser Welt“) aufschlagen. Um beim Abendessen zu erklären, dass er eben eine neue Fischart entdeckt habe. Er hat sie bereits mit Farbstiften in sein Heft gezeichnet. Der Fisch soll nach seinem österreichischen Entdecker „Geheimrat-Doktor-von-Platschensky-Barsch“ heissen.
Aber auch für ökologisch interessierte Taucher ist Tobago ein Paradies. Sie lassen gerne ein ganzes Hotel an ihren umweltpolitischen Erkenntnissen teilnehmen.
      „Ich denke, dass mindestens 60 % der Korallen ausgebleicht und tot sind.“ Liebevoll reinigt er alles, was ihm unter Wasser verschmutzt vorkommt. Mit Hilfe von Druckluft aus seinem Atemregler entfernt er schleimige Braunalgen von lieblichen Matrosenhirnen. Man erkennt ihn an Merksätzen wie: „Freizeittaucher sind eine Umweltkatastrophe. Ich habe gesehen wie diese amerikanische Tussi mit ihren Flossen auf eine seltene Rotkopfalge der Gattung der Braunen Schwellalgen aus der Familie der braunblättrigen Küstensumpfalgen auf die Extremitäten gestanden ist.“ Obwohl ich ihm entgegnen wollte, dass Küstensumpfalgen meines Wissens nicht über Extremitäten verfügen, verzichtete ich auf eine Wortmeldung.

 

Doppelschwanzwiderling

Kaum waren wir in Tobago gelandet, wurden wir einmal mehr von einem Taxi abgeholt. Und einmal mehr hiess der Fahrer John, trug Sonnenbrille und war ansonsten nett. Er brachte uns ins Hotel. Und wieder einmal wollten wir träumen, tauchen und manchmal etwas trinken.

Auf Tobago tummeln sich jede Menge Unterwasserfotografen. Diese verpacken ihre umfangreiche Ausrüstung (deren Anschaffungskosten locker den Preis eines Kleinwagens übersteigen) in bruchsichere Überseekoffer. Die Kosten für das Übergepäck entsprechen in etwa zwei Sätzen Winterreifen. Der Bedarf an Unterwasserscheinwerfern, Speziallampen und den entsprechenden Stativen ist enorm. Fotografen sind deshalb auf Träger angewiesen. Sie überlassen diese Aufgabe meistens ihren nicht tauchenden Ehefrauen. Da es ungleich schwieriger ist, einen Hai oder einen Manta als eine Nacktschnecke zu verewigen, haben sich viele Fotografen auf die sogenannte Makrofotografie verlegt. Solang die Luft reicht, liegen sie regungslos und getarnt hinter einer Muschel und warten darauf, dass der kleine gelbe Doppelschwanzwiderling seine Höhle verlässt und sich ablichten lässt. Sie hassen es, wenn man ihnen nach dem Tauchgang von den Grauhaien erzählt, die hinter ihrem Rücken einen Hochzeitstanz aufgeführt haben.



Man sollte zu Unterwasser-Fotografen immer Distanz wahren. Durch einen unbedachten Flossenschlag würde man nämlich den endlich aufgetauchten Fisch in die Flucht treiben. Solche Taten können zu wüsten Ausschreitungen an Bord ausarten.

No problem!

Selbstverständlich unternahmen wir auch Exkursionen über die Insel. Unser ständiger Begleiter: John, der Taxifahrer. Und auch am Tag unserer Rückreise stand er vor unserem Hotel: John, der Taxifahrer.

Er hielt unmittelbar vor den ersten Schaltern in der Abflughalle, riss unser Gepäck aus dem Wagen und stellte es auf die Waage. Er wog es und füllte den Gepäckzettel aus. Anschliessend verschwand er in einem Nebenraum und kleidete sich um. Die schicke Uniform, die ihn jetzt als Angestellten des Flughafens auswies, stand ihm gut. Er setzte sich an den Computer, druckte unsere Bordkarten aus und übergab sie uns lächelnd. Wir wollten ihm danken, doch er war bereits wieder verschwunden.

Als wir uns dem Flugzeug näherten, ertönte eine Hupe. Ich drehte mich um und wollte eben ein paar gotteslästerliche Flüche ausstossen, da erkannte ich John. Auf seinem Wägelchen ruhte unser Gepäck. Während wir das Flugzeug bestiegen, sahen wir, wie er unser Gepäck mit Schwung ins Gepäckabteil beförderte und anschliessend die Klappe schloss. Einen Augenblick später sahen wir ihn im Cockpit und ich machte mir langsam Sorgen. Diese hätte ich mir jedoch für einen späteren Zeitpunkt sparen können. Denn nach wenigen Minuten verliess John das Flugzeug wieder über die Bordtreppe und machte dem Piloten ein Zeichen. Er winkte uns ein letztes Mal zu und die Piloten gaben Gas.

Kaum in der Luft, gab es ein Problem. Ganz offensichtlich war die Türe nicht richtig geschlossen worden. Sie wackelte heftig und verursachte eigenartige Geräusche. Der Copilot schien davon jedoch nicht beunruhigt. Mit einem Kalberstrick band er die lotternde Türe am nächstgelegenen Sitz fest und bedeutete mir, ihn doch zu rufen, wenn’s ein Problem geben sollte.

Es gab keine.
No problem!

 

 

 

Dienstag, März 15, 2016

Nameele

Es ist genial, was die Menschen im Pazifik alles aus einer Kokospalme herstellen können. Aus den Blättern fertigen sie Baströckchen, flechten sich ein schickes Handtäschchen oder überdachen ihre Hütten neu. Aus den Fasern webt man einen Teppich und mit dem Holz kann man ein gemütliches Feuerchen entfachen. Die Milch aus den Nüssen trinkt man oder benutzt sie zum Kochen, das Fleisch trocknet man und verkauft es als Kopra. Vor kurzem habe ich noch eine weitere Anwendung kennen gelernt. Man kann damit einen Flugplatz lahmlegen.
Als ich von der kleinen Insel im Bismarck-Archipel zurück nach Port Moresby fliegen wollte, war das hölzerne Tor zum Flughafengebäude geschlossen. Daran hingen zwei gekreuzte Blätter einer Palme namens „Chiefs Palm“. Diese Blätter, man nennt sie „Nameele“, waren von Chief Tautu, dem für diese Gegend zuständigen Häuptling, an die Türe genagelt worden. Sie bewirkten, dass das Gebäude per sofort tabu war und somit nicht mehr betreten werden durfte. Sollte man das Verbot missachten, würde man sofort vom Blitz getroffen und elendiglich grilliert werden.
Erst als der Chief des benachbarten Dorfes mit zwei Wagenladungen grimmig blickender Krieger angebraust kam, konnte Tautu dazu bewegt werden, die Nameele wieder zu entfernen und das Tabu somit wieder aufzuheben. Leider werden wir nie wissen, weshalb er den Flughafen mit einem Bann belegt hatte.
Ich jedoch habe mir einige dieser geheimnisvollen Blätter eingepackt um sie bei mir zu Hause an die Wohnungstüre zu nageln. Laut den Worten von Chief Tautu wirken sie nicht nur gegen aufdringliche Missionare, Bouillonverkäufer und Staubsaugervertreter, sondern auch gegen unerwünschte Anrufe von Telefonverkäufern.
Ich wünschte mir solche Tabus auch im Kampf gegen die elektronischen Umweltverschmutzer die mich tagtäglich mit Werbung zumüllen. Wer einmal bei Amazon, Zalando oder andern Online-Shops eingekauft hat, wird im Wochentakt mit Sonderangeboten überschwemmt. Jedes Hotel in dem ich einmal genächtigt habe, gratuliert mir zum Geburtstag, schickt Weihnachts- und Neujahrsgrüsse und freut sich angeblich auf meinen nächsten Besuch. Auf solchen unpersönlichen, computergenerierten Spam verzichte ich. Da ich weder debil noch senil bin, werde ich mich auch in zwei Jahren noch daran erinnern, wie das entsprechende Hotel hiess. Allerdings nur wenn ich zufrieden war. Zur Zufriedenheit gehört aber auch, dass ich in der Zwischenzeit nicht mit verblödeten Mails eingedeckt wurde.
 P.S. Gestern habe ich eine Mail aus Papua-Neuguinea erhalten. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Heute im Sonderangebot: Bei einer Bestellung von 12 Nameele erhalten sie gratis ein Kanumodell aus Vollplastik sowie eine Kaurimuschel. Angebot gültig bis 24.00 Uhr.
Heute habe ich die restlichen Nameele eingepackt und einen Flug nach Papua-Neuguinea gebucht. Ich werde denen mal was vor die Türe nageln!
 
 
 

Sonntag, Januar 31, 2016

Der Gast auf Platz 31 F - Die Nachspeise


 
Da ich bis heute von Lufthansa keine Antwort auf meine Mails, geschweige denn eine Entschädigung erhalten habe, kann die Nachspeise leider noch nicht serviert werden. Verfolgen Sie deshalb den einseitigen Briefwechsel, buchen Sie nicht bei Lufthansa, bei Swiss nur wenn sie Katzen mögen.....

Lieber Gast,

vielen Dank für Ihre Nachricht, welche wir mit der Referenz 0116-06498 erfasst haben.
Wir werden Ihnen so schnell wie möglich antworten. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die Bearbeitungszeit aufgrund von Recherchen variieren kann.
Falls Sie uns in der Zwischenzeit nochmals in dieser Angelegenheit kontaktieren möchten, so antworten Sie bitte auf diese E-Mail.

Freundliche Grüsse

Customer Service

Swiss International Air Lines AG
Postfach 2013
8032 Zürich
Schweiz
SWISS.COM/CUSTOMERSERVICE



Bildergebnis für kotzende katze


Liebe Referenz,
 
Natürlich weiss ich, dass sie wahnsinnig viel zu tun haben. So wie auch
Mutter Kranich wahnsinnig viel zu tun hat.
 
Ich allerdings auch. Bitte lesen Sie auch meine Glosse in der
Zeitschrift AQUANAUT - weitere werden folgen. Zum Beispiel zum
Thema "Weshalb ist LH nicht fähig, mir zu bestätigen, dass man an
dem betreffenden Tag gestreikt hat, deshalb nicht geflogen sein kann etcpp.
Ob man das in Frankfurt etwa gar noch nicht weiss?
Natürlich wurde ich auch bis heute nicht entschädigt. Weder für den nicht
durchgeführten Flug, geschweige denn für den Ersatzflug...etc.pp
Selbstverständlich haben Sie gar nichts, oder noch viel weniger mit alldem
zu tun, Sie sind ja nur das Kind vom Kranich.
 
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag - bis Morgen*
 
Hanspeter Gsell
 Von : thorfinn@bluewin.ch
Datum : 25/01/2016 - 15:27 (UTC)
An : customerservice@swiss.com
Betreff : Re: Re: Referenz: 0116-06498

Liebe Referenz,
Es sind zwar erst 6 Tage her seit meinem letzten Mail. Und sicher hatten
sie wahnsinnig viel zu tun. Sie müssen ja all diese Reklamationen bearbeiten...
es müssen tausende sein pro Tag..... Ich nehme deshalb an, dass....
..sie meinen Bericht zur kotzenden Katze noch nicht gelesen haben...
..sie ihn gar nicht lesen wollen.....
..sie in keinem Fall bereit sind, mir zu antworten..
..und schon gar nicht bereit sind, mich für meine Strapazen zu entschädigen...
..und sich schon gar nicht den Bericht über das Verhalten von SWISS und LUFTHANSA
  im Kassensturz und anderen Medien ansehen werden..
..und auch den Brief meines Anwaltes in keinem Fall öffnen werden..
 
bis bald
Hanspeter Gsell
 
Liebe Referenz,
 
Es könnte ja sein, dass meine E-Mail in den Tiefen des
Weltraums verschwunden ist. Vielleicht aber haben Sie
auch die kotzende Katze noch nicht gefunden oder finden meine
Kontonummer nicht mehr....
 
Sigswiswell...und bis bald
Hanspeter Gsell
 
      




Samstag, Januar 30, 2016

Der Gast auf 31 F - Die Hauptspeise

Miami, 8.11.2015. Die Swiss-Maschine, Kurs LX065 startete mit leichter Verspätung. Weder hatte mich der Stromausfall auf dem Flughafen, noch ein medizinischer Notfall einige Reihen hinter mir beunruhigt („Hilfe, Hilfe, er stirbt!“). Der herbeigeeilte Purser verwies auf Komplikationen bei Todesfällen auf amerikanischen Flughäfen. Der zur Begutachtung der Sachlage zugezogene Hilfselektriker stimmte ihm zu und verstaute Defibrillator und Sauerstoff wieder an dem dafür vorgesehenen Ort. Ob der Mann wohl überlebt hat?
Ich sass auf Sitz 31E in der mittleren Reihe. Links hatte ein stark schwitzender Mann mittleren Alters und erheblicher Körpergrösse Platz genommen. Gottseidank war der Sitz rechts neben mir frei geblieben. Auf der Gangseite rechts hatte sich eine spanisch sprechende Dame mit russischem Reisepass niedergelassen. Mit ihr könnte ich auf den nächsten acht Stunden sicher den leeren Sitz teilen.

Während des Starts fiel ich in einen leichten Schlaf und erwachte erst wieder, als das Flugzeug seine Reiseflughöhe erreicht hatte. Eben wollte ich meine Beine in die Richtung des freigebliebenen Platzes strecken, als ich gewaltig erschrak: Der Platz war nicht frei! Allerdings konnte ich im schummrigen Kabinenlicht nicht erkennen, was sich dort niedergelassen hatte, es schien sich nicht um ein menschliches Wesen zu handeln.

ES antwortete nicht, als ich ES ansprach. War es etwa E.T. auf der Rückreise in seine interstellare Heimat oder hatte sich in Miami heimlich ein Vieh an Bord geschlichen? Ob es Alligatoren mit Fell gab? Handelte es sich etwa um einen tasmanischen Teufel? Fliegt Swiss auch nach Tasmanien? Hatte ich ein Bier zu viel getrunken? Ich schloss die Augen und ging in mich. Als ich genug weit gegangen war, nahm ich den restlichen Mut zusammen, öffnete wieder die Augen und starrte ES an: Ich schaute dem Teufel direkt in die Augen! Diese schienen blutunterlaufen zu sein, das Vieh erwiderte meinen Blick gänzlich regungslos. Nur die Pupillen irrlichterten zitternd und glänzten im matten Licht. Genauso hatte mich Kaderli angeschaut, als ich ihn letztens völlig besoffen und bekifft angetroffen hatte. Kaderli aber, so erinnerte ich mich, hatte kein Fell und war deutlich grösser als dieses Etwas auf Sitz 31F. Ich sprach ES an:

„Hallo, auch auf dem Weg nach Zürich? Warum hast du den Pelzmantel nicht ausgezogen? Kalt, hä?“

31F antwortete nicht und ich wurde etwas mutiger.

„Was hast du geraucht und wo bekommt man das Zeugs? Muss ja arg stark sein!“

Das Ding hatte nicht die Absicht mir zu antworten, erhob sich, machte einen Buckel, verdrehte die Augen und kotzte mich an. ES war ein schwarzer, vollgedröhnter Kater gewaltigen Ausmasses. Nur der Sitzabstand von 72 cm rettete mich davor, die volle Ladung abzukommen. Der Gestank jedoch, Reinhard Mai hatte es so ähnlich bereits früher besungen, war tatsächlich grenzenlos. Auch über den Wolken.

Die Dame mit russischem Pass auf Sitz 31G sagte nichts und packte das Vieh in den vorgeschriebenen Transportbehälter. Die Flugbegleiterinnen welche das Spektakel beobachtet hatten, sagten auch nichts.

Und so beschloss auch ich, nichts zu sagen.

Bis heute.

Denn diese Geschichte ist einfach zu schön, um nicht geschrieben zu werden.

 

Freitag, Januar 29, 2016

Der Gast auf 31 F - Vorspeise

Für viele Jahre war Lufthansa meine bevorzugte Fluggesellschaft, dank ihrer Mitgliedschaft bei der „Star Alliance“ stand mir ein weltweites Streckennetz zur Verfügung. Weder verfügt Lufthansa über breitere Sitze noch wird besseres Essen serviert, die Höflichkeit verbietet es mir, über den Charme deutscher Flugbegleiterinnen zu sprechen. Nein, der ausschlaggebende Punkt war – neben dem Streckennetz – die Pünktlichkeit und die Verlässlichkeit. Nach schlechten Erfahrungen im mittleren Osten („Weh mir, Emir“) und den jahrelangen Streiks bei Air France, buchte ich deshalb meinen Flug nach Orlando/Florida wiederum bei Lufthansa. Und dies, obwohl kürzlich die Piloten gestreikt hatten. Da man sich jedoch mehr oder weniger gütlich geeinigt hatte, glaubte ich an eine problemlose Reise.
Aber ich hätte es besser wissen müssen, Denn, Glaube an sich macht im besten Fall selig und sonst gar nichts. Der Flug in die USA verlief unauffällig, der Messebesuch ebenfalls. Und so erhielt ich 24 Stunden vor dem Rückflug die beruhigende Nachricht, dass der Flug pünktlich abfliegen würde, das Check-in bereits geöffnet sei. Meine Hoffnung auf eine pünktliche Rückreise wurde jedoch einige Stunden später durch eine neue Message zerstört. Der Flug sei aufgrund eines Streiks des Kabinenpersonals gestrichen worden. Man solle sich – so weiter im Text – bei einer der folgenden Nummern melden. Die netten Mitarbeiter würden sich dann unverzüglich und kulant um unsere Rückreise kümmern. Leider hatte ich keine Gelegenheit, irgendeinen netten Mitarbeiter kennenzulernen. Dank der Geiselnahme von zehntausenden Reisenden durch grössenwahnsinnige und weltfremde, Gewerkschafter waren die Hotlines nicht erreichbar. Ich habe als Unternehmer jahrelang und problemlos mit Gewerkschaften zusammen gearbeitet. Ich habe deren Anliegen auch gegenüber andern Kollegen vertreten, ich glaubte an deren Notwendigkeit. Damit ist es nun allerdings vorbei. Was sich die beamteten Gewerkschafter und ihre tumben Gefolgsleute geleistet haben unterstützt mich im Glauben an die Aussagen von Michael O’Leary, dem umtriebigen Chef von Ryanair. Fluggesellschaften die sich derart von Gewerkschaften abhängig machen, haben keine Chancen auf eine Zukunft. Genauso schuldig am Untergang wird jedoch auch die Führungsriege sein. Ihr kollektives Versagen war derart beschämend, dass man es fast nicht für möglich hält.

Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass man die Krise nach Kohl’schem Vorbild aussitzen wollte und auf ein Eingreifen der Politik wartete. Frau Merkel jedoch hatte zu dieser Zeit ganz andere Probleme, machte die Raute und schwieg.

Die Textmitteilungen folgten nun im Stundentakt. Einmal versprach man mir, dass der Flug am folgenden Tag durchgeführt würde um auch dies zu widerrufen. Man bot mir (es war Sonntagmittag) für Mittwoch einen Flug von Chicago nach London an, ohne mir allerdings mitzuteilen, wie ich denn von Orlando nach Chicago kommen würde. Ob man eine Wandergruppe plante? In drei Tagen würden wir es zu Fuss kaum bis nach Chicago schaffen!

Robi, ein Bekannter aus Zürich hatte die rettende Idee. Er buchte für uns einen Rückflug mit der Lufthansa-Tochter Swiss ab Miami. Da ein einfaches Ticket Miami – Zürich teurer war als ein Retourflug, buchten wir denn nicht benötigten Flug Zürich – Miami gleich mit. Wir bestellten einen Mietwagen, erreichten zeitig den Flughafen, konnten zügig einchecken. Am benachbarten Lufthansa-Schalter harrten derweil hunderte von Reisenden, darunter auch Familien mit Kindern, auf eine Rückflugmöglichkeit. Ich gehe davon aus, dass einige davon in der Zwischenzeit verhungert sind.

Im nächsten Post: Der Gast auf 31 F - Die Hauptspeise

Sonntag, Januar 24, 2016

Kaderli und das grosse Brausen II


Schon seit einigen Stunden fuhren sie ungemütlich vor sich hin.

„Meinst du, wir sind richtig?“ fragte die Signora.

„Was heisst hier richtig? Natürlich sind wir richtig! Laut Bordcomputer geht es noch 287 Kilometer!“ schnauzte Freddy zurück und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn.

„Aber Kaderli hat doch gesagt, von Basel seien es gute 4 Stunden bis an den Lago. Und jetzt sind wir schon seit 9 Stunden unterwegs!“

Insgeheim kam auch ihm die Reise etwas langfädig vor. Und als er in der Ferne einen schiefen Turm erblickte, trat er ohne Vorwarnung auf die Bremse. Der Wagen kam rauchend und schlingernd auf dem Pannenstreifen zu stehen.

Heilandsagg! Das war doch DER schiefe Turm! Und der stand doch gopferdammi in Italien und nicht im Tessin!

„Scheiss Navi!“ brüllte er los, riss das Ding aus seiner Halterung und warf es im hohen Bogen über die Leitplanken. Da er, als er sich das Navigationsgerät gekauft hatte, gleichzeitig auch die Strassenkarten weggeworfen hatte, stand er nun irgendwo in der italienischen Pampas, hatte keine Ahnung wo er war und noch weniger, wo er eigentlich hinmusste.

„Ruf mal Kaderli an“ sagte er zu seiner Frau, „der Herr Präsident wird ja wohl wissen, wo wir hin müssen.“

„Hast du seine Handynummer?“

„Ich? Wieso ich? Du bist die Sekretärin hier!“

Nachdem sie alle Koffer ausgeladen und fein säuberlich auf dem Pannenstreifen aufgereiht hatten, fanden sie endlich die Reiseunterlagen und Kaderlis Telefonnummer.

„Gibst du mir mal dein Handy?“ fragte sie ihren Göttergatten.

„Warum? Du hast doch selbst eins!“

„Ja schon, aber es ist zu Hause geblieben.“

„Es ist zu Hause geblieben? Was ist denn das für eine saublöde Antwort: Es ist zu Hause geblieben!? Handys können nicht zu Hause bleiben. Handys haben keinen eigenen Willen und können nicht denken. Du wohl aber auch nicht! Vergessen hast du dieses blöde Ding! Gottseidank hast du mich dabei – hier, nimm meins!“

„Es geht nicht, der Akku ist leer“ entgegnete sie nach einer Weile und gab ihm sein Handy zurück. Wortlos steckte er es ein, startete den Motor und fuhr davon.

„Und jetzt, wohin?“ wandte er sich an seine Frau.

Die jedoch sass nicht neben ihm, sondern auf fünf Koffern auf dem Pannenstreifen der Autostrada nach Roma und hörte gar nichts.

 

Da Freddy nicht nur in Italien steckte, sondern auch Herr über Taucherflagge und Notfallkoffer war, blieben die Flossen trocken, der Pfingstausflug wurde abgebrochen.

Das angekündigte Brausen aber kam nicht vom Himmel, sondern aus Kaderlis enttäuschter Seele: Er trat noch gleichentags von all seinen Ämtern zurück.

In mondlosen Nächten sieht man ihn, mit Tischen und Stühlen schwer beladen, in den nahen Wäldern umherstreifen.

Die Tischreihe soll bereits mehrere Kilometer betragen.

Samstag, Januar 23, 2016

Kaderli und das grosse Brausen I

Nachdem sich der geneigte Leser (wohin „neigen“ sich eigentlich Leser?) in der letzten Ausgabe von meiner ausserordentlich professionellen Ausbildung überzeugen  und meine ersten Abenteuer unter Wasser mitverfolgen konnte, heisst es nun heute „back to the roots“ – zurück zu den Wurzeln! Denn, was wäre ein Taucherleben ohne Mitgliedschaft in einem Tauchclub? Richtig! Gar nichts!

Wie es sich für einen ordentlichen Verein gehört, wurde schon lange zum Voraus ein Komitee gegründet, welches den Pfingstausflug zu organisieren hatte. Fragen wie „wohin, weshalb, warum und wann?“ wurden erörtert und schon bald erhielten die Mitglieder einen akkuraten Reiseplan und den unvermeidlichen Befehl: „Besammlung um 08.00 Uhr vor dem Gemeindehaus, gemeinsame Abfahrt: 08.30 Uhr. Gez. Kaderli, Präsident“

Nachdem die geplante Abfahrt wegen fehlender Teilnehmer mehrmals verschoben werden musste, setzte sich die Karawane gegen 10.00 Uhr langsam in Bewegung. Angeführt vom Präsidenten persönlich fanden wir auch bald die Autobahneinfahrt und fuhren im Konvoi, und einer gefühlten Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern, dem Ziel unserer Träume entgegen. Bereits am späteren Nachmittag – der Chef hatte eine Reifenpanne und Kevin-Albert musste kotzen – erreichten wir den lieblichen Gasthof im Tessin.

Der Zimmerbezug verursachte einige Probleme: Das Komitee hatte nicht genügend Zimmer reserviert! Kaderli liess umgehend den ganzen Verein vor dem Hotel Aufstellung nehmen, rief zum Appell und liess die liederliche Bande sauber durchnummerieren.

Und tatsächlich: Drei Mitglieder bekannten sich schuldig, sich nicht angemeldet zu haben. Gleichzeitig aber fehlte Willi, Peter kam alleine (Frau abhandengekommen) und Gerda (Mann abhandengekommen) hatte einen Neuen dabei. Kurz bevor es zu Tätlichkeiten kam, sprach Kaderli ein Machtwort: „Willi liegt beim Neuen von Gerda, diese erhält das Einzelzimmer von Willi und die Neuen sollen doch selber schauen, wo sie hinkommen.“

Mein Einspruch, Willi sei doch gar nicht hier, verhallte ungehört. Nachdem Kaderli dessen Bettstatt umgebaut und sämtliche Schränke aus dem Zimmer entfernt hatte, fräste er einen Durchgang zwischen die Zimmer 2 und 3, vermauerte die Türe zu Zimmer 4 und schnitzte eine heilige Maria ins Dachgestühl.

Was danach geschah, kann der Apostelgeschichte entnommen werden: „Als aber der Pfingsttag gekommen war, geschah ein Brausen vom Himmel und sie wurden von dem heiligen Geist erfüllt.“ Dem Brausen aber folgte nicht der Heilige Geist sondern das obligate, unheilige Tischerücken im Restaurant.

Aus unerfindlichen Gründen fühlen sich Vereinsmitglieder nur glücklich, wenn alle an einem einzigen, langen Tisch sitzen können. Dank diesem ungeschriebenen Gesetz ergeben sich Tischreihen, die auf der Gartenterrasse beginnen, durch das Restaurant, die Küche und die Wäscherei hinunter zur Kegelbahn und hinaus zum Parkplatz führen.

Auf Grund der chaotischen Tischordnung wurden auch diesmal Familien brutal auseinander gerissen: das Kind hockte im Keller, der Vater auf dem Parkplatz und die Mutter in der Wäscherei. Die Wirtin notierte einen Kinderteller für den Keller, ein Steak für den Parkplatz und vergass die Mutter, welche anschliessend einen Wurstsalat erhielt den sie auch nicht bestellt hatte.

Der Grossvater erklärte sich sofort bereit, diesen zu übernehmen und bestellte für den Enkel noch eine Bratwurst, die dieser später heulend auf den Boden werfen sollte. „Ich will einen Pinguteller!“ schrie Bubi los, worauf die Mutter aus der Wäscherei zum Vater auf den Parkplatz eilte: „Schau du jetzt mal zu Kevin-Albert, ist ja auch dein Sohn!“

In diesem Moment betrat die Wirtin den Schauplatz: „Zum letzten Mal: Wem gehört gopferdori das Schnitzel?“ Natürlich war es wieder Grossvater der sich opferte und – nach dem Wurstsalat und dem Pinguteller – auch noch das Schnitzel ass. Als es ums Zahlen ging, artete der Abend völlig aus. Nach einem ersten Versuch beim Grossvater („ich bezahle die Bratwurst von Kevin-Albert, Freddie bezahlt meine Getränke und den Wurstsalat“) knallte die Wirtin die Rechnung auf den Tisch und zischte „selber einkassieren“.

Was Grossvater auch artig tat.

Nur Freddy fand er nicht.

(Fortsetzung am 25.01.16)

Mittwoch, Januar 20, 2016

Taxi

Eine bekannte Zeitung publizierte vor einiger Zeit eine Serie über Taxis. Fahrer aus der ganzen Welt wurden mit den immer gleichen Fragen konfrontiert. Das tönte dann so: „Wie verhalten sie sich im Stau?“ „Ich warte und denke über Jesus nach.“ Oder man las erstaunt die Antwort auf die Frage „Was würden sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?“ „Ich würde Leuten helfen, die weniger haben als ich.“ Beschämt las ich weiter: „Wann haben sie das letzte Mal Ferien gemacht?“ „Noch nie, und ich werde wohl auch nie welche haben.“ „Womit verwöhnen Sie sich?“ „Ich höre gerne die Bibelsendungen im Radio.“ Ich gestehe, ich las diese Geschichten wirklich gerne. Denn ich habe schon immer gerne Märchen gehört und gelesen.
Nach dieser Einleitung werden sie wohl ahnen, dass ich eine etwas andere Sicht der Dinge habe. Meine Erfahrungen mit Taxis kann ich in einem kurzen Merksatz zusammenfassen: Taxifahrer sind nichts anderes als staatlich lizenzierte Wegelagerer.

Basel, Oktober 2015, Arztpraxis nähe Centralbahnplatz: Die Patientin muss dringend ins Unispital Basel, die Praxisassistentin will ein Taxi bestellen. Laut Zentrale sind jedoch alle Wagen besetzt. Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass beim Bahnhof Basel jede Menge Wagen warten. Es ist jedoch offenbar rentabler, die zum Tennisturnier erwarteten Gäste zur St.Jakobshalle zu fahren.

Einige Monate früher. Basel, Nähe Neuweilerplatz: Wir haben den letzten Zug verpasst und bestellen ein Taxi.
“Grüezi, bitte fahren sie uns nach Sissach.”
“Hä?”
“Ja genau. Nach Sissach”
“Wo wolle?”
“Nach Sissach. Zum Bahnhof.”
“Bahnhof?”
“Ja. Bahnhof Sissach.”
“Hä?”
"Fahren Sie einfach los.”

Das Taxi fährt los und bringt uns zum Bahnhof SBB in Basel.
“Wir müssen zum Bahnhof Sissach!”
“Hier Bahnhof.”

Da jede weitere Kommunikation sinnlos erschien, lenkte ich den Fahrer Richtung Autobahn und wies ihn an, bis zur Ausfahrt Sissach weiterzufahren. Nachdem er bereits in Muttenz die Autobahn wieder verlassen wollte, griff ich ihm ins Lenkrad, wiederholte mehrere Male das Wort “Sissach” und verfiel in einen frühkindlichen anatolischen Dialekt.
“Dü jetzt Auto brümmbrümm geradeaus bis sage stopp, aber sübito!”
Knapp konnte ich ihn daran hindern die Ausfahrten Liestal und Arisdorf zu nehmen. Der Tunnel schien ihn zu ängstigen, nachdem er vorher locker mit 140 kmh gefahren war, schlich er mit knappen 60 kmh durch’s Loch. Anschliessend beschleunigte er auf 150 kmh, im letzten Moment erwischte er die Ausfahrt Sissach. Den ersten Kreisel umfuhr er gleich zweimal, beim zweiten nahm er die erste Ausfahrt und kam kurz vor der Autobahnpolizei zu stehen. Dies erschreckte ihn währschaft. Die Netzenkurve wurde uns beinahe zum Verhängnis, den Sonnenrank schafften wir mit Müh’ und Not. Am Bahnhof fuhr er vorbei.

Solche Taxifahrer brauchen wir nicht, solche Fahrer benötigen weder Gewerkschaft noch einen Gesamtarbeitsvertrag. Solche Fahrer gehören ins Pfefferland. Dorthin bin ich zurzeit unterwegs. Sie hören von mir!

 

 

Montag, November 23, 2015

Kaderli und das grosse Brausen

Nachdem sich der geneigte Leser (wohin „neigen“ sich eigentlich Leser?) in der letzten Ausgabe von meiner ausserordentlich professionellen Ausbildung überzeugen  und meine ersten Abenteuer unter Wasser mitverfolgen konnte, heisst es nun heute „back to the roots“ – zurück zu den Wurzeln! Denn, was wäre ein Taucherleben ohne Mitgliedschaft in einem Tauchclub? Richtig! Gar nichts!

Wie es sich für einen ordentlichen Verein gehört, wurde schon lange zum Voraus ein Komitee gegründet, welches den Pfingstausflug zu organisieren hatte. Fragen wie „wohin, weshalb, warum und wann?“ wurden erörtert und schon bald erhielten die Mitglieder einen akkuraten Reiseplan und den unvermeidlichen Befehl: „Besammlung um 08.00 Uhr vor dem Gemeindehaus, gemeinsame Abfahrt: 08.30 Uhr. Gez. Kaderli, Präsident“
Nachdem die geplante Abfahrt wegen fehlender Teilnehmer mehrmals verschoben werden musste, setzte sich die Karawane gegen 10.00 Uhr langsam in Bewegung. Angeführt vom Präsidenten persönlich fanden wir auch bald die Autobahneinfahrt und fuhren im Konvoi, und einer gefühlten Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern, dem Ziel unserer Träume entgegen. Bereits am späteren Nachmittag – der Chef hatte eine Reifenpanne und Kevin-Albert musste kotzen – erreichten wir den lieblichen Gasthof im Tessin.
Der Zimmerbezug verursachte einige Probleme: Das Komitee hatte nicht genügend Zimmer reserviert! Kaderli liess umgehend den ganzen Verein vor dem Hotel Aufstellung nehmen, rief zum Appell und liess die liederliche Bande sauber durchnummerieren.
Und tatsächlich: Drei Mitglieder bekannten sich schuldig, sich nicht angemeldet zu haben. Gleichzeitig aber fehlte Willi, Peter kam alleine (Frau abhandengekommen) und Gerda (Mann abhandengekommen) hatte einen Neuen dabei. Kurz bevor es zu Tätlichkeiten kam, sprach Kaderli ein Machtwort: „Willi liegt beim Neuen von Gerda, diese erhält das Einzelzimmer von Willi und die Neuen sollen doch selber schauen, wo sie hinkommen.“
Mein Einspruch, Willi sei doch gar nicht hier, verhallte ungehört. Nachdem Kaderli dessen Bettstatt umgebaut und sämtliche Schränke aus dem Zimmer entfernt hatte, fräste er einen Durchgang zwischen die Zimmer 2 und 3, vermauerte die Türe zu Zimmer 4 und schnitzte eine heilige Maria ins Dachgestühl.

 
Was danach geschah, kann der Apostelgeschichte entnommen werden: „Als aber der Pfingsttag gekommen war, geschah ein Brausen vom Himmel und sie wurden von dem heiligen Geist erfüllt.“ Dem Brausen aber folgte nicht der Heilige Geist sondern das obligate, unheilige Tischerücken im Restaurant.
Aus unerfindlichen Gründen fühlen sich Vereinsmitglieder nur glücklich, wenn alle an einem einzigen, langen Tisch sitzen können. Dank diesem ungeschriebenen Gesetz ergeben sich Tischreihen, die auf der Gartenterrasse beginnen, durch das Restaurant, die Küche und die Wäscherei hinunter zur Kegelbahn und hinaus zum Parkplatz führen.
Auf Grund der chaotischen Tischordnung wurden auch diesmal Familien brutal auseinander gerissen: das Kind hockte im Keller, der Vater auf dem Parkplatz und die Mutter in der Wäscherei. Die Wirtin notierte einen Kinderteller für den Keller, ein Steak für den Parkplatz und vergass die Mutter, welche anschliessend einen Wurstsalat erhielt den sie auch nicht bestellt hatte.
Der Grossvater erklärte sich sofort bereit, diesen zu übernehmen und bestellte für den Enkel noch eine Bratwurst, die dieser später heulend auf den Boden werfen sollte. „Ich will einen Pinguteller!“ schrie Bubi los, worauf die Mutter aus der Wäscherei zum Vater auf den Parkplatz eilte: „Schau du jetzt mal zu Kevin-Albert, ist ja auch dein Sohn!“

In diesem Moment betrat die Wirtin den Schauplatz: „Zum letzten Mal: Wem gehört gopferdori das Schnitzel?“ Natürlich war es wieder Grossvater der sich opferte und – nach dem Wurstsalat und dem Pinguteller – auch noch das Schnitzel ass. Als es ums Zahlen ging, artete der Abend völlig aus. Nach einem ersten Versuch beim Grossvater („ich bezahle die Bratwurst von Kevin-Albert, Freddie bezahlt meine Getränke und den Wurstsalat“) knallte die Wirtin die Rechnung auf den Tisch und zischte „selber einkassieren“.
Was Grossvater auch artig tat.
Nur Freddy fand er nicht.

 
Schon seit einigen Stunden fuhren sie ungemütlich vor sich hin.

„Meinst du, wir sind richtig?“ fragte die Signora.
„Was heisst hier richtig? Natürlich sind wir richtig! Laut Bordcomputer geht es noch 287 Kilometer!“ schnauzte Freddy zurück und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn.
„Aber Kaderli hat doch gesagt, von Basel seien es gute 4 Stunden bis an den Lago. Und jetzt sind wir schon seit 9 Stunden unterwegs!“

Insgeheim kam auch ihm die Reise etwas langfädig vor. Und als er in der Ferne einen schiefen Turm erblickte, trat er ohne Vorwarnung auf die Bremse. Der Wagen kam rauchend und schlingernd auf dem Pannenstreifen zu stehen.
Heilandsagg! Das war doch DER schiefe Turm! Und der stand doch gopferdammi in Italien und nicht im Tessin!
„Scheiss Navi!“ brüllte er los, riss das Ding aus seiner Halterung und warf es im hohen Bogen über die Leitplanken. Da er, als er sich das Navigationsgerät gekauft hatte, gleichzeitig auch die Strassenkarten weggeworfen hatte, stand er nun irgendwo in der italienischen Pampas, hatte keine Ahnung wo er war und noch weniger, wo er eigentlich hinmusste.
„Ruf mal Kaderli an“ sagte er zu seiner Frau, „der Herr Präsident wird ja wohl wissen, wo wir hin müssen.“
„Hast du seine Handynummer?“
„Ich? Wieso ich? Du bist die Sekretärin hier!“
Nachdem sie alle Koffer ausgeladen und fein säuberlich auf dem Pannenstreifen aufgereiht hatten, fanden sie endlich die Reiseunterlagen und Kaderlis Telefonnummer.
"Gibst du mir mal dein Handy?“ fragte sie ihren Göttergatten.
„Warum? Du hast doch selbst eins!“
„Ja schon, aber es ist zu Hause geblieben.“
„Es ist zu Hause geblieben? Was ist denn das für eine saublöde Antwort: Es ist zu Hause geblieben!? Handys können nicht zu Hause bleiben. Handys haben keinen eigenen Willen und können nicht denken. Du wohl aber auch nicht! Vergessen hast du dieses blöde Ding! Gottseidank hast du mich dabei – hier, nimm meins!“
„Es geht nicht, der Akku ist leer“ entgegnete sie nach einer Weile und gab ihm sein Handy zurück. Wortlos steckte er es ein, startete den Motor und fuhr davon.
„Und jetzt, wohin?“ wandte er sich an seine Frau.
Die jedoch sass nicht neben ihm, sondern auf fünf Koffern auf dem Pannenstreifen der Autostrada nach Roma und hörte gar nichts.

 Da Freddy nicht nur in Italien steckte, sondern auch Herr über Taucherflagge und Notfallkoffer war, blieben die Flossen trocken, der Pfingstausflug wurde abgebrochen.
Das angekündigte Brausen aber kam nicht vom Himmel, sondern aus Kaderlis enttäuschter Seele: Er trat noch gleichentags von all seinen Ämtern zurück.

In mondlosen Nächten sieht man ihn, mit Tischen und Stühlen schwer beladen, in den nahen Wäldern umherstreifen.
Die Tischreihe soll bereits mehrere Kilometer betragen.

 

 

 

 

 

 

Vorsicht Satire!

 

Hanspeter Gsell schrieb viele Jahre bissige Kolumnen für verschiedene Zeitungen, darunter die Schweizer Hotelrevue sowie die Basler Zeitung. Diese Texte, aber auch weitere Geschichten rund um die Gastfreundschaft, liegen ebenfalls in Buchform vor.

Aktuell finden sie Reiseberichte und Reportagen auch in der Volksstimme sowie im AQUANAUT.

 

Hühnerbrust und Federkiel – Seitenhiebe auf die Gastfreundschaft

ISBN 978-3-8334-6351-8

Ikefang und Gutgenug – Südsee-Geschichten

ISBN 978-3-8391-0777-5

Ein bisschen scharf muss sein – Seitenhiebe auf die Gastfreundschaft (2)

ISBN 978-3-8482-2851-5

 

Alle erschienen beim Verlag BOD GmbH, Norderstedt

 

 

 

 

 

 

Dienstag, November 17, 2015

Ein Schollen Hanf

Mitnichten handelt es sich hier um eine Glosse für oder wider den auch im Baselbiet heimisch gewordenen Hanfstängel. In meiner alten Heimat bezeichnete man mit einem „Schollen Hanf“ schlicht und einfach ein Stück Brot. Und genau darum geht’s in dieser Kolumne.
Der Werbespot der Schweizer Bäcker ist eine Meisterleistung der Filmtechnik. In Zeitlupe explodiert ein offensichtlich ofenfrisches Brot. Sekundenlang und in HD zischen Krumen und Brösmeli kreuz und quer über den Bildschirm. Das Geräusch der brechenden Kruste ist ein Genuss für die Ohren, die Schallwellen drängen bis ins Hirn vor und suggerieren umgehend „Hunger“! Bis hierher funktioniert die Werbung. Dann aber ist Schluss. Denn das gezeigte Produkt ist in dieser Form wohl nur Wunschdenken und im täglichen Leben kaum in dieser Qualität zu finden.

„Gib uns unser täglich‘ Brot.“ Ich gehe nicht davon aus, dass der Texter dieses Bittspruchs damit meinte, ich müsse mir mein täglich‘ Brot in einem Restaurant, im Speisewagen oder in einem Flugzeug geben lassen. In diesem Falle würde ich nämlich einen sofortigen Hungertod in Betracht ziehen oder zumindest über den Übertritt in eine Naturreligion nachdenken. Was in Gaststuben, auf Schienen und in den Lüften serviert wird, hat den Namen „Brot“ nicht verdient, ist nicht nur politisch unkorrekt sondern gleichzeitig missbrotbräuchlich. Wenn ich die Qualität von Restaurants allein an deren Angebot an Backwaren bewerten sollte: Das Resultat wäre mehr als bedenklich. Brotähnliche Pampigkeiten mit orbitalem Dehnfaktor werden als Hausbrot aufgetischt, Brotartiges von gestern wird quasi via Gast entsorgt. Fade Baguettes, schon vor dem Morgengrauen in Scheiben geschnitten, welken auf Porzellan ebenso dahin wie im verstaubten Bastkorb. Auch das Vorhandensein einiger weniger Mohnsamen, Weizenkörnli oder Buchennüssli macht aus geschmacklosen Teiglingen noch kein gutes Brot.

Schlimmer noch als die Brotkultur in mittelmässigen Restaurants ist das Frühstück in der Hotellerie. Das durchschnittlich inbegriffene Hotelfrühstück ist bestenfalls das Kunststück aus nichts noch weniger zu machen. Was mir hier zur angeblich schönsten Stunde des Tages vorgesetzt wird, ist meist ein klägliches Stück gastronomischer Biederkeit. Seit Jahr und Tag erhalte ich die gleichen Einheitsaufbackgipfel und das Knäckebrot hat das Knacken schon längst verlernt. Das einzige Gold im Mund‘ zur Morgenstund‘ ist meist nur in Form von Zahngold anwesend.

Manchmal denke ich, dass Brot für viele Menschen an Bedeutung verloren hat. Vielleicht ist Brot für Viele nur noch die Erinnerung an einen alten Kalenderspruch:

 "Grosspapi, ich mag kein Brot!"

 "Bub, iss das Brot, dann wirst du gross und stark!"

 "Weshalb muss ich denn gross und stark werden?"

 "Damit aus dir mal etwas Gescheites wird."

 "Aber warum soll ich den etwas Gescheites werden?“

 "Damit du dir das Brot selber verdienen kannst."

 "Aber Grosspapi, ich mag doch gar kein Brot!"

Donnerstag, Oktober 22, 2015

Ein Taucherleben - Wie alles begann

„Sie möchten Delfine vor Bora Bora streicheln? Oder vielleicht mit einem Walhai durch den Golf von Mexiko schwimmen? In der Südsee eine kleine Süsslippe küssen oder im Pazifik einen Manta reiten? Kein Problem. Lernen Sie Tauchen, treten Sie einem Tauchclub bei!

Gut Luft!“ 

 Noch wusste ich nicht, weshalb die Luft unter Wasser besonders gut sein sollte. Trotzdem: Auch ich wollte Delfine streicheln und Süsslippen küssen. Ich beschloss deshalb, meinen inneren Sauhund zu überwinden, einen Tauchkurs zu absolvieren und mich ins kalte Wasser zu stürzen.
Es geschah auf der Insel Kreta. Der Theorieunterricht fand in einem umgebauten Eselstall statt. Nicht dass dies ein Problem gewesen wäre. Aber die Unterrichtssprache war griechisch mit einzelnen englischen Untertiteln. Da ich zu dieser Zeit das eine gar nicht und das andere auch nicht viel besser konnte, beschloss mein Lehrer Vassilios, seine Grossmutter zurate zu ziehen. Diese hatte nämlich im letzten Weltkrieg einem deutschen Fallschirmspringer das Leben gerettet. Als Dank dafür hatte er ihr die deutsche Sprache beigebracht.
Wie sie sich denken können, waren deren Übersetzungskünste aufgrund des fehlenden Vokabulars erfolglos. Ganz abgesehen davon, dass die gute Frau Worte wie Sauerstoffpartialdruck, Residualvolumen und Abdominaldichtungsstutzen nicht einmal in griechischer Sprache konnte. So beantwortete ich die Fragen in der mündlichen Prüfung, indem ich einzelne Verse aus Schillers Glocke deutsch rezitierte.
Ich bestand die theoretische Prüfung ohne Probleme und mit der Bestnote, was mich in der Folge berechtigte, die ersten praktischen Übungen im Hotelpool zu absolvieren. Es muss sehr lustig gewesen sein. Jedes Mal wenn ich auftauchte, klatschten die Zuschauer Beifall und verlangten Zugaben.
Auch diesen Test bestand ich bravourös und so durfte ich zum ersten Mal ins richtige Meer. Aus einem wackelnden Gummiboot liess ich mich rückwärts ins Wasser platschen, verlor prompt meine Gesichtsmaske und stellte fest, dass ich nur eine Flosse anhatte und den Bleigurt an Bord vergessen hatte. Also wieder rein ins Boot und alles noch einmal von vorne. Diesmal klappte es schon viel besser und ich tauchte vorschriftsgemäss ab.
Plötzlich jedoch war Vassilios nicht mehr zu sehen. Der Blödmann hatte mir doch eben noch erklärt, dass man nicht allein tauchen dürfe. Ich hatte jedoch keine Zeit mehr, mir darüber Gedanken zu machen, da mir gleichzeitig jemand die Luft zudrehte und die Gesichtsmaske wegriss. Etwas verschwommen sah ich ein Gesicht vor mir, dass ich aufgrund des grossen Schnauzes Vassilios zuordnete. In diesem Moment erinnerte ich mich an das morgendliche „Gut Luft!“, versetzte ihm einen Kinnhaken und entriss ihm seinen Lungenautomaten. Arm in Arm tauchten wir auf: Auch diese Prüfung bestand ich mit Bestnote.
Am Abend kam es zur Preisverleihung am Brunnen vor dem grossen Tor. Die ganze Hotelbevölkerung jubelte mir zu, die Bouzoukis zupften eine kleine Wassermusik und Vassilios tanzte wie weiland der alte Zorbas. Nach unzähligen Rakis, Ouzos und andern geistigen Wässern erhielt ich bei Sonnenaufgang das begehrte Stück Papier. Endlich war ich Taucher! Und Vassilios war sichtlich froh, dass wieder einmal ein Schüler überlebt hatte. Ich aber marschierte ins nächste Reisebüro und buchte meinen ersten Tauchurlaub.

 

Wir sitzen unter einer grossen Palme vor dem Flughafengebäude von Grand Cayman und warten auf den Anschlussflug nach Cayman Brac. Es ist heiss und feucht, die Langsamkeit hat das Leben übernommen. Der Sekundenzeiger meiner Uhr scheint sich kaum mehr zu bewegen. Fliegen fallen antriebslos zu Boden, die wenigen sichtbaren Menschen bewegen sich in Zeitlupe. Ein Getränkeautomat verspricht kalte Getränke, denkt aber nicht daran, diese von sich zu geben.
Ich denke über die Langeweile nach. Der Philosoph Blaise Pascal meinte dazu: „Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. () Unaufhörlich wird aus dem Grund seiner Seele die Langeweile aufsteigen, die Schwärze, die Traurigkeit, der Kummer, der Verzicht, die Verzweiflung.“
So schlimm wird es jedoch nicht, nach wenigen Stunden hebt unser Flieger ab und bringt uns auf die Insel Cayman Brac. Hier werde ich träumen, tauchen und ab und zu mal was trinken. Ein Minibus bringt uns und andere Reisende zum Hotel. Mit dabei auch ein rothaariger, bleicher und etwas magersüchtiger Europäer. Er trägt einen schlecht sitzenden Anzug, Krawatte, Schuhe in Übergrösse und schwitzt nicht. Während der Fahrt unterrichtet er die Mitreisenden freiwillig über Geschichte und Kultur dieses Eilandes. Dabei schien es ihn nicht zu stören, dass die meisten bereits eingeschlafen waren.
„Der ist sicher Geschichtslehrer“, flüstert mir meine Frau zu.
„Nein“, entgegne ich. „Dieser Heini ist Liftboy bei Harrods und hat die Reise bei einem Preisausschreiben gewonnen. Briten tun immer so wichtig!“

 Die Briten unter den Tauchern erkennt man übrigens schnell. Nicht nur weil sie wie Briten aussehen und zum Frühstück Tee mit Milch sowie Porridge bestellen. Sondern weil sie vielfach noch Tauchausrüstungen aus der Zeit von Lord Nelson dabei haben, von der Schlacht bei Trafalgar fabulieren und ein Englisch sprechen, dass man nur schwer versteht. Selbstverständlich tauchen sie nach den Regeln der königlichen Kavallerie. Briten erkennt man nicht nur an der seltsamen Aussprache, sondern auch daran, dass sie Maggie Thatcher nachtrauern, Cameron zum Teufel wünschen und jedem der es auch nicht wissen will, von früher erzählen.

Wir verbringen wunderbare Tage und laute Nächte. Leider sind es keine Nachtigallen, die durch unsere Träume fliegen, sondern deutlich grössere Vögel. Da die Insel genau so lang ist wie die Piste, liegen auch alle Hotels genau neben der Piste. Pünktlich um drei Uhr nachts landet eine Maschine aus New York. Bis zu deren Abflug vergehen 40 Minuten. Es lohnt sich also kaum, sich dazwischen wieder ins Bett zu legen.
Den Liftboy sehen wir Gott sei Dank kaum. Aus unbekannten Gründen schliessen sich nämlich Alleinreisende immer wieder gerne uns an. Wir aber wollen nur träumen, tauchen und ab und zu mal was trinken.
Bei einem Tauchgang aber kann ich nicht mehr ausweichen und stosse mit ihm zusammen. Ich bin unterwegs zum vorgelagerten Riff, als er plötzlich wie ein Torpedo von links angeschossen kommt und mich rammt. Er macht entschuldigende Zeichen, zeigt auf Tauchcomputer und Kompass.
Der Liftboy bedeutet mir, ihm zu folgen, was ich gerne tat, da ich mich mit Bussolen immer schwer tue. Sein Tempo aber war atemberaubend, noch nie hatte ich jemanden erlebt, der sich derart wendig, sicher und präzise bewegen konnte. Dieser Geschichtslehrer war garantiert kein Liftboy! Und schon gar nicht bei Harrods.
Ob er vielleicht Mitglied der königlichen Kampftaucher war? Obwohl: Die meisten Kampftaucher sprechen deutsch, stammen aus Preussen und sind paramilitärisch organisiert: Schon vor dem Frühstück gibt’s ein gemeinsames Frühturnen, anschliessend Strammstehen und Ansage des Tagesbefehls. Abmarsch in das Frühstückscasino, strammer Max, Wurst, manchmal Käsescheibletten. Um 08.00 Uhr wird in Einerreihe eingestanden und durchgezählt. Pünktlich und nicht ohne ein martialisches „Gut Luft“ stürzen sie sich ins Wasser. Sollte diese Unterwassersturmtruppe über oder unter Wasser einem nicht preussischen Objekt begegnen, wird dieses im besten Fall ignoriert. Im zweitbesten Fall wird es unter Einsatz der Flossen – die zu diesem Zweck mit rostfreien Stahlkappen ausgestattet sind – vom Weg gedrängelt. Im schlimmsten Fall entledigt man sich des Eindringlings, indem man ihm die Schläuche durchschneidet, das Blei abreisst, die Tarierwest aufschlitzt, die Maske wegnimmt und die Flossen auszieht. Nein, dieser Liftboy war kein Kampftaucher!

Heute nun reist der Lift fahrende Kampftaucher und Geschichtslehrer ab. Artig verabschiedet er sich mit einem angedeuteten Knicks. Er trägt einen schlecht sitzenden Anzug, Krawatte sowie Schuhe in Übergröße. Er schwitzt nicht, als er uns seine Visitenkarte überreicht.

John W. M., Chefpilot, British Airways.

 


 

 

 

 

Freitag, Oktober 09, 2015

Ménage a trois

Diese Überschrift ist natürlich irreführend, möglicherweise sogar journalistisch unkorrekt. Es geht hier um das Menage, um das „Tischgestell für Salz, Pfeffer und sonstige am Tisch benötigten Gewürze“. (Wikipedia)
Auf Grossmutters Tisch war früher, ausser dem Sonntagsbraten, gar nichts zu finden. Bei Tante Martha erschien in den 60er-Jahren ein versilbertes Menage mit winzigen Salz- und Pfefferstreuern die meist verstopft waren. Onkel Otto manifestierte daraufhin seine Auslandsreisen in Form von Ketchup, Worcestersauce und Tabasco.

Was aber gehört heute auf den gepflegten Tisch? Angesichts der aus Gesundheitsgründen immer fader werdenden Gerichte gehört Salz auf jeden Tisch. Gutes Schweizer Salz aus einer Salzmühle. Von „Fleur de Sel“ und rosa Salz aus dem Hindukusch lassen sich höchstens noch Neureiche beeindrucken.
Zur Pflicht gehört auch eine Pfeffermühle, gefüllt mit schwarzem Pfeffer. Nur Dilettanten füllen gläserne Mühlen mit kunterbunten Mischungen farbiger Körner. Besonders der rosa Pfeffer – der botanisch gar keiner ist – beweist eindrücklich die Unwissenheit eines jeden Gastgebers. Rosa Pfeffer ist weder scharf noch besonders würzig und eignet sich nur zur Dekoration farbloser Gerichte.
Bereits zur Kür gehört ein gutes Olivenöl. Kaufen sie ihr Olivenöl bei einem Händler ihres Vertrauens. Er sollte sich im Dschungel der Qualitäts- und Herkunftsbezeichnungen auskennen. Und – obwohl der Preis an sich noch keine Qualität garantiert – gönnen sie sich das Teurere. Sollten sie übrigens für einen Liter Motorenöl mehr bezahlen als für einen Liter Olivenöl, dann vergessen sie diesen Text umgehend.

Nicht auf den Tisch gehört Aceto Balsamico. Kaum noch ein Gericht, das nicht auch noch mit Balsamico „veredelt“ wird. Balsamierte Rindsfilets sind an der Tagesordnung, beim Salat ist die undefinierbare Brühe zum reinsten Ärgernis verkommen. Der Balsamico oder „Aceto balsamico di Modena“ war ursprünglich ein absolut aussergewöhnlicher Würzessig. Es gibt ihn natürlich immer noch: Er ist jedoch nur echt mit der Bezeichnung „Tradizionale“ und dem Zusatz D.O.P (Denominazione di Origine Protetta). Ein Tradizionale ist mindestens 12 Jahre alt. Ein Flacon (1 dl) kostet ab Fr. 80.--, ein Extravecchio (mindestens 25 Jahre gelagert) auch mal Fr. 250.--. Was landauf, landab unter dem Namen Balsamico unsere Gaumen beleidigt, ist ein Industrieprodukt billigster Qualität und zweifelhafter Herkunft und nichts anderes als eingekochter, oxydierter und im Schnelldurchgang fermentierter Traubenmost.

Natürlich gibt es auch Gastgeber, die gar nichts aufstellen. Für solche Fälle habe ich immer drei Döschen dabei. Zwei davon sind gefüllt mit Salz und Pfeffer. Mit deren Inhalt – die Döschen selbst stammen aus dem Krämerladen meines Enkels – wird jedes noch so fade Gerichte geniessbar. Sie wollen wissen, was sich im dritten Döschen befindet?
Natürlich Aromat!

Die perfekte Ménage à trois!

 

 

Dienstag, September 01, 2015

Wa(h)lfang

Wale sind geschützt. Ausser in Japan und einigen anderen barbarischen Ländern. Deren Ureinwohner sind derart verfressen, dass sie keinesfalls auf die megalomanen Meeresschnitzel verzichten wollen.
Als man mir vor einigen Jahren auf der kleinen Karibikinsel Bequia einen leibhaftigen Buckelwal vorsetzte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und versuchte die angebliche Götterspeise. Das Gericht erinnerte mich an eine Bouillabaisse aus Napoleons Zeiten und war völlig ungeniessbar.

 


Aber nicht nur Wale, auch Wahlen können einen ganz schön schalen Geschmack hinterlassen. Fröhlich winken bereits wieder National- und Ständeratskandidaten von Plakatwänden und versprechen bessere Zeiten. Ihre populistischen Worthülsen flattern in Form von Beilagen und Beipackzetteln aus der Zeitung auf meinen Frühstückstisch. Verkrampft wirkende Gesichter und hastig geknipste Bildchen buhlen um meine Gunst.

Ich gebe es gerne zu: Wahlen bringen mich regelmässig in Bedrängnis. Da ich den politischen Parteien zutiefst misstraue, kommt eine Wahl nach Parteizugehörigkeit nicht in Frage. Deren vollmundig leeren Versprechungen sind kaum mehr wert als Altpapier.
In der Annahme, dass nur genussfreudige und weltoffene Menschen meine persönlichen Anliegen effizient vertreten können, habe ich mich entschlossen, die Kandidaten auf ihre Genussfähigkeit und Reisefreudigkeit zu überprüfen.

So sind Bewerber, die in Interviews die Frage nach ihrem Lieblingsgetränk mit „Wasser oder Ovi“ beantworten, für mich als Weinliebhaber nicht wählbar. (Pepita würde ich noch knapp akzeptieren.)
Schwärmen sie in der Rubrik „Lieblingsessen“ von Rucola und Balsamico, sind sie gastronomisch nicht tragbar. Sollten solche lukullischen Tiefflieger zudem von ihrem Ikebana-Kurs im Prättigau schwadronieren oder ein Lama-Trekking im Obergoms planen, fehlt es ihnen an Weitsicht und sie fallen als Wahlfänger bei mir durch.

Auch bei missionierenden Chüngelzüchtern bin ich vorsichtig. Sollten solche Kandidaten zudem in der Nähe einer Kirche – möglicherweise sogar in Rothenfluh – wohnen, sind sie für mich nicht wählbar. Auch dann nicht, wenn sie Sarah Jane lieben und nicht Bischof Huonder.

Besonders interessant ist aufgrund der aktuellen Lage folgende, noch nicht veröffentlichte Aussage, eines Nationalratskandidaten:

„Ich beschäftige bei mir zu Hause einen afghanischen Flüchtling, er hat eine Arbeitsbewilligung und ist bei der AHV angemeldet. Ich bezahle sogar seine Krankenkassenprämie und manchmal, wenn’s kalt ist, darf er in unserm Stall schlafen.“ Mein lieber Mann! Als Politiker sollte man besser lügen können!

Aber auch Anhänger der „Booot-ist-voll“-These können bei mir nicht punkten. Die Schweiz zählt nämlich rund 2,4 Millionen Haushalte. Per Ende Juli jedoch nur gerade 4‘410 Asylanten aus Afghanistan. Das wären dann 0,0018375 Afghanen pro Haushalt. Wo also liegt das Problem?