Mittwoch, August 23, 2017

Wie werde ich Eroberer - Aus dem Logbuch eines Inselsammlers 2

Krieg und kaum Frieden
1899 verkauften die Spanier die Inseln den Deutschen. Fortan wurde mit Gewehren und Zwangsarbeit organisiert. Nun waren allerdings unsere Inselmenschen nicht bereit zu «arbeiten». Ganz abgesehen davon, gab und gibt es in ihrer Sprache gar kein Wort für eine solche Tätigkeit. 1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, marschierten die Japaner ein und schmissen die Deutschen hinaus.
Als der Krieg zu Ende war, erhielten die Japaner das Mandat des Völkerbundes, die Inseln zu verwalten. Unter der Bedingung, dass keinerlei Truppen stationiert werden dürfen. Die Japaner warteten der guten Ordnung halber ein halbes Jährchen ab.
Dann aber schlossen sie ihr neues Reich ab und warfen die Schlüssel weit weg. Bald einmal wurden die Inseln zum militärischen Sperrbezirk erklärt, sie wurden zu einem riesigen Militärstützpunkt ausgebaut. Die japanische Flotte nahm sich dieser Aufgabe an, baute Docks, Flugplätze, Wehranlagen, Dampfbäder und Geisha-Häuser.



Die japanische Bevölkerung überwog jetzt die Einheimischen um ein Mehrfaches. Die Insulaner wurden zu Haushaltshilfen, Gärtnern und Kammerzofen ausgebildet und erlebten eine relativ ruhige Zeit. Es gab genug zu essen, man lernte ein bisschen japanisch und lebte glücklich und zufrieden.
Was sich allerdings änderte, als der japanische Kaiser beschloss, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten und die Amerikaner in Pearl Harbour anzugreifen. Wie wir wissen, waren diese ziemlich erzürnt ob des dreisten Überfalls und starteten ihrerseits eine Attacke. Und da sie dies äusserst erfolgreich taten, standen sie im Februar 1943 auch vor unserer Insel. Eigentlich standen sie nicht. Sie schwammen auf Flugzeugträgern. Nach der nun folgenden Operation «Hailstone» und dem damit einhergehenden Bombardement stand nichts mehr auf der Insel; keine Palmen und keine Brotfruchtbäume mehr, kaum noch Taro-Felder. Was blieb, war Hunger, tödlicher Hunger.

Junkfood und Rock and Roll

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten die USA das Mandat, die Inseln zu verwalten. Sie überliessen diese Aufgabe der Navy. Und den Missionaren.
Das Wort Gottes wurde, in Konservendosen, Coca-Cola-Flaschen und Kaugummi verpackt, gepredigt. Man verteilte grosszügig Lebensmittelmarken mit denen man diese feinen Sachen im Missionsladen abholen konnte. Eine ganze Generation gewöhnte sich an Junkfood, Motorboote und Rock and Roll.
Man vergass mit der Zeit, Früchte und Gemüse selber anzupflanzen, niemand mehr konnte Kanus herstellen und das Wissen der pazifischen Navigatoren ging beinahe verloren. Nachdem das Mandat der UNO langsam zu Ende ging, wurde eine Insel nach der andern in die Selbständigkeit entlassen. Man feierte drei Wochen lang.
Als der Zauber vorbei und der Geist wieder nüchtern war, stellte man mit Schrecken fest, dass eigentlich niemand genau wusste, wie so ein Staat überhaupt funktionierte. Und so überliess man den Amerikanern noch so gerne Aufgaben wie die Verteidigung, das Postwesen und andere, arbeitsintensive Aufgaben. Natürlich nicht gratis.
In einer Vereinbarung wurde festgeschrieben, dass die Amerikaner jederzeit die Inseln und die Gewässer militärisch nutzen können. Auf unserer Insel hat sich die amerikanische Armee Gott sei Dank noch nicht blicken lassen. Wobei ich mir fast sicher bin, dass die Missionare mehr Schaden anrichten.

 
Fortsetzung → O’Keefe macht Geld

Dienstag, August 22, 2017

Wie werde ich Eroberer - Aus dem Logbuch eines Inselsammlers 1

Die Föderierten Staaten von Mikronesien (FSM), sind theoretisch eine eigenständige Nation. Sie bestehen aus vier Staaten mit jeweils Hunderten von bewohnten und unbewohnten Inseln. Sie liegen zwischen den Philippinen und Hawaii; von der östlichsten zur westlichsten Insel liegt die ungeheure Distanz von dreitausend Kilometern. Der Verwaltungsaufwand ist demensprechend gewaltig, dessen Nutzen gering. Mikronesien gehört, statistisch gesehen, zu den ärmsten Ländern der Welt. Man kennt zwar keine Hungerarmut, der Hunger nach Bildung und ärztlicher Versorgung jedoch ist gewaltig. Zur Föderation gehören die Inselstaaten Yap, Chuuk, Pohnpei und Kosrae. Von diesen Inseln und ihren Menschen handeln die folgenden Geschichten aus Mikronesien.

Wie werde ich Eroberer

Europa arbeitete sich mühsam durchs Mittelalter. Man schlug sich gegenseitig die Köpfe blutig und auch sonst war allerhand los. Was Hungersnöte und die Pest nicht schafften vollbrachte die katholische Inquisition. Und die ersten Portugiesen zogen aus, die Welt zu entdecken. Da sie dies durchaus gründlich taten, sichteten sie eines Tages auch unsere Inseln. Aber dazu später mehr.
Vorerst sollte die Frage geklärt werden, wie man denn überhaupt Eroberer wurde. Welche Berufslehre eignete sich zur Ausübung dieses Berufes? Diese Frage kann leicht beantwortet werden: Es war völlig egal! Leif Eriksson, der alte Wikinger, war Sohn von Beruf und tat, was sein Vater, Erik der Rote, ihm vormachte. Ein bisschen totschlagen hier, ein wenig erobern dort, in wohlschmeckenden Robbenfellen schlafen und die Wikinger anführen.

Kolumbus schaffte es dank einer Tellerwäscherkarriere vom Schiffsjungen bis zum Admiral und Entdecker Amerikas; Kollege Pizarro wurde als uneheliches Kind einer Magd geboren, blieb Zeit seines Lebens Analphabet und eroberte kurz mal das Inkareich. James Cook war das Kind eines schottischen Tagelöhners und begann seine Karriere als Schiffsjunge.

Die mikronesischen Inseln wurden wohl eher zufällig entdeckt. Es war also nicht so, dass irgendein Berufsentdecker eines schönen Morgens ausrief: Ich werde jetzt Mikronesien erobern!
Ein Wort zur damaligen Schifffahrt: Stellen Sie sich einen mittleren Ausflugsdampfer auf dem Bodensee vor. Und jetzt halbieren Sie ihn, setzen drei Segel oben drauf und packen zweihundert Leute rein. Geschlafen wurde in Dreierschicht, zu essen gab es Sauerkraut (zwecks Vitamin C) und Schiffszwieback (zwecks Beherrschung des Sauerkrauts). Es muss wahrlich ungemütlich gewesen sein!
Zu den üblichen Navigationsproblemen kam hinzu, dass man in diesen Zeiten wenig wusste über Meeresströmungen und Winde. Und so passierte es, dass manche Expedition ein völlig anderes Ziel erreichte. Genau so muss es gewesen sein, als der staatl. dipl. portugiesische Kapitän Alfonso Dublon plötzlich eine völlig unbekannte Insel vor sich sah. Ohne jemanden zu fragen notierte er in seinem Logbuch: «Habe für Vaterland und die heilige Kirche neue Insel entdeckt: Sie heisst ab sofort Dublon».
Eine besondere Landplage waren die nächsten Ankömmlinge: die amerikanischen Walfänger. Sie benutzten einzelne Inseln als Lebensmittellager für ihre Walfangflotten in der Antarktis. Sie brachten sowohl Schweine als auch Hühner mit und überliessen diese den Einheimischen zur flotten Vermehrung.
Gleichzeitig tauchten auch die ersten spanischen Gallonen auf. Die Spanier dachten jedoch nicht daran, die Inseln wirklich in Besitz zu nehmen. Es war die spanische Kirche, die auf Seelenjagd ging. Die Armee half den Pfaffen, die Inseln leidlich zu befrieden, baute üblicherweise eine Kirche und ein Pfarrhaus und verabschiedete sich dann wieder.
Auch britische und deutsche Handelshäuser liessen auf einigen Inseln Filialen errichten. Man handelte mit Kopra, dem getrockneten Fleisch der Kokosnüsse. Man bezahlte anfangs mit Glasperlen und Werkzeugen, später auch mit Gewehren und Schnaps.

→ Fortsetzung folgt

Samstag, August 12, 2017

Die Langweiler vom Dienst

«Bei Euch da oben ist’s doch langweilig!» Diesen Satz sprach unlängst mein Freund Schaaggi. Er wohnt in der Stadt und meinte mit «da oben» eindeutig das obere Baselbiet. Einen solchen Chabis konnte ich natürlich nicht unbeantwortet lassen. Denn – wie Grossvater schon wusste – nur langweiligen Leuten ist’s langweilig!

«Nein mein lieber Schaaggi», konterte ich, «bei uns ‘da oben’ ist ganz schön viel los», und erzählte ihm vom heutigen Morgen, einem schönen Sommertag an einer Quartierstrasse in Sissach. Ich sitze auf dem Balkon, trinke den ersten Kaffee des Tages und warte auf die Post.

Der Zeitungsmann kam bereits um 05.00 Uhr. Etwas später füllte ein privater Prospektverteiler meinen Briefkasten mit Papierschrott. Kurz nach acht sichtete ich den ersten Paketdienst. Anschliessend verteilte Ueztürk bunte Zettel mit seinem neusten Pizzaangebot.

Es ist 09.00 Uhr und die Post ist noch nicht da. Die Müllmänner kesseln lautstark durch die Strasse. Ein Privatpost-Camion flitzt um die Ecke. Der Valserwassermann beliefert den Nachbarn. Der Blumenmann bringt dem Elsi nebenan einen Frühlingsstrauss. Der Erbslimann folgt auf den Eiermann und den Tomatenspaghetti-Mann. Schon wieder ein Pöstler, diesmal mit Dutzenden von Zalando-Paketen für Frau Gfätterli. Noch habe ich keine Post erhalten. Ein Möbelhaus aus Deutschland lädt bei Kummerli’s eine neue Kommode ab. Die Spitex rollt an, ein Krankenwagen erscheint, die Feuerwehr fährt zum täglichen Apéro. Auf der nahen Baustelle hält der Znüniwagen einer Bäckerei; schon wieder die Spitex. Ein Winzer beliefert die Nachbarin. Noch kein Pöstler ins Sicht. Bei M. steht der Wagen vom Elektriker. Ein Holländer holpert mit einem Sattelschlepper voller Blumen durchs Quartier. Der Schulbus holt Kinder, ein Fahrdienst bringt das Elsi zur Dialyse ins Spital, holt Frau Aeberding von der Physiotherapie ab und bringt anschliessend Herrn Schnitterbligg ins Altersheim.

10.00 Uhr Jetzt kommt die Paketpost. Eine Polizeipatrouille fährt vorbei. Sie hält nicht an. Eben ist der Hauswart eingetroffen. Der Nachbar hat seine Briefe im Postfach abgeholt und kommt nach Hause. Ein Taxi fährt vor. Noch eins. Ein Lieferwagen aus Basel fährt die Strasse hoch, es werden wohl die Lachsbrötchen und der Champagner für den Herrn Toggter weiter oben sein.

Express-Postschiff Venedig
12.00 Uhr Der Kindergarten ist aus. Fünf Personenwagen und ein uralter VW-Bus parken die Gegend zu; die Goofen müssen abgeholt werden. Die Wischmaschine ist eben vorbeigefahren. Ein Traktor hält an, Zeitungen werden gesammelt. Morgen kommt die Kleidersammlung. Wo ist mein Briefträger? Ein Auto fährt vor, bitte nicht schon wieder die Mormonen! War da nicht die Sirene eines Krankenwagens zu hören? Von wegen langweilig!

Die Glocken vom nahen Kirchturm verkünden es laut und deutlich: Es ist 14.00 Uhr. Der einzige Langweiler im Dorf ist der Pöstler.

Montag, August 07, 2017

Der Schwur

Während vieler Jahre schrieb ich Gastrokolumnen, Textbeiträge über mehr oder weniger nennenswerte Restaurants und Gasthäuser.

Die Aufträge aus der Redaktion waren jeweils kurz und bündig und trafen wenige Minuten vor Mittag ein: «Krone, Hugelshofen, 1’300 bis 18.00, Inserat». In Klarschrift hiess dies, dass ich bis 18.00 Uhr des gleichen Tages einen Bericht im Umfang von 1'300 Zeichen abzuliefern hatte. Das Codewort «Inserat» meinte, dass der Bericht wohlwollend zu sein habe, da die Krone ein Inserat in Auftrag geben würde.
Die Krone in Hugelshofen aber war kein gastlicher Hof, sondern ein äusserst gastfeindlicher Ort. Ich rief sofort meinen Redaktor an. «Schäff, die Krone ist ein mordsmässiger Sauladen, da kannst du selber hin!» Seine Antwort war deutlich. «Wenn du nicht willst, dann schicke ich eben Kaderli!» Angesichts meiner schwindenden Bargeldbestände änderte ich meine Meinung, packte meine kleine, grüne Olivetti ein, und machte mich auf den Weg nach Hugelshofen.

Ich schrieb den mordsmässigen Sauladen wie gewünscht in ungeahnte Höhen kulinarischer Landschaften, die Köche beförderte ich ins gastronomische Firmament und die Wirtin erhob ich in den angegarten Adelsstand.
Ich fantasierte über die angeblich delikate Madagaskarpfefferblütenmousse, die gemäss Oberkellner mit selbst gepflückten Bocksbartwedeln abgeschmeckt wurde. Und fabulierte über das Hämpfeli frittierter Sauerampferwurzeln, die auf ihrem Bettlein aus japanischem Kukurukukuu friedvoll vor sich hin dufteten. Und von Tubaggsöömli, serviert in ihrem Schränggli voller Trichteranemonen-Sprossen, die meine Geschmackspapillen implodieren liessen. 


Nein, ich war nie stolz auf diese schwülstigen Texte; dem Wahnsinn zugeneigte Köche und hirnverbrannte Gastwirte würden nie zu meinem Freundeskreis gehören! Kurzerhand packte ich meine Olivetti zusammen und schwor beim Barte von Lord Sandwich, nie mehr über Restaurants zu schreiben. Für jüngere Leser: Eine Olivetti ist eine Schreibmaschine. Mit ihr konnte man ohne Strom und Internet ganze Bücher schreiben. Besonders die seltene, grüne Variante verlieh ihrem Besitzer eine Aura von mobiler Professionalität.

Heute aber breche ich meinen Schwur. Angesichts des köstlichen Knochens der vor mir auf dem Teller liegt, fällt mir dies nicht schwer. Dessen Inhalt: butterzartes Mark vom Rind. Der Autor und Produzent der Sendung «Bourdain – eine Frage des Geschmacks», beförderte dieses kurzerhand zur «Butter der Götter». Für Liebhaber grosser Röhrenknochen sind diese jedoch nicht göttlich, sondern schlichtweg der Himmel auf Erden. Sie werden der Länge nach halbiert und im Ofen gegart. Man würzt mit Salz und Pfeffer und serviert sie wahlweise mit frischem oder geröstetem Weissbrot. Damit Sie nicht selber mit der Knochensäge hantieren müssen, reservieren Sie sich jetzt einen Tisch im Alpbad in Sissach.

Sonntag, Juli 30, 2017

Immer wieder Fernweh: Heimweh? Fernweh!

Immer wieder Fernweh: Heimweh? Fernweh!:   Das Gut-zum-Druck liegt vor. Das Cover ist wunderbar, der Buchblock perfekt. Ein letzter Korrektur-Durchgang .... bis Ende August gebe...

Heimweh? Fernweh!

 


Das Gut-zum-Druck liegt vor. Das Cover ist wunderbar, der Buchblock perfekt. Ein letzter Korrektur-Durchgang .... bis Ende August geben wir uns noch Zeit ... und ab 5. September wird es im Handel sein ...

Das ultimative Buch über Fernsicht, Fernweh und Fernschreiber ...
Bleiben Sie dran: Alle Infos lesen Sie auf diesem Blog!

Hanspeter Gsell


Immer wieder Fernweh
Logbuch eines Inselsammlers

 

Montag, Juli 24, 2017

Noch 54 Tage ... dann hat das Warten ein Ende



IMMER WIEDER FERNWEH
 Logbuch eines Inselsammlers
 
Leser erfahren, weshalb ein Pass niemals in der ersten Hälfte eines Monats ausgestellt werden darf und warum es angebracht sein kann, mit Regenmantel, jedoch nie in Trainerhosen zu reisen. Endlich wird sich auch mein Freund Kaderli den Unterschied zwischen Direktflug, Durchzug und Nonstop-Flug merken, und zukünftig jeden Smalltalk mit Nonsens zu Jetlag, Zeitzonen und Luftlöchern bereichern können.
Und wir wissen endlich, was Stand-by bedeutet, weshalb Oberbärte und Dekolletés nicht harmonieren und ob dabei auch geraucht werden darf.
 
Ausführlich widmet sich der Autor Zeitzonen, Augenklappen und Gurkenscheiben, berichtet von Kofferkämpfen und schwarzen Löchern. Weder Schickimicki-Lounges noch Katzentische werden ausgelassen, sogar die Nackenstützen der Marke «Sam der Feuerwehrmann» werden ausführlich gewürdigt.
Sie wissen nicht, ob seekrank auch luftkrank bedeutet und ob man sich bei Ohrenschmerzen wirklich Weingläser über die Ohren stülpen soll? Der Autor ist sich nicht zu schade, Saftschupsen-Beleidiger, Kotztütensammler sowie unrasierte und verschwitzte Trainerhosenträger bloss zu stellen. Ob Meilensammler, Wichtigtuer oder Gruppenreisender: Jeder erhält die Antwort, die er verdient.
Und wir setzten uns mit der überlebenswichtigen Frage auseinander, ob ein Schädelbruch «schlimmer» ist als eine Thrombose, und ob wenigstens ein Gebet zur richtigen Zeit bei der Entscheidungsfindung helfen könnte.
Auch die Frage, ob man nun Economy, Business oder First reisen soll, wird ein für allemal geklärt.
Und, nachdem Sie den Abschnitt über den Duty-free-Verkauf gelesen haben, werden Sie nie mehr einen müden Batzen für unnützen Kram ausgeben.
Auch vor politisch heiklen Fragen scheut sich der Autor nicht und der Leser erfährt, weshalb der allein reisende Mann ein echtes Problem hat und wieso Kleingeld nur umgangssprachlich wirklich klein ist.
Und zum Schluss: Lassen Sie die Doofen zuerst aussteigen, Sie werden diese am Kofferband wieder treffen.

Alle Details zum Buch an dieser Stelle ... kommen Sie wieder!
 

Dienstag, Oktober 18, 2016

Bommel regiert

Bildergebnis für beamter witzig

Es war ein gewöhnlicher Donnerstagmorgen im Juni 2016. Es regnete, so wie es bereits die ganze Woche geschüttet hatte. Genau besehen regnete es seit 27 Tagen, acht Stunden und 3 Minuten. Aber wer möchte das im Nachhinein schon so genau wissen. Der Verlauf des Wetters war höchstens geeignet, Melancholikern und Satirikern einen Lustgewinn zu verschaffen. Normale Menschen, zu denen gehört zweifellos auch Frau Bommel, hatten sich in den letzten Wochen im besten Fall ein Magengeschwür angejammert.

Frau Bommel, nur Freunde dürfen sie «Bommeli» nennen, ist beruflich so etwas wie Hilfsgemeindeverwalterin einer kleinen Baselbieter Gemeinde. Dort ist sie unter anderem für Freinachtbewilligungen, Gelegenheitswirtschaften und Wohnsitzbescheinigungen zuständig. Es ist unschwer zu erkennen, dass es sich hierbei um äusserst kräfteraubende und anspruchsvolle Tätigkeiten handelt. Und so wundert es niemand, dass sie schwer seufzte, als eine elegante Dame mittleren Alters ihr Büro betrat. Nur langsam hob Bommel ihren Kopf, strafte die Erscheinung kurz ab und zischte «Was-wait-ihr?»
Nun, die elegante Dame mittleren Alters hatte beschlossen, ihren Wohnsitz in die kleine Baselbieter Gemeinde zu verlegen. Nach einem Leben in der Stadt wollte sie zurück zu ihren Wurzeln, dorthin wo schon ihre Vorfahren gelebt hatten und angesehene Geschäftsleute gewesen waren. Sie hatte genug von der Stadt, vom Lärm und von der Hektik. Deshalb hatte sie sofort «Ja» gesagt, als ihr eine gute Freundin angeboten hatte bei ihr einzuziehen. Sie hätte, so meinte diese, genügend Platz in ihrem Haus; es lebe sich gut hier, in dieser kleinen Baselbieter Gemeinde inmitten von netten Menschen und Kühen.
Die Dame – sie war nicht nur elegant und mittleren Alters, sondern auch durchaus vermögend – beabsichtigte, sich an diesem regnerischen Donnerstagmorgen auf der Gemeindeverwaltung anzumelden.
«Ich wohne neu in der Vogelwaid 3, bei Tschümperli.»
«Nein, bei Tschümperli wohnen sie nicht», beschied ihr Bommel.
«Ich bin aber letzte Woche bei Tschümperlis eingezogen, also wohne ich jetzt auch bei Tschümperlis. Oder wollen sie mir unterstellen, dass ich lüge?», gab sie leicht genervt zurück.
«Nein. Aber an der Vogelwaid 3 gibt es laut meinem, von mir persönlich verwalteten Wohnungsregister nur eine Wohnung und dort wohnen Tschümperlis. Und genau deshalb können sie dort nicht wohnen! Adieu», zischte Bommel und ging nach Hause.
Und deshalb zahlt die geheimnisvolle Dame auch heute noch ihre Steuern in der grossen Stadt. Hätte Bommel gewusst, wieviel Einnahmen der Gemeinde entgangen waren, so wäre ihr wohl der Kragen geplatzt. Hätte sie zudem geahnt, dass die elegante Dame mittleren Alters immer noch bei Tschümperlis wohnt, dann wäre ihr möglicherweise auch noch die Hutschnur weggeflogen.

 

Mein Fussabdruck gehört mir!

Es muss wohl ein frühkindliches Trauma gewesen sein, das meine Abneigung gegenüber Essensvorschriften geprägt hat.
«Es wird aufgegessen!», sagte die nette Tante, nicht ohne mich auf ein mögliches Fernsehverbot hinzuweisen. Ich dachte an Lassie und Fury und wies die Drohung zurück.
Grossmutter versuchte es auf die sanfte Art: «Wenn du deinen Teller brav leer isst, wird das Wetter schön!» Natürlich unterstand ich mich, sie zu fragen, ob sie denn auch noch an den Storch glauben würde.
«Denk’ an die armen Kinderlein in Biafra!», griff nun der Onkel in den Monolog ein. Als ich mir vorstellte, dass diese Hungerleider vielleicht bereits vor meiner Türe stehen könnten, lenkte ich sofort ein.

Natürlich gab es noch weitere Essensbefehle. «Rüebli! Hast du schon dein tägliches Rüebli gegessen? Du weisst doch, Hasen müssen nicht zu Fielmann!» Kaum war das Gemüse weg, kamen die Früchte an die Reihe.
Bildergebnis für a guinness a day keeps the doctor away«An apple a day keeps the doctor away! – Ein Apfel pro Tag hält den Doktor fern.» Kann sein, aber gegen den Zahnarzt hat es leider nicht geholfen. Und den Apfel kann man auch durch ein Guinness ersetzen …

Neben den Essbefehlen gab es noch eine ganze Suppenschüssel voller Essverbote. So durfte nach den Kirschen kein Wasser getrunken werden. Verschluckte man aus Versehen – oder absichtlich – einen Kirschenstein, wurde man, infolge der unmittelbar bevorstehenden Blinddarment-zündung, direkt ins nächste Spital gefahren.
Ein absolutes Verbot galt ebenfalls dem noch warmen, frischen Brot. Und auch der noch rohe Teig beim Backen war tabu.
Am Abend durfte nichts mehr gegessen werden, weil es angeblich dick mache. Während ich meinen Bauch betrachte denke ich, dass auch dieses Verbot rein gar nichts genützt hat.
Auf Salz musste wegen des Blutdrucks verzichtet werden.

«Wenn du mal 80 bist, wirst du noch an mich denken!»
Stimmt nicht. Ich hatte bereits mit 40 zu hohen Blutdruck. Das strikte Salzverbot verdanken wir der Fehlinterpretation eines Experimentes mit Ratten. Wir müssten uns täglich (!) ein ganzes Pfund Salz einwerfen ...

Heute stehen andere vor der Türe. Weder haben sie Hungerbäuche noch sind sie schwarz. Nein, sie sind gut genährt und grün. Und sie wollen mir ihre Volksinitiative «Grüne Wirtschaft» schmackhaft machen. Man will mir vorschreiben, wie ich mich zu ernähren habe. Fleisch, Fisch und Milchprodukte sollen von meinem Teller verschwinden. «Der «ökologische Fussabdruck» der Schweiz soll – auf die Weltbevölkerung hochgerechnet – eine Erde nicht überschreiten.» Welcher, mit Dyskalkulie gesegnete, Werbetexter hat wohl diesen Wurmfortsatz zusammengebastelt?
Natürlich wird meine Wurst nicht einfach so huschhusch von meinem Teller verschwinden. Dazu braucht es zuerst neue Gesetze, Verordnungen und Vorschriften. Wieder einmal will man mir Essensvorschriften machen! Und wieder einmal werde ich wütend. Mein Fussabdruck gehört einzig und allein mir!

Widewidewitt, bumm, bumm



Ohne wirklich überrascht zu sein, nehmen wir zur Kenntnis, dass die Prämien für die obligatorische Krankenversicherung ein weiteres Mal steigen. Je nach Branchenverband sitzen die Schuldigen in Spitälern, in Arztpraxen oder in Apotheken. Doch nicht überall wird abkassiert, es gibt auch Ausnahmen!
Die heutige Geschichte handelt von zwei uneigennützigen, edlen und grossmütigen Ärzten, die in zwei Spitälern mindestens eine Patientin und einen Patienten aus dem Baselbiet kostengünstig behandelt haben.

Die bevorstehende Operation, so der Professore, werde er natürlich persönlich ausführen. Immerhin handle es sich um einen etwas diffizilen Eingriff. Da wolle er nicht, dass etwas schiefgehe. Nach dem nachmittäglichen Golfspiel bereitete er sich bei einem Glas Laurent-Perrier Brut und einem Lachsbrötchen auf die nächsten Operationen vor. Und wie immer dachte er dabei auch ans Sparen. Deshalb telefonierte er kurz seinem Assistenten und wies ihn an, den für Morgen geplanten Eingriff selber durchzuführen. Weil doch sein Honorar deutlich tiefer sei als das professorale Entgelt. Und schon hatte er dem schweizerischen Gesundheitswesen Kosten in der Höhe eines Kleinwagens erspart! *.
Aus den wohl gleichen Gründen verzichtete man bei der postoperativen Wundbehandlung auf schmerzstillende Mittel und liess die Patientin in ihrem Blute liegen. Tönt zu pathetisch? Mitnichten! Da kennen sie den Dottore noch nicht! Die Bitte nach einem Luftbefeuchter – die Luftfeuchtigkeit im Zimmer betrug unwirtliche 20 % – lehnte er aus Kostengründen glattweg ab.

«Ich möchte nicht schon wieder das schimmlige Gemäuer renovieren lassen. Ganz zu schweigen von der Bettwäsche, die feucht und grau wird.» Sagte es, und entschwand in die Ferien.
Da er dies nicht alleine tat, fehlte auch die Oberschwester. Und somit wusste auch niemand, welche Medikamente die Patientin bekommen sollte. Und deshalb musste auch auf die übliche Austrittsuntersuchung verzichtet werden. Das nenne ich Sparen!

«Elvis lebt!», so der Titel einer spätsommerlichen Gruselgeschichte in der Regenbogenpresse. Ja. Ist ja gut. So wie man Michael Jackson in einem Pfadilager gefunden hat, General Suter in Rünenberg aufgetaucht sei und die SVP Schattdorf Tell auf dem Brunnistock gesehen haben will.

Wahr hingegen ist, dass Nachfahren des berühmten Chirurgen und Quacksalbers Dr. Eisenbarth im Baselbiet wirken.
In mondleeren Nächten sitzen sie unter bemoosten Eichen und singen das alte Trinklied über ihren Vorfahren:
 
Abbildung Notgeldschein Ich bin der Doktor EisenbartIch bin der Doktor Eisenbarth,              
widewidewitt, bum, bum,
kurier die Leut’ auf meine Art,
widewidewitt, bum, bum.
Kann machen, dass die Blinden geh’n,
widewidewitt, juchheirassa,
und dass die Lahmen wieder seh’n,
widewidewitt, bum, bum.

* Verrechnet wurde dann doch das professorale Honorar.
Die Antwort der Krankenkasse nach einem entsprechenden Hinweis: «Widewidewitt, bum, bum.»
 

Freitag, Juli 08, 2016

Vor den Ferien

Es war ein eiskalter Montagmorgen im Frühling 2016. Und als ob dies nicht genügt hätte mir den Tag zu versauen, begegnete ich auf meinem Weg ins Dorf dem alten Kaderli. Ich bin zwar nicht wirklich jünger, aber er sieht einfach viel älter aus. Da nützte ihm auch die ungesunde Studiobräune nichts, die viel zu grosse Sonnenbrille sah schlicht lächerlich aus, sein roter Anorak aus der Boutique verlieh ihm den Charme einer alternden Diva. Kaderli stand vor dem Schaufenster des einzigen Reisebüros und betrachtete die bunten Plakate.

Eigentlich wollte ich ihn nicht ansprechen, die bissige Kälte liess meinen Atem gefrieren. Trotzdem konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und tippte dem Wichtigtuer auf die Schultern.
«Hallo Kaderli. Na, schon Ferien gebucht, wohin geht’s denn? »

Nachdem er sich vom Schrecken erholt hatte, plusterte er sich auf und antwortete etwas überheblich.
«Bambi und ich fahren dieses Jahr nach Fushi…– äh – Bambi, weisst du wie das heisst und wohin wir fliegen? »
Wieso Kaderli seine Frau Bambi nannte, war mir ein Rätsel. Weder war sie ein junges Reh noch herzallerliebst.
Tatsächlich hatten aber Kaderli und Bambi keine Ahnung, in welchem Land denn das ominöse «Fushi-äh» liegt und wussten deshalb auch nicht welche Sprache man dort spricht. Ich empfahl ihnen deshalb, sich danach zu erkundigen und sich gleichzeitig die Hunderter-Regel hinter die Ohren zu schreiben.
Man kaufe sich hundert Tage vor der Abreise ein Wörterbuch, lerne jeden Tag ein Wort und bereits nach wenigen Wochen wird man lustige Unterhaltungen führen können. Man vergesse Konjugation, Deklination und andere grammatikalischen Hürden. Man lerne nur die wichtigsten 10 Verben in ihrer Grundform, «ja und nein», «kalt und warm» sowie 86 Substantive. Diese können je nach Befindlichkeit selbst ausgesucht werden. Damit können nun lustige Sätze wie «Wollen Bier», «Haben Durst», «Suchen Trinkhalle» ausgesprochen werden.
Natürlich werden sie mit diesen Worten keine Diskussion über den Genitiv führen können. Und es wird ihnen auch nicht gelingen, einem Beduinen die Richtlinien des «Eidgenössischen Amts für die Gleichstellung von Mann und Frau» zu erklären. Aber vielleicht werden sie sich im italienischen Hotel nicht mehr die Hände verbrühen, weil sie «caldo» wieder einmal mit «kalt» verwechselt haben. Am besten reden sie eh so wenig wie möglich und -- so leise wie möglich. In gewissen asiatischen Ländern ist ein allzu lautes Auftreten nämlich absolut tabu: Sie könnten glattweg das Gesicht verlieren. Und wie wollen sie dieses je wiederfinden, so ganz ohne Fremdsprachen!

Seien sie auch vorsichtig mit der Deutung von Kopfbewegungen. Schüttelt ein alter Grieche den Kopf und sagt dazu anhaltend «Ne!» dann meint er damit «Ja». Würde er «Nein» meinen, täte er nicken und ein gutturales «ochi, ochi» rufen. Daran sollten sie denken, wenn ihnen demnächst ein Einheimischer vor der Akropolis beim Einparken hilft.
 

 

Donnerstag, Juni 09, 2016

Madame Pompadour und der Tauchlehrer

Madame Pompadour und der Tauchlehrer
 
Die Îles des Saintes – die Inseln der Heiligen – sind eine Inselgruppe in der Nähe von Guadeloupe. Hier haben wir getaucht, uns ausgeruht, manchmal geträumt und ab und zu etwas getrunken.

 
Wir wurden von unserer Gastgeberin mit einem Citroen Méhari, dem vielleicht hässlichsten Fahrzeug der Welt, am Flugplatz der Insel Terre-de-Haut erwartet. Wir setzten uns auf eine schattige Holzbank vor dem kleinen Hotel und sahen uns um. Ein Einheimischer kam auf uns zu, murmelte uns an und schlurfte weiter.

„Ich wusste gar nicht, dass es weisse Neger mit roten Haaren gibt!“
„Man sagt nicht Neger!“ antwortete mir meine Frau.
„Ja, ich weiss, schwarze Neger sind politisch nicht korrekt. Aber der ist doch weiss! Es ist ein weisser Neger. Und weisser Neger darf man sagen“, versuchte ich, sie zu korrigieren.
„Nein. Darf man nicht!“
„Nein?“
„Nein!“

Tatsächlich lebt auf der Insel Les Saintes ein äusserst eigentümlicher Menschenschlag der weder schwarz noch weiss, weder rot noch gelb ist. Vor vielen Hundert Jahren haben sich hier Normannen und Bretonen (rothaarig, bleichgesichtig) angesiedelt. Kaum waren sie angekommen, fraternisierten sie mit den einheimischen Karibern (dunkelhaarig, braungesichtig). Dazu kamen im Laufe der Zeit Sklaven aus Afrika (das Wort das man nicht sagt, kraushaarig, schwarzgesichtig), etwelche Holländer (blond, käsegesichtig), Pariser (überheblich, grauhaarig und graugesichtig).

Und so kommt es, dass hier manche Menschen holländische Plattfüsse, rotes Kraushaar, afrikanische Lippen und französische Stupsnasen haben.

 

Madame Pompadour und der Monitöör

Nicht so unsere Gastgeberin, Madame Pompadour. Natürlich hiess sie in Wahrheit nicht so. Doch ihr hoheitsvolles Auftreten, der königlich-laszive Schritt und die edlen Tropenroben liessen vermuten, dass sie sich im Hinterzimmer noch irgendeinen Nachfahren von Louis Quatorze hielt.

Wir fragten die Pompadour nach Gérard, dem Besitzer der Tauchbasis.

„Tauchbasis? Auf der Insel gibt es keine Tauchbasis“, meinte sie trocken und wischte sich mit ihrer beringten Hand ein imaginäres Salzkorn von der Nasenspitze.
„Es muss aber eine Tauchbasis geben. Ich habe bereits gebucht und für die Ausflüge mit Gérard bezahlt.“
„Non. Keine Tauchbasis“, sagte sie und verschwand.
Ich überlegte mir, ob ich mich ein wenig echauffieren sollte, liess es angesichts der Hitze jedoch wohlweislich sein.

Da an diesem Tag die Küche bei Madame Pompadour kalt blieb, machten wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. Die Entscheidung war einfach: Nur das Papillon, der Schmetterling, hatte geöffnet.
Dort trafen wir die Inselprominenz bei Bouillabaisse und Entrecôte. Wir machten Bekanntschaft mit Louis (nicht mit Quatorze sondern mit dem Apotheker), seiner nicht so heimlichen Geliebten Giselle (der Zahnärztin) und Gérard, dem Tauchlehrer.

Also doch! Madame hatte uns schamlos angelogen, es gab eine Tauchbasis auf der Insel. Der alten Vettel würde ich mal was erzählen! Doch Gérard beruhigte mich.
„Weisst du, als die alte Tauchbasis zum Verkauf stand, hat sich auch Madame Pompadour dafür interessiert. Aber Pierre wolle nur mir verkaufen, er stammt aus Poitier, wie ich. Und nie und nimmer hätte er an eine Pariserin verkauft!“

Tauchen mit Gérard

Wir erlebten wunderbare Tage auf der kleinen Tauchbasis von Gérard. Sie liegt in einer einsamen Bucht mit Sicht auf die umliegenden Inseln. Nur vor den Palmen musste man sich in Acht nehmen.

„Der Ton ist scheusslich“, meint Gérard.
„Welchen Ton meinst du denn?“ fragte ich ihn.
„Sssschhttq!“
„Sssschhttq?“
„Genau, Sssschhttq! So tönt es, wenn eine Kokosnuss auf einen Schädel trifft. Ich war mal dabei, als ein Kalb von einer Nuss erschlagen wurde. Grauenhaft!“

Wir setzten uns trotzdem unter eine Palme (Gérard meinte mit Kennerblick, dass die Nüsse noch nicht reif seien) und tranken einen Petit Punch. Weisser Rum (viel), Rohrzucker (auch viel) und Limonen. Alles in einem kleinen Schnapsglas durchgequirlt und ex und weg. Nach dem dritten Glas holte sich Gérard seine Gitarre aus der Bretterbude und machte mal den George Brassens. Der anschliessende Tauchgang war, sagen wir es einmal so: Unkonventiell und wider jeden gesunden Menschenverstand! Er verstiess gegen alle Regeln, war trotzdem wunderbar, jedoch in keinem Fall nachahmenswert!

Auf der Insel Les Saintes heissen Tauchlehrer übrigens Moniteur (Monitöör). In Mallorca nennt man sie Führer (nein nicht Der), manchmal auch Divemaster, Instruktor oder Guide. Dieser Guide nun spricht sich französisch Giid, amerikanisch Gaid, in Italienisch Guiida aus.

Die Freizeitbeschäftiger

Da nicht jeder Leser des Tauchens kundig ist, hier ein kleiner Seitenhieb auf die Gattung der Tauchlehrer. Zusammen mit Ski-, Tanz- und Surflehrern gehören sie zur Familie der Freizeitbeschäftiger. Sonnengebräunt, mit blondierten Haarsträhnen, einem Hunderternagel an der Brustwarze, bringen sie edelbleichen Jungmädchen das lebensgefährliche Hobby bei. Sollten seine abendlichen Verführungsversuche keinen Erfolg zeigen, kann er der Trotzliese beim nächsten Tauchgang ein wenig die Luft abstellen oder ihr die Tarierweste aufblasen. Das führt immediat zu lustigen Situationen die nur mittels Mund-zu-Mund-Beatmung wieder ins Lot gerückt werden können.

Diese Spezies findet man mit grösster Wahrscheinlichkeit in einem Etablissement mit der Aufschrift „Tauchbasis.“ Dieser Name aber weckt ja gewisse Vorstellungen. Ein Hauch Pfadfinder, vielleicht sogar eine Prise Militär. Auf einer Basis gibt es Instruktoren, Lehrer und Führer. Jawohl! Nun, das mag in wenigen Einzelfällen sicher stimmen. Ich habe jedoch in der Karibik und in Afrika Basen gesehen, die verdienten nicht einmal den Namen „wackelnde Jammerbuden“.

Auf französisch sprechenden Inseln nennt man diese Rosthaufen dann sinnigerweise Club de Plongée. Tönt eh viel familiärer als „Basis“. Ausnahmsweise sind es die Amerikaner, die hier am ehrlichsten sind. Da nennt man das Ding sinngemäss Dive-Shop. Und obwohl das Wort „Shop“ verschiedene Bedeutungen haben kann: hier meint man mit Shop eindeutig den Laden. Denn bevor man ins Wasser kann, wird man zuerst durch einen Supermarkt für Tauchartikel geführt. Hier kann man sich mit den neusten Gadgets, Artikeln, die man auch nicht braucht, eindecken. Letzte Saison war neongelb die Modefarbe, dieses Jahr lindengrün. Oh Gott, wie fühle ich mich alt mit meinem grauen Taucheranzug! Auch Brille und Schnorchel sind nicht assortiert, meine Flossen von Muränen und Haien zerbissen.

Wenn man den Versuchungen erfolgreich widerstanden hat, kommt der nächste Schritt. Minutiös werden Tauchbrevets, medizinische Atteste und Logbücher überprüft. Anschliessend geht’s zur Kasse. 2 Tauchgänge, Picknick, Miete einer Unterwasserlampe, ritsch-ratsch und 150 Dollar sind abgebucht.

 
Menschen sind auch nur Haie

Nach dem Geschäftlichen wird’s dann ernst. Das amerikanische Anwaltsunwesen muss ich niemandem erklären. Tatsächlich lauern hinter gebleichten Korallenstöcken, manchmal getarnt als Gitarrenhaie, amerikanische Anwälte auf ihre Opfer. Sie warten nur darauf, dass einem etwas Böses widerfährt.

Ob ein übergewichtiger Texaner frontal in ein nicht gekennzeichnetes Wrack hinein schwimmt oder ein frömmelnder Jüngling aus New York von einem Nemo unsittlich gestupst wird: Dr. Dive übernimmt den Fall, verklagt den Diveshop auf locker 10 Millionen.
Deshalb müssen sich Tauchunternehmer entsprechend absichern. Bevor jemand ins Wasser springt, müssen deshalb seitenlange Formulare ausgefüllt werden. Per Unterschrift verzichtet der Taucher auf jedes Recht, den Inhaber, Betreiber, Lizenzinhaber, Tauchdirektor, Leasing- und Franchisenehmer des Diveshops für oder gegen irgendetwas haftbar zu machen.
Auch wenn Kunden von einem Tauchbegleiter heimtückisch hinterrücks erschlagen werden. Aufgrund der Unterschrift wird sich der Kunde nämlich dafür verantworten müssen, den Tauchbegleiter nicht daran gehindert zu haben, ihn – den Kunden - zu erschlagen.
Solche Taten werden nach texanischem Recht mit dem Tod durch Ertrinken bestraft.

 

Sonntag, Mai 22, 2016

Bürger Gsell

1978 erschien der Film «Die Schweizermacher». Regisseur Rolf Lyssy nimmt darin die schweizerische Einbürgerungspraxis aufs Korn: Emil Steinberger und Walo Lüönd brillieren als gnadenlose Einbürgerungsbeamte.

1979 zügelte ich mit meiner Familie nach Sissach. An eine Einbürgerung dachte ich nicht: Das Altersheim im bernischen Rüeggisberg schien mir durchaus passabel, die vielen Miststöcke im Dorf störten mich nicht. Auch die Tatsache, dass mein Bürgerort an einem der Hauptwege des Jakobswegs nach Santiago de Compostela liegt, interessierte mich als Nichtwanderer nicht besonders.

36 Jahre und ein paar Monate später aber änderte ich meine Meinung. Obwohl ich mich längst als Sissacher fühlte: Jetzt wollte ich auch einer werden! Ich studierte die Gesetze und Verordnungen, stellte fest, dass ich die wesentlichen Anforderungen erfüllte und schickte den Einbürgerungsantrag ab. Noch aber war ich mir nicht sicher, ob das alles wirklich so problemlos ablaufen würde. Immerhin war ich in jüngeren Jahren in die DDR gereist. Ob ich damals geheimdienstlich erfasst wurde? Stand in meiner Fiche obendrein, dass ich einige Zeit in Beirut gelebt hatte und von dort aus Aleppo und Damaskus besucht hatte? Ich trank damals, in der Nähe eines Minaretts und inmitten von Muselmanen, mit einem Mullah ein Tässchen Pfefferminztee. Sicher würde man dies alles überprüfen!

Während ich mir im Dorf einen Aperitif genehmigte, beobachtete ich heimlich die Umgebung. Heimlich deshalb, weil ich mir die Volksstimme vor den Kopf hielt und durch ein Loch schielte. Eben ging Tännli vorbei, begrüsste Chnorzi und Battli, hielt einen kurzen Schwatz mit Klick. Auffällig lange starrten sie auf meine Volksstimme. Und als sich dann auch noch Bibi, Bubu und Bippli an den Nebentisch setzten wusste ich es: Ich wurde überwacht! Gottseidank hatte ich Eptinger bestellt und nicht einen ausserkantonalen Sprudel! Zwei unauffällige Schlapphüte wandten allzu auffällig ihre Köpfe ab. Der Mann auf der Strassenwischmaschine hielt an und kehrte die Überreste einer Drohne zusammen. Sollten sie doch prüfen so viel sie wollten! Ich hatte ein ruhiges Gewissen. Obwohl, man hat mich als Vierzehnjähriger auf einem frisierten Puch erwischt und manchmal habe ich hinter dem Gemeindeschopf einen Rösslistumpen geraucht…Tempi passati!

Heute nun bin ich endlich Sissecher Bürger, war schon im Schloss Ebenrain, im Kino und auf der Fluh, kenne den Cheesmaier, das Henker- sowie das Heimatmuseum. Ich weiss wer JR ist und auch, dass der Abt gar kein Abt ist. Ich kaufe das Brot auf dem Bure Märt, den Aperitif gibt’s im Stöpli, das Kalbssteak in der Sonne und die Aussicht im Alpbad. Und ich weiss auch, dass in Sissach mehr Menschen namens Buser als Sutter oder Schaub wohnen. Nur Gysin’s – vereint mit den Gisin’s, Gisi’s und Gysi’s – gibt’s noch mehr.
Zwischen all den i’s und y’s hatte es für einen Gsell problemlos noch Platz.

 

 

 

 

 

Samstag, Mai 21, 2016

Der Tag danach

Immer nach Ostern bin ich tief beeindruckt von der Preisschlacht unter den Schoggihasen. Kostete solch ein Ding VOR den Feiertagen 20 Franken, ist es nachher noch ganze 10 Franken wert. Wartet man noch etwas zu, gibt’s das Vieh glattwegs für einen Fünfliber. Stellen sie sich vor, SIE wären ein Osterhase! Da ist doch ihr ganzes Selbstbewusstsein weggeblasen! Was folgt, sind Selbstzweifel und Depressionen! Habe ich meine Steuererklärung etwa zu früh eingereicht? Wäre es günstiger gewesen, sie erst nach Pfingsten abzuliefern?

Der Osterhase von Pulau Pef / Raja Ampat ..Danke Maya!

Und wie steht’s eigentlich mit Tante Marthas Drohung «Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! »? War das auch wieder nur Erpressung? Habe ich ihretwegen ein Leben lang zu viel bezahlt für das Schokoladenvieh? Rein rechnerisch komme ich auf einen Verlust von über 500 Franken! Dabei hat mich Tantchen noch nicht einmal beerbt! Obwohl sie reich war. Sehr reich sogar. Und das kam so:

 Ihr Vater hatte als Müller ein Vermögen verdient. Er besass nämlich eine gutgehende Getreidemühle und belieferte unzählige Bäckereien mit Mehl. In Zeiten grosser Not gab er bedürftigen Bäckern auch mal ein Darlehen für einen neuen Backofen. Konnte der arme Bäcker die fälligen Raten nicht mehr bezahlen, machte er kurzen Prozess und übernahm den Betrieb für weniger als nichts.

Tante Martha mahlt schon lange kein Getreide mehr, sondern lebt ganz gut von den vielen Immobilien. So weit, so gut. Doch Tante Martha ist nicht nur sehr reich, sondern auch geizig. Schuld daran sind, wie könnte es auch anders sein, die bösen Eltern, eine schwierige Jugend sowie ein paar Blumen.
Martha war vielleicht 8 Jahre alt, als sie ihre Mamma zum Muttertag beschenken wollte. Sie erschlug hinterrücks ihr Sparschein, ging in die nobelste Blumenboutique der Stadt und kaufte das teuerste Bouquet.
„Für Sie, Frau Mutter!“ stammelte sie und wollte ihr die Blumen überreichen. Sie kam nicht dazu. „Martha“, sagte sie. „Martha, so wird nie etwas aus dir!“ Da Frau Mutter sie nur selten beim Namen nannte, befürchtete sie das Schlimmste. Sie hatte recht.
Frau Mutter – nie hätte sie diese Frau „Mamma“ genannt – versetzte ihre Arme in Pendelbewegungen, gab ihr eine gewaltige Ohrfeige und drohte, ihr auch noch die Ohren stehen zu lassen.
„Nimm dir ein Vorbild an deinem Vater. Der kaufte den Strauss immer erst NACH dem Muttertag. Dann kosten Blumen nur noch die Hälfte! Und vergiss die Boutique, Blumen kauft man beim Discounter. Und überhaupt, der Muttertag ist eine Erfindung der internationalen Blumenhändlermafia, also vergiss gleich den ganzen Mist. Oder kauf dir wenigstens Plastikblumen, die kannst du mehrmals verwenden!“

 
Natürlich gibt es Tage, die man unter keinen Umständen vorbeigehen lassen sollte. Gestern war so ein Termin, gestern war Bürgergemeindeversammlung. Weshalb ich diese nicht verpasst habe, erfahren sie am 20. Mai an dieser Stelle.

 

 

 

 

Freitag, Mai 20, 2016

Erdbeben in Trinidad

Eigentlich wollten wir zum Karneval nach Rio de Janeiro. Als unser Freund Dottore Umberto dies hörte, erbleichte er und hielt uns eine Gardinenpredigt.
      „In Rio ist es viel zu gefährlich für allein reisende Schweizer. An der Copacabana lauern Taschendiebe, die Girls von Ipanema sind auch nicht mehr was sie einmal waren und in den Favelas lauern Mörder und Totschläger. Ich begleite euch, mein Cousin der in Brasilien lebt, wird unser Führer sein.“
Leider kam es nicht dazu.
     „Der Cousin ist im Krankenhaus, ihr müsst den Karneval verschieben“, beschied uns der Dottore. „Taschendiebe haben ihm den Geldbeutel geklaut (Copacabana), das Girl (aus Ipanema) kam ihm am Strand deutlich zu nahe, verschleppte ihn in die Favelas, wo sie ihn mit ihrer Handtasche bewusstlos schlug und ausraubte.“
Da auch Umberto den Karneval nicht verschieben konnte, flogen wir stattdessen nach Port of Spain auf der Insel Trinidad. Denn dort sollte es mindestens so wild her und zu gehen wie an der Basler Fasnacht und am Karneval in Köln. Einfach ein bisschen heisser.

Das Erdbeben weckte uns um drei Uhr nachts. Im Badezimmer klapperten die Zahngläser, eine Tube Zahnpasta fiel auf den Boden. Die Fensterscheiben zitterten und in der Ferne war ein dumpfes Grollen zu hören. Augenblicklich entnahm ich meinem Reisegepäck das Merkblatt des schweizerischen Erdbebendienstes.
      "Sofort den nächstgelegenen, sicheren Platz aufsuchen.“ Wir warfen uns unter das Bett.
„Auf starke Beben können in zeitlich unregelmässigen Abständen Nachbeben folgen“. Wir blieben unter dem Bett.
      „Einrichtungsgegenstände können umkippen.“ Wir blieben unter dem Bett. „Deckenverkleidungen können sich ablösen.“ Wir blieben unter dem Bett.

Nachdem die Erde seit Stunden nicht mehr gebebt hatte, krochen wir unter den Betten hervor und gingen frühstücken. Auf einem Bildschirm lief eine Nachrichtensendung: Kein Erdbeben, nicht einmal ein kleines Seebeben, hatte die Insel heimgesucht. Es war kein geologisches Ereignis gewesen das uns aus unsern Betten gebebt hatte. Nein, es herrschte Karneval! Ein menschliches Beben hatte die Stadt erfasst, Menschen stapften durchschwitzt zu den Beats von Soca und Samba durch die Strassen, prachtvolle Wagen und Kostüme beherrschten die Gassen. Ein unvorstellbares Klangerlebnis erwartete uns. Dumpfe Trommeln und Unmengen von Steeldrums verursachten eine orgiastisch instrumentalisierte Kakophonie. Wir taumelten durch den Tag und dachten weder an Rosenmontag noch Aschermittwoch. Solche Gedanken hätten nur irritiert.

Sammler

Nach drei Tagen Karneval flogen wir weiter zur Nachbarsinsel Tobago, der Insel aller Sammler. Deren bekannteste Abteilung sind wohl die Schmetterlingssammler. Mit Netzen und bunten Botanisierbüchsen bewaffnet hüpfen sie durch hüfthohes Gras. Haben sie dann endlich ein Exemplar im Köcher, wird es umgebracht um später zuhause an die Wand genagelt zu werden.

Zur gleichen Gattung gehören die Fischsammler. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass ihr Sammeltrieb meistens nur einem einzigen Fischlein gehört. Meistens sind es irgendwelche Liliput-Fische wie Pygmäen-Seepferdchen, die sich hinter Steinen, grossen Muscheln oder Korallenblöcken verstecken. Der Sammler muss diese unentwegt aufheben und umdrehen. Um an Land dann mit Sätzen wie „Du glaubst nicht, was ich gesehen habe“ zu frohlocken. Er wird allen die es auch nicht hören wollen, den Unterschied in der Färbung der Afterflosse bei den juvenilen Graubarschen im Westpazifik gegenüber ihren Artgenossen im Südpazifik erklären. Zurück an Land wird er sein Bestimmungsbuch („Alle Fische dieser Welt“) aufschlagen. Um beim Abendessen zu erklären, dass er eben eine neue Fischart entdeckt habe. Er hat sie bereits mit Farbstiften in sein Heft gezeichnet. Der Fisch soll nach seinem österreichischen Entdecker „Geheimrat-Doktor-von-Platschensky-Barsch“ heissen.
Aber auch für ökologisch interessierte Taucher ist Tobago ein Paradies. Sie lassen gerne ein ganzes Hotel an ihren umweltpolitischen Erkenntnissen teilnehmen.
      „Ich denke, dass mindestens 60 % der Korallen ausgebleicht und tot sind.“ Liebevoll reinigt er alles, was ihm unter Wasser verschmutzt vorkommt. Mit Hilfe von Druckluft aus seinem Atemregler entfernt er schleimige Braunalgen von lieblichen Matrosenhirnen. Man erkennt ihn an Merksätzen wie: „Freizeittaucher sind eine Umweltkatastrophe. Ich habe gesehen wie diese amerikanische Tussi mit ihren Flossen auf eine seltene Rotkopfalge der Gattung der Braunen Schwellalgen aus der Familie der braunblättrigen Küstensumpfalgen auf die Extremitäten gestanden ist.“ Obwohl ich ihm entgegnen wollte, dass Küstensumpfalgen meines Wissens nicht über Extremitäten verfügen, verzichtete ich auf eine Wortmeldung.

 

Doppelschwanzwiderling

Kaum waren wir in Tobago gelandet, wurden wir einmal mehr von einem Taxi abgeholt. Und einmal mehr hiess der Fahrer John, trug Sonnenbrille und war ansonsten nett. Er brachte uns ins Hotel. Und wieder einmal wollten wir träumen, tauchen und manchmal etwas trinken.

Auf Tobago tummeln sich jede Menge Unterwasserfotografen. Diese verpacken ihre umfangreiche Ausrüstung (deren Anschaffungskosten locker den Preis eines Kleinwagens übersteigen) in bruchsichere Überseekoffer. Die Kosten für das Übergepäck entsprechen in etwa zwei Sätzen Winterreifen. Der Bedarf an Unterwasserscheinwerfern, Speziallampen und den entsprechenden Stativen ist enorm. Fotografen sind deshalb auf Träger angewiesen. Sie überlassen diese Aufgabe meistens ihren nicht tauchenden Ehefrauen. Da es ungleich schwieriger ist, einen Hai oder einen Manta als eine Nacktschnecke zu verewigen, haben sich viele Fotografen auf die sogenannte Makrofotografie verlegt. Solang die Luft reicht, liegen sie regungslos und getarnt hinter einer Muschel und warten darauf, dass der kleine gelbe Doppelschwanzwiderling seine Höhle verlässt und sich ablichten lässt. Sie hassen es, wenn man ihnen nach dem Tauchgang von den Grauhaien erzählt, die hinter ihrem Rücken einen Hochzeitstanz aufgeführt haben.



Man sollte zu Unterwasser-Fotografen immer Distanz wahren. Durch einen unbedachten Flossenschlag würde man nämlich den endlich aufgetauchten Fisch in die Flucht treiben. Solche Taten können zu wüsten Ausschreitungen an Bord ausarten.

No problem!

Selbstverständlich unternahmen wir auch Exkursionen über die Insel. Unser ständiger Begleiter: John, der Taxifahrer. Und auch am Tag unserer Rückreise stand er vor unserem Hotel: John, der Taxifahrer.

Er hielt unmittelbar vor den ersten Schaltern in der Abflughalle, riss unser Gepäck aus dem Wagen und stellte es auf die Waage. Er wog es und füllte den Gepäckzettel aus. Anschliessend verschwand er in einem Nebenraum und kleidete sich um. Die schicke Uniform, die ihn jetzt als Angestellten des Flughafens auswies, stand ihm gut. Er setzte sich an den Computer, druckte unsere Bordkarten aus und übergab sie uns lächelnd. Wir wollten ihm danken, doch er war bereits wieder verschwunden.

Als wir uns dem Flugzeug näherten, ertönte eine Hupe. Ich drehte mich um und wollte eben ein paar gotteslästerliche Flüche ausstossen, da erkannte ich John. Auf seinem Wägelchen ruhte unser Gepäck. Während wir das Flugzeug bestiegen, sahen wir, wie er unser Gepäck mit Schwung ins Gepäckabteil beförderte und anschliessend die Klappe schloss. Einen Augenblick später sahen wir ihn im Cockpit und ich machte mir langsam Sorgen. Diese hätte ich mir jedoch für einen späteren Zeitpunkt sparen können. Denn nach wenigen Minuten verliess John das Flugzeug wieder über die Bordtreppe und machte dem Piloten ein Zeichen. Er winkte uns ein letztes Mal zu und die Piloten gaben Gas.

Kaum in der Luft, gab es ein Problem. Ganz offensichtlich war die Türe nicht richtig geschlossen worden. Sie wackelte heftig und verursachte eigenartige Geräusche. Der Copilot schien davon jedoch nicht beunruhigt. Mit einem Kalberstrick band er die lotternde Türe am nächstgelegenen Sitz fest und bedeutete mir, ihn doch zu rufen, wenn’s ein Problem geben sollte.

Es gab keine.
No problem!