Montag, Januar 14, 2019

Ulithi 38 Abgründe II


Gestern dachte ich über Begegnungen nach, über Menschen, denen wir auf unseren Reisen begegnet sind. Nicht immer waren es nette Menschen. In meinem Zettelkasten fand ich, unter der Rubrik «Unglücke und Verbrechen», einen Hinweis mit der Überschrift «Marguerite».

 
Abgründig: Paradiesische Morde II
(Erster Teil siehe Ulithi 37)

 
Marguerites Redefluss war nicht zu stoppen gewesen, so dass Yefgeni sie kurzerhand mit einer geraden Linken ruhiggestellt hatte. Der Bischof war von dieser Tat nicht sonderlich begeistert und holte vorsorglich das «kleine Gepäck». Darin befand sich, neben diversen Bibeln, Traktätchen und Kreuzen, auch eine gut assortierte Auswahl verschiedener Öle. Doch bevor er zur letzten Ölung schreiten konnte, erwachte Marguerite, setzte sich auf und fragte den entsetzten Bischof: „Waren sie auch schon in Bora Bora? Ich schon dreimal, geil!“

Am dritten Tag hatten wir genug von Marguerite und jemand sprach den folgenschweren Satz: „Wir sollten SIE umbringen.“

Yefgeni war begeistert und begann schon mal sein Messer zu schleifen. Dagegen jedoch wehrte sich sowohl der Bischof als auch der Fürst.
«Nein! Kommt überhaupt nicht in Frage! Keine Metzeleien und abgeschnitten wird schon gar nichts! Es soll alles ganz natürlich erscheinen.»

Tja, aber welche natürlichen Todesarten kamen denn auf einer kleinen Insel am Arsch der Welt in Frage? Ertrinken? Könnte sie bei ihrem nächsten Tauchgang einfach so mal ertrinken? Bei einer Schnorcheltour von Salty, dem inseleigenen Salzwasserkrokodil, verspeist werden oder aus dem gemieteten Kajak fallen und von der Strömung weggetragen werden? Beim Spaziergang von einer Kokosnuss erschlagen zu werden schien doch so einfach zu sein! Es soll hier ja auch giftige Frösche geben …

Wie bei solchen Meetings üblich, brach man es zu später Stunde ergebnislos ab und beschloss, sich morgen Abend wieder konspirativ zu treffen. Doch ETWAS sorgte dafür, dass es nicht dazu kam.

Am nächsten Morgen fiel der Bischof aus dem Kajak und wurde von der Strömung Richtung Australien getrieben, der Fürst wurde kurze Zeit später von einer Kokosnuss erschlagen. Turi fühlte sich nach dem Mittagessen schlecht, dachte kurz an Frösche, und ging über den Jordan. Yefgeni erschoss sich versehentlich, als er seine Maschinenpistole reinigen wollte, der Herr Kommerzialrat unterschätzte die Beisslust von Salty, dem Salzwasserkrokodil. Als Scholastika, seine Frau, ihn aus dem Rachen der Bestie retten wollte, wurde sie von einer unbekannten Person ins Wasser gestossen.


Als sie ein letztes Mal auftauchte erkannte sie das hässliche, verwaschene Gesicht von Marguerite. Ihre roten Augen flackerten irrlichtern durch die Mangroven. Sie seufzte leise, als sie den Kopf der Kommerzialratsgattin zurück ins Wasser drückte.

Hanspeter Gsell
"Storyteller" of the Year 2019, Yap-State (FSM)



 

 

 

 

 

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.