Donnerstag, Januar 24, 2019

Volksstimme Kolumne Januar 2019


Nur Ludmilla nicht

Viele Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen regelmässig Gastrokolumnen. In vielen Fällen überlässt man diese Aufgaben Praktikanten und Lehrlingen und somit jungen Menschen mit einem unerhört reichen kulinarischen Erfahrungsschatz.

Fast immer wird entweder äusserst positiv, mehrheitlich positiv oder zumindest positiv- überrascht berichtet. Waren die Erfahrungen eher negativ, verzichtet man auf eine Veröffentlichung. Ich finde solche Entscheidungen sehr weise: Denn, wo gearbeitet wird, geschehen Fehler; wo gekocht, serviert und Gastfreundschaft zelebriert wird, ebenso. Kein Koch soll in die Pfanne gehauen werden, nur weil an diesem Tag einfach gar nichts geschmeckt hat. Es könnte ja auch durchaus sein, dass der Kritiker mit dem linken Bein zuerst aufgestanden ist und deshalb selbst einen schlechten Tag zu verbuchen hat.
Allerdings müsste dieser Grundsatz auch umgekehrt angewendet werden. Nur weil ein Abend aussergewöhnlich war, sollte niemand in den Himmel gelobt werden. Es könnte ja
sein, dass der Kritiker eben den Schweizer Buchpreis erhalten hat und ihm seine Dauerverlobte endlich die Ehe versprochen hat.
In der Praxis heisst dies: Einmal ist keinmal: Jeder bekommt eine zweite Chance.
Nur Ludmilla nicht.
Ich muss gestehen, ich weiss nicht mehr, wie sie wirklich hiess. Aber «Ludmilla» passt ganz gut. Es war ein düster-nebliger Abend in der Provinz. Nach einem anstrengenden Tag suchten wir einen ruhigen Platz; ein netter Drink, ein Glas Wein und ein erfrischendes Bier standen auf unserer Wunschliste. Ich verlangte die Weinkarte und tippte auf einen Schweizer Weisswein.
«Nicht chaben», antwortete die Wirtin, die wie gesagt, möglicherweise Ludmilla hiess.
«Kein Problem», entgegnete ich, «dann eben ein Glas Chardonnay.
«Nicht chaben.»
«Gut, dann sagen sie mir doch einfach, was sie chaben.»
«Nein. Du sage wasse wolle, ich mach’ so, oder so.» Bei «so» nickte Ludmilla, bei «oder so» schüttelte sie den Kopf.
Nachdem sie während einer halben Stunde den Kopf geschüttelte hatte, sagte sie plötzlich: «Chabe Binogridscho.»
«Chabe? Bringe!», antwortete ich und war ob meiner seltsamen Aussprache überrascht. Wo um Himmelgottswillen waren wir hingeraten?
Nachdem mir Ludmilla den Pinot grigio serviert hatte, warf sie sich in Pose und verkündete stolz: «Cheute Abend ich singe!».
Ludmilla bestieg die Bühne und testete die Mikrofone: «Test, Check, Quietsch.»
Hinter den umfangreichen Bühnenaufbauten war sie kaum zu sehen, was ihr jedoch nicht zum Nachteil gereichte. Denn Ludmilla war von der Natur etwas vernachlässigt worden, oder aber, sie hatte die Fliehkräfte des eigenen Fleisches unterschätzt.
«Begrisse alle Menschen hier und jetzt ALLE singen!»
Sie stimmte atemlos das gleichnamige Lied von Helene Fischer an.
«Und jetzt alle!» Die Zuschauer reagierten sprachlos.
«Und jetzt ALLE!», tönte es atemlos von der Bühne.
Ich schaute mich um. Wir waren allein, atmeten aber meines Wissens noch.
«Und jetzt ALLE!»

«Ja doch. Wir gehen. ALLE!»
Ludmilla bekommt keine zweite Chance.



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