Samstag, Januar 03, 2015
Brotfrucht aus Ik
Im
Jahre 1564 verliess einmal mehr eine spanische Armada die Heimat in
Richtung Asien. Klarer Auftrag auch diesmal: Gewürze, Gold und
Ländereien für das Königshaus. Mit dabei war auch die San
Lucas unter dem Kommando von Kapitän Alonso de Arellano.
Es
war möglicherweise der 6. März 1565 als der Ausguck, ein junger
Seemann unbekannten Namens jedoch spanischer Abstammung, die kleinen
Inseln entdeckte. Sein erlösender Aufschrei hallte über das Schiff.
Selbstverständlich wissen wir nicht mehr, was er denn genau gerufen
hat. Da er den Ausruf mit grösster Sicherheit in einem
mittelalterlichen spanischen Dialekt tat, hätten wir es eh nicht
verstanden und so legen wir uns auf ein laut gebrülltes „Land
ahoi!“ fest. Kaum hatten sie ruhiges Wasser erreicht, kam auch
schon ein Begrüssungschwadron an gepaddelt und überreichte
Gastgeschenke: Kokosnüsse, Fische und abgehangene Brotfrüchte. Wer
schon einmal solche fermentierten Früchte gerochen hat, wird diesen
Höllengestank nie mehr vergessen! Und so können wir verstehen dass
der Seemann einen Schreikrampf bekam, aus Wut in die Reling biss und
sich ins Wasser stürzte. Nur mit Mühe konnte man ihn davon
abhalten, zurück nach Spanien zu schwimmen.

Der
Brotfruchtbaum stammt ursprünglich aus Südostasien, heute findet
man ihn in tropischen Gebieten rund um die Erde. Aus dem Holz haben
die alten Polynesier ihre Kanus gebaut, die Hawaiianer nutzten es zum
Bau von Surfbrettern. Die Frucht selbst wiegt gute 2 kg und kann wie
Kartoffeln zubereitet werden. Die in der Frucht enthaltenen Samen
werden geröstet und zu Mehl gemahlen. Und damit wiederum kann Brot
gebacken werden. Aber auch Geschichte hat sie geschrieben, unsere
tropische Riesenkartoffel. Nachzulesen im Buch „Die Meuterei auf
der Bounty“.
Samstag, Dezember 27, 2014
Pfeffer aus Ambon
Nach einer
kurzen Überfahrt sind wir im Hafen von Ambon, gelandet. Diese Insel
war über Jahrhunderte hinweg das weltweite Zentrum des Anbaus von
exotischen Gewürzen wie Gewürznelken, Muskatnüssen und –
Pfeffer! Wir befanden uns ganz offensichtlich in dem
Land, wohin mich mein Geschichtslehrer des öfteren wünschte: im
Pfefferland. Allerdings stritten sich noch
andere Weltgegenden um diese Auszeichnung. So zum Beispiel die
indische Malabarküste. Aber indische Kaufleute hatten den dort
heimischen Pfeffer bereits vor langer Zeit auch nach Indonesien, auf
die Molukken gebracht und diese auch erstmals „Gewürzinseln“
genannt.
Wieder einmal
wurden einige Holländer sehr reich: Pfeffer wurde zeitweise mit Gold
aufgewogen. Als sich dann auch noch die Apotheker einmischten und
Pfeffer als Aphrodisiakum anpriesen, da kam man in Holland kaum mehr
nach mit dem Geldzählen.
Die durch den Gewürzhandel reich gewordenen Kaufleute nannte man übrigens verächtlich „Pfeffersäcke“, ein auch heute noch gebräuchlicher Begriff für reiche, rücksichtslose und machtgierige Menschen.
„Wo ein Gewürz
ist, ist auch ein Krieg“, mögen sich die Holländer 1623 gedacht
haben und luden wieder einmal ihre Flinten. Man überfiel die auf
Ambon bereits heimisch gewordenen Portugiesen und legte sich der
Einfachheit halber auch gleich noch mit den Engländern auf der
Nachbarinsel an. Man folterte diese ein wenig und haute ihnen
anschliessend die Köpfe ab.(Warum nur kommt mir diese Geschichte so
bekannt vor?)
Die durch den Gewürzhandel reich gewordenen Kaufleute nannte man übrigens verächtlich „Pfeffersäcke“, ein auch heute noch gebräuchlicher Begriff für reiche, rücksichtslose und machtgierige Menschen.
Pfeffer
kann fast ausnahmslos überall in der Küche verwendet werde. Ob grün
(aus
unreifen Früchten gewonnen) schwarz (aus
reifen Früchten) oder weiss (geschälter, schwarzer Pfeffer): die
berühmte Prise Pfeffer macht manchmal den Unterschied.
Noch
bis Ende Januar berichtet Hanspeter Gsell von den indonesischen
Gewürzinseln.
Samstag, Dezember 20, 2014
Zimt aus Makassar
Seit 3
Wochen sind wir unterwegs in der indonesischen Inselwelt. Heute
machen wir Station in Makassar, Süd-Sulawesi, wir sind auf der Suche
nach Zimt. Dieses Gewürz wird aus der getrockneten Rinde des
Zimtbaums hergestellt. Man benutzt nur die dünne Innenschicht unter
der Borke, die sich, getrennt vom Holz, zur bekannten Zimtstange
zusammenrollt.
Zimt ist
wohl eines der ältesten Gewürze der Welt, laut Aufzeichnungen wurde
es bereits vor 5000 Jahren in China verwendet. Da wir die Chinesen
kennen, ahnen wir, dass sie es nicht nur als Gewürz verwendet haben.
Zimt kam bei allerhand magischen Ritualen zum Einsatz.
Beeindruckt hat mich vor allem die „Geld-komm-her“-Zeremonie. Man zündet eine Zimtstange an, zieht sich das Räuchlein durch das linke Nasenloch, und schwuppdiwupp, kommt Geld daher. Zumindest bei Vasco da Gama, dem portugiesischen Seefahrer, der das wertvolle Gewürz 1498 erstmals auf dem Seeweg nach Europa brachte, hat es wohl gewirkt. Er wurde nicht nur wahnsinnig reich, sondern gleichzeitig auch noch Vizekönig von Indien.
Beeindruckt hat mich vor allem die „Geld-komm-her“-Zeremonie. Man zündet eine Zimtstange an, zieht sich das Räuchlein durch das linke Nasenloch, und schwuppdiwupp, kommt Geld daher. Zumindest bei Vasco da Gama, dem portugiesischen Seefahrer, der das wertvolle Gewürz 1498 erstmals auf dem Seeweg nach Europa brachte, hat es wohl gewirkt. Er wurde nicht nur wahnsinnig reich, sondern gleichzeitig auch noch Vizekönig von Indien.
Wie
Nelken, Muskatnuss und Pfeffer, spielte auch der Zimt im Mittelalter
eine wichtige Rolle als Heilmittel. Ob gegen Beulenpest, Fusspilz
oder Durchfall. Was man noch nicht wusste: Zimt, bzw. dessen
Inhaltsstoff Cumarin, kann ganz schön giftig sein. Und so könnte es
sein, dass manch ungeliebter Thronfolger dem Zimt zum Opfer gefallen
ist. Heute besteht kaum mehr Gefahr, wenn Sie echten Ceylon-Zimt
verwenden. Und einen solchen benötigen Sie während der kommenden
Weihnachtszeit. Kein Glühwein, kein Lebkuchen und keine Basler
Läckerli gelingen ohne Zimt!
Die
Wettervorhersage für morgen in Makassar: Sonnenschein, Temperaturen
bis 38 Grad, Wind aus westlicher Richtung, Wassertemperaturen 28
Grad.
Definitiv
kein Glühwein-Wetter.
Noch
bis Ende Januar berichtet Hanspeter Gsell von den indonesischen
Gewürzinseln.
Samstag, Dezember 13, 2014
Muskat aus Seram
Auf unserer Expedition durch die Molukken, auch Gewürzinseln genannt, sind wir heute auf Seram eingetroffen. Diese Insel war im 16. Jahrhundert der einzige Ort auf der Welt, wo Muskatbäume wuchsen. Muskatnüsse aber waren in Europa heiß begehrt. Als auch noch das Gerücht die Runde machte, sie wären die einzige wirksame Medizin gegen die Pest, war der Goldrausch nicht mehr aufzuhalten. Und so standen eines Morgens nicht nur die Spanier, die Portugiesen und die Engländer, sondern auch die Holländer vor der Türe. Die aber brachten die Inselbevölkerung kurzerhand um und importierten ein Regiment Zwangsarbeiter. Um das Monopol auf den Muskathandel sicher zu stellen, rotteten sie die Muskatbäume auf fast allen andern Gewürzinseln aus. Mit diesem brutalen Vorgehen sicherten sie sich den Handel mit dem würzigen Nüsschen für die nächsten 150 Jahre. Und wurden dabei ganz schön reich.
Nur
die kleine Molukkeninsel Run blieb in britischem Besitz und sollte es
im 17. Jahrhundert für kurze Zeit zur Berühmtheit schaffen: Die
Briten tauschten sie nämlich 1667 gegen die holländische Insel
Manhattan ein!
Muskatnussbäume
werden bis zu 18 Meter hoch. Ihr Samen, die Muskatnuss, wird sowohl
als
Gewürz wie auch als Droge verwendet. Den Samenmantel nennt man
fälschlicherweise Muskatblüte. Was mich jedoch überhaupt nicht
stört, handelt es sich doch dabei um das Macis. Ohne Macis aber
keine Weisswurst!
In der Küche wird normalerweise frisch geriebene Muskatnuss verwendet, da ihr Aroma leicht flüchtig ist. Unerlässliche Krönung jedes Kartoffelgerichts, kein Kartoffelstock ohne „Mutschgetnuss“!
In der Küche wird normalerweise frisch geriebene Muskatnuss verwendet, da ihr Aroma leicht flüchtig ist. Unerlässliche Krönung jedes Kartoffelgerichts, kein Kartoffelstock ohne „Mutschgetnuss“!
Und
kein Läckerliteig kommt ohne diese Königin der Gewürze aus!
Und
da Muskatnuss zu guter letzt auch noch als Aphrodisiakum gilt, kommt
doch dem Basler Läckerli eine ganz andere Bedeutung zu!
Noch
bis Ende Januar berichtet Hanspeter Gsell von den indonesischen
Gewürzinseln.
Samstag, Dezember 06, 2014
Nelken aus Ternate
Aus
Westpapua kommend, sind wir auf der Insel Ternate in den nördlichen
Molukken gelandet. Die Portugiesen hatten die Insel anfangs des 16.
Jahrhunderts in Besitz genommen. Man interessierte sich vor allem für
den Nelkenbaum, der ausschliesslich hier wuchs. Kurz darauf kamen
auch die Spanier angesegelt. Bedauerlicherweise
mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass die Portugiesen die
Gewürzinseln samt Nelkenbäumen als ihren Besitz betrachteten. Diese
einseitige Sichtweise und die althergebrachten Befindlichkeiten
provozierten umgehend unerfreuliche Seeschlachten. Dabei hatte doch
bereits 1494 der Papst die koloniale Welt per Federstrich an Portugal
(Osten) und Spanien (Westen) verteilt.
Der
Vertrag war allerdings ein stümperhaftes Machwerk. Da der Kilometer
noch nicht erfunden worden war, mass man die Distanzen in Leguas.
Praktischerweise unterschied sich jedoch eine spanische deutlich von
einer portugiesischen Legua.
Und noch etwas hatte man übersehen: Irgendwann trifft der Osten
wieder auf den Westen. Zum Beispiel auf den Gewürzinseln. Für die
Spanier lagen diese klar und deutlich im Westen, für die Portugiesen
einwandfrei im Osten. Und beide hatten recht! Die Rechthaberei nützte
beiden nichts. Beide wurden 1663 von den Holländern rausgeschmissen.
Unter den Niederländern entwickelte sich Ternate zum Zentrum des
Anbaus der Gewürznelke.
Die
Gewürznelken
sind die getrockneten Blütenknospen
des Nelkenbaums. In der Küche verwendet man sie zum würzen von
Fleisch- und Fischgerichten. Sie gehören auch in ein Curry und
…..in Basler Läckerli!
Während
sich mein Blick im tropischen Nachthimmel verliert, drehe ich mir
eine indonesische Nelkenzigarette. Dazu summe ich das Wiegenlied von
Brahms.
„Guten
Abend, gut' Nacht
mit
Rosen bedacht,
mit
Näglein besteckt....“
Noch
bis Ende Januar berichtet Hanspeter Gsell von den indonesischen
Gewürzinseln.
Samstag, November 29, 2014
Vanille aus Papua
Wir
warten in Sorong, im Westen Neu-Guineas, auf unsere Weiterreise zu
den Gewürzinseln. Sorong, die Hauptstadt der indonesischen Provinz
West-Papua liegt quasi auf dem Äquator; Sie wollen gar nicht wissen
wie heiss und feucht es hier ist. Eine ihrer Schwesterstädte ist
Nuuk, die Hauptstadt von Grönland; Sie wollen auch nicht wissen wie
kalt und feucht es dort sein kann.
Lange
bevor sich leichtgläubige Europäer von durchtriebenen
Immobilienhändlern in Florida nutzloses Sumpfland andrehen liessen,
hatten bereits andere die gleiche Idee. Die Mutter aller
Immobilienhaie war der Franzose Charles Bonaventure du Breil.
Mit
nutzlosen Versprechen gelang es ihm rund tausend Europäer zu
überzeugen, ihm ihr Gut und Geld anzuvertrauen. In Neu-Guinea,
fernab vom krisengeschüttelten Europa, wollte er das Königreich
„Neu-Frankreich“ errichten.Zu spät erkannten die Kolonialisten
den Betrug: Das vermeintliche Tropenparadies entpuppte sich als
malariaverseuchtes Sumpfgebiet.
Neu-Guinea
ist ein wichtiges Anbaugebiet einer ganz besonderen Orchideen-Gattung
namens Vanilla. Aus deren Kapselfrüchten entstehen in einem
äusserst aufwändigen Verfahren die vertrauten Vanilleschoten. Was
wäre eine Bayrische Crème ohne den exotischen Hauch der Vanille! In
der modernen Küche kommt sie auch bei Fisch- und Fleischgerichten
zum Einsatz. Hauptaromaträger ist die Schote selbst. Man schneidet
sie der Länge nach auf und kratzt die Samen und das sie umgebende Öl
– das Mark – heraus. Diese Aromastoffe löst man durch Auskochen.
Vanillezucker stellt man her, indem man eine Schote für einige
Wochen in einem Glas mit Zucker luftdicht aufbewahrt.
Nichts mit
Vanille zu tun hat übrigens der Vanille-Rostbraten. Diese
österreichische Spezialität wird aus Kostengründen mit Knoblauch
gewürzt.
Noch
bis Ende Januar berichtet Hanspeter Gsell von den indonesischen
Gewürzinseln.
Samstag, November 22, 2014
Die Gewürzinseln
Das
Eldorado aller Gewürzfetischisten liegt in Indonesien, zwischen den
Inseln Sulawesi und Neuguinea. Waghalsige Seefahrer hatten die
Molukken im 16. Jahrhundert entdeckt. Bereits am nächsten Morgen
führten Portugiesen, Spanier, Holländer und Engländer blutige
Kriege um die Vorherrschaft über das grüne Gold.
Was hatte
die Seefahrer dazu gebracht, die halbe Welt zu umsegeln, dabei
unvorstellbare Qualen und Strapazen zu erleiden, nur um „Gewürze
zu entdecken“? War es der gleiche Trieb, der heute Menschen dazu
bringt, den Amazonas von der Quelle bis zur Mündung zu
durchschwimmen oder freihändig den Mount Everest zu besteigen?
Tauchen
wir kurz ein in das Europa des 16. Jahrhunderts. Die meisten von uns
waren arme Bauern und litten nicht nur unter der Schwarzen Pest ,
sondern waren vor allem immer eines: hungrig. Denn noch hatte Herr
Linde den Kühlschrank nicht erfunden. Sie werden es ahnen: Kaum
hatten wir den Wochenendvorrat bei Aldi eingekauft, war schon
wieder alles vergammelt.
Wohl konnte
man Salz kaufen und das Fleisch einpökeln. Und auch die
Räucherkammer kannten wir bereits. Aber irgendwann hatte man einfach
genug von versalzenem Fleisch und den ewigen Rauchwürsten. Als
einfache Bauern nahmen wir dies zwar gottgegeben hin, nicht jedoch,
wenn wir Könige waren. Da man weder Lardo di Collonato noch
Rucola kannte, servierte man ein Soufflée au Muscat
oder vielleicht eine Mousseline au Clous de Girofles. Diese
beiden Zutaten hingegen, die Muskatnuss und die Gewürznelke, waren
rar geworden in jenen Zeiten. Und so sprach König Carlos V von
Spanien eines Morgens: „Man möge schnell mal ein paar Inseln
entdecken und Gewürze mitbringen, die dem Wohle des Königreichs
dienen sollen.“
Der
gute Karl wird wohl eher an sein eigenes Wohl gedacht haben.
Sonntag, November 16, 2014
Montelupo
Wir erreichen Montelupo um die
Mittagszeit. Der Schulbus hat eben eine Ladung Schüler ausgespuckt,
auf lärmigen Motorrädern fahren die ältern Jugendlichen nach
Hause, verbeulte Cinquecentos brummeln gemächlich durch die engen
Gassen. Türen fallen krachend ins Schloss, aus offenen Fenstern
rufen Mamas und Nonnas nach Kind und Kegel. Zwei Traktoren liefern
sich ein Rennen. Dann wird es ruhig. Der Dorfpolizist zieht seinen
Hut aus und lockert den Gurt, setzt sich zu Maria in die Bar „Roma“.
Nicht nur Montelupo, ganz Italien verfällt in die tägliche
Mittagsstarre. Die Welt könnte untergehen, in Italien würde man
nichts davon merken. Nach zwei Gläsern Frizzante und einer Schale
gesalzener Erdnüsse fragen wir Maria nach dem Weg zu Stefano
„Zu Stefano wollt ihr? Zu welchem
Stefano?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Kein
Problem! Bei der Kirche links, beim nächsten Rotlicht rechts, an der
Schule vorbei und dann scharf links. 2 Kilometer geradeaus, bei
Traktor zweimal rechts und schon seid ihr bei Stefano! Ciao!“
„Aber in Montelupo gibts gar keine
Rotlichter!“ meinte der Polizist.
„Halt die Klappe!“ antwortete
Maria. „Was weisst denn du schon! Früher gabs eins bei der
Gemeindeverwaltung!“
Ich liebe Italien! Nie hätte
irgendeine Maria gesagt, sie hätte keine Ahnung wo irgendein Stefano
wohne. Und hätte ich sie nach der oberen Rheingasse, dem Spalenberg
oder der Gundeldingerstrasse gefragt, sie hätte mir sofort eine
Wegbeschreibung gegeben. Sie hätte mir auch noch anerboten, mein
klapperndes Auto zu reparieren, mir dabei die Aufstellung der AS Roma
anlässlich des letzten Testspiels gegen Verona aufgesagt und alle
Politiker in Rom zum Teufel geschickt.
Natürlich wussten wir, wo Stefano
wohnte. Aber das Strassenfindungsritual in Italien ist einfach zu
schön, um es auszulassen.
Noch mehr Texte aus Montelupo, Wigoltingen und andern eigenartigen Orten finden Sie hier:
Sonntag, November 09, 2014
Gsell.schafft: Kolumnen: Depesche von Dante
Gsell.schafft: Kolumnen: Depesche von Dante: „Guten Wein suchst du? Dann musst du beim alten Parmiggiani in Castellina vorbeischauen“, meinte Umberto. „Ich werde ihm gleich eine Depesch...
Depesche von Dante
„Guten
Wein suchst du? Dann musst du beim alten Parmiggiani in Castellina
vorbeischauen“, meinte Umberto. „Ich werde ihm gleich eine
Depesche übermitteln“ fuhr er fort und steckte sich eine
Toscanelli an. Ohne die Gefahr zu ahnen – die „Depesche“ hätte
mich warnen müssen – machten wir uns auf den Weg. Nachdem wir uns
mehrfach verfahren hatten, bemerkten wir das von Umberto erwähnte
Schild mit den Initialen P.P..

Wir folgten dem von Zypressen gesäumten Weg und erblickten ein schlossähnliche Anwesen. Der Haushofmeister hatte die Schweizer Fahne gehisst und erwartete uns bereits. Mit einer tiefen Verbeugung hiess er uns willkommen. Nachdem er meine Visitenkarte studiert hatte, gab er den Bläsern ein Zeichen. Als die Fanfare von den Zinnen ertönte, öffnete sich das Tor und heraus trat der alte Parmiggiani. Hinter ihm schwebte die Signora und klapperte heftig mit ihren Wimpern. „Benvenuto – Benvenuto!“ rief sie begeistert. „Darf ich ihnen mein klein‘ Gärtchen zeigen?“ Die Ansprache duldete keinen Widerspruch und wir folgten der Signora durch den Palastgarten. Tausende von Rosen in allen Farben verströmten betörende Düfte. Im Teich tummelten sich Karpfen, in der Orangerie blühten Orchideen und in den exotischen Bäumen krächzten Papageien. Auf einer Anhöhe blieb Signora stehen, streckte ihre Hände gen Himmel und begann in fremden Zungen zu sprechen. Der Redeschwall war beträchtlich und ich beriet mich derweil mit meiner Frau, wie wir uns aus den Fängen dieser Verrückten befreien könnten. Die Signora schien unser Missbehagen gespürt zu haben und beendete ihre Litanei mit den Worten: „Dante – die göttliche Komödie, in russischer Sprache. Wenn sie möchten, könnte ich dieses wunderbare Werk auch noch in französischer oder finnischer Sprache rezitieren.“
Wir folgten dem von Zypressen gesäumten Weg und erblickten ein schlossähnliche Anwesen. Der Haushofmeister hatte die Schweizer Fahne gehisst und erwartete uns bereits. Mit einer tiefen Verbeugung hiess er uns willkommen. Nachdem er meine Visitenkarte studiert hatte, gab er den Bläsern ein Zeichen. Als die Fanfare von den Zinnen ertönte, öffnete sich das Tor und heraus trat der alte Parmiggiani. Hinter ihm schwebte die Signora und klapperte heftig mit ihren Wimpern. „Benvenuto – Benvenuto!“ rief sie begeistert. „Darf ich ihnen mein klein‘ Gärtchen zeigen?“ Die Ansprache duldete keinen Widerspruch und wir folgten der Signora durch den Palastgarten. Tausende von Rosen in allen Farben verströmten betörende Düfte. Im Teich tummelten sich Karpfen, in der Orangerie blühten Orchideen und in den exotischen Bäumen krächzten Papageien. Auf einer Anhöhe blieb Signora stehen, streckte ihre Hände gen Himmel und begann in fremden Zungen zu sprechen. Der Redeschwall war beträchtlich und ich beriet mich derweil mit meiner Frau, wie wir uns aus den Fängen dieser Verrückten befreien könnten. Die Signora schien unser Missbehagen gespürt zu haben und beendete ihre Litanei mit den Worten: „Dante – die göttliche Komödie, in russischer Sprache. Wenn sie möchten, könnte ich dieses wunderbare Werk auch noch in französischer oder finnischer Sprache rezitieren.“
Wir zeigten kein
Interesse, verliessen den Garten durch den Karpfenteich und
beschlossen, fortan ein Leben ohne Wein zu führen.
Noch mehr Geschichten von schwebenden Gräfinnen, weitere Texte und Informationen
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Sonntag, November 02, 2014
Hurni trinkt

Hurni trinkt gern. Und viel. Eine Weinmesse bedeutet für ihn Schlaraffenland, Garten Eden und Säuferparadies. Er ist deshalb Stammgast an jeder Veranstaltung, welche ihm die Chance für einen günstigen Rausch bietet. Man sieht es Hurni nicht an, dass ihn nur der Alkohol nicht jedoch der Wein interessiert. Er ist gut angezogen, wirkt seriös und kann wunderbar Geschichten erzählen. Geschichten von der baldigen Hochzeit seines Sohnes mit einer landadeligen Schönheit. Geschichten von einem Fest mit mehr als 300 Gästen. Und er erzählt jedem Weinhändler, dass er ganz persönlich hier und heute den Wein für den Anlass zu kaufen gedenke. Er rechnet mit locker 300 Flaschen, zusätzlich Champagner, natürlich. Er würde dann morgen mit seinem Sohn vorbei kommen, heute jedoch die Weine schon mal vordegustieren. Was er dann auch ganz ordentlich tut, und sich Glas um Glas, Flasche um Flasche hinter die Binde schüttet.
Pünktlich am nächsten Tag erscheint er mit seinem Sohn. Und wieder erzählt er die Geschichte von der wundersamen Hochzeit, von seiner künftigen Schwiegertochter sowie 300 Flaschen, zusätzlich Champagner, natürlich. Der Sohn aber steht teilnahmslos daneben, sagt gar nichts und schüttet sich Glas um Glas, Flasche um Flasche hinter die Binde. Gegen Abend haben sie mehreren Walliser Weinbauern, drei spanischen Weinhändlern sowie diversen andern Anbietern versprochen, sie stünden in der Endauswahl und man würde dann morgen oder übermorgen die Bestellung abschliessen. Ob sie denn einige Flaschen mitnehmen könnten, fragten sie. Dann könne man zu Hause nochmals nachdegustieren. Man würde dann morgen vorbeikommen.....
Fröhlich
wankten sie von dannen und wurden nie mehr gesehen. Nur wer genau
hinsah auf dem Nachhauseweg, erblickte die beiden auf einer Bank am
Claraplatz. Zusammen mit einigen Ureinwohnern feierten sie den
gelungenen Abend.
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Freitag, Oktober 24, 2014
Wer kork denn da?
Jedem Weinliebhaber ist es wohl schon
so ergangen: Der Kellner hat eine Flasche geöffnet und bittet den
Gast, den Wein zu degustieren. Schmeckt er wie er schmecken sollte,
hat er Korkgeschmack oder stimmt sonst was nicht? Eine nicht immer
einfache Angelegenheit!
Der Sommelier eines bekannten
Restaurants hat mir folgende Geschichte erzählt: Sie handelt von
einem durchaus erfolgreichen Unternehmer der eine Gruppe von Freunden
regelmässig zum Essen einlädt. Er wollte sich nicht nur als
Unternehmer, sondern auch als Gourmet und Connaisseur profilieren –
sich einen Namen machen. Wie bei jedem Besuch gab er die erste
Flasche Weisswein mit der Begründung "Der Wein korkt!"
zurück. Nach dem ersten Schluck aus der neuen Flasche meinte er
"Wunderbar. Wie schön, dass man auch im Dézaley den
Barrique-Ausbau entdeckt hat. Ober! Einschenken!" Der Kellner
schenkte die übrigen Gläser voll, der erfolgreiche Unternehmer
brachte einen Toast aus, man prostete sich zu und trank. Der Wein
aber hatte einen mordsmässigen Korkgeschmack, war, so der Sommelier,
eigentlich untrinkbar. Diesen Korkgeschmack aber hatte der
erfolgreiche Unternehmer zum Barrique-Aroma verklärt.
Wie aber erkennt man Korkgeschmack? Es
gibt Menschen, die am Korken riechen nachdem sie ihn herausgezogen
haben. Nützt gar nichts! Ich habe an fauligen Zapfen gerochen, der
Wein war wunderbar. Ich habe an perfekten Zapfen gerochen, der Wein
war untrinkbar. Ich habe Weine degustiert, die einen deutlichen
Korkgeschmack auswiesen, nach einer halben Stunde war er weg. Der
Höhepunkt: Ich degustiere einen Wein und deklariere ihn als
wunderbar, nach ein paar Minuten schmeckt er nach Kork. Tja.
Probieren geht über studieren. Zum
Beispiel an der Basler Weinmesse. Das Verb „korken“ sollte man
jedoch nicht verwenden. Auch wenn der Ausdruck „er hat Zapfen“
sprachlich nicht korrekt ist: Zapfen bleibt Zapfen.
Alle Kolumnen, Texte und Bücher von Hanspeter Gsell finden Sie auf www.gsellschafft.blogspot.com
Donnerstag, Oktober 16, 2014
Degustieren in Mailand
Wir
waren zu einer Weindegustation in Mailand eingeladen. Der bekannte
Winzer, Önologe und Wichtigtuer Dottore Ettore Strozzi di Napoli
wollte uns seine neusten Weine kredenzen. Um uns Journalisten auch
richtig auf den Anlass einzustimmen, wurden wir im edelsten Hotel der
Stadt einquartiert.
Bereits
die Ankunft vor dem ehrwürdigen Palazzo war denkwürdig. Ich stoppte
den Wagen genau neben dem roten Teppich. Noch bevor ich den Motor
abgestellt hatte, wurden wir von zwei Pagen in nordkoreanischen
Generalsuniformen umzingelt. Der grössere, ich tippte auf
Schuhgrösse 64, riss die Fahrertüre auf und salutierte. Der
kleinere öffnete meiner Frau galant die Beifahrertüre und hauchte
einen angedeuteten Handkuss. Ein Feldwebel hatte in der Zwischenzeit
den Kofferraum geöffnet, stellte unser Gepäck auf einen vergoldeten
Pollerwagen und brachte uns auf unser Zimmer.
Die
Degustation fand in der Fechthalle eines altehrwürdigen Klubs, dem
„Circolo delle Rose“, statt. Da gemäss den Statuten aus dem
Jahre 1498 nur Männer Zutritt zu den heiligen Hallen hatten, stand
Dottore Ettore Strozzi di Napoli vor einem ernsthaften Problem. Denn
ich weigerte mich standhaft, meine Frau in irgendeinem Salon
zwischenzulagern.
Es
kam zu einem unblutigen Staatsstreich und der gesamte Klubvorstand
trat zurück. Eine Militärjunta, zusammengesetzt aus einem
pensionierten Offizier der Carabinieri, einem subalternen Mitarbeiter
der Guardia di Finanza sowie dem früheren Hausmeister der
benachbarten Postamtes übernahm das Territorium.
Es
war gegen Mitternacht, als ich zusammen mit meiner Frau den Fechtsaal
betrat. Sowohl die andern Gäste als auch der Gastgeber hatten sich
längst wieder verabschiedet, der adlige Oberkellner schnarchte leise
vor sich hin. Da wir ihn nicht wecken wollten, schlichen wir aus dem
Haus und machten uns von dannen.
mehr zum weinen...und zu Weinen
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Donnerstag, Oktober 09, 2014
Suser
Ein leuchtend
gelbes Plakat verunstaltet die Eingangstüre zur Gaststube. „Suser
past. im Stadion“. Was will man uns damit sagen? Was soll hier in
welches Stadion passen? Dass es sich beim Gestalter dieser Affiche um
eine Person mit akzentuierter Schreibschwäche handelt, ist unschwer
zu erkennen.
Erst vor rund 150 Jahren brachte der Franzose Louis Pasteur Licht ins Dunkel der sausenden Säfte. Dank der von ihm entwickelten „Pasteurisierung“, der kurzzeitigen Erhitzung auf 100 Grad Celsius, gelang es, eine Gärung zu verhindern oder jederzeit zu stoppen. Man konnte ab sofort Sauser in einem bestimmten Stadium pasteurisieren, ihm das Leben entziehen. Somit ist pasteurisierter Sauser ein önologischer Kastrat, ist weder Fisch noch Vogel, ist nichts, gar nichts.
Was ist eigentlich Suser? Um das Rätsel
zu lösen, tauchen wir ab ins 16. Jahrhundert, bzw. ins Idiotikon,
ins Schweizer Wörterbuch. Hier finden wir folgenden, durchaus
allgemein gültigen Satz: „Suser ist der Saft nit grad der ersten
zyt wyn, sunder zum ersten most, darnach suser, zuletst erst wyn.“
Sauser (Suser) ist also noch kein Wein, sondern
aus Trauben gepresster Most, dessen alkoholische Gärung gerade
begonnen hat. Sauser nennt man ihn, weil er im Glas – und manchmal
auch in den Gedärmen – so schön „saust“. Man nennt ihn auch
„Neuer Wein“, manchmal Rauscher (Südtirol), Sturm (Österreich),
Bitzler (Pfalz) oder Bremser (Franken).
In alten Zeiten hatte man keine grosse
Ahnung, wie denn der Alkohol in den Wein gelang. Man presste die
Trauben und füllte den frischen Saft in ein Fass. Anschliessend
betete man zu Bacchus (bei den alten Römern) oder Dionysos (wenn man
Grieche war). Wollten unsere Vorfahren „Met“, den altgermanischen
Honigwein herstellen, zog man höchstwahrscheinlich die gute alte
Freya, Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe, die Schirmherrin des
Ackers und der Feldfrüchte zu Rate.Erst vor rund 150 Jahren brachte der Franzose Louis Pasteur Licht ins Dunkel der sausenden Säfte. Dank der von ihm entwickelten „Pasteurisierung“, der kurzzeitigen Erhitzung auf 100 Grad Celsius, gelang es, eine Gärung zu verhindern oder jederzeit zu stoppen. Man konnte ab sofort Sauser in einem bestimmten Stadium pasteurisieren, ihm das Leben entziehen. Somit ist pasteurisierter Sauser ein önologischer Kastrat, ist weder Fisch noch Vogel, ist nichts, gar nichts.
Samstag, Oktober 04, 2014
Im Ausgang
Der
altherrschaftliche Bau trieft geradezu von helvetischer Geschichte.
In seinen legendären Räumen wurden Regierungen gestürzt, Vögte in
die Wüste geschickt und neue Staaten gegründet. Und auf der alten
Sandsteintreppe zum heutigen Restaurant verlor manch dubioser Despot
seinen Kopf und manchmal auch sein Leben. Und hier also, so stehts
zumindest im Gourmetführer geschrieben, soll heute ein Mensch „mit
viel Liebe marktfrisch kochen“. Mit seiner kreativen Küche und
seinem Charme will er mich als Stammgast gewinnen und „mich am
Zauber des Individuellen teilhaben lassen“ (!?). Er stelle mein
Bedürfnis in den Mittelpunkt und biete Qualität ohne Wenn und Aber.
Ich muss sogar davon ausgehen, dass ich nicht nur im wahrsten Sinne
des Wortes sondern in wirklich jeder Beziehung „König“ sein
werde. Sogar etabliertes Mitglied einer Gilde sei er, dieser
Charmebolzen. Noch ahnte ich nicht was dies zu bedeuten hatte und
suchte mir in der Weinkarte einen Schoppen Wein aus. Verzaubert
erklärte mir der designierte Königsmacher, dass dieses hehre
Tröpfchen leider gerade ausgegangen sei. Obwohl ich natürlich
wahnsinnig gerne gewusst hätte, wohin es denn ausgegangen sei,
verzichtete ich auf eine Wortmeldung und wählte eine Alternative.
Leider war auch sie bereits ausgegangen. Etwas irritiert deutete ich
auf die Nummer drei, die sich aber bereits mit Nummer vier, fünf und
sechs im Ausgang befand. Schön, dass man hier meine Bedürfnisse
sofort erkannt hat. Ich wählte ebenfalls den Ausgang.
Ich
erwarte in keinem Restaurant der Welt eine Weinkarte mit Hunderten
von Provenienzen. Ich habe auch kein Problem damit, wenn einmal ein
Wein nicht vorrätig sein sollte. Wenn jedoch die Hälfte aller
angebotenen Flaschen nicht verfügbar ist, dann ist dies
unprofessionell und gastfeindlich. Solchen Wirten bleibt nur der Weg
aller Flaschen: den Abgang durch den Ausgang.
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Sonntag, September 28, 2014
Saucenpflücker
Eigentlich wollte Hurni nur kurz durch
die Bahnhofshalle und über die Passerelle ins Gundeli. Da bemerkte
er, wie farbig gekleidete, junge Menschen irgendwelche Muster
verteilten und blieb stehen. Neugierig näherte er sich, nuschelte in
seinen Bart und wurde umgehend Besitzer eines Glases Spaghettisauce
der Marke „Berilla“. Hurni bedankte sich artig und betrat die
Rolltreppe. Kaum oben angekommen, drückte ihm ein desinteressierter
Jungmann ein weiteres Müsterchen in die Hand. Beim Ausgang Süd
nötigte ihn ein fremdländisch wirkender Saucenverteiler erneut zu
einem Gläschen.
Als Hurni wieder den Centralbahnplatz
erreicht hatte, hielt er kurz inne und zählte seine Kostbarkeiten.
17 Gläser Spaghettisauce von „Berilla“, dazu eine Saure Zunge,
ein Läckerli und eine Gratiszeitung! Er deponierte seine Habe im
nächsten Schliessfach und beschloss, weiter zu sammeln. Damit man
ihn nicht erkannte, borgte er sich beim Marronimann eine Mütze,
zwecks Sprachverstellung steckte er sich eine Marroni hinter die
linke Backe. So getarnt betrat er wieder die Eingangshalle, pflückte
rechts ein Glas und links ein Glas und betrat wieder die Rolltreppe.
Fröhlich pflückte er weiter und verliess die Passerelle Richtung
Gundeli. Hier telefonierte er kurz mit dem Präsidenten des
Turnvereins. Etwas später traf aus Richtung Muttenz ein Sonderzug
mit sämtlichen Mitgliedern der Damen- und Herrenriege inklusive
Senioren, Junioren, Muki-Müttern und Ehrenmitgliedern ein. Bereits
nach wenigen Durchgängen war der Bahnhof leer gepflückt und die
ganze Garde machte sich wieder auf den Heimweg. An der GV gabs
Spaghetti mit Sauce, Frau Berilla wurde zum Ehrenmitglied ernannt und
der Präsident schrieb ihr einen Dankesbrief.
Als Hurni den Brief am nächsten Morgen auf der Poststelle abgab, drückte man ihm ein Glas „Berilla“ in die Hand.
Als Hurni den Brief am nächsten Morgen auf der Poststelle abgab, drückte man ihm ein Glas „Berilla“ in die Hand.
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Sonntag, September 21, 2014
Gsell.schafft: Kolumnen: Kümmerlinge
Gsell.schafft: Kolumnen: Kümmerlinge: Der Anflug auf die Insel Pantelleria ist spektakulär. Zwanzig Minuten Flug von Palermo sind es. Die kleine Maschine zielt genau auf den höch...
Donnerstag, September 18, 2014
Kümmerlinge
Der
Anflug auf die Insel Pantelleria ist spektakulär. Zwanzig Minuten
Flug von Palermo sind es. Die kleine Maschine zielt genau auf den
höchsten Berg der Insel, die „Montagna grande“. Unter uns
glitzert der „Specchio di Venere“ - der Spiegel der Venus, ein
Kratersee. Wie von Riesenhand hingeworfen, liegen verstreut die
Dammusi, arabisch anmutende Steinhäuschen. Kleine Strassen winden
sich durch die steinige Landschaft.
An Ciccio und an Pantelleria musste ich denken, als mir Kari K., diese Ausgeburt eines mehrwertlosen Wirtes, sein Vitello tonnato servierte. Das fein geschnittene Kalbsfleisch lag verborgen unter einer sämigen Thon-Sauce. So weit, so gut. Als ich jedoch die Essigkapern erblickte, wusste ich, dass gar nichts gut war: Kapern in Essig sind die wohl himmeltraurigste Erfindung seit es Kapern gibt! Beisst man in das Früchtchen, spritzt der Essig. Es schmeckt nach Essig, es riecht nach Essig. Solche Kapern sind nichts als minderwertige Essigkümmerlinge! Schade um die Kapern. Und um den Essig.
Noch ist
es Nacht, wenn sich Ciccio auf den Weg zur Arbeit macht. Sein Ape,
dieses uritalienische motorisiertes Dreirad mit Ladefläche, wackelt
gutmütig über die schmalen Strassen, die Trockenmauern werfen den
knatternden Motorenlärm weit über das Land. Er fährt ans andere
Ende der Insel, wo sich seine Kapernsträuche befinden. Bevor die
Sonne am Himmel steht, müssen die Blütenknospen geerntet werden.Kapernsträucher
sind niedrige, knorrige Pflanzen. Das jahrelange, gebückte Pflücken
hat seine Spuren bei Ciccio hinterlassen. Er ist alt geworden, seine
Kinder haben die Insel schon vor Jahren verlassen. Der Lohn der
harten Arbeit ist zu klein.
Hat
Ciccio seine „Biene“ geladen, geht es zurück nach Hause. Dort
wird er die Blütenknopsen in Meersalz einlegen um sie zu
konservieren. Nie würde er sie in Essig aufbewahren. Nie.An Ciccio und an Pantelleria musste ich denken, als mir Kari K., diese Ausgeburt eines mehrwertlosen Wirtes, sein Vitello tonnato servierte. Das fein geschnittene Kalbsfleisch lag verborgen unter einer sämigen Thon-Sauce. So weit, so gut. Als ich jedoch die Essigkapern erblickte, wusste ich, dass gar nichts gut war: Kapern in Essig sind die wohl himmeltraurigste Erfindung seit es Kapern gibt! Beisst man in das Früchtchen, spritzt der Essig. Es schmeckt nach Essig, es riecht nach Essig. Solche Kapern sind nichts als minderwertige Essigkümmerlinge! Schade um die Kapern. Und um den Essig.
Donnerstag, September 11, 2014
Ziemlich wurscht
Als ich meine erste Stelle im
Gastgewerbe antrat wurde mir klipp und klar mitgeteilt, dass ich mich
jeder politischen Meinung zu enthalten habe. „Wenn man linke Themen
propagiert, kommen die Rechten nicht mehr, wenn man zu stark
rechtslastig palavert, boykottieren uns die Linken. Treten Sie aus
der Kirche aus und enthalten Sie sich religiöser Kommentare! Sollten
Sie ein italienisches Auto fahren, verkaufen Sie es. Unsere Gäste
fahren deutsche Autos.“
Letzten Samstag aber verliess ich den Pfad der Tugend. Es war kurz vor 21.00 Uhr und ich beschäftigte mich eben mit einem mittelmässigen Cordonbleu, als der Patron des „Güllen“ an meinen Tisch trat. Geschwollen schwadronierte er daher, dass sein Koch jetzt „seinen wohlverdienten Feierabend antreten zu gedenke“ und wedelte mit der Dessertkarte über meiner Saucière. Er bat mich, jetzt schon die Nachspeise zu bestellen und dankte mir für mein Verständnis in dieser leidigen Sache. Da es sich bei der Person des Koches gleichzeitig um den Patron handelt, beschloss mein Verstand auf Verständnis, Dessert und weitere Besuche zu verzichten.
Letzten Samstag aber verliess ich den Pfad der Tugend. Es war kurz vor 21.00 Uhr und ich beschäftigte mich eben mit einem mittelmässigen Cordonbleu, als der Patron des „Güllen“ an meinen Tisch trat. Geschwollen schwadronierte er daher, dass sein Koch jetzt „seinen wohlverdienten Feierabend antreten zu gedenke“ und wedelte mit der Dessertkarte über meiner Saucière. Er bat mich, jetzt schon die Nachspeise zu bestellen und dankte mir für mein Verständnis in dieser leidigen Sache. Da es sich bei der Person des Koches gleichzeitig um den Patron handelt, beschloss mein Verstand auf Verständnis, Dessert und weitere Besuche zu verzichten.
Zusammen mit der Rechnung
erhielt ich ein Pamphlet mit dem Titel „Nein zur
Bratwurst-Diskriminierung“. Durch die Senkung des Steuersatzes von
8 auf 2,5 % sollen „Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und der
Standort Schweiz gesichert werden“. Solch einen Unsinn muss man
sich zuerst einmal auf der Zunge zergehen lassen! Es ist allgemein
bekannt, dass die Gastronomie unter enormen Problemen leidet. Und es
ist auch Tatsache, dass vor jeder Abstimmung Nebelgranaten aus allen
Richtungen abgeschossen werden. Aber Patrons wie der Güllen-Wirt
sollten sich hüten, über Mehrwertsteuern und diskriminierte
Bratwürste zu sprechen. Denn solche Betriebe schaffen überhaupt
keinen Mehrwert. Sie sind minderwertig, sie sollten uns wurscht sein.
Donnerstag, September 04, 2014
Koch fusioniert
Mit
Fusionen kennen wir uns in Basel bestens aus. Aus Ciba Geigy und
Sandoz entstand die Novartis, Bankverein (SBV) und Bankgesellschaft
(SBG) fusionierten zur UBS. Auch kulinarische Fusionen,
Verschmelzungen verschiedener Esskulturen, sind in Basel nichts
Neues. Neu hingegen ist, dass auch mein Lieblingswirt Kari Koch
zurzeit am Schmelzen ist. Nein, nicht mit dem Sternen vis-à-vis und
auch nicht mit einem Zürcher Gastrounternehmer will er eine
lukullische Liaison eingehen.
Grössenwahnsinnig, wie es nur Kari sein kann, hat er beschlossen – zusammen mit seinem Hilfskoch aus Ammel, der Putzfrau aus Schönenbuch und dem Kellner aus dem Kleinbasel – die Baselbieter Landfrauenküche mit städtischem Daig zu fusionieren.Gleichzeitig möchte er den aberwitzigen Molekularköchen ein paar Atome klauen und diese mit einem ukrainischen Krautwickel zertrümmern. Als er mich zur Degustation einlud, ahnte ich Böses. Aber es kam noch schlimmer! Viel schlimmer!
„Und wenn ich Geri Müller mit ……“
„Neiiiiiin!“
Grössenwahnsinnig, wie es nur Kari sein kann, hat er beschlossen – zusammen mit seinem Hilfskoch aus Ammel, der Putzfrau aus Schönenbuch und dem Kellner aus dem Kleinbasel – die Baselbieter Landfrauenküche mit städtischem Daig zu fusionieren.Gleichzeitig möchte er den aberwitzigen Molekularköchen ein paar Atome klauen und diese mit einem ukrainischen Krautwickel zertrümmern. Als er mich zur Degustation einlud, ahnte ich Böses. Aber es kam noch schlimmer! Viel schlimmer!
Auf
dem Menu standen Absurditäten wie „Echte Basler Mehlsuppe mit
falschen Kirsch-Maggronen aus dem Ergolztal“, „Lachs nach Basler
Art auf seinem Bett aus Ormalinger Blauchabis, garniert mit einem
Soufflé aus Oberbaselbieter Rahmdääfeli“. Als Businesslunch
empfahl er „Hackbraten – souffliert von Kleinbasler Grazien –
dahin gestreckt auf zartem Lauchgemüse an Kirschkernöl von der
Sissacher Hinteregg“ oder „Grossbasler Kalbshirni auf seinem
Zwetschgenbett mit Grünkerz-Haferfett vom Tschoopenhof und
Lederapfel-Muus“. Soweit das gastronomische Konzept von Kari Koch,
den bisher alle nur Kari nannten. Er nennt sich jetzt Charlie, die
Baiz ist neu eine „Fusion-Lounge“ und beide versprühen den
Charme gähnender Leere.
„Wirst
du etwas über mich und das neue Konzept schreiben?“ wollte Charlie
wissen.
„Nein,
Kari.“„Und wenn ich Geri Müller mit ……“
„Neiiiiiin!“
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