Montag, Mai 07, 2018

On the Rocks

Vom Autor des Reiseverführers IMMER WIEDER FERNWEH:
 
 
Aus der Kolumnensammlung Hühnerbrust und Federkiel
 
Endlich Sommer! Ich schwitze ungewohnt und trotzdem gemütlich vor mich hin und freue mich auf einen angenehmen Abend in der Gartenwirtschaft. Und ich freue mich auf ein kühles Glas Weisswein. Doch leider ist die Vorfreude nicht nur die schönste Freude, sondern manchmal auch völlig deplatziert.

Denn, Sommer ist dann, wenn das Bier in warmen Gläsern serviert wird, wenn das helle Blonde wärmer ist als der unterkühlte Charme der servierenden Blondine. Sommer ist auch dann, wenn ich die Flasche Weisswein, ohne Weinkühler serviert, in 10 Minuten austrinken muss. Und Sommer ist dann, wenn der Rotwein wärmer ist als die Spaghetti auf dem kalten Teller. Wenn der Rosé so lauwarm ist wie die verwelkten Salatblätter auf dem warmen Teller. Sommer ist’s, wenn Kellner und Kühlschränke überfordert sind, der einzige Weinkühler bereits am Tisch 4 im Einsatz ist und die Eismaschine revidiert werden muss. Da schreien alle nach Sommer, und wenn er endlich da ist, merkt es keiner!

Frustriert sitze ich vor meinem temperierten Zweier und entschliesse mich, nach reichlicher Abwägung aller verfügbaren Waffen, zur Guerilla-Taktik. Ich robbe zum Tisch 4 und fische heimlich ein paar Eiswürfel. Geschickt verberge ich sie in der Serviette und lasse sie unbemerkt in mein Glas Wein gleiten. Der Wein schäumt ein wenig und das Eis klirrt bedrohlich. Aber immerhin ist er jetzt trinkbar, der Dôle. Der ist zwar nicht weiss. Aber Sommer ist auch, wenn mich die Wanderkellner aus dem Hindukusch nicht verstehen.
 

 

Samstag, Mai 05, 2018

Schnitzel under construction

Vom Autor des Reiseverführers
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammler:

Schnitzel under construction
Ein Text aus der Kolumnensammlung Hühnerbrust und Federkiel

Es ist 18.00 Uhr, und ich habe Hunger. Ich surfe durch die gastronomischen Angebote im Internet und bereits nach kurzer Zeit stosse ich auf die erste kulinarische Homepage. Das Menü:  Saltim Bocca und Zimtgalce mit eingelegte Zwetschgen. Zuzüglich MWST. Interessant. Dem Hinweis Kreditkarten werden akzeptiert folgt weiter unten die Bemerkung: keine Kreditkarten. Also weiter. Den Link zur SBB verstehe ich nicht und ich will weder ein Ferienhaus in der Toskana noch will ich dieses in irgendeine Währung umrechnen. Wohl doch nichts für mich, weiter mit Next. 

Eine Weinkarte verspricht Australische Weine: an erster Stelle steht ein „Sissacher Blauburgunder“. Weiter! Damit ich alle Informationen erhalte, muss ich zwischendurch noch ein Programm installieren. Nach minutenlanger Wartezeit und mehreren Fehlermeldungen entschliesst sich mein PC zum Absturz. Eine neue Suche führt mich zum aktuellen Angebot und dem Hinweis auf den Silvester-Ball 2000! Weiter!
 
Eine Fotogalerie mit niedlichen Bildlein zum Anklicken erweist sich als „Paulianisches Gruselkabinett“. Grünliche Stäbchen liegen neben gräulichen Schnitzeln. Das Gulasch ist unscharf und die Pizza verheisst ungute Gefühle. Im Dienst ergraute Patrons grüssen verwackelt hintergründig, wünschen blinkend einen schönen Aufenthalt und freuen sich auf meinen Besuch. Ich lehne dankend ab. Es ist 21.00 Uhr und ich habe keinen Hunger mehr.

1930 schrieb Ernst Pauli das Lehrbuch der Küche. Unter Köchen und Gastronomieprofis wird es einfach nur noch „der Pauli“ genannt.
 
 

Freitag, Mai 04, 2018

Käferfest


Vom Autor des Reiseverführers
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammler:

Käferfest

Die Lust am Ekel ist salonfähig geworden. Ob marinierte Ameisen oder gegrillte Made: Kein Vieh ist unappetitlich genug, sein ohnehin schon kurzes Leben in menschlichen Mägen auszuhauchen. Grillen aus Bodenhaltung, Marienkäfer aus artgerechtem Anbau und Bio-Blattläuse vom Bauernhof finden reissenden Absatz. Der Tierliebe sind keine Grenzen gesetzt und genüsslich lässt man die Chitin-Panzer knacken, verlustiert sich an behaarten Beinchen und schwärmt von fetten Fühlern.


Was auf den ersten Blick absonderlich wirkt, bringt leidgeplagte Gastronomen, sensible Ökologen und umweltbewusste Biologen geradezu ins Schwärmen. Denn noch nie konnten lästige Insekten derart umweltschonend bekämpft werden. Die Maikäfer des Basler Flugjahres müssen endlich nicht mehr chemisch gekeult werden, sondern landen direkt und lärmschonend in den Fritteusen.

Auf den Kammerjäger können wir zukünftig verzichten, denn knackige Schwabenkäfer beleben jede Stehparty, zarte Silberfische beflügeln jedes Konfirmationsessen. Legionen von Ameisen, die ihre Strassen durch die Gar-tenwirtschaft gebaut haben, werden unter Einsatz arglistig gefälschter Signalisationen direkt in den Steamer umgeleitet.


Der Lehrling kann am Abend die lästigen Schnaken mit dem Schmetterlingsnetz einfangen und sie flugs in einem zarten Bierteiglein ausbacken. Panierte Borkenkäfer statt Pommes Chips,  gesalzene Wasserwanzen statt Nüssli. Nach strangulierten Bernhardinern und langsam zu Tode geprügelten Siamkatzen ein weiterer Sieg der menschlichen Grösse.

Habe heute wieder zwei kleinen Fruchtfliegen das Leben gerettet. Nachdem sie sich aus Verzweiflung in mein Weinglas gestürzt hatten, holte ich sie mit Hilfe eines Löffels zurück ins Leben. Ich setzte sie auf den Tisch und föhnte ihnen mit meinem Odem die nassen Flügelein. Alsbald stiegen sie wieder dem Lichte entgegen. Um sich sofort wieder in meinem Veltliner zu ertränken.
 
Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell,
erschienen bei BoD, erhältlich überall dort wo es gute Bücher gibt. Aber auch im Antiquariat, in der Brockenstube und im Internet.
 

 

Donnerstag, Mai 03, 2018

Brotmissbrauch

 
Vom Autor des Buches
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammlers:

Brotmissbrauch

„Gib uns heute unser täglich’ Brot“. Ich gehe davon aus, dass der Texter dieses Bittspruchs damit nicht meinte, ich müsse mir mein tägliches Brot in einem Restaurant geben lassen. In diesem Falle würde ich nämlich entweder den sofortigen Hungertod oder den Übertritt in eine Naturreligion wählen. Was nämlich als „Brot“ in helvetischen Gaststuben auftaucht, hat diesen Namen nicht verdient, ist politisch unkorrekt und somit „missbrotbräuchlich“.

Früher schaute ich mir die Toiletten an, um mir einen Überblick über den Zustand eines Restaurants zu verschaffen. Heute belasse ich es bei einem tiefen Blick in die Brotkörbe. Deren Zustand und Inhalt zeigt mir nicht nur den Hygienestandard des Betriebs, sondern vermittelt mir auch einen Blick in die Seele des Wirtes. Ob getarnt unter Selbstgehäkeltem, aufgewertet in Alessi oder abgeschlossen unter Plexiglas: Nichts entgeht meinem Brotauge.

Wenn ich die Qualität Schweizer Hotels und Restaurants allein an deren Angebot an Backwaren bewerte: Das Resultat ist bedenklich. Brotähnliche Pampigkeiten mit orbitalem Dehnfaktor werden als Hausbrot aufgetischt, Brotartiges von gestern wird quasi via Gast entsorgt. Fade Baguettes, bereits vor dem Morgengrauen in Scheiben geschnitten, welken auf Porzellan ebenso dahin wie im Bastkorb. Auch das Vorhandensein einiger Mohnsamen, Weizenkörnli oder Buchennüssli macht aus geschmackslosen Teiglingen noch kein gutes Brot. Auch nicht, wenn dieses dann mit Silberbesteck und weissen Handschuhen serviert wird.

Ein Hotelier erklärte mir seine Brot-Politik: „Ich serviere kein gutes Brot, weil sonst die Gäste nur noch eine billige Suppe bestellen und sich den Bauch mit teurem Brot voll schlagen“. Er arbeitet jetzt in der Chemie.
Ich kenne eine Beiz, da gehen viele Leute auch wegen des Brotes hin. Sie schlagen sich, zu selbst gemachter Suppe, frischem Salat und wunderbaren Steaks, die Bäuche mit selbst gebackenem Brot voll. Und weil sie so viel essen, müssen sie auch viel teuren Wein und viel teures Mineralwasser trinken. Und manche bestellen sich nachher noch eine Meringue oder eine Gebrannte Crème und vielleicht sogar noch einen Selbstgebrannten zum Kaffee.
 
Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel, erschienen bei BoD, erhältlich dort wo's g'scheite Bücher gibt, im Brockenhaus oder im Internet.
 
 


Mittwoch, Mai 02, 2018

Fju-schän



Vom Autor des Reiseverführers
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammlers
Hanspeter Gsell

Fju-schän

Als Wahlbasler sind mir natürlich Fusionen wirklich nicht fremd. Auch mein Freund Kari Koch fusioniert zurzeit. Nein, weder mit dem Sternen vis-à-vis noch mit seiner Darlehensbrauerei. Zusammen mit seinem Koch aus Indien, der Putzhilfe aus Brasilien und dem bosnischen Kellner hat er die Küche neu erfunden. Nein – nicht einfach eine weitere „Cross-over-Cuisine“ sondern ein wahrhaftiges „Cook-over“ mit eurasischen Wurzeln und südamerikanischen Einflüssen, fusioniert mit der helvetischen Rösti, dem einheimischen Albeli und der traditionellen Plätzliküche.

Ein kulinarisches Feuerwerk aus New Cuisine, Tante Martas Eintopf und dem Rest der Welt. Samba tanzende Blutwürste, Wodka-Maggronen und Kokosnuss-Rösti mit Birkenblütensauce verführen zur Völlerei. Papageien-fischfilets auf ihren weichen Betten aus Suurchabis, koreanische Pudelbäggli mit Rheintaler Ribel, Hackbraten souffliert von indischen Grazien und dahin gestreckt auf Palmwedel-Gemüse mit Munggenfett. Das Kalbshirni auf einem Mangobettlein mit Grünkerz-Haferfett aus Turkmenistan und einem Yak-Schnitzeli mit Boskop-Muus und „Osso mit Bucco voll“.

Auch Karis New-World-Coffee-Shop-Outlet ist wahnsinnig im Trend. Das Mucheli heisst jetzt neu „Schuumstöffli“ und aus dem Kaffi fertig wird ein Mountain-Chicken-Flavor-Happy-Hippo-Drink. Die Schale Gold wird mit dem Digger-Nugget-Puppet-Plastic-Shake abgefuckt, dazu gibt’s Low-Cholesterol-Whitener und Fatfree Sugar. Sein persönlicher Chinese gibt Kari noch die letzten Vorschläge in Sachen Drachen. Hier wird noch ein Hundert-Dollar-Bergdiamant transzendent platziert, da noch ein Spiegel in E-Dur gestimmt.
Und fertig lustig ist das neue Konzept von Kari Koch, den bisher alle nur Kari nannten. Der Sternen heisst jetzt Loft, der Kari „Doof“ und alles zusammen nennt man „Fju-schän“. Schon wurde der erste Trendforscher beobachtet, wie er sich mit angeklebtem Bart und geschminkten Oberlippen heimlich Notizen machten.

Ich mag Experimente. Früher mit dem Chemiebaukasten und heute mit Worten. Die Resultate mussten jedoch nie gegessen werden. 

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel
von Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD, Norderstedt


Dienstag, Mai 01, 2018

Posche gedünstet

Vom Autor des Wetsellers ...
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammlers

Porsche gedünstet
Aus der Kolumnensammlung HUEHNERBRUST UND FEDERKIEL
erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag, als Taschenbuch oder als E-Book.


Seit vor vielen Jahren ein Lehrling den pochierten Steinbutt (Turbot poché) mit „Porsche Turbo“ übersetzte, gehört die lukullische Rechtschreibung zu meinen Lieblingsthemen. Meine Sammlung gastro-orthografischer Fehlleistungen wächst täglich. Allein die Abteilung Würste umfasst inzwischen mehrere Seiten: die oder den helvetische/n Cervelat habe ich bereits in 17 Versionen fichiert. Ich freue mich bereits auf die früh-englischen Varianten mit französischem Akzent und türkischer Endung.



Auf der kleinen Pazifikinsel Chuuk gibt es allein für die Brotfrucht 176 Bezeichnungen. Neben den 24 verschiedenen Sorten gibt es noch 29 Bezeichnungen für Zubereitungsarten sowie 22 Worte für die Servicearten. Wird die Frucht am Morgen von einer schönen Frau gepflückt heisst sie anders, als wenn sie bei Vollmond von zwei hinkenden Männern geerntet wird. Gekocht heisst sie nicht gleich, wie wenn man sie dem Freund als Geschenk überreicht. Wird aus der Brotfrucht ein Pudding hergestellt, ändern sich auch sämtliche Bezeichnungen. Ein Pudding, dem Kanubauer bei der Montage der Ausleger vom Auftraggeber überreicht, heisst anders, als wenn man ihn der schönen Nachbarin in den glühenden Erdofen legt.
Bei den Fischen ufert es aber dann gänzlich aus. Auf der Speisekarte stehen 476 Sorten. Und dies in männlichen, weiblichen und kindlichen Abarten. Manchmal heissen sie einfach anders weil sie bei Ebbe geangelt und nicht bei Flut harpuniert wurden. Auf der Nordseite der Insel nennt man sie nicht gleich wie auf der Südseite. Und wenn zwei junge Männer einen Tintenfisch fangen heisst er nicht gleich, wie wenn ihn eine alte Frau bei Neumond erwischt hat.
 
Gott sei Dank gibt es bei uns nur einen einzigen wahrhaftigen Cervelat und der heisst das ganze Jahr über Cervelat. Ganz egal von wem er wann, wo, warum und überhaupt gefangen, gegrillt, gebraten oder als Wurstsalat von rechts oder links serviert wird. Ausser in Basel. Da heisst er Glöpfer. Oder Chlöpfer.

Eine Redensart aus Chuuk: "Tupwunó maram, tupwunó maram, úpwe kút ocháái aramas tupwunó maram." Tja. Da gibt’s eigentlich nichts mehr dazu zu sagen.
 
 

Spam


Kaum ist der Streit ums „Frühenglisch“, „Spätdeutsch“ oder „Vielleichtfranzösisch“ entbrannt, verbreitet die Presse schon die ersten Enten. Da soll doch ein Diplomat seiner Majestät den eidgenössischen „Spatz“ mit „Spam“ übersetzt haben. Diese Aussage ist jedoch sträflich falsch und sowohl Geschichtsfälschung als auch
gastronomischer Grundlagenirrtum. Und eine Beleidigung für den Spatz. Bei diesem handelt es sich übrigens nicht etwa um den auch als Sperling bekannten Singvogel, sondern um eine mundgerechte militärische Zubereitung standrechtlich erschossener Kühe. Diese Information muss aus Geheimhaltungsgründen vorerst genügen.


Über Spam gibt’s jedoch einiges zu sagen. Die amerikanische Firma Hormel Foods sass in den späten 30er-Jahren auf einem Lagerhaus voll unverkäuflicher Schweineschultern. Findige Köpfe kamen auf die Idee das Fleisch, angereichert mit einem Hauch Schinken, durch den Wolf zu drehen. Anschliessend wurde es gesalzen, gewürzt, gekocht und in Konservendosen gepackt. Der Name des
neuen Produktes, Spam, war das Resultat eines grossen Preisausschreibens und bedeutet schlicht und ergreifend „Spiced Ham“ – gewürzter Schinken. Obwohl es – und dies erstaunt wohl keinen Metzger – in einer Dose Spam weniger Schinken hat als Kalbfleisch in einer Kalbsbratwurst.

Die amerikanischen Generäle waren von dieser fettigen Kalorienbombe angetan und von deren Haltbarkeit begeistert. Es gibt Historiker welche behaupten, ohne Spam hätten die Amerikaner den Zweiten Weltkrieg gar nicht führen können und die Russische Armee wäre jämmerlich verhungert. Sie sehen also, welche weltpolitische Bedeutung dieser kleinen Dose zukommt. Da kann der Spatz, trotz
Réduit-Erfahrung und Gamellen-Tauglichkeit wohl nicht ganz mithalten.

Bis heute wurden mehr als 6 Milliarden Dosen Spam verkauft. Spam kam als Inhalt von Carepaketen rund um die Welt und gehört heute noch auf kleinen, abgelegenen Inseln im Pazifik zur Grundnahrung. Auf der amerikanischen Homepage www.spam.com
gibt’s Interessantes zur berühmtesten Konservendose der Welt zu lesen. Neben Rezepten auch Gedichte zur Dose. Damit ist wohl Spam die einzige Konserve mit poetischem Anspruch. Zugegeben: der Inhalt – sowohl der kulinarische als auch der poetische – ist eher trivial. Aber – damit hat Spam wohl genau die richtige Mischung und das Zeug zum Kult!

“Oh Spam, oh Spam, Gourmet delight. 
My food by day, my dreams by night.”

 

 

 


Samstag, April 28, 2018

Buffalo Bill und der Mozzarella

Der Sommer ist voll im Gang und die Gartenwirtschaften von Hugelshofen bis Wigoltingen haben trendgerecht ihre Angebote mediterranisiert. Statt Bündnerfleisch gibt’s Bresaola, statt Buurehamme Parmaschinken und der Tilsiter weicht der Mozzarella. Oder dem, was Schweizer eben für Mozzarella halten. Denn was auf den Tellern landet sind leider meistens drittklassige Plagiate und haben mit der echten Mozzarella so viel zu tun wie ein Emmentaler mit einem Gerberkäsli.

Echte Mozzarella wird aus Büffelmilch hergestellt und heisst deshalb auch Mozzarella di Bufala. Und nicht „Buffalo“ wie ich eben auf einer verblichenen Hier-kocht-der-Chef-Werbetafel gelesen habe. Ein Buffalo ist ein amerikanischer Büffelmann und gibt deshalb keine Milch. Eine Bufala hingegen ist eine süditalienische Wasserbüffelfrau, gibt Milch und hat mit Buffalo Bill nichts an den Hörnern. Soweit zur Grammatik. Was ebenfalls klar sein sollte: Echte Mozzarella ist nie viereckig, wird nicht in der Schweiz hergestellt und hat nie die Konsistenz von Radiergummi.

 

 Echte Mozzarella ist rund und es gibt sie in Grössen bis zu 400 Gramm. Sie stammt aus Süditalien, ist wunderbar sämig und zerfliesst gleichsam auf der Zunge. Sie ist nicht geschmacklos wie ihre degenerierten Schwestern sondern schmeckt erfrischend säuerlich.

Zur Mozzarella serviert man Olivenöl, vielleicht etwas schwarzen Pfeffer und auf Wunsch Salz, aber sicher keinen Essig und schon gar keinen Balsamico! Und wenn wir schon beim Olivenöl sind: Verwenden Sie ein italienisches Extravergine-Olivenöl und kein Placebo. Halten Sie sich an folgende Faustregel: Italienisches Extravergine-Olivenöl, das weniger als 25 Franken der Liter kostet, ist möglicherweise aus Oliven hergestellt – aber nie und nimmer jungfräulich.

Lassen Sie mich gleich noch mit einem Trugschluss aufräumen. Trübe Olivenöle – sie sind ganz besonders in Mode – sind weder besonders wertvoll noch kostbar. Sie sind ganz einfach unfiltriert, enthalten unerwünschte Schlacken und werden deshalb schneller ranzig. E basta! 

Auf Grund dieser Glosse wurde ich von ‚Emmi’, dem grössten schweizerischen Mozzarella-Produzenten zum Duell aufgefordert. Auf Grund meiner Abneigung gegen Mantel und Degen wurde es jedoch nur in schriftlicher Form ausgetragen. In Worten habe ich möglicherweise gewonnen. Den Markt aber hat ‚Emmi’ gewonnen. Es gibt kaum mehr Restaurants in der Schweiz, die echte ‚Mozzarella di Bufala’ anbieten.
 

Freitag, April 27, 2018

Lustfrei

Endlich habe ich mein Traumhotel gefunden – das erste garantiert kinderfreie Hotel der Schweiz! Endlich hat ein Schweizer Hotelier den Mut aufgebracht, sich rigoros gegen quengelnde, quietschende und wenn möglich noch Windeln tragende Kinder zu wehren. Da werden doch nur teure Sitzplätze mit Nuggi werfenden und Müsli schlabbernden kleinen Monstern belegt! Service-Mit-arbeiter sind stundenlang mit gratis Schoppen wärmen beschäftigt und die Malfarben sind ja auch nicht mehr ganz billig!






Erfreulicherweise ist der Betrieb auch frei von Stumpenrauchern und nassen Pudeln. Hunde, welche diese Weisung missachten, werden vom Casserolier standrechtlich erschossen. Falten tragende Senioren werden ebenfalls nicht bedient. Der Anblick von pfeifenden Hörgeräten, rutschenden Toupets und klappernden Prothesen ist ja wirklich eine Zumutung für normale Gäste. Wegen unangepasstem Lautsprechen haben auch Zürcher, Schwaben und Italiener keinen Zutritt.

Angehörigen ethnischer Minderheiten wie Kleinbaslern und Obergomsern, aber auch kiffenden Politikern der Lega Ticinesi, bleibt der Zutritt verwehrt. Handys und Laptops werden konfisziert und erst nach Bezahlung der Rechnung eventuell wieder ausgehändigt. Auf Grund akustischer und optischer Irritationen ist der Zugang für Stotterer, Brillenträger und Rollstuhlfahrer untersagt. Zum Glück werden auch übergewichtige Shortsträger und bärtige Birkenstockfetischisten aus dem Betrieb ge-wiesen, verschwitzte Velo- sowie lederne Töfffahrer wer-den auf Grund möglicher Ausdünstungen nicht bedient. Im Weiteren wird auch auf die Bewirtung von Jeans-, Turnschuh- und Weisssockenträgern verzichtet.

Das Ristorante ist alkoholfrei und somit eine Oase der Ruhe. Keine klingenden Gläser und keine lauten Prositrufe stören die himmlische Ruhe. Seit auch die Bar vom schottischen Whisky auf einheimischen Rüeblisaft umgestellt hat, gibt es keine grölenden Gäste mehr. Eigentlich gibt es gar keine Gäste mehr.

Schon lange nichts mehr gehört aus dem Tessin. Aber eben, da gibt es ja auch nichts zu hören.

Fengshui, Sabu-mai und Mai-tong

Als innovativer und weltoffener Hotelier halten auch Sie sich sicher bereits ihren persönlichen Fengshui-Berater. Und gegen ein überaus weltliches Honorar lassen Sie sich über die misslichen Ecken und Kanten ihres Betriebes aufklären. Allenthalben haben Sie ein Brünnlein montiert, störende Ecken mit Bergkristallen energiemässig entschärft und scharfsinnige Kanten zumindest geistig abgehobelt. Ihren direktoralen Schreibtisch haben Sie – zur Verbesserung des transzendenten Jetstreams – um 185 Grad gedreht, über dem Aktenvernichter sicherheitshalber einen doppelten Spiegel montiert und den halbleeren Kassenschrank hellblau bemalt.


Mitarbeiter mit abstehenden Ohren haben Sie entlassen, den weissrussischen Chasseur neu bewaffnet und in der Lingerie einen sprechenden Pommes-Frites-Automaten installiert. Alle 120 Fenster ihres Hotels wurden zuge-mauert und an Stelle des Lifts haben Sie einen 18 Meter hohen Wasserfall installiert. Seither wird ihr persönlicher Seelenfrieden nicht mehr von wütenden Drachen gestört, Herr Ying und Herr Yang haben ihr geistiges Gleichgewicht wieder gefunden und ihr Fengshui-Guru hat sich mit verzücktem Gesichtsausdruck ins leere Foyer zurückgezogen.


Nun, das ist ja bereits kalter Kaffee – Drachen sind mega-out – denn das nächste Psycho-Placebo für exekutive Mystiker steht vor offenen Türen. Kento-mai heisst die neuste Heilslehre und sie stammt aus dem Hochland der mikronesischen Insel Peleliu. Dort wird der Sabu-mai – der Windschmecker – immer dann gerufen, wenn die Energie bereits draussen und der Wurm schon drin ist.
Auf Grund seines seit Generationen überlieferten Wissens ist ein Sabu-mai in der Lage, nicht nur die Wellen des unendlichen Pazifiks zu erkennen, sondern auch deren Einwirkungen auf die Winde, den Mond, die Menschen und den Broccoli zu deuten. Neben dem zerstörerischen „Mai-tan“ erkennt er also folgerichtig auch jeden noch so kleinen „Mai-tong“ und transponiert ihn mittels energetischer Schubumkehr in die positiven „Mai-lun“.

Der Sabu-mai hat auch im Hotel meiner Tante auf Anhieb alle Biegungen auf Brechungen erkannt und geeignete Massnahmen eingeleitet. Nachdem sämtliche Zwischenböden, Stützmauern und das Dach entfernt worden waren, brach leider das ganze Hotel zusammen. Aber, kaum zu glauben, keine Spur mehr vom lästigen „Mai-tan“, ganz zu schweigen vom negativen „Mai-tong“! Meine Tante verkaufte gleichentags ihre Hotelruine an eine Kebab-Kette, heiratete den Sabu-mai und führt seither auf Peleliu eine vegetarische Saftbar und ein glückliches Leben.

Der Fengshui-Berater meiner Tante hat mir persönlich zu dieser Kolumne gratuliert. Er ist heute Farbberater für die Gastronomie und hat schon manche Fengshui-Ruine wieder zu neuem Leben erweckt.

 

Donnerstag, April 26, 2018

Singing in the rain ..

Ist ihnen auch schon aufgefallen, wie viele Varianten von Toiletten- und Lavabospülungen es gibt? Es müssen Tausende sein! Und als ich dachte alle zu kennen, war diese Feststellung nicht nur falsch, sondern geradezu lächerlich.

Eines Tage also stand ich wieder einmal vor der Tatsache und einem Spiegel mit dem Vorsatz, mir die Hände zu waschen. Wie in einem lustigen Piktogramm dargestellt, näherte ich meine Hände dem hochmodern gestylten Rohr. Nichts. Unauffällig schielte ich nach rechts und links und siehe da, überall sprudelte munter das Wasser. Ich studierte noch einmal die Zeichnung, kontrollierte die Stellung meiner Handrücken und näherte mich, diesmal in einem 20-Grad-Winkel und mit durchhängenden Schultern der Apparatur. Nichts. Hatte ich etwa vergessen, irgendeinen imaginären Knopf zu drücken? Einen Schalter zu kippen oder eine Taste zu betätigen?

In der Zwischenzeit war es schon spät geworden und ich hatte den ganzen Raum für mich alleine zur Verfügung. Ruhelos eilte ich von Lavabo zu Lavabo. Mich beschlich das entsetzliche Gefühl von unzähligen Apparaturen beobachtet zu werden. Ich besann mich deshalb einer alten Indianertaktik und versteckte mich hinter einer kleinen Brüstung. Vorsichtig und in geduckter Haltung schlich ich zum ersten Lavabo. In diesem Moment entleerte sich grundlos ein Handtuchrollendispenser und der Seifendosierer gab eine Portion von sich. Gleichzeitig schaltete sich das Licht aus, die beiden Heissluft-Händetrockner stimmten zu einem infernalischen Duett an und die Was-serspülungen der Toiletten spülten unisono mit.

Ich warf mich sofort in Deckung, sammelte mich und tat was ich am besten kann. Ich überlegte. Die Lüftung brummte eintönig vor sich hin und aus den Lautsprechern plätscherte eine kleine Wassermusik.
 
Mit Hilfe meines Überlebensmessers gelang es mir schliesslich, den Steuerungsmechanismus des Lavabos aufzubrechen. Ich entfernte sorgfältig alle mir sinnlos erscheinenden Schrauben und Drähte, demontierte das Wasserbecken nicht allzu fachgerecht und riss den Hahnen unter Einsatz aller Kräfte aus der Wand. Endlich! Wasser! Herrlich frisches Wasser! Als mich der Nachtportier verhaften wollte, sang ich leise I’m singing in the rain und steppte fröhlich an der Rezeption vorbei ins Freie.

 
 

 


Freitag, April 20, 2018

Lustvoll essen

 
Sie ist klein, rund und grausam. Sie ist das Sinnbild einer fantasielosen Gastronomie-Branche. Sie ist meistens rot, sie wurde jedoch auch schon in grün oder gelb gesehen. Sie hat nur ein einziges dafür aber haarloses Bein. Es gibt sie mit und ohne Seele. Dies erkennt man jedoch erst, wenn man sie im Mund hat ...

... und dann ist es vielfach zu spät. Denn ihr Herz ist manchmal aus Stein und daran erfreuen sich höchstens Zahnärzte. Der Geschmack liegt irgendwo zwischen grauenvoll, grauenhaft und grausam. Sie wird deshalb in vielen Fällen in Alkohol ertränkt. Sie – das ist die so genannte Cocktail-Kirsche. Sie ist der eigentliche Sündenfall der Gastronomiegeschichte. Einer Geschichte, die nicht mit Adam, Eva, Schlange und Apfel sondern mit Cock, Tail, Dose und Kirsche begann.

Noch vor Hamburger, Ketchup und Cola hat sie die Bars dieser Welt erobert und ist völlig resistent gegen alle Versuche sie auszurotten. Ob im Bahnhöfli in Hugelshofen, in der weltmeisterlichen Kronenhallen-Bar in Zürich oder im Raffles in Singapur: Sie ist überall. Sie dekoriert mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit die einöden Drinks mittelmässiger Lokale, wie auch die abenteuerlichen Kreationen erstklassiger Bars. Mal untergetaucht, mal schwimmend. Ob zusammen mit einem Stück Ananas oder alleine an einem billigen Plastikspiess hängend. Sie verfolgt mich. Ihre künstliche Farbe beleidigt jedes Auge und ihr Aroma ist eines Gaumens nicht würdig. Ganz un-geniert tummelt sie sich in Schwarzwäldertorten, Fruchtsalaten und Saucen.
„Lustvoll essen – gentechfrei“, heisst eine vor einiger Zeit in Basel verabschiedete Petition. Ein grosses und unterstützungswürdiges Ziel. Hoffen wir, dass verabschiedet nicht allzu wörtlich genommen wird. Ein erstes Teilziel wäre jedoch eigentlich einfach zu erreichen. Ich verabschiede deshalb noch heute Abend eine Petition unter dem Namen „lustvoll trinken – Kirschen-frei“. Wenn Sie mitmachen wollen, nichts einfacher als das. Steigen Sie in ihren Keller und schmeissen Sie ihren Jahresvorrat an Cocktailkirschen sofort auf den Müll. Klären Sie aber bitte zuerst mit ihrem Kantonschemiker ab, ob es sich nicht eventuell um Sondermüll handelt!
 

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hasnpeter Gsell, erschienen bei BoD. Noch mehr Geschichten finden Sie im neuen Buch von Hanspeter Gsell "Immer wieder Fernweh - Logbuch eines Inselsammlers".

 

 

 

 

Sonntag, April 08, 2018

Der Duft des Erfolges



Allenthalben werden nicht mehr nur in Büros von Birkenstockträgern kleine Öllämpchen zur leistungssteigernden Bewusstseinserweiterung entzündet. Auch in Hotels und Restaurants haben diese aladinesken Lustspender Einzug gehalten. Ob „gefallenes Buchenlaub“ oder „überreife Vanille“, ob „rosa Grapefruit“ oder „zartbraune Haselnuss“: fast unbemerkt werden unsere Nasen und Sinne beduftet. Stiere Kunden werden zu spendablen Konsumenten, grummeliges Personal zu freundlichen Mitarbeitern und Teller werfende Küchenchefs zu liebenswürdigen Patrons.

Ich entschloss mich deshalb, zukünftig ebenfalls Duftwaffen einzusetzen und beschaffte mir über meinen Duftberater ein grösseres Arsenal geheimnisvoller und Erfolg versprechender Essenzen. Meine Steuererklärung wurde mit Korianderöl parfümiert, der Antrag auf Verschiebung des Zivilschutzdienstes mit einem Hauch Moschus versehen. Das Kreditgesuch für die Bank wurde mit Zitronenmelissenblüten bestäubt und meine Checks duften seit kurzem unterbewusst nach Teebaumöl.

Nun, die Steuererklärung kam mit dem Vermerk „unleserlich“ zurück, vom Zivilschutz erhielt ich sofort ein Aufgebot für eine mehrtägige Überlebensübung; das Kreditgesuch wurde abgelehnt und meine Checks waren immer noch nicht gedeckt. Ein befreundeter Öllampenfetischist unterstellte mir natürlich sofort, dass ich ja eh nicht daran glauben würde und deshalb nütze es eben auch nichts. Ich konvertierte deshalb aus eigenem Interesse sofort und übte mich in der Folge im Glauben.

Ich habe diesen Text mit einer Mischung aus Bananenstaudenessenz, Brennnesselsamen und mit dem Zirbeldrüsenextrakt eines tibetanischen Murmeltieres beträufelt. Führen Sie jetzt Ihren Bildschirm ganz nahe an Ihre Nase. Nein – näher. Atmen Sie tief ein, entspannen Sie ihren Körper, und ein unbändiges Verlangen, mir einen Dankesbrief zu schreiben, wird Sie befallen. Und mein Verleger wird aus tiefster Seele überzeugt sein, sofort mein Zeilenhonorar erhöhen zu wollen. Denn: wer’s riecht, der glaubt’s.

 Letzthin habe ich eine Einladung zu einem Barbecue-Abend erhalten. Ich hätte schwören können, dass die Karte leicht nach „Farmer Fries“ gerochen hat.

 

Dienstag, April 03, 2018

Werbefallen

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Ich liebe Werbung: eine schön fotografierte Anzeige, einen amüsanten Werbefilm oder eine witzige Kampagne. Aber ich hasse Werbung, wenn sie mir in oder unter den Teller gelegt wird.
Da sitze ich nichts ahnend am Tisch, bestelle meinen Wurstsalat und schon springt er mir in das Gesicht: der klassische Reizartikel gutbürgerlicher Küchen: das Werbe-Tischset. In der Mitte das unausweichliche Foto vom Dorfbrunnen samt Geranien und darum herum die einöden Inserate des lokalen Gewerbes.

Der Metzger empfiehlt, der Bäcker verspricht und die Brauerei tut es auch. Die Raiffeisenkasse buhlt, in der Landi gab’s letzten Monat zu jedem Rasenmäher eine Heckenschere gratis und Almdudler erfrischt weiterhin.


Selbstverständlich drehe ich das Tischset sofort um. Und kann mich jetzt den unzähligen Plakaten, Rotairs und Tischstellern zuwenden, die mir das Blaue vom Himmel für Kehle und Gaumen versprechen. Über dem Buffet grüssen freundlich Obi und Rivella, das Clausthaler kommt im Heinekenglas und mein Stumpen liegt im Aschenbecher von Spenglermeister Hämmerli, derweil der Kellner im T-Shirt von Pepsi Cola meine Bestellung mit dem Sinalco-Kugelschreiber auf dem Henniez-Block notiert. In der Toilette lasse ich mich von der Wirksamkeit der neuen Prostata-Pillen überzeugen und im Radio läuft gerade der Spot von der Migros.

Auf dem Rückweg an meinen Tisch nehme ich noch schnell am Wettbewerb von Virgin Cola teil, errubble mir erfolgreich eine Fahrt mit dem Postauto und treffe, zusammen mit dem Wurstsalat, wieder an meinem Platz ein. Ich esse nur langsam, denn irgendwie befürchte ich, gleich auf einen Button vom Cash & Carry oder einen Flyer von Unilever zu stossen. Doch meine Vorahnungen bestätigen sich nicht: Der Teller ist und bleibt werbefrei. Zum Kaffee gibt’s Kaffeerahm von DJ Bobo und der Zuckerbeutel verspricht mir viel Vergnügen im Telefonmuseum Islikon. Der Guestcheck ist von Visa und das Bonbon zur Rechnung von Mastercard. Zum Abschied gelingt mir gerade noch ein geflüstertes „Servus“ – auf ein Wiedersehen lasse ich mich nicht ein – und verlasse fluchtartig diese monströse Werbefalle. Bei einem letzen Blick zurück grüssen einsam Feldschlösschen und Amstel, die verregneten Sonnenschirme von Marlboro scheinen hämisch zu grinsen und auf der Plastik-Schiefertafel von Eptinger steht kreideverschmiert: „Hier kochte der Chef, bevor er zur Plakatgesellschaft ging.“

 

Montag, April 02, 2018

Arrivederci Roma

Gestern Mittag war ich wieder einmal zu Pizza und Pasta bei meinen Lieblings-Italienern Toni und Dino. Pünktlich um 14.10 Uhr intonierte Peppino di Capri ein herzergreifend geschluchztes Arrivederci Roma, und ich kam wieder zu spät ins Büro. Na gut. Aber Peppino singt jetzt seit über 20 Jahren Arrivederci Roma, und zwar täglich um 14.10 Uhr.

Bei Giuseppe werden abends nicht nur die Drei, sondern Legionen von Heldentenören akustisch aktiviert. Um sie erst gegen Mitternacht und nach der dritten Reprise des Gefangenenchors wieder abtreten zu lassen. Im Bären war gestern der CD-Player defekt, so dass Elton John immer die gleichen drei Lieder singen musste. Und im Sternen gab’s zur Suppe Paola, zum Kotelett den gleichnamigen Walzer, und der angegraute Kellner summte leise Siebzehn Jahr’, blondes Haar. Dabei ist doch die menschliche Stimme das schönste aller Instrumente, das Gespräch die einzig wahre Musik!
Es geht allerdings auch das Gerücht um, dass in manchen Gaststuben das Radio nur deshalb läuft, damit man den Pleitegeier nicht krächzen hört. Aber nicht nur landauf und landab sondern weltweit werde ich heute als Gast mit Musik berieselt – ob ich es will oder nicht. In manchen internationalen Hotels wird die Musik gar zum Dauerbegleiter. In der Lobby spielt ein leibhaftiges Streichquartett, im Lift streicht sich das Rondo Veneziano die Geigenbögen krumm und im Zimmer be-grüsst mich der Fernseher mit alten Klassikern und einem hinterhältigen „Herzlich willkommen Mr. Xeller – drücken Sie ENTER“. Worauf das Inhouse-Entertainment-Center sofort auch die Lautsprecher im Bad und im begehbaren Kleiderschrank aktiviert.

Die eigentlichen Spezialisten in Sachen Musikauswahl und Qualität sind jedoch die Fluggesellschaften. Was in den meisten Flugzeugen – als Ouvertüre vor dem Start oder als Finale nach der Landung – aus den Bordlautsprechern quillt, kann nur die Auswahl eines musikalisch Minderbemittelten sein. Wobei natürlich schon das Wort Lautsprecher an sich eine irreführende Bezeichnung ist. Da verliere ich doch bereits während des ersten Taktes jegliches Vertrauen in die viel beworbene technische Kompetenz. Ist es nicht unglaublich, dass sich offenbar sämtliche Airlines dieser Welt mit solchen erbärmlichen Standards zufrieden geben?
 
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