Freitag, April 27, 2018

Lustfrei

Endlich habe ich mein Traumhotel gefunden – das erste garantiert kinderfreie Hotel der Schweiz! Endlich hat ein Schweizer Hotelier den Mut aufgebracht, sich rigoros gegen quengelnde, quietschende und wenn möglich noch Windeln tragende Kinder zu wehren. Da werden doch nur teure Sitzplätze mit Nuggi werfenden und Müsli schlabbernden kleinen Monstern belegt! Service-Mit-arbeiter sind stundenlang mit gratis Schoppen wärmen beschäftigt und die Malfarben sind ja auch nicht mehr ganz billig!






Erfreulicherweise ist der Betrieb auch frei von Stumpenrauchern und nassen Pudeln. Hunde, welche diese Weisung missachten, werden vom Casserolier standrechtlich erschossen. Falten tragende Senioren werden ebenfalls nicht bedient. Der Anblick von pfeifenden Hörgeräten, rutschenden Toupets und klappernden Prothesen ist ja wirklich eine Zumutung für normale Gäste. Wegen unangepasstem Lautsprechen haben auch Zürcher, Schwaben und Italiener keinen Zutritt.

Angehörigen ethnischer Minderheiten wie Kleinbaslern und Obergomsern, aber auch kiffenden Politikern der Lega Ticinesi, bleibt der Zutritt verwehrt. Handys und Laptops werden konfisziert und erst nach Bezahlung der Rechnung eventuell wieder ausgehändigt. Auf Grund akustischer und optischer Irritationen ist der Zugang für Stotterer, Brillenträger und Rollstuhlfahrer untersagt. Zum Glück werden auch übergewichtige Shortsträger und bärtige Birkenstockfetischisten aus dem Betrieb ge-wiesen, verschwitzte Velo- sowie lederne Töfffahrer wer-den auf Grund möglicher Ausdünstungen nicht bedient. Im Weiteren wird auch auf die Bewirtung von Jeans-, Turnschuh- und Weisssockenträgern verzichtet.

Das Ristorante ist alkoholfrei und somit eine Oase der Ruhe. Keine klingenden Gläser und keine lauten Prositrufe stören die himmlische Ruhe. Seit auch die Bar vom schottischen Whisky auf einheimischen Rüeblisaft umgestellt hat, gibt es keine grölenden Gäste mehr. Eigentlich gibt es gar keine Gäste mehr.

Schon lange nichts mehr gehört aus dem Tessin. Aber eben, da gibt es ja auch nichts zu hören.

Fengshui, Sabu-mai und Mai-tong

Als innovativer und weltoffener Hotelier halten auch Sie sich sicher bereits ihren persönlichen Fengshui-Berater. Und gegen ein überaus weltliches Honorar lassen Sie sich über die misslichen Ecken und Kanten ihres Betriebes aufklären. Allenthalben haben Sie ein Brünnlein montiert, störende Ecken mit Bergkristallen energiemässig entschärft und scharfsinnige Kanten zumindest geistig abgehobelt. Ihren direktoralen Schreibtisch haben Sie – zur Verbesserung des transzendenten Jetstreams – um 185 Grad gedreht, über dem Aktenvernichter sicherheitshalber einen doppelten Spiegel montiert und den halbleeren Kassenschrank hellblau bemalt.


Mitarbeiter mit abstehenden Ohren haben Sie entlassen, den weissrussischen Chasseur neu bewaffnet und in der Lingerie einen sprechenden Pommes-Frites-Automaten installiert. Alle 120 Fenster ihres Hotels wurden zuge-mauert und an Stelle des Lifts haben Sie einen 18 Meter hohen Wasserfall installiert. Seither wird ihr persönlicher Seelenfrieden nicht mehr von wütenden Drachen gestört, Herr Ying und Herr Yang haben ihr geistiges Gleichgewicht wieder gefunden und ihr Fengshui-Guru hat sich mit verzücktem Gesichtsausdruck ins leere Foyer zurückgezogen.


Nun, das ist ja bereits kalter Kaffee – Drachen sind mega-out – denn das nächste Psycho-Placebo für exekutive Mystiker steht vor offenen Türen. Kento-mai heisst die neuste Heilslehre und sie stammt aus dem Hochland der mikronesischen Insel Peleliu. Dort wird der Sabu-mai – der Windschmecker – immer dann gerufen, wenn die Energie bereits draussen und der Wurm schon drin ist.
Auf Grund seines seit Generationen überlieferten Wissens ist ein Sabu-mai in der Lage, nicht nur die Wellen des unendlichen Pazifiks zu erkennen, sondern auch deren Einwirkungen auf die Winde, den Mond, die Menschen und den Broccoli zu deuten. Neben dem zerstörerischen „Mai-tan“ erkennt er also folgerichtig auch jeden noch so kleinen „Mai-tong“ und transponiert ihn mittels energetischer Schubumkehr in die positiven „Mai-lun“.

Der Sabu-mai hat auch im Hotel meiner Tante auf Anhieb alle Biegungen auf Brechungen erkannt und geeignete Massnahmen eingeleitet. Nachdem sämtliche Zwischenböden, Stützmauern und das Dach entfernt worden waren, brach leider das ganze Hotel zusammen. Aber, kaum zu glauben, keine Spur mehr vom lästigen „Mai-tan“, ganz zu schweigen vom negativen „Mai-tong“! Meine Tante verkaufte gleichentags ihre Hotelruine an eine Kebab-Kette, heiratete den Sabu-mai und führt seither auf Peleliu eine vegetarische Saftbar und ein glückliches Leben.

Der Fengshui-Berater meiner Tante hat mir persönlich zu dieser Kolumne gratuliert. Er ist heute Farbberater für die Gastronomie und hat schon manche Fengshui-Ruine wieder zu neuem Leben erweckt.

 

Donnerstag, April 26, 2018

Singing in the rain ..

Ist ihnen auch schon aufgefallen, wie viele Varianten von Toiletten- und Lavabospülungen es gibt? Es müssen Tausende sein! Und als ich dachte alle zu kennen, war diese Feststellung nicht nur falsch, sondern geradezu lächerlich.

Eines Tage also stand ich wieder einmal vor der Tatsache und einem Spiegel mit dem Vorsatz, mir die Hände zu waschen. Wie in einem lustigen Piktogramm dargestellt, näherte ich meine Hände dem hochmodern gestylten Rohr. Nichts. Unauffällig schielte ich nach rechts und links und siehe da, überall sprudelte munter das Wasser. Ich studierte noch einmal die Zeichnung, kontrollierte die Stellung meiner Handrücken und näherte mich, diesmal in einem 20-Grad-Winkel und mit durchhängenden Schultern der Apparatur. Nichts. Hatte ich etwa vergessen, irgendeinen imaginären Knopf zu drücken? Einen Schalter zu kippen oder eine Taste zu betätigen?

In der Zwischenzeit war es schon spät geworden und ich hatte den ganzen Raum für mich alleine zur Verfügung. Ruhelos eilte ich von Lavabo zu Lavabo. Mich beschlich das entsetzliche Gefühl von unzähligen Apparaturen beobachtet zu werden. Ich besann mich deshalb einer alten Indianertaktik und versteckte mich hinter einer kleinen Brüstung. Vorsichtig und in geduckter Haltung schlich ich zum ersten Lavabo. In diesem Moment entleerte sich grundlos ein Handtuchrollendispenser und der Seifendosierer gab eine Portion von sich. Gleichzeitig schaltete sich das Licht aus, die beiden Heissluft-Händetrockner stimmten zu einem infernalischen Duett an und die Was-serspülungen der Toiletten spülten unisono mit.

Ich warf mich sofort in Deckung, sammelte mich und tat was ich am besten kann. Ich überlegte. Die Lüftung brummte eintönig vor sich hin und aus den Lautsprechern plätscherte eine kleine Wassermusik.
 
Mit Hilfe meines Überlebensmessers gelang es mir schliesslich, den Steuerungsmechanismus des Lavabos aufzubrechen. Ich entfernte sorgfältig alle mir sinnlos erscheinenden Schrauben und Drähte, demontierte das Wasserbecken nicht allzu fachgerecht und riss den Hahnen unter Einsatz aller Kräfte aus der Wand. Endlich! Wasser! Herrlich frisches Wasser! Als mich der Nachtportier verhaften wollte, sang ich leise I’m singing in the rain und steppte fröhlich an der Rezeption vorbei ins Freie.

 
 

 


Freitag, April 20, 2018

Lustvoll essen

 
Sie ist klein, rund und grausam. Sie ist das Sinnbild einer fantasielosen Gastronomie-Branche. Sie ist meistens rot, sie wurde jedoch auch schon in grün oder gelb gesehen. Sie hat nur ein einziges dafür aber haarloses Bein. Es gibt sie mit und ohne Seele. Dies erkennt man jedoch erst, wenn man sie im Mund hat ...

... und dann ist es vielfach zu spät. Denn ihr Herz ist manchmal aus Stein und daran erfreuen sich höchstens Zahnärzte. Der Geschmack liegt irgendwo zwischen grauenvoll, grauenhaft und grausam. Sie wird deshalb in vielen Fällen in Alkohol ertränkt. Sie – das ist die so genannte Cocktail-Kirsche. Sie ist der eigentliche Sündenfall der Gastronomiegeschichte. Einer Geschichte, die nicht mit Adam, Eva, Schlange und Apfel sondern mit Cock, Tail, Dose und Kirsche begann.

Noch vor Hamburger, Ketchup und Cola hat sie die Bars dieser Welt erobert und ist völlig resistent gegen alle Versuche sie auszurotten. Ob im Bahnhöfli in Hugelshofen, in der weltmeisterlichen Kronenhallen-Bar in Zürich oder im Raffles in Singapur: Sie ist überall. Sie dekoriert mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit die einöden Drinks mittelmässiger Lokale, wie auch die abenteuerlichen Kreationen erstklassiger Bars. Mal untergetaucht, mal schwimmend. Ob zusammen mit einem Stück Ananas oder alleine an einem billigen Plastikspiess hängend. Sie verfolgt mich. Ihre künstliche Farbe beleidigt jedes Auge und ihr Aroma ist eines Gaumens nicht würdig. Ganz un-geniert tummelt sie sich in Schwarzwäldertorten, Fruchtsalaten und Saucen.
„Lustvoll essen – gentechfrei“, heisst eine vor einiger Zeit in Basel verabschiedete Petition. Ein grosses und unterstützungswürdiges Ziel. Hoffen wir, dass verabschiedet nicht allzu wörtlich genommen wird. Ein erstes Teilziel wäre jedoch eigentlich einfach zu erreichen. Ich verabschiede deshalb noch heute Abend eine Petition unter dem Namen „lustvoll trinken – Kirschen-frei“. Wenn Sie mitmachen wollen, nichts einfacher als das. Steigen Sie in ihren Keller und schmeissen Sie ihren Jahresvorrat an Cocktailkirschen sofort auf den Müll. Klären Sie aber bitte zuerst mit ihrem Kantonschemiker ab, ob es sich nicht eventuell um Sondermüll handelt!
 

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hasnpeter Gsell, erschienen bei BoD. Noch mehr Geschichten finden Sie im neuen Buch von Hanspeter Gsell "Immer wieder Fernweh - Logbuch eines Inselsammlers".

 

 

 

 

Sonntag, April 08, 2018

Der Duft des Erfolges



Allenthalben werden nicht mehr nur in Büros von Birkenstockträgern kleine Öllämpchen zur leistungssteigernden Bewusstseinserweiterung entzündet. Auch in Hotels und Restaurants haben diese aladinesken Lustspender Einzug gehalten. Ob „gefallenes Buchenlaub“ oder „überreife Vanille“, ob „rosa Grapefruit“ oder „zartbraune Haselnuss“: fast unbemerkt werden unsere Nasen und Sinne beduftet. Stiere Kunden werden zu spendablen Konsumenten, grummeliges Personal zu freundlichen Mitarbeitern und Teller werfende Küchenchefs zu liebenswürdigen Patrons.

Ich entschloss mich deshalb, zukünftig ebenfalls Duftwaffen einzusetzen und beschaffte mir über meinen Duftberater ein grösseres Arsenal geheimnisvoller und Erfolg versprechender Essenzen. Meine Steuererklärung wurde mit Korianderöl parfümiert, der Antrag auf Verschiebung des Zivilschutzdienstes mit einem Hauch Moschus versehen. Das Kreditgesuch für die Bank wurde mit Zitronenmelissenblüten bestäubt und meine Checks duften seit kurzem unterbewusst nach Teebaumöl.

Nun, die Steuererklärung kam mit dem Vermerk „unleserlich“ zurück, vom Zivilschutz erhielt ich sofort ein Aufgebot für eine mehrtägige Überlebensübung; das Kreditgesuch wurde abgelehnt und meine Checks waren immer noch nicht gedeckt. Ein befreundeter Öllampenfetischist unterstellte mir natürlich sofort, dass ich ja eh nicht daran glauben würde und deshalb nütze es eben auch nichts. Ich konvertierte deshalb aus eigenem Interesse sofort und übte mich in der Folge im Glauben.

Ich habe diesen Text mit einer Mischung aus Bananenstaudenessenz, Brennnesselsamen und mit dem Zirbeldrüsenextrakt eines tibetanischen Murmeltieres beträufelt. Führen Sie jetzt Ihren Bildschirm ganz nahe an Ihre Nase. Nein – näher. Atmen Sie tief ein, entspannen Sie ihren Körper, und ein unbändiges Verlangen, mir einen Dankesbrief zu schreiben, wird Sie befallen. Und mein Verleger wird aus tiefster Seele überzeugt sein, sofort mein Zeilenhonorar erhöhen zu wollen. Denn: wer’s riecht, der glaubt’s.

 Letzthin habe ich eine Einladung zu einem Barbecue-Abend erhalten. Ich hätte schwören können, dass die Karte leicht nach „Farmer Fries“ gerochen hat.

 

Dienstag, April 03, 2018

Werbefallen

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Ich liebe Werbung: eine schön fotografierte Anzeige, einen amüsanten Werbefilm oder eine witzige Kampagne. Aber ich hasse Werbung, wenn sie mir in oder unter den Teller gelegt wird.
Da sitze ich nichts ahnend am Tisch, bestelle meinen Wurstsalat und schon springt er mir in das Gesicht: der klassische Reizartikel gutbürgerlicher Küchen: das Werbe-Tischset. In der Mitte das unausweichliche Foto vom Dorfbrunnen samt Geranien und darum herum die einöden Inserate des lokalen Gewerbes.

Der Metzger empfiehlt, der Bäcker verspricht und die Brauerei tut es auch. Die Raiffeisenkasse buhlt, in der Landi gab’s letzten Monat zu jedem Rasenmäher eine Heckenschere gratis und Almdudler erfrischt weiterhin.


Selbstverständlich drehe ich das Tischset sofort um. Und kann mich jetzt den unzähligen Plakaten, Rotairs und Tischstellern zuwenden, die mir das Blaue vom Himmel für Kehle und Gaumen versprechen. Über dem Buffet grüssen freundlich Obi und Rivella, das Clausthaler kommt im Heinekenglas und mein Stumpen liegt im Aschenbecher von Spenglermeister Hämmerli, derweil der Kellner im T-Shirt von Pepsi Cola meine Bestellung mit dem Sinalco-Kugelschreiber auf dem Henniez-Block notiert. In der Toilette lasse ich mich von der Wirksamkeit der neuen Prostata-Pillen überzeugen und im Radio läuft gerade der Spot von der Migros.

Auf dem Rückweg an meinen Tisch nehme ich noch schnell am Wettbewerb von Virgin Cola teil, errubble mir erfolgreich eine Fahrt mit dem Postauto und treffe, zusammen mit dem Wurstsalat, wieder an meinem Platz ein. Ich esse nur langsam, denn irgendwie befürchte ich, gleich auf einen Button vom Cash & Carry oder einen Flyer von Unilever zu stossen. Doch meine Vorahnungen bestätigen sich nicht: Der Teller ist und bleibt werbefrei. Zum Kaffee gibt’s Kaffeerahm von DJ Bobo und der Zuckerbeutel verspricht mir viel Vergnügen im Telefonmuseum Islikon. Der Guestcheck ist von Visa und das Bonbon zur Rechnung von Mastercard. Zum Abschied gelingt mir gerade noch ein geflüstertes „Servus“ – auf ein Wiedersehen lasse ich mich nicht ein – und verlasse fluchtartig diese monströse Werbefalle. Bei einem letzen Blick zurück grüssen einsam Feldschlösschen und Amstel, die verregneten Sonnenschirme von Marlboro scheinen hämisch zu grinsen und auf der Plastik-Schiefertafel von Eptinger steht kreideverschmiert: „Hier kochte der Chef, bevor er zur Plakatgesellschaft ging.“

 

Montag, April 02, 2018

Arrivederci Roma

Gestern Mittag war ich wieder einmal zu Pizza und Pasta bei meinen Lieblings-Italienern Toni und Dino. Pünktlich um 14.10 Uhr intonierte Peppino di Capri ein herzergreifend geschluchztes Arrivederci Roma, und ich kam wieder zu spät ins Büro. Na gut. Aber Peppino singt jetzt seit über 20 Jahren Arrivederci Roma, und zwar täglich um 14.10 Uhr.

Bei Giuseppe werden abends nicht nur die Drei, sondern Legionen von Heldentenören akustisch aktiviert. Um sie erst gegen Mitternacht und nach der dritten Reprise des Gefangenenchors wieder abtreten zu lassen. Im Bären war gestern der CD-Player defekt, so dass Elton John immer die gleichen drei Lieder singen musste. Und im Sternen gab’s zur Suppe Paola, zum Kotelett den gleichnamigen Walzer, und der angegraute Kellner summte leise Siebzehn Jahr’, blondes Haar. Dabei ist doch die menschliche Stimme das schönste aller Instrumente, das Gespräch die einzig wahre Musik!
Es geht allerdings auch das Gerücht um, dass in manchen Gaststuben das Radio nur deshalb läuft, damit man den Pleitegeier nicht krächzen hört. Aber nicht nur landauf und landab sondern weltweit werde ich heute als Gast mit Musik berieselt – ob ich es will oder nicht. In manchen internationalen Hotels wird die Musik gar zum Dauerbegleiter. In der Lobby spielt ein leibhaftiges Streichquartett, im Lift streicht sich das Rondo Veneziano die Geigenbögen krumm und im Zimmer be-grüsst mich der Fernseher mit alten Klassikern und einem hinterhältigen „Herzlich willkommen Mr. Xeller – drücken Sie ENTER“. Worauf das Inhouse-Entertainment-Center sofort auch die Lautsprecher im Bad und im begehbaren Kleiderschrank aktiviert.

Die eigentlichen Spezialisten in Sachen Musikauswahl und Qualität sind jedoch die Fluggesellschaften. Was in den meisten Flugzeugen – als Ouvertüre vor dem Start oder als Finale nach der Landung – aus den Bordlautsprechern quillt, kann nur die Auswahl eines musikalisch Minderbemittelten sein. Wobei natürlich schon das Wort Lautsprecher an sich eine irreführende Bezeichnung ist. Da verliere ich doch bereits während des ersten Taktes jegliches Vertrauen in die viel beworbene technische Kompetenz. Ist es nicht unglaublich, dass sich offenbar sämtliche Airlines dieser Welt mit solchen erbärmlichen Standards zufrieden geben?
 
Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen im Verlag BoD. Oder das neue Buch kaufen:
 
 



 
 
 

Samstag, März 31, 2018

Frühstück inbegriffen

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD. Auch als E-Book bei bod.ch / bod.de erhältlich.


Es gibt das Kunststück. Und es gibt das Frühstück. Manchmal haben sie etwas gemeinsam. Meistens jedoch nicht wirklich. Das durchschnittlich inbegriffene Hotelfrühstück ist eher der Beweis für das Kunststück, aus nichts noch weniger zu machen. Was mir hier zur angeblich schönsten Stunde des Tages vorgesetzt wird, ist meist ein klägliches Stück gastronomischer Biederkeit. Das einzige „Gold im Mund zur Morgenstund“ ist meist nur in Form von Zahngold anwesend.

Seit Jahr und Tag erhalte ich die gleichen Einheitsaufbackgipfel, das Hausbrot von gestern und ein Knäckebrot, welches das Knacken schon längst verlernt hat. Dazu die unsäglichen Portionen-Konfitüren – warum nur trifft es mich immer mit der Zwetschge? Der Honig eignet sich höchstens als Klebemittel – mit dieser Melasse lockt man nicht eine einzige Biene aus der Wabe. Die Käseauswahl besteht aus Scheibletten und Gerberkäsli neben einem unreifen Tilsiter. Sorgfältig aufgetürmte Berge von Cornflakes erheben sich, die Früchte sind zum fürchten und der Orangensaft ist ein rückverdünnter Schatten seiner selbst. Der Schinken kennt das Schwein nur vom Hörenriechen und auf das 135-Minuten-Ei würde sich nicht einmal mehr ein altes Suppenhuhn setzen. Das Kaffee-Kännchen leckt auch noch 200 Jahre nach dem Tag, als die Muselmanen vor den Toren Wiens standen. Aber vielleicht sind Kaffeekannen beseelt und ihre Leiber verweigern den Befehl. Deshalb wird wohl auch dieser neuartige Kaffee – der aus dem Konzentrat und mit der 8-Stunden-Schaumhaltegarantie – nur in der Tasse serviert. Die Kannen würden ihre Schnäbel krümmen vor Scham!

Eine Art magische Frühstücks-Zahl ist die Zehn. Zehn wie 10.00 Uhr. Um 10.00 Uhr wird die Kaffeeküche kalt und morgenmufflige Oberkellner mit dem Habitus eines Strafversetzten vollziehen den Räumungsbefehl. Ich will aber nicht vor 10.00 Uhr frühstücken! Ich träume lieber etwas länger vom paradiesischen Frühstücks-Buffet im Bayrischen Hof über den Dächern von München, vom verrückten Breakfast bei Brennan’s an der Rue Royale in New Orleans, dem Zmorge bei Haris im Pochtenfall und von Basil’s Brunch auf der Dachterrasse des Cobblestone Inn auf St. Vincent.

Aber eben: Eigentlich will ich überhaupt nicht mehr im Hotel frühstücken. Und schon gar nicht vor 10.00 Uhr. Und sicher nicht inbegriffen. Ich werde es zukünftig wie unsere südlichen Nachbarn halten: so rasch wie möglich
in die nächste Kaffeebar und zwei Ristretti schlürfen. Dazu ein Panino essen und die grosse, rosarote Zeitung lesen. Und mit den Ragazzi über Gott und die Welt plaudern. Und mich ausgesprochen wohl fühlen. Was für ein herrlicher Morgen!
Mehr Geschichten zum Schmunzeln im neuen Buch von Hanspeter Gsell
Immer wieder Fernweh - Logbuch eines Inselsammlers Verlag BoD

Donnerstag, März 29, 2018

Fandango

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell.
Erschienen bei BoD - erhältlich überall dort,wo's gute Bücher gibt. Vielleicht auch in der Brockenstube Ihres Vertrauens.

„Das Atmen geht schwer. So muss sich ein Feuerschlucker vorkommen, wenn er die Flamme raus bläst. Wow – ein richtiges Kraftbündel mit dem man die Fundamente vom World Trade Center bauen könnte. Sie wirkt so elegant, dass sogar der Roadster Viper eine lahme Ente wäre. Wer damit die Frau seiner Träume nicht rumkriegt, muss wirklich aussehen wie Frankenstein und das Biest zusammen. Man hat das Gefühl, es fliegen einem die Zähne raus, die Haare wachsen nach innen.“




Was Sie hier lesen, ist weder der schüttere Aufsatz eines pubertierenden Jünglings, noch der Fahrbericht eines Autojournalisten. Der Text stammt aus der Angebotskarte eines Weinhändlers. Es handelt sich um die nicht wirklich schlicht gehaltene Beschreibung eines seiner Weine.

Und jetzt vergleichen Sie diesen Beschrieb doch einmal mit der Vertextung einer Menükarte. Und was steht da? Etwa: „Zartes Kalbsfilet mit frischer Morchelsauce und feinen Nüdeli?“ Vielleicht noch etwas ausgeschmückt mit dem üblichen „hausgemacht“, aus CH-Fleisch oder auf einem Pilzbeet und dem unvermeidlichen Aceto Balsamico? Vergessen Sie doch endlich diese altmodische und vorväterische Auflistung nach Paulianischer Tradition. Fantasie ist gefragt!

Wie wär’s damit? „Unser heutiges Filet stammt vom Kalb Ignaz, das an einem lauen Frühlingsmorgen vom Muni Fandango im Natursprung mit der Kuh Flora gezeugt wurde. Der stramme Ignaz, stark wie ein Rasenmäher mit 16 Zylindern und Liebling aller Eichhörnli, entwickelte sich zu einem wahren di Caprio unter stieren Kälbern und bei seinem Anblick überkam auch die ältesten Kühe im Stall das Verlangen aller Schwiegermütter. Letzte Woche nun ging Ignaz den Weg aller Kälber, wurde gut abgehangen, zerlegt und ausgebeint: sein bestes Stück liegt auf ihrem Teller.“
Oder vielleicht so: „Als unsere Köchin heute Morgen die getrockneten Hochland-Morcheln von ihrer tödlichen Plastikhülle befreite, lief es ihr kalt den Rücken hinunter und warm wieder hinauf. Und als sie etwas später die
verschrumpelten Kümmerlinge ins kalte Feucht des Bergbachs legte, fühlte sie sich wie eine wahre Stauffacherin. Demütig und voller Hingabe beobachtete sie die Wiedergeburt der Gummimorcheln“. Und so weiter und so koch.

Lassen wir doch diese kleine Geschichte mit einer grossen Frage enden: Wer ist denn hier eigentlich das grösste Kalb?

Noch mehr Geschichten von Hanspeter Gsell finden Sie im neusten Buch.
Immer wieder Fernweh - Logbuch eines Inselsammlers / Verlag BoD


Mittwoch, März 28, 2018

Billig


 
Nennen wir ihn Kari Koch. Ersten gibt es ihn nicht. Zweitens aber gibt es ihn sehr wohl. Er ist eine Art virtueller Feind geistiger Festplatten, ein bösartiger und virulenter Virus der Gattung „Rentabilitosa gastronomis“. Übertragen wird er durch Tröpfcheninfektion an Vereins- und Verbandsanlässen, Urheber ist eine Gruppe betriebswirtschaftlicher Endzeit-Strategen.

Kari Koch ist stolz darauf, dass seine getrüffelte Gänseleberpastete noch nie – auch nicht von weitem – eine Gans gesehen hat. Zu den Trüffeln schweigen wir lieber. Sein Coq ist ein dänisches Käfighuhn und der Dézaley dazu stammt von den zusammengeschütteten Resten des letzten Banketts. Der Parmaschinken kommt aus dem Tessin, das Bündnerfleisch ist ein billiges Imitat. Der Champagner im Sorbet ist keiner und das Cüpli ist ein Frizzantino. Die Bodenseefelchen stammen aus holländischen Aquakulturen, die Mozzarella di Bufala von ordinären Kühen. Karis hausgeräucherter Speck kommt vom Cash & Carry und sein Schinken ist ein aus irgendwelchen Teilen zusammengepresster jämmerlicher Fleischhaufen. Seine Pouletschnitzel sind, wie auch die unvermeidlichen Fischstäbli, zerkleinerte und wieder zusammengesetzte Bestandteile animalischer Herkunft. Karis Kaviar ist eingefärbter Rogen unbekannter Abstammung, der Weisse Trüffel ist ein aromatisiertes Ersatzprodukt aus der Türkei. Wenn man bei Kari Mineralwasser bestellt, bekommt man selbstverständlich karbonisiertes Leitungswasser und den zwanzigjährigen Whisky macht er aus vier Fünfjährigen. Statt Martini gibt’s ein Generikum.

Nun – Kari Koch gibt’s nicht wirklich. Oder – Kari Koch ist immer der andere. Aber – Kari Koch sieht man nicht. Aber auch – Kari Koch kann in allen sein. Im Küchenchef, wenn er stolz erzählt, dass er noch günstigere Poulets gefunden hat. Im Einkäufer, wenn er eine noch günstigere Quelle für „Weissnichtwas“ gefunden hat. Im Sommelier, wenn er einen wirklich günstigen Schaumwein gefunden hat. Und im Chef de Bar, wenn er den absolut günstigsten Cognac eingekauft hat.

Billig bleibt billig, auch wenn man günstig dazu sagt. Vergessen Sie deshalb diese Worte sofort. Überlassen Sie diese Unwörter den Discountern, Telefongesellschaften und dem Nachbarn. Denn die Steigerungsreihe von billig lautet: billig, billiger, am billigsten, nichts. Denn nur „nichts“ ist billiger und erst noch gratis. Kari Koch hilft gerne dabei. Günstig und billig.



Wenn Markt im Dorf war, zog es mich als kleinen Jungen unwiderstehlich zum „Billigen Jakob“. Bei ihm gab es alles zu kaufen, was man auf dem Land zum täglichen Leben so brauchte: Hagenbuchige Hosen, Nagelschuhe und Melkschemel. Allerhand Lederzeug, grosskarierte Hemden und handgestrickte Socken. War ein Verkauf abgeschlossen, liess er gekonnt ein paar Hosenträger in die Streben des grossen Sonnenschirms schletzen, warf das Geld in eine grosse Holzkiste und knallte den Deckel so laut zu, dass man es noch bei Bartholdi hinter der Kirche hörte. Der Billige Jakob war alles, aber sicher nie „billig“.
 

Dienstag, März 27, 2018

Geisterfahrt

Die Ansprüche der globetrottenden Jugend an Nervenkitzel und Adrenalinstösse steigen jährlich. Höher – schneller – kälter heisst die Devise, oder aber auch nässer, tiefer, dunkler. Touristikmanager sind gefordert und meistens überfordert: Denn laufend müssen immer neue Risikosportarten erfunden und vermarktet werden. Mit dem Militärvelo einen Gletscher hinunter brausen? Pipifax von gestern! Übernachtungen in Gletscherspalten werden höchstens noch von Seniorengruppen gebucht und Riverrafting ist zum lahmen Familienausflug verkommen. Ich habe mich deshalb bei den wichtigsten Anbietern von Adventure-Reisen umgehört.

In der Innerschweiz organisiert die Göschener Telltour Tauchgänge durch die Druckstollen des heimischen Wasserkraftwerks mit anschliessendem Biwak bei km 3.4 im Gotthard-Basistunnel.
 
Im hinteren Rheintal offeriert Ogitour eine spannende Edelweiss-Suche im Zielhang eines übenden Panzerregiments. Überlebende dürfen am Kompanieabend den Fahnenmarsch steppen.



Fast immer ausverkauft ist auch das teuerste Angebot von Jump-Tours: Der Flug im Radkasten einer alten DC-8 von Genf nach Zürich mit Fallschirmabsprung in den Kühlturm des AKW Gösgen. Die morgendlichen Geisterfahrten mit den Rollerskates durch den Bareggtunnel entwickeln sich zum Top-Event. Leider sind bereits auch die ersten unseriösen Angebote aufgetaucht. Das „Giftpfeil-schiessen mit Bruno Manser im botanischen Garten von Hugelshofen“ (!) gehört wohl ins Reich der Fantasie.
Gewarnt sei ausdrücklich auch vor der Gipfelbesteigung im Café Morgenrot mit Sherpa Tensing. Erstens hat’s dort nur ungeeignete Butter-Gipfel und zweitens ist Sherpa Tensing eine Sonnencrème.
 

Der Schweizer Menschenrechtsaktivist und Regenwaldschützer Bruno Manser ist seit seiner letzten Reise nach Malaysia im Mai 2000 spurlos verschwunden. Am 10. März 2005 wurde er vom Zivilgericht des Kantons Basel-Stadt für verschollen erklärt. Ich habe lange überlegt, ob ich die Passage über Bruno Manser weglassen soll. Ich habe es – im Andenken an Bruno Manser – nicht gemacht.

Auch diese Kolumne entstammt dem Buch Hühnerbrust du Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD. Erhältlich im guten Buchshop, im Internet oder in der Brockenstube.
Noch mehr unglaubliche Geschichten von Hanspeter Gsell finden Sie im neusten Machwerk:



 

Montag, März 26, 2018

Presskopf





Ein guter Freund bat mich einst und nicht erst im Mai, mir Gedanken über das Verhältnis zwischen Küche und Presse zu machen. Sicher ist grundsätzlich jedes Verhältnis an sich problematisch. Und dies nicht erst, seit Adam der Eva an der Rippe rummachte. Dieses bis heute ungelöste Rätsel vereinfacht natürlich die Ausgangslage für meine Reihenuntersuchung überhaupt nicht. Eine Annäherung über Wortspielereien führt zwar zum Presskopf. Da ein solcher jedoch heute nicht mehr aufgetischt wird, und sich kaum ein Journalist gerne so nennen lässt, dürfte dieses Thema ebenfalls abgeschlossen sein.

Manchmal schreiben Köche Kochbücher die niemand braucht. Und manchmal schreiben Journalisten über Köche. Im Gegensatz zu Rezepten sind jedoch Köche der natürlichen Fluktuation unterworfen. Und so kommt es, dass die Presse über Köche schreibt, die schon längst die Küche gewechselt haben. Über Hoteliers und Wirte, die schon längst nicht mehr da sind, wo sie einmal waren.

So publizierte die grösste Weinzeitschrift der Schweiz eine Reportage über die angeblich erfolgreichste Weinbar der Nordwestschweiz. Pech war, dass dieser Betrieb beim Erscheinen der Zeitschrift bereits seit vier Wochen geschlossen war. Was aber ein anderes Zürcher Hochglanzmagazin nicht davon abhielt, zwei Monate später diesen angeblichen Betrieb als „Konzept, das man unbedingt gesehen haben muss“ aufzuzählen. Und auch wenn Köche manchmal erpresst werden, ergibt sich daraus faktisch noch kein Zusammenhang. Auch nicht, wenn die Presse bekocht wird. Das wäre dann schon ganz schön abgekocht.


Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen im Verlag BoD. Erhältlich überall wo's gute Bücher gibt.

Freitag, März 23, 2018

Das Spiegelei

Nachdem es der Wissenschaft gelungen war, den Geschmack von Spiegeleiern zu isolieren, musste nur noch ein Verwendungszweck gefunden werden. Dem berühmten spanischen Molekularhühnerbiologen Don Sebastian della Hueva gelang letzten Sonntag das Meisterstück: Pommes Chips mit Spiegeleier-Geschmack. Endlich keine fettige Küche mehr. Sack aufreissen und Spiegeleier geniessen. "Knackt so schön zwischen den Zähnen".
PATATAS FRITAS CON SABOR A HUEVO FRITO
Gefunden bei SAURA in Cabo roig. Noch habe ich die Packung nicht geöffnet. Vielleicht an Ostern ...

Donnerstag, März 22, 2018

Tod in der Südsee

 

Schon vor vielen Jahren bekam ich den Auftrag, eine Serie über berühmte Köche zu schreiben. Nach schweiss-treibenden Recherchen kam ich zum Schluss, den Auftrag nicht nur nicht auszuführen, sondern zurückzugeben: Es wurde bereits alles geschrieben. Eher zufällig bin ich jedoch auf folgende kleine Geschichte gestossen. Ich habe mich deshalb entschieden, in lockerer Reihenfolge über unberühmte Köche zu schreiben.

Lassen Sie sich erzählen von alten Zeiten. Wir schreiben September 1944 und es begab sich auf der kleinen Insel Mogmog im Ulithi-Atoll, irgendwo in den unendlichen Weiten des Westpazifiks. Die Richtung Japan vorrückenden amerikanischen Truppen, hatten über der von feindlichen Soldaten besetzten Inselgruppe bereits Flugblätter abgeworfen, um die Einheimischen vor der bevorstehenden Invasion zu warnen. Trotzdem traf sich der amerikanische Küchengehilfe Bob K. heimlich, und in der Hitze der Nacht, mit Prinzessin Kalara, der Tochter von König Ueg, zu einem tropischen Techtelmechtel. Sie waren die ersten und letzten Toten des Kampfes um die Insel Mogmog. Die Prinzessin erhielt ein Staatsbegräbnis, der Koch wurde auch nicht berühmt.

Einige Wochen später traf sich der Vorgesetzte von Bob, Küchenchef Stewart ‚Stu’ Lucas, mit König Ueg zum Kartenspiel. Nach mehreren Flaschen Whisky gewann ‚Stu’ beim Pokern ein Grundstück auf der benachbarten Insel Mangajang. Dort gründete er am nächsten Tag die Republik Lucastan, ihre Flagge zeigt das siegreiche Pokerblatt. Leider wurde Lucastan völkerrechtlich nie anerkannt und so wurde auch dieser Koch nie berühmt. Aber die Geschichte ist zu schön um nicht geschrieben zu werden.

Lucastan liegt im Pazifik, 180 km nordöstlich von Yap "in the middle of bloody-damn-all.“ Es bedeckt einen Drittel der Insel Mangajang im Ulithi Atoll und besitzt eine Landfläche von etwas mehr als 1 km2. Die Koordinaten: 9º 47' N, 140º 7' E.

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen im Verlag BoD.




Freitag, März 16, 2018

Attribute

Die Einladung klang ausgesprochen verlockend. „Gekonnte Gastlichkeit und gehobene Küche“ waren angesagt, ein wahrer Geheimtipp sollte es sein: Spontan, kreativ, gemütlich, aufmerksam, raffiniert, aufregend, geniesserisch und angepasst will man sein. „Herzlich verwöhnen“ werde man die lieben Gäste und „jederzeit auf deren speziellen Wünsche eingehen“.
Unsere, wie immer fröhliche und zur Weinseligkeit neigende Gruppe von Besseressern und Leichtgläubigen, konnte diesen Attributen nicht widerstehen und beschloss, „den weit über die Region hinaus bekannten Starkoch“ zu besuchen.
Eine eidgenössisch diplomierte Servicefachfrau in der Gestalt von Fräulein Rottenmeier, gab uns gleich bei der Begrüssung den gekonnt gastlichen Tagesbefehl bekannt. „Da der Küchenchef heute alleine in der Küche steht, würden wir es schätzen, wenn alle das Gleiche bestellen würden.“ Sie liess dabei allerdings offen, ob es sich beim Gleichen um den angepriesenen Geheimtipp aus der gehobenen Küche handeln sollte. Vielleicht aber war diese gastronomische Ouvertüre nichts anderes als eine liebreizende Vorbotin der gekonnten Gastlichkeit?
Gemütlich diskutierten wir deshalb das raffinierte Angebot und genossen die kreative Diskussion. Wir beschlossen spontan auf die Wünsche des aufregenden Fräuleins einzugehen und verwöhnten sie aufmerksam mit unserer angepassten Einheitsbestellung.

Jedes Adjektiv oder Partizip das als Attribut verwendet wird, hat eine starke und eine schwache Beugung. In der Werbung hingegen findet man vorwiegend die starke Beugung der Wahrheit.

Der „weit über die Region hinaus bekannte Starkoch“ steht nach wie vor hinter seinem vergoldeten Herd und schwadroniert spontan, kreativ, gemütlich, aufmerksam, raffiniert, aufregend, geniesserisch und angepasst. Nur hat’s noch niemand gemerkt.
 

 

 

 

Dienstag, März 13, 2018

Just in Time

Die Weinkarte war in feinstes Kalbsleder gebunden und ein güldener Bacchus versprach mir höchstes Trinkvergnügen. Hunderte von „sorgfältig ausgesuchten Tropfen“ warteten nur darauf, meine dürstende Kehle zu ent-zücken. Noch ahnte ich nichts vom Grauen der einbrechenden Nacht, entschied mich für einen leichten Roten und lief damit direkt in die gestellte Falle. „Leider ausverkauft!“
Als erfahrener Gast hatte ich natürlich bereits eine Alternative vorgesehen und so bestellte ich – immer noch lächelnd – den schweren Roten. Ich hätte es besser nicht getan! Inzwischen etwas vorsichtiger geworden, verlegte ich mich auf das Zufallsprinzip.
Mit geschlossenen Augen ertippte ich mir einen mittelschweren Roten. Der im Trunke ergraute Sommelier zog seine linke Augenbraue in die Höhe und erstarrte zur Sprechblase. Bevor auch nur eine einzige weitere Worthülse seine geschürzten Lippen verlassen konnte, ergab ich mich feierlich, warf sinnbildlich ein imaginäres Handtuch und überliess die weitere Auswahl dem befrackten Herrscher über tausend Weine.

Als ich mich umdrehte sah ich, wie sich im Fenster ein dunkler Schatten spiegelte. Gebückt, in Eile und mit Schlapphut, schlich sich eine sonderbare Gestalt durch den unordentlichen Vorgarten zum benachbarten Gasthof. Böses ahnend versteckte ich mich konspirativ unter den hängenden Zweigen einer Trauerweide und wartete ab. Da! Da war er wieder, der schwarze Schatten! Mit zwei Flaschen in der linken Hand turnte er über die Feuerleiter zurück in die Küche. Die Frackspitzen flatterten dabei lustig im Wind.



Noch immer herrscht der „Herr über tausend Weine“ über die sorgfältig ausgesuchten Tropfen. Von einem offensichtlich blinden Gastrotester hat er in der Zwischenzeit sogar noch ein paar zusätzliche Punkte erhalten. Womit nichts bewiesen sei.

 

Mittwoch, März 07, 2018

Drei Martini

Mai 2003: Nachdem autofreie Sonntage einmal mehr – zumindest bis zur nächsten Volksinitiative – vom Tisch sind, kann ich mich wieder den schönen Dingen des Lebens zuwenden. So entschloss ich mich gestern spontan zum Besuch des neuen Trendlokals.
Ich drängte mich durch Hunderte von modisch juvenilen Menschen. Die Hosenböden an den Knien und die nach vorne gekämmten Haare in den Augen, nippten androgyne Jungs um die Gunst der Stunde. Die weiblichen Bauchnabel waren gepierct und textilfrei; die getigerten Tops erinnerten mich fatal an die Bar des Raffles in Singapur. Dort lag der Tiger früher allerdings vor der Bar und die Barmänner konnten zwar schiessen, hatten aber keine Ahnung von Shots und Alcopops. Dafür machten sie den besten Dry Martini der Welt. Dry Martini? Warum auch nicht!

Als mir der Barmann drei Martinis hinstellte, kamen mir erste Zweifel. Meine Erklärungsversuche erstickten kläglich im Lärm und ich verschenkte die überzähligen Drinks einem wildfremden Bauchnabel.
Ich startete einen weiteren Versuch. Der fröhliche Mann hinter der Bar empfahl mir einen weissen Cabernet aus Kolumbien und servierte mir einen Sauvignon aus dem amerikanischen Columbia Valley. Der Hosenboden links bestellte in der Zwischenzeit brüllenderweise einen „On-the-Rocks mit Eis“. Auf die Frage, was er damit meine, antwortete er schlicht „On-the-Rocks mit Eis“. Leider werden wir nie wissen, was der eine wollte und der andere nicht servierte. Vielleicht ist es auch besser so.

Einmal mehr wurde im Mai 2003 über autofreie Sonntage abgestimmt. Die Alcopops befinden sich seit den massiven Steuererhöhungen auf dem Rückzug und der ‚Dry Martini’ ist ausgestorben. Dafür sind Piercings und Hosenböden noch abenteuerlicher geworden. Ich habe mir trotzdem noch kein Arschgeweih zugelegt.  
 
Texte aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel
Hanspeter Gsell, Verlag BoD
Die Bilder sind alle urheberrechtlich geschützt. Allerdings nicht von mir.
 

Sonntag, März 04, 2018

Rücktritt

Eine unbedeutende Zeitungsmeldung hat mich veranlasst, über Rücktritte nachzudenken. Wie wir wissen, gibt es angekündigte und angedrohte Rücktritte. Und selbstverständlich gibt es den freiwilligen, aber auch den unter Druck zurückgezogenen, den unfreiwilligen und den altersbedingten Rücktritt. Man kann Rücktritte erklären oder davon aus der Zeitung erfahren. Eine Mutation des Rücktritts ist die Rücktrittbremse. Sie wurde 1903 von Sachs erfunden und begleitete Heerscharen von Schweizer Armee-Radfahrern in üblen Stunden durch dunkle Nächte. Als Füsilier kam auch ich in den fragwürdigen Genuss harter Sättel und gierender Bremsen. Unvergessen bleibt der Ritt mit Vollpackung durch das Tägermoos im Lichte des Neumondes. Allerdings kam dank kontinuierlicher Bergfahrt ein Rücktritt nicht in Frage. Und mit der Abschaffung der Rad fahrenden Soldaten gehört sie, die Rücktrittbremse, zumindest militärpolitisch zur Geschichte.

Rücktrittbremser hingegen findet man in den Chefetagen grosser Unternehmen. So hat doch eben ein schwedisch-amerikanischer Generalmanager den Rücktritt neu erfunden. Es handelt sich um eine weitere Variante des grund- und schuldlosen Rücktritts, den so genannten „medien-bedingten Rücktritt“. Man tritt nicht zurück wegen eines „im besten Fall zu missbilligenden Vorfalls“ der, ganz „nebenbei“, als schwerer Verstoss gegen die Firmenethik gewertet wird. Nein. Natürlich nicht. Man tritt zurück, weil die Berichterstattung der Medien dem Image der Company schadet. Der Rücktritt als Kollateralschaden der Pressefreiheit? 

Auch der Direktor eines sehr grossen Gastronomieunternehmens wurde – wegen sexueller Belästigung von Mitarbeiterinnen – „medienbedingt zurückgetreten“.