Donnerstag, August 07, 2014

Dumme Zwetschge!


Kann die Sprache den Ruf einer Frucht beeinflussen? Warum sind ausgerechnet Zwetschgen mit negativen Redewendungen belegt? Sind Zwetschgen wirklich dumm? Die Antwort: Ja. Auch Zwetschgen sind dumm.


Kaum haben die Baselbieter Bauern ihre ersten Zwetschgen geerntet, setzt auch das jährliche Wehklagen ein. Das Landwirtschaftliche Zentrum Ebenrain lud die Vertreter der internationalen Presse zur Zwetschgenkonferenz nach Sissach. Und genau dort entfleuchte dem kantonale Zwetschgenvater folgende Weisheit: „Niemand kauft in den Sommerferien Zwetschgen!“ Diese sensationelle Erkenntnis aber erschütterte die Medienwelt! Denn, so ein anwesender Journalist, Sommerferien gäbe es doch schon seit den Zeiten von Pestalozzi! Der aber sei bereits 1827 gestorben! Warum nur beharren die Zwetschgen darauf, genau in diesen Monaten gepflückt zu werden? So dumm kann nur eine Zwetschge sein!
Nachdem sich die Chefzwetschge ein Tränchen aus dem linken Augenwinkel gewischt hatte, jammerte sie weiter , sprach vom Wetter und salbaderte „von gefrässigen Grossverteilern welche die Baselbieter Zwetschgenkörbli immer hinter den neuseeländischen Kiwis verstecken würden!“ Genau. So dumm kann keine Zwetschge sein!
Nun ich mache mir keine Sorgen um die Bauern. Viele meiner Verwandten und Bekannten sind tüchtige Bauern. Tüchtige Bauern aber können auch tüchtig jammern. Und wenn sie tüchtig gejammert haben, freuen sie sich auf die Subventionen aus Bern. Der Herrgott, Toni Brunner und der Bauernpräsident werden es schon richten.
„Wir erwarten den mengenmässigen Höhepunkt der Zwetschgenernte ab der letzten Juli-Woche“, so die letzte Nachricht aus der gefühlten Welthauptstadt der Zwetschgen. Der Höhepunkt aber erreichte Sissach bereits am Montagnachmittag. Die Grossverteiler führten überhaupt keine Zwetschgen. Nur Melonen. Nicht nur Zwetschgen sind manchmal ganz schön blöd.




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Donnerstag, Juli 31, 2014

Hurni gibt seinen Senf dazu

Hurni hat mir letzthin ungefragt erklärt, dass die gesalzenen Erdnüsse auf der Bartheke unhygienischer seien als mancher WC-Deckel. Hurni mag zwar gescheit sein und Recht haben. Aber von Senftuben hat er keine Ahnung.
Als Liebhaber deftiger Gerichte begegnen mir solche Tuben immer wieder. In einigen Restaurants kann man aufgrund ihres Äusseren durchaus auf die allgemeine Hygiene des Betriebes schliessen. Was sich unter den Deckeln in Tagen, Wochen oder Monaten angesammelt hat ist meistens schlicht und ergreifend saumässig. Gerne würde ich den Zustand der Tuben präziser beschreiben. Aber diese Zeitung legt Wert auf einen gewissen Stil. Machen sie deshalb bei ihrem nächsten Restaurantbesuch die Probe aufs Exempel und öffnen sie mal eine Tube!
Ob auf dem Rütli, am Rheinufer oder auf dem Bruderholz: Am morgigen Nationalfeiertag werden wiederum unzählige Bratwürste ihr kurzes Leben lassen. Und obwohl diese ohne Senf genossen werden sollten, werden manche Politiker ihren persönlichen Senf dazugeben. Dabei sollten sie jedoch darauf achten, nicht plötzlich als arme Würstchen da zu stehen. Denn, wo Würstchen regieren, wird der Senf verboten.
Noch weiss ich nicht, wo ich den Abend verbringen werde. Vorsichtshalber habe ich deshalb ein Schlechtwetterprogramm geplant. Ich beabsichtige die 1.August-Feiern nicht mehr wirklich und in der freien Natur, sondern nur noch scheinbar und vor dem Laptop zu zelebrieren. Vielleicht hole ich mir den alten Gessler auf die Festplatte, verpasse ihm einen neuen Hut und lasse den Walterli den Bundesbrief per Quickmovie aufsagen. Den Funken gibts via Livecam aus Ammel, das Feuerwerk via Satellit aus der Ukraine.

Damit es trotzdem ein wenig nach 1. August riecht, werde ich am Bildschirm einen Lampion befestigen und meine obligate Zigarre mit einem bengalischen Zündholz entflammen.

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Sonntag, Juli 27, 2014

Im Wursthimmel

Ziellos bin ich unterwegs im Emmental. Ich bin vor dem Grauen dieser Tage aufs friedliche Land geflohen. Ich höre mir keine Nachrichtensendungen mehr an, den Fernseher habe ich schon seit Tagen nicht mehr eingeschaltet.

Das kleine Gasthaus liegt irgendwo zwischen Lützelflüh und Langnau, sein tiefgezogenes Walmdach verheisst Geborgenheit, der Geranienschmuck stimmt versöhnlich und ich stelle mein Auto auf den Parkplatz hinter dem Haus. Von der nahen Weide grunzen gefällige Schweine.
Im Nebengebäude befindet sich eine Metzgerei. Neugierig werfe ich einen Blick in den Verkaufsraum und erstarre. Unter einem Himmelszelt voller Würste entdecke ich IHN. Ihn, den ich bereits ausgestorben glaubte, so wie das doppelt gehörnte Murmeltier oder die Moosgrundel. So muss es Gustl B. ergangen sein, als er vor wenigen Jahren die vermeintlich ausgestorbene Bayrische Kurzohrmaus wiederentdeckte!
Ich betrete das Paradies und deute wortlos auf IHN. Vorsichtig pflückt ihn die Metzgersfrau vom Wursthimmel und stemmt den prächtigen Beinschinken auf ein Schneidebrett. Von Hand schneidet sie sorgfältig Tranche um Tranche, der Duft ist himmlisch. „Darfs es bitzi meh sii vom Hamme?“ Jaaaa! Viel mehr! Denn seit vielen Jahren habe ich keinen echten, ganzen, gekochten Beinschinken mehr gesehen oder davon gegessen.
Ich denke an Hurni mit seinem lächerlich teuren, spanischen Schinken von Schweinen der Rasse Pata negra, das Kilo zu 150.-- Franken. Als er letzte Woche wiedermal die Schweizer Sauen durch den Dreck ziehen wollte, entgegnete ich verärgert: „Mein lieber Hurni, Würstchen sollten nie ein Schwein eine Sau nennen!“

Natürlich sagte ich ihm nicht, dass ich diesen Spruch beim österreichischen Satiriker Karl Kraus entliehen hatte.
Und ich werde ihm auch nicht sagen, wo es den besten Hamme zum Preis von 30.-- Franken das Kilo zu kaufen gibt. Nein. Ihm nicht.


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Sonntag, Juli 20, 2014

Primitivo on the Rocks

Endlich Sommer! Ich schwitze ungewohnt und trotzdem gemütlich vor mich hin und freue mich auf einen angenehmen Abend in der Gartenwirtschaft, auf einen Abend ganz ohne Fussball. Das Resultat der WM wurde übrigens bereits 1990 vom legendären englischen Stürmer Gary Lineker vorausgesagt: „Fussball ist ein Spiel von 22 Leuten, die rumlaufen, den Ball spielen, und einem Schiedsrichter, der eine Reihe dummer Fehler macht, und am Ende gewinnt immer Deutschland.“

Ich freue mich auch auf ein kühles Glas Weisswein. Leider aber ist die Vorfreude nicht nur die schönste Freude sondern manchmal auch völlig deplatziert.

Denn Sommer ist dann, wenn das Bier in warme Gläser gezapft wird, wenn das helle Blonde wärmer ist als der unterkühlte Charme der blondierten Servicemitarbeiterin. Sommer ist auch dann, wenn ich die Flasche Weisswein, ohne Weinkühler serviert, in 10 Minuten austrinken muss. Und Sommer ist dann, wenn der Rotwein wärmer ist als die Spaghetti auf dem kalten Teller. Wenn der Rosé so lauwarm ist wie die verwelkten Salatblätter auf dem warmen Teller. Sommer ist, wenn Kellner und Kühlschränke überfordert sind, der einzige Weinkühler bereits benutzt wird und die Eismaschine defekt ist. Da schreien alle nach Sommer, und wenn er endlich da ist, merkt es keiner !

Frustriert sitze ich vor meinem temperierten Zweier und entschliesse mich, nach reichlicher Abwägung der verfügbaren Waffen, zur Guerilla-Taktik. Ich robbe zu Tisch 4 und fische mir heimlich ein paar Eiswürfel aus Nachbars Weinkühler. Geschickt verberge ich das Diebesgut und lasse es unbemerkt in mein Glas gleiten. Der Wein schäumt zwar ein wenig und das Eis klirrt bedrohlich. Aber immerhin ist er jetzt trinkbar, der Primitivo. Der ist zwar nicht weiss, sondern tiefrot. Aber Sommer ist auch, wenn mich die Wanderkellner aus dem Hindukusch nicht verstehen.
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Donnerstag, Juli 10, 2014

Hungrig in Verona

11.Juli 1982 21.00 Uhr. In der Arena di Verona beginnt in wenigen Minuten die Ouverture zur Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini. Mein Freund Umberto, sowie weitere 22'000 Zuschauer, freuen sich bereits auf die berühmte Arie des Prinzen Kalaf im dritten Akt: „Nessun dorma! Tu pure, o Pricipessa nella sua fredda stanza.....“ (Herrlich übersetzt von Google: „Jetzt wird nicht geschlafen, auch du nicht, holde Prinzessin im Kühlraum.....“) Umberto summt leise die bekannte Melodie und freut sich auf die Spaghetti bei Zia Maria. Niemand macht den besseren Sugo, ausser vielleicht Mamma.
Im Ristorante „Borgo“, nur wenige Schritte von der Arena, freut sich Zia Maria auf einen umsatzträchtigen Abend, reibt sich ihre schwieligen Hände und überlegt sich eben, ob sie noch einen Zuber Spaghetti köcheln soll.
1'300 Kilometer südwestlich von Verona: 90'000 Zuschauer freuen sich im Bernabéu Stadion in Madrid auf die zweite Halbzeit des WM-Endspiels Italien gegen Deutschland. Noch steht es 0:0. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt langweilt sich, während der italienische Staatspräsident Sandro Pertini, so eine Randnotiz des deutschen Goethe-Institutes „wie ein Gummiball auf seinem Platz herumhüpft.“
11. Juli 1982 21.45 Uhr. Italien gewinnt 3:1 gegen Deutschland und wird Weltmeister
In Verona ist das Orchester nach dem ersten Akt nicht mehr aufgetaucht und blieb verschwunden. Gegen das einsetzende Hupkonzert wären auch Pauken und Trompeten machtlos gewesen. Auch Zia Maria musste sich dem Fussball ergeben. Nachdem ihre Kellner und Köche vom Erdboden verschluckt worden waren, vergoss sie ein Tränchen und machte ihren Laden dicht. Derweil Umberto allein und hungrig auf der alten Stadtmauer sass und die Sterne zählte.
Seit diesem Datum gibt es an Tagen, an welchen die italienische Nationalmannschaft spielt, keine Opernaufführungen mehr in Verona. „Guardi le stelle, che tremano d'amore e esperanza....“.



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Donnerstag, Juli 03, 2014

Der Serviettenfalter

Es gibt den Hauhechel-Bläuling, den Hartheu-Spanner und den gemeinen Serviettenfalter. Bei letzterem handelt es sich nicht um einen Schmetterling sondern um eine von Tante Marthas Bosheiten.
Tante Martha führt ein durchaus nobles Haus, lebt ein vornehmes Leben und beabsichtigt, ihre älteste Tochter gelegentlich zu verheiraten. So lädt sie immer wieder junge Männer in ihren Salon ein und lässt die Köchin Speisen und Getränke auffahren bis sich die Balken biegen. Leckereien aus der ganzen Welt werden aufgetragen, sie lässt sich nicht lumpen. Während die Anwärter essen, beobachtet sie Tante Martha genauestens.
Besonderen Wert legt sie dabei auf den richtigen Umgang mit der Serviette. Natürlich handelt es sich dabei nicht um ordinäre Papierservietten sondern um edlen Damast, bestickt mit den Initialen des Hauses. Obwohl es in Tante Marthas Kreisen üblich ist, die Servietten zu kunstvollen Schwänen oder anderem Getier zu falten, hatte sie ihre Gouvernante angewiesen, auf solchen Firlefanz zu verzichten. Deren letzter „Schwan“ hatte eher einem brüllenden Ameisenlöwen als einem Federvieh geglichen.
Am Montag war – und dies trotz oder wegen der WM – der junge Tschümpperli zum Bewerbungsgespräch vorgeladen. Er machte soweit einen anständigen Eindruck, hatte gute Tischmanieren und Martha setzte ihn ganz oben auf ihre Kandidatenliste. Da aber passierte das Malheur: Kaum hatte er fertig gegessen, griff er zur Serviette und putzte sich damit seine Brille. Anschliessend faltete er das Mundtuch wieder sorgfältig zusammen und legte es auf den Tisch. NEIN und nochmals NEIN! So einer kam ihr nicht ins Haus und schon gar nicht an ihr Vermögen! Dachte dieser ungehobelte Banause etwa, sie würde die Servietten aus Spargründen morgen wieder auftischen?

Martha strich den Serviettenfalter von ihrer Liste, stand auf und empfahl sich.

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Donnerstag, Juni 26, 2014

WM-Gnagi

Als Schweizer sind wir ja nicht wirklich verwöhnt mit fussballerischen Meistertiteln. Nur in Randsportarten oder Spezialdisziplinen wie Grillieren, Frisieren und Glassammeln gelingt uns der Griff zu weltmeisterlichen Pokalen. Im Laufe der Evolution hat sich deshalb der Homo Helveticus – mit Ausnahme einiger Mutanten aus der Muttenzerkurve – zum perfekten Zuschauer entwickelt. Diese Tugend ist mir in den vergangenen Tagen völlig abhanden gekommen. Die Überdosis an Informationen aus Brasilien verursacht bei mir ähnliche Symptome wie eine Überdosis Alkohol und ich beschloss gestern, bis auf weiteres meinen Dienst als WM-Zuschauer zu verweigern. Wieso sollte mich ein Orbitalbodenbruch, eine Muskelzerrung, ein Kreuzbandriss oder irgendwelche Adduktoren interessieren?

Ein 25-jähriger Lifestyle-Koch empfahl den Boulevard-Lesern zum Deutschland-Spiel Würstchen im Teig. Mein lieber Schwan! Die hättest du wohl besser zum Spiel der Schweizer serviert! Nur gerade Hurni von vis-à-vis fand, dass die verkohlten Wienerli farblich ganz apart zu den Afrikanern gepasst hätten. Da ich wusste, dass Hurni farbenblind war, ignorierte ich ihn und las weiter. „Wählen Sie den schönsten Fussballer!“ wurde ich auf Seite 3 aufgefordert. „Die sollen tschutten und nicht vor dem Spiegel stehen“, ereiferte sich Hurni, und ich gab ihm ausnahmsweise recht. Auch die schönsten Bärte, die schärfsten Kniescheiben sowie die männlichsten Nasenflügel interessieren mich nicht. Da Schreiben sehr kräfteraubend ist, wollte ich jedoch wissen, was ich denn vor dem nächsten Match essen soll. Die Ausbeute meiner Suche im Internet war nicht ergiebig. Ich einigte mich auf ein Menu mit Eiweiss, Kohlehydraten, Fett, Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen, etwas Zucker und Salz, sowie lebensnotwendiger Flüssigkeit.
Heute Abend gibts Gnagi mit Senf und Bürli. 
Dazu ein grosses Helles. 
Passt doch.



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Donnerstag, Juni 19, 2014

Allergien

Menschen mit einer Fussballallergie haben es nicht leicht in diesen Tagen. Gnadenlos servieren uns sämtliche Medien rund um die Uhr Geschichten von bewegten Männern und deren kriselnden Kniescheiben. Der tägliche Einkauf wird zur Tortur und die Suche nach einer Zahnpasta zum Spiessrutenlauf durch fussballerische Devotionalienmärkte. Die Industrie lässt keine Peinlichkeit aus, um auch noch dem letzten Ladenhüter ein weltmeisterliches Outfit zu verpassen. Und so kommt es, dass manche Grossmutter neben der Haftcrème plötzlich auch noch einen WM-Schüblig, ein Birchermüesli mit Valentin-Stocker-Poster und einen Rasierapparat mit Hitzfeld-Autogrammkarte im Einkaufskorb vorfindet.
Hurni von vis-à-vis hat mir gestern seinen Original WM-Fussball gezeigt. „Gratis!“ japste er.
„Wirklich?“ fragte ich zurück und zeigte auf die geschätzten 240 Dosen Bier vor seiner Wohnungstüre. So viele Dosen musste man nämlich bereits im Vorfeld der WM kaufen, um den Ball der Bälle gratis zu bekommen.
„Sie trinken doch gar keinen Alkohol! Und was wollen sie als Achtzigjähriger mit diesem blöden Ball? Mir ihrem Rollator lässt man sie sowieso nicht aufs Spielfeld!“ Da Hurni sein Hörgerät abgestellt hatte, lächelte er nur lautlos und schloss die Türe.örgerät abgestellt ha

Auch dieses Jahr werden wieder Tintenfische, Steinböcke und anderes Getier als Orakel bemüht. Da ich mir weder das eine noch das andere anschaffen wollte, erfand ich kurzerhand das Prosecco-Orakel.
Ich werde mich deshalb morgen kurz vor dem Anpfiff der Begegnung Schweiz – Frankreich mit einer Flasche Prosecco auf den Balkon setzen, die Flasche gut schütteln und Richtung Osten zielen. Landet der Zapfen bei Madame Pompadour im zweiten Stock, wird die Schweiz das Spiel gewinnen. Wird er hingegen bei Hurni landen, wird der Sieg an Frankreich gehen. Bei einem Fehlschuss ins Niemandsland wird es der Schweiz nur zu einem Unentschieden reichen. Ich werde zur Strafe den lauwarmen Prosecco austrinken und das Spiel auf keinen Fall anschauen.

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Donnerstag, Juni 12, 2014

Röschti Pelé

Als mich Hurni letzten Montag fragte, ob ich denn vielleicht einen Sommer zum Tauschen hätte, wurde mir bewusst, dass auch ich dem Fluch der Waden nicht entkommen konnte. Nein, auch ich musste mich – und dies mit allen Konsequenzen – mit dem Sammeln und Kleben von Fussballern, vulgo Panini-Sticker, befassen. Ich beschloss, mich weltfremd zu geben und fragte Hurni hinterhältig, weshalb der Sommer denn ein Brötchen – ein Panino – sein soll. Und gegen was er denn diesen Sommer tauschen wolle – etwa gegen den Herbst? Hurni beschloss, zu diesem Thema keine weiteren Worte mehr zu verlieren. Natürlich freuen wir uns, dass er nur die Worte, nicht jedoch seine Fassung verloren hat, und gratulieren ihm auf diesem Weg zu seinem achtzigsten Geburtstag.
Es sind also nicht nur Schülerinnen und Schüler, die der blinden Sammelwut verfallen sind! Nein, die Pandemie hat auch Seniorenresidenzen erfasst. Anstatt die Rente in Pizza, Pasta und Pastetli zu investieren, fliesst das Geld einer ganzen Generation direkt in die Kassen eines ausländischen Verlages.

Kari Koch, die personifizierte Lichtgestalt der Basler Gastronomie und begeisterter Linksaussen, hat mir gestern seinen kulinarischen Beitrag zur Weltmeisterschaft vorgestellt. Es handelt sich um eine Röschti namens „Pelé“ und soll den südamerikanischen Kontinent darstellen. Nach eingehender Begutachtung kam ich jedoch zum Schluss, dass es sich bei seiner Kreation um den Gemeindebann von Ammel handelt. Karis Erklärungen, die beigelegten Tomaten würden die „Girls from Ipanema“ repräsentieren und der Peterli stelle den Amazonas dar, akzeptierte ich nicht. Die holländische Tomate liegt nämlich mitten im Amazonasgebiet und die dänische Petersilienstaude schwimmt wie einst Magellans Flotte im Stillen Ozean. Daran ändert sich auch nichts, wenn der bosnische Hilfskellner beim Servieren mit den Hüften wackelt.


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Donnerstag, Juni 05, 2014

Falschbrater

Der Mensch brät seit Jahrtausenden. Unsere Vorfahren schmissen Filetspitzen vom Säbelzahntiger in die Glut oder hielten einen Mammutspiess ins offene Feuer. Andere erfanden den heissen Stein und brätelten darauf zarte Schnitzel vom Wollnashorn. Wissenschaftler wollen wissen, dass der Mensch erst durch das Braten zum Mensch geworden ist. Steaks, Koteletts und auch Rüben waren plötzlich leichter zu kauen, der Kiefer wurde kleiner, brauchte weniger Platz im Schädel. Diese Tatsache führte zur Hirnschädelvergrösserung und das Hirn wuchs tatsächlich weiter. Leider nicht bei allen, wie wir immer wieder schmerzlich feststellen müssen.
Ich brate mein Steak in Tante Marthas gewaltfrei geschmiedeter Eisenpfanne. Olivenöl erhitzen bis sich Bläschen am Holzlöffel bilden, Steak rein, anbraten, Steak wenden, braten, warten, fertig, essen. Seit gestern weiss ich, dass ich Falschbrater bin. Denn nicht bei allen Primaten hat die Schädelvergrösserung zur Menschwerdung geführt. Bei einigen ist das Gehirn offensichtlich geschrumpft. So zum Beispiel beim Mitarbeiter eines britisch-holländischen Konzerns. Wie jeden Abend hatte er die Worte seines Vorsitzenden in sein Nachtgebet eingeschlossen. „Wir werden neue Wege für unser Geschäft entwickeln, die es uns ermöglichen, die Grösse unseres Unternehmens zu verdoppeln, während wir die Auswirkungen auf die Umwelt verringern.“ Amen. Am nächsten Tag beschloss er, den allseits geschätzten Kochlöffeltest für ungültig zu erklären und erfand ein Fett bei dem die Bläschen verschwinden, wenn es genug heiss ist. Eine überbezahlte Hornbrille aus der Werbeabteilung textete am frühen Sonntagmorgen beim Fliegenfischen: „Fetty mit dem Bratstartsignal – und die Bläschen verschwinden! Fetty braucht der Mensch!“ Noch sind die Auswirkungen des Bratstartsignals auf die Umwelt – sowie auf die geistige Gesundheit der Menschheit – nicht bekannt.


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Donnerstag, Mai 22, 2014

Risotto

Wir sind zu Besuch in einem kleinen Winzerdorf im Oltrepò Pavese, einem fruchtbaren Weinbaugebiet in der südlichen Lombardei. In grossen Fässern lagern sprudelnde Bonardas, fruchtige Barberas, duftige Moscati. Wilde Spargeln säumen einsame Wege; auf abgelegenen Höfen werden Käse hergestellt, die zu den besten der Welt gehören. Varzi, das Dorf hinter den sieben Hügeln, gibt einem grobkörnigen Salami seinen Namen. Und in der nahen Po-Ebene wächst einzigartiger Carnaroli-Reis.

Wir sitzen zusammen mit der Winzerfamilie im Schatten eines Kastanienbaumes und geniessen die letzten Sonnenstrahlen. Grossmutter hantiert in der Küche mit ihren Töpfen,
als ob es das nahe Kirchengeläut zu übertönen gelte; ein Topf voller Risotto soll die hungrigen Mäuler stopfen.
Die Sekretärin bringt einen Stapel Dokumente zur Durchsicht. Giovanni erstarrt. „Sind sie wahnsinnig, keine Mahnung! Der Cavaliere bezahlt doch keine Rechnungen! Es ist uns Ehre genug, dass er unsern Bonarda süffelt!“
Es ist allgemein bekannt, dass die Zahlungsmoral in Italien jeder Beschreibung spottet. Aber dass auch Ministerpräsidenten ihre Rechnungen nicht bezahlen, war für mich neu. Und ich verstand plötzlich unsere südlichen Nachbarn, dass sie jeden Morgen aufstanden mit nichts anderem im Sinn, als ihr italienisches Elend zu vergessen. Miguel Cervantes, Schöpfer des unvergesslichen Don Quixote und für einige Jahre in Rom zuhause, hat es wohl richtig erkannt: „Elend wird vergessen, gibts nur was zu essen.“

Und deshalb kehren wir zurück in die Küche. Grossmutter interessiert sich nicht für Politik und hat die Zwiebeln im Olivenöl angedünstet, den Reis dazu gegeben, und, sobald er glasig wurde, mit Rotwein abgelöscht. Anschliessend hat sie Hühnerbouillon dazugeben, weiter gerührt, noch mehr Bouillon beigegeben, weitergerührt. Und irgendwann war er al dente, noch leicht körnig, gut im Biss. Und alles Elend war vergessen.


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Donnerstag, Mai 15, 2014

Salz & Pfeffer

Eigentlich wollte ich heute die Grillsaison einläuten, eine Ode an die Wurst hätte es werden sollen. Angesichts der gleichnamigen österreichischen Kaiserin verzichte ich jedoch darauf. Anstatt mich mit musikalischen Belanglosigkeiten europäischer Gesangskunst zu befassen, wende ich mich den gastronomischen Niederungen zu.

Auf Grossmutters Tisch war früher, ausser dem Sonntagsbraten, gar nichts zu finden. Bei Tante Martha erschien in den 60er-Jahren eine versilberte Menage mit winzigen Salz- und Pfefferstreuern. Onkel Otto manifestierte daraufhin seine Auslandsreisen in Form von Worcestersauce, Tabasco und einer giftgrünen Brühe namens „Bull Sweat“. Zu einem Auftritt verschafften es auch Essig, Öl und Aromat..

Was aber gehört nun wirklich auf den gepflegten Tisch? Angesichts der aus Gesundheitsgründen (?) immer fader werdenden Gerichte gehört Salz auf jeden Tisch. Gutes Schweizer Salz: Von „Fleur de Sel“ und rosa Salz aus dem Hindukusch lässt sich niemand mehr beeindrucken.
Zur Pflicht gehört a uch eine Pfeffermühle, gefüllt mit schwarzem Pfeffer. Nur Dilettanten füllen gläserne Mühlen mit kunterbunten Mischungen farbiger Körner. Besonders der rosa Pfeffer – der botanisch gar keiner ist – beweist eindrücklich die Unwissenheit eines jeden Gastgebers. Rosa Pfeffer ist weder scharf noch besonders würzig und eignet sich nur zur Dekoration farbloser Gerichte. Elektromühlen mit silbernen Schutzkappen und integrierter Beleuchtung sind unnötig und weisen auf eine schwierige Jugend des Besitzers hin.
Natürlich gibt es auch Gastgeber, die gar nichts aufstellen. Für solche Fälle habe ich immer drei Döschen dabei. Zwei davon sind gefüllt mit Salz und Pfeffer. Mit deren Inhalt – die Döschen selbst stammen aus dem Krämerladen meines Enkels – wird jedes noch so fade Gerichte geniessbar. Sie wollen wissen, was sich im dritten Döschen befindet? Natürlich Aromat!


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Donnerstag, Mai 08, 2014

Steinerli

Steiner ist reich. Sehr reich. Sein Vater hatte als Müller ein Vermögen verdient. Er besass nämlich eine Getreidemühle und belieferte unzählige Bäckereien mit Mehl. In Zeiten grosser Not gab er bedürftigen Bäckern auch mal ein Darlehen für einen neuen Backofen. Konnte der arme Bäcker die Raten nicht mehr bezahlen, machte er kurzen Prozess und übernahm den Betrieb für weniger als nichts. Steiner junior mahlt schon lange kein Getreide mehr, sondern lebt ganz gut von den vielen Immobilien. Aber Steiner ist nicht nur reich, sondern auch geizig. Und das kam so:

Steiner junior war vielleicht 8 Jahre alt, als er seine Mamma zum Muttertag beschenken wollte. Er erschlug sein Sparschein, ging in die nobelste Blumenboutique der Stadt und kaufte das teuerste Bouquet.
„Für Sie, Frau Mutter!“ stammelte er und wollte ihr die Blumen überreichen. Er kam nicht dazu. „Steinerli“, sagte sie. „Steinerli, so wird nie etwas aus dir!“ Da ihn Frau Mutter nur äusserst selten „Steinerli“ nannte, befürchtete er das Schlimmste. Er hatte recht.
Frau Mutter – nie hätte er diese Frau „Mamma“ genannt – versetzte ihre Arme in Pendelbewegungen, gab ihm eine gewaltige Ohrfeige und drohte, ihm auch noch die Ohren stehen zu lassen.
„Nimm dir ein Vorbild an deinem Vater. Steiner senior kaufte den Strauss immer erst NACH dem Muttertag. Dann kosten Blumen nur noch die Hälfte! Und vergiss die Boutique, Blumen kauft man bei Aldi. Und überhaupt, der Muttertag ist eine Erfindung der internationalen Blumenhändlermafia, also vergiss gleich den ganzen Mist. Oder kauf dir wenigstens Plastikblumen, die kannst du mehrmals verwenden!“

Und so wird Steiner auch dieses Jahr wieder die letztjährigen Plastikgeranien aus der Garage holen und sie etwas abspülen. Und seine Frau wird wieder ein Tränchen vergiessen und denken: Aus dem Steinerli ist wirklich nichts geworden.


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Donnerstag, April 24, 2014

Schlaflos im Tirol

Steiner hatte sich seine Ferienwoche im Südtirol anders vorgestellt. Ganz anders.
Er hatte für die ganze Familie Zimmer in schönsten Wellnesshotel des ganzen Tales gebucht. Das Angebot an scheinbar gesunden Aktivitäten war schon beinahe obszön gross. Ein ganzer Irrgarten voller Schlammbäder, Salzgrotten, Saunen mit und ohne Steinbeschwörungen, duftende Chilloutbereiche, türkische Dampfbäder und fernöstliche Ritual, bedampft gepeelt, massiert, Ganzkörperpackungen mit Teezeremonien, Erlebnisduschen im Krätuerstadel, Feuerberg mit Schwitzstube, Jägersauna mit Reflexzonenpfad, Sprudelliegen mit Nackenschwall, Vollmondwellness.
Nur schlafen konnte er nicht mehr. Stundenlang drehte er sich im wohligen Himmelbett, weckte sein Frau, drehte sich wieder um, stand auf und unternahm einen längeren Spaziergang. Nada. Nichts. Kein Schlaf wollte sich einstellen.
Tagsüber unternahm er noch mehr, jagte seine müden Knochen durch all erdenklichen und angebotenen Folterapplikationen, bestieg einen Viertausender. Doch auch die zweite Nacht gabs keinen Schlaf. Am dritten Tag stellte er die Ernährung um, ernährte sich bereits am Mittag nur noch biovegan und gegen Abend nur noch frugan. Selbstredend verzichtete er auf Alkohol und hörte mit dem Rauchen auf.
Nada. Nichts.
In der Nacht rannte er einen Marathon, dachte kurz an die Magie des Synchronschwimmens und legte sich um 6 Uhr morgens erschöpft ins Bett. Um sich nach 30 Minuten wieder zu erheben.
Ob er auch noch auf seinen geliebten Morgenkaffee verzichten musste? Eben brachte ihm Sean, sein 11-jähriger Sohn die dritte Tasse herrlich duftenden Café Crème.
„Papi, warum muss ich an der Kaffeemaschine immer 11 mal die Taste „R“ drücken bis die Tasse voll ist?“
Hugentobler kapierte sofort, dass die Taste „R“ für Ristretto stand. 3 Tassen mal 11 Ristretto das waren dann 33 Ristretti. Jeden Morgen.



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Donnerstag, April 17, 2014

Die Osterdiät

Nicht nur Osterhasen stehen vor der Türe. Nein, auch unzählige Nachahmer aus Schokolade, Zuckerguss und Nougat bitten um Einlass. Trillionen von Kalorien warten nur darauf, meinen Speckgürtel zu infiltrieren. Da ich nicht im Traum daran denke, mich einzuschränken, habe ich nach Möglichkeiten gesucht, die zu erwartenden Kollateralschäden einzugrenzen. Während ich lustlos vor mich hin suchte, erinnerte ich mich an das Myrtios-Prinzip.

Kreta, letzten Herbst. Unwegsame Strassen mit Abgründen so tief wie der Marianengraben quälten mich und mein Auto. Tretminen gleich, vereitelten tiefe Schlünde ein menschenwürdiges Fortkommen. Krater, die mich an die Fangtrichter mordlustiger Ameisenlöwen erinnerten, versprachen Höllenqualen.
Es waren jedoch weniger die Klüfte die mich irritierten, sondern die Tausenden von ganz normalen Löchern. Ich fragte deshalb meinen Freund Aristoteles (nein, nicht den Philosophen, sondern den Wirt der Taverne von Myrtios) nach Rat. „Kein Problem. Du musst nur rasend schnell über die Löcher fahren, dann haben die Räder keine Zeit hineinzufallen.“
Obwohl in Sachen Physik eher bildungsfern aufgewachsen, wusste ich, dass Griechenland brillante Physiker hervorgebracht hatte und vertraute ihm. Und er hatte recht! Anstelle von zwanzig langen und unruhigen Minuten, brauchte ich nur fünf Minuten für die schnelle und sanfte Fahrt über die Buckelpiste zur Taverne! Ich hatte das Myrtios-Prinzip entdeckt!
Dieses Prinzip habe ich nun weiter verfeinert: Ich werde sämtliche österlichen Kalorienbomben auf einen Streich und in nur wenigen Minuten verschlingen. Somit wird mein Körper keine Zeit haben, sich mit den Kalorien zu beschäftigen! Ein Selbstversuch soll es beweisen: Ich habe ein kiloschweres Nougat-Ei, zwei Schoggihasen sowie eine Ziege gekauft.
Das Resultat meiner Osterdiät finden Sie nächsten Donnerstag an dieser Stelle.


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Donnerstag, April 10, 2014

Rache

Schon immer wollte Kari K., der berühmte Kunstkocher, die Vinitaly in Verona besuchen. Er missgönnt mir nämlich die jährlichen Besuche dieser Weinmesse schon lange von Herzen. Nachdem er kürzlich wieder seine Gäste mit lampigen Spargeln, schlechter Sauce und lauwarmem Wein beleidigt hatte, kombinierte ich das Unnütze mit dem Angenehmen.
Letzten Sonntag war es soweit: Noch glaubte er an ein erholsames Wochenende als wir nach Italien fuhren. Auch als wir die Messehallen betraten, ahnte er noch nichts. Er ahnte nicht, dass über viertausend Weinproduzenten schätzungsweise 40'000 Weine zur Degustation bereit halten. Doch bereits nach dem vierzigsten Glas beklagte sich Kari über irritierte Zahnhälse, angesäuerten Zahnschmelz und bröckelnde Kronen.
Die nächsten Weine überlebte er zwar, konnte sich jedoch ab Km 8.4 nur noch kriechend fortbewegen. Seine Haare standen wild zu Berg, die Nase glänzte unfröhlich und die abgeschmirgelte Zunge hing leblos zwischen den blauen Lippen. Ich liess mich von diesem Aussehen jedoch nicht beeindrucken, dachte an seine lampigen Spargeln und verdonnerte ihn zu weiteren 32 Grappas. Als sich Kari anschliessend über Magenbrennen, Leberkoliken und Wandernieren beklagte, nannte ich ihn eine Memme, packte ihn auf einen Gepäckwagen und schob ihn weiter. Beim Brunello di Montalcino DOCG 2008 Riserva von Andrea Cortonesi war dann Schluss. Kari fiel wie ein Mehlsack zu Boden und verabschiedete sich lautlos und ohne mit der Wimper zu zucken in die Bewusstlosigkeit. Ich packte ihn daraufhin in den Kofferraum, passierte die Grenze ohne Probleme und deponierte ihn zwecks Ausnüchterung in einem abgelegenen Waldstück im Oberbaselbiet.



Seine Spargeln waren heute übrigens wirklich etwas besser. Nur der Weisswein war immer noch lauwarm. Vielleicht sollte ich ihn heute Abend ins Stadtcasino zwingen. Am dortigen Wymärt kann er locker nochmals 1'000 Weine degustieren.





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Donnerstag, April 03, 2014

Erntedank

Basel ist wohl die einzige Stadt in der Schweiz in welcher der Frühling auch gleichzeitig Herbst ist. Es wird nämlich nicht nur angesät sondern gleichzeitig auch heftig geerntet. Das Erntedankfest heisst Baselworld.
Das Glitzern der edlen Steine, das Funkeln teurer Uhren und das gehäufte Auftreten einer internationalen Kundschaft mit scheinbar unerschöpflichen Spesenbudgets wirkte auch dieses Jahr höchst ansteckend und führt zu seltsamen Auswüchsen. Liebevolle Hoteliers vermieteten ihre Lingerie als Suite mitleidsvoll an indische Goldhändler. Sogar auf ihre eigenen Wohnungen verzichteten sie grosszügig und überliessen sie Goldgräbern aus Südafrika. Die leer stehenden Personalzimmer – für die eigenen Mitarbeiter doch etwas zu dürftig – wurden meistbietend armen, wohnsitzlosen Diamantenhändlern aus New York vermietet.

Aber auch Restaurants liessen es spriessen. Damit die armen Uhrmacher ihre Budgets voll ausschöpfen konnten, wurden die Preise liebevoll erhöht. Mein Lieblingswirt hat sein diesjähriges Erntedankfest um eine neue Variante erweitert. Da seine Preise bereits vor der Messe bedenklich hoch waren, hat er schlicht und einfach die Portionen verkleinert. Die „Insalata caprese“ (Fr. 19.50) schrumpfte er mittels gastronomischer Telekinese von ursprünglich je vier auf gerade noch je zwei (2!) hauchdünne Scheiben Mozzarella und Tomaten (immer noch Fr. 19.50). Da mein Freund Max seine Kontaktlinsen zu Hause vergessen hatte, konnte er das Salätchen nicht erkennen und stocherte mit seiner, zum Blindenstock umfunktionierten Gabel, lustlos vor sich hin. Ich erbarmte mich seiner und überliess ihm meine Lesebrille. Wortlos ergriff er die beiden Käsescheiben, klebte sie auf die Brille und griff zur Zeitung. Noch heute morgen behauptete er, er hätte die dicke BAZ durch den dünnen Käse lesen können, wenn ihn nicht der Oberkellner aufgefordert hätte, das Lokal unverzüglich zu verlassen.

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Donnerstag, März 20, 2014

Trinkwasser



Feine und besonders teure Restaurants beschäftigen vielfach einen Sommelier, einen Weinkellner. Dieser sollte den Gast bei der Auswahl der Weine beraten. Das Wort ist abgeleitet vom französischen Dialektwort „saumalier“, bedeutet nichts unanständiges sondern „Saumtierführer“. Er handelt sich somit um eine Person, die Esel, Maultiere und andere Gäste durch die Weinkarte führen sollte.
Meine Erfahrung mit solchen „Führern“ ist allerdings nicht besonders gut. In vielen Fällen sind sie nichts anderes als Restpostenverkäufer von zweifelhaftem Niveau. Ihr vielfach mangelndes Fachwissen kompensieren sie durch fantasievolle Uniformen, höfisches Benehmen und besserwisserisches Getue.
In Zeiten des rückläufigen Weinkonsums haben nun kreative Luxusgastronomen ein Sondersetting für ihre nutzlos werdenden Weinkellner erfunden und den Beruf des Wasser-Sommeliers geschaffen. Allerdings lässt der folgende Satz auf der Umschlagseite eines Wasser-Menus Schlimmstes befürchten:
„Unser Wasserkellner kann die verschiedensten Wasser identifizieren und sie an ihrem Geschmack erkennen.“ Wer solch einen Schrott schreibt, hat wahrlich zu viel Wasser getrunken. Werfen wir einen Blick auf ein solches „Menu“: GIZE goldgefiltertes Wasser aus Kanada,  10 THOUSAND BC aus kanadischem Gletschereis, CLOUD JUICE Regenwasser aus Tasmanien (exakt 9'750 Tropfen),  FIJI „Taste of Paradise“ aus der Südsee,  VOSS aus Norwegen (Design Calvin Klein), AQUA ARMANI aus Italien, BLING H2O mit Swarowski Steinchen. Diese Mineralwässer sind in exklusiven Restaurants zu Preisen ab 35.-- bis 120.-- Franken pro Liter zu haben. Das Teuerste stammt aus Japan, heisst ROKKO NO MIZU und kostet im Hotel Adlon in Berlin 156.— Franken!

Ich aber empfehle Basler Trinkwasser. Direkt ab Röhre kostet es 0.34 Rappen pro Liter – inkl. Abwassergebühren.

P.S. Am 22. März ist Weltwassertag.


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Donnerstag, März 13, 2014

Oliven


Nun, wenn Sie diese Zeilen lesen, sind sie wieder passé, die schönsten und aufregendsten drei Tage. (Natürlich ist die Basler Fasnacht auch vorbei, wenn Sie diese Zeilen nicht lesen.) Da ich weder kalte noch nasse Füsse und schon gar nicht beides zusammen mag, bin ich auch dieses Jahr wieder kurzfristig ausgewandert. Mir fehlt ganz einfach die benötigte Portion Masochismus. Ich bin also ein vollkommen unlustiger Mensch. Ganz im Gegensatz zu meiner Nachbarin, Frau Bollenmoser, die eben nach Hause gekommen ist. Das Piccolo hängt ihr wie ein lebloses Würstchen zwischen den spröden Lippen. Deshalb wende ich mich jetzt wieder den schönen Dingen des Lebens zu, dem Essen und Trinken, der Gastfreundschaft. Ich werde mich heute mit der Olive, genauer gesagt mit der gefüllten Olive beschäftigen. Als Kind habe ich mir vorgestellt, wie kleine Mexikaner unter riesigen Sombreros Löcher in die Oliven bohren und dazu “La Cucaracha” singen. Im Takt entfernten sie die Steine und füllten den frei gewordenen Platz mit Peperonis auf. Das Resultat: eine Olive die keine wirkliche Olive mehr war. Natürlich weiss auch ich heute, dass nicht kleine Mexikaner sondern grosse Maschinen diesen kulinarischen Sündenfall produzieren. Gottseidank verwenden nur nur noch die einfältigsten Köche diese Kümmerlinge zur Dekoration farbloser Gerichte. Nebenan hat Frau Bollenmoser zum fasnächtlichen Endstreich angesetzt. Ob sie wohl weiss, dass Beethoven einer der ersten war, der die Piccoloflöte in seinen Werken verwendete, um Naturlaute nachzuahmen? Das Piccolo wurde immer wieder für besondere Effekte genutzt. So setzte Mozart in der „Zauberflöte“ das Piccolo zur humoristischen Darstellung von Eunuchen ein. In vielen Werken wurde der stechende und schrille Fortissimo-Klang auch gerne zur Verstärkung von Schreckensszenen genutzt. Denken Sie daran, wenn Ihnen das nächstemal eine gefüllte Olive begegnet!



 

Donnerstag, März 06, 2014

Pflichtesser

Eigentlich wäre es Zeit für ein paar nachdenkliche Zeilen zum närrischen Treiben, zur Fasnacht und zum Morgestraich. Als Wahlbasler erwartet man von mir vielleicht erklärende Worte zu Räppli, Cortège, Waggis und alten Danten. Da ich jedoch erst seit wenigen 30 Jahren am fasnächtlichen Rheinknie lebe, ist es mir noch nicht gelungen, alle Geheimnisse zu lüften. Ein Kommentar wäre deshalb verwegen und würde nur erregte Leserbriefe zum Thema Integration provozieren. Auch zur Trommel habe ich bis heute keinen musikalischen Zugang gefunden. Piccolo trinke ich lieber als es zu blasen und die dissonanten Klänge angeheiterter Spontanblechmusiker mag ich aus sachlichen Gründen nicht kommentieren. Als mehr dem Wort zugewandten Menschen warte ich jedoch auch dieses Jahr gespannt auf die Schnitzelbänke. Allerdings werde ich mir diese Kunststücke nicht mehr als Pflichtesser anhören. Ich mag Schnitzelbänke, aber keine Pflichtschnitzel auf Pflichtbänken. Der karnevalistische Dichtestress verursacht bei mir körperliches Unbehagen. Nachdem ich vor einigen Jahren einen Hörsturz erlitt (Trompete), die Rahmsauce zum Verzehr ungeeignete Einlagen aufwies (Konfetti) und das angekündigte Schnitzel (Kalb) garantiert ein Schwein zur Mutter hatte, verzichte ich auf dieses zweifelhafte Vergnügen. Mit Schrecken erinnere ich mich an überteuerte Weissweine zweifelhafter Herkunft. (Freund Max behauptete letzthin, die seien derart schlecht gewesen, er hätte nicht einmal ein anständiges Grindweh davon bekommen!) Auch die Aussicht auf einen fasnächtlichen Table-Dance - speichelnde Posaunisten und grosse Pauken in dreckigen Schuhen - kann mich nicht von diesem Entschluss abbringen. Ich werde mir deshalb die Verse von Zuträgern, Helfershelfern und anderen Medien beschaffen lassen. Und ganz ohne Schnitzel, Pflicht und Dissonanzen die hohe Kunst der Sprüche geniessen.




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