Samstag, Juli 21, 2018

Ikefang und Gutgenug: Ein Vorwort


„Wie bist du nur auf die hirnrissige Idee gekommen, ein Buch über Mikronesien und den Pazifik zu schreiben! Was gibt’s denn dort zu sehen? Hat’s wenigstens einen Sandstrand und wo liegt das überhaupt? Über Polynesien und die Südsee hättest du schreiben sollen, über Bora Bora, Honolulu und Hula Hula! Aber Mikronesien? Das interessiert doch kein Schwein!“ 


„Nun mein lieber Max, du kannst beruhigt sein, auch Mikronesien liegt in der Südsee. Neben Polynesien (die vielen Inseln) und Melanesien (die schwarzen Inseln) ist Mikronesien (die kleinen Inseln) eine der drei grossen Regionen der Südsee.“

Und ich denke sehr wohl, dass sich Leser für Mikronesien interessieren werden. Sie gehören zur Gattung der Weltensammler, sind Reisende, denen die Wege wichtiger sind als das Ziel. Vielleicht sind es auch rastlose Zeitgenossen, die ihre Bestimmung noch nicht gefunden haben, Menschen auf der Suche nach der Zeitlosigkeit. In diesen Geschichten werden sie sich und ihre Träume wieder erkennen.

Mikronesien liegt in der Südsee, im Stillen Ozean, im Grossen Ozean. Still ist er kaum je. Gross jedoch schon. Ich werde keine Zahlen nennen. Was würde es nützen, wenn ich hier schriebe, dass der Pazifik 181.34 Millionen Quadratkilometer misst?

Sofort müsste ich Fragen beantworten wie: Handelt es sich hierbei um die Berechnungen von Weber-Wilowski aus dem Jahre 1879 oder um die Ergebnisse der Vermessung durch den Geografen Meyer-Wittenburg anno 1904? Und gewissenhafte Leser würden sich fragen, ob denn die Beringsee, das Gelbe Meer und der Kalifornische Golf in diesen Zahlen enthalten sind.

Ich halte mich deshalb lieber an populäre Bilder: Sämtliche Landmassen der Erde hätten problemlos Platz im Pazifik. Und – obwohl die folgende Aussage politisch fragwürdig erscheint – es bliebe sogar noch genügend Raum, Afrika ein zweites Mal zu versenken.

Der Pazifik erstreckt sich von Asien und Australien im Westen bis nach Amerika im Osten. Im Norden wird er von der Beringstrasse begrenzt, im Süden von der Antarktis. Der erste Seefahrer der diesen Riesenteich durchfuhr, war der Portugiese Magellan. Er „entdeckte“ den Pazifik um 1520!


Bei genauerem Hinsehen handelt es sich bei dieser Aussage jedoch um reine Propaganda für das Portugiesische Königshaus. Im besten Fall war Magellan der erste europäische Besucher im Pazifik. Denn – obschon der Pazifik auf den ersten Blick ziemlich gross und leer erscheint – es gab bereits vor Tausenden von Jahren Menschen, die mit ihren Booten längere Kreuzfahrten unternahmen. Und Inseln auf denen sich Kulturen entwickelt hatten, die noch heute Rätsel aufgeben. Von diesen Inseln und ihren Menschen handelt dieses Buch.
Einige Geschichten sind auf einer Insel namens Ik angesiedelt. Ik liegt in der Lagune von Chuuk im westlichen Pazifik, ein paar Grad nördlich des Äquators und gehört zu den Föderierten Staaten von Mikronesien.

Ik ist eine Ausgeburt meiner Fantasie. Ich habe diese Insel geboren, um die Menschen, von denen dieses Buch handelt, zu schützen. Denn diese Menschen existieren sehr wohl. Manchmal habe ich mir allerdings die Freiheit erlaubt, zwei Seelen zu einer Brust zu vereinigen. Oder auch mal einen Wasserfall von einer Insel auf eine andere zu versetzen, Namen wahlweise wegzulassen oder hinzuzufügen, zu verändern oder gänzlich zu fälschen.
Aus dem Buch Ikefang und Gutgenug - Südseegeschichten. 
Hanspeter Gsell, Verlag BoD

Freitag, Juli 13, 2018

Bei Anruf Musik


Aus der Kolumnensammlung Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, Verlag BoD, Erhältlich als Printausgabe oder E-Book.

Anrufbeantworter sind selten das, was sie sein sollten. Abgesehen davon, dass bereits der Name falsche Hoffnungen weckt, sind viele Benutzer diesem Ding gegenüber völlig hilflos. Auch ich beschloss kürzlich, meine klamme Schreibkammer aufzurüsten und besprach wohlgemut den soeben installierten Anrufbeantworter. Im schönsten Bariton teilte ich jedem mit, dass ich zurzeit aus diesem, jenem oder einem anderen Grund leider nicht erreichbar sei und bat um Hinterlassung einer Nachricht. Nachdem auch nach Wochen mein Schweigen die einzige Antwort war, veränderte ich den Text subtil und legte meine Stimme eine Oktave höher. Nach einem kleinen Anfangserfolg („Bischesdu?“ – Klick und aufgelegt) und einer anonymen Drohung schmiss ich das Ding wutentbrannt in den Sondermüll.

Was sich bis hierhin noch wie ein Sketch aus einer Seifenoper anhört, kann sich in einem Hotel leicht zu einer Tragikkomödie weiter entwickeln. Wenn der Anrufbeantworter während den Betriebsferien nicht eingeschaltet ist oder auch noch eine Woche danach immer noch Ferien meldet, dann handelt es sich schlicht um einen Fall von Anrufschädigung. Aber auch minutenlange Warteschleifen mit Litaneien wie „Ab 1. Mai gibt’s wieder zarte Spargeln und frische Erdbeeren“, können mich nur zum vorzeitigen Abbruch meines Reservationsversuches bewegen: Keine Reservation unter dieser Nummer!

Bei Anruf Musik! Neulich auf dem Anrufbeantworter einer Pizzeria: „Isse verbunden mit (). Bitte sprechen nach Biip.“ Nach einer Arie aus der Zauberflöte kam die Stimme von Antonio: „Danke für Reservation.“ Auf den Biip warte ich heute noch.

Noch mehr Geschichte im neusten Buch von Hanspeter Gsell:



Sonntag, Juli 08, 2018

Klein


Eine Kolumne aus dem Buch "HUEHNERBRUST UND FEDERKIEL" von und mit Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD. Erhältlich überall dort, wo es gute (und schlechte) Bücher gibt.


Ob klein gedruckt oder Kleingedruckt, das Wort ist mir zutiefst suspekt. Das "Kleingedruckte" dieser Welt symbolisiert nämlich nicht nur Kleinbürgerlichkeit und Kleinmut sondern auch den Kleingeist und manchmal auch noch das Kleingeld. Kleingedrucktes ist verwirrend wie ein Flugtarif, hinterlistig wie ein Kreditvertrag und hinterhältig wie eine Versicherungspolice. Und es begleitet uns durchs ganze Leben. 

Laut dem Kleingedruckten auf dem Beipackzettel „kann dieses Medikament Schwindelgefühl, Kopfschmerzen und Krämpfe auslösen, ihr Blutbild verändern und ihre Bauchspeicheldrüse entzünden.” Kann. Kann? 

Auch auf Lebensmitteln finden sich immer mehr klein gedruckte Kann-Hinweise zu meiner Gesundheit. Manchmal sind sie nur mit der Lupe zu entziffern: mein Kaugummi kann abführend wirken, die Lieblingsschokolade kann Spuren von Nüssen enthalten und das Sojamehl kann genverändert sein. Nur beim Basler Trinkwasser wissen wir seit einiger Zeit, dass es nicht nur Perchlorethen enthalten kann, sondern es auch wirklich enthält.

In der Gastronomie findet man kaum Kleingedrucktes. Und schon gar nicht das Wort „kann“. Wenn auf der Getränkekarte steht: ein Glas Champagner kostet 16 Franken, dann kostet es auch so viel. Und es gibt keine klein-gedruckten Hinweise wie „kann lauwarmen Prosecco enthalten” oder „kann auch ohne Kohlensäure oder überhaupt nicht serviert werden“.

Auch diese Glosse hat ihr Kleingedrucktes. „Kann zu Magenübersäuerung oder geistiger Verwirrtheit führen. Kann mit giftiger Tinte geschrieben sein.“



Sonntag, Juli 01, 2018

Sommer gesucht


Als mich Hurni von nebenan letzten Montag fragte, ob ich denn vielleicht einen Sommer zum Tauschen hätte, wurde mir bewusst, dass auch ich dem Fluch der Waden nicht entkommen konnte. Nein, auch ich musste mich – und dies mit allen Konsequenzen – mit dem Sammeln und Kleben von Fussballern, den so genannten Panini-Stickern, befassen. Hinterhältig wollte ich deshalb von Hurni wissen, weshalb der Sommer denn ein Panini sein soll. Da doch Sommer als Torhüter einmalig, damit auch sprachlich in der Einzahl und deshalb nur ein „Panino“ sein könne. Nun, Hurni beschloss zu diesem Thema keine weiteren Worte mehr zu verlieren. Natürlich freuen wir uns mit ihm, dass er nur die Contenance verloren hat, seine Worte jedoch behalten konnte, und gratulieren ihm auf diesem Weg zu seinem siebzigsten Geburtstag.

Es sind also nicht nur Schülerinnen und Schüler die der blinden Sammelwut verfallen sind. Nein, die Pandemie hat auch ganze Seniorenresidenzen erfasst. Anstatt die Rente in Pizza, Pasta und Pastetchen zu investieren, fliesst das Geld einer ganzen Generation direkt in die Kassen eines ausländischen Verlages.


Die Zeit ist reif, dass auch die Politik die tief verborgenen Instinkte aus unserer Vergangenheit als Jäger und Sammler reaktiviert: lasset uns verkaufen, sammeln, tauschen und kleben. Zum Beispiel mit dem hübschen Sammelalbum „Swiss Confederation“. Da kann dann eine begeisterte Bevölkerung ihre Lieblingspolitiker als Sticker und nach Partei, Herkunft und Konfession geordnet einkleben. Vielleicht könnte man auch Generaldirektoren von bundeseigenen Betrieben sammeln. Wobei bei diesen die Gefahr besteht, dass sie bei Drucklegung der Bilder aus beruflichen Gründen – selbstverständlich im gegenseitigen Einverständnis – nicht mehr zur Verfügung stehen. Also doch eher ein Sammelalbum mit lustigen Bildern von Autoren, Korrektoren und Verlegern. Dann kann ich endlich mit Hurni einen Sommer gegen zwei Gsell tauschen.

Als Schweizer sind wir ja nicht wirklich verwöhnt mit weltmeisterlichen Titeln. Nur in Ausnahmefällen, Randsportarten und Spezialdisziplinen wie Grillieren, Frisieren und Glassammeln gelingt uns der Griff zu mondialen Pokalen. Im Laufe der Evolution hat sich deshalb der Homo Helveticus zum perfekten Zuschauer entwickelt. Diese durchaus gute Tugend ist mir in den vergangenen Tagen völlig abhanden gekommen. 


Ich beschloss nämlich eines schönen Morgens, ab sofort meinen Dienst als Zuschauer zu verweigern. Ich will einfach nicht mehr auf Schritt und Tritt mit irgendwelchen Köbi’s über Messi oder Ronaldo diskutieren. Und schon gar nicht in jedem Restaurant auch noch mit weltmeisterlichen Menükreationen gastronomisch belästigt werden. 

Ich will weder gegrillte Doppeladler noch Cevapcici Petkovic, keinen Shaqiri-Toast und schon gar keinen Coupe Embolo*. Der Anblick von Kellnern in fussballerischen Landestrachten ist meistens eine Zumutung für das menschliche Auge. So hat man doch den untersetzten und bauchlastigen Uezgür von vis-à-vis in ein Schweizer Fussballtrikot der Grösse Triple-X ge-steckt. Er erinnerte mich dezent an Wilhelm Tell in seiner berühmten Pyjamaszene.

* Heute Sommer-Salat-Wetter.

Alles Shirts gefunden bei www.shirtcity.de




Samstag, Juni 23, 2018

Smoking


Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel
von Hanspeter Gsell - erschienen bei BoD


Ich bin mir als langjähriger Raucher einiges an Gefahren gewohnt. So entging ich in Singapur nur knapp der Todesstrafe, als ich mir am falschen Ort und zur falschen Zeit einen Zigarillo anzünden wollte. In Kalifornien wurde ich von grimmigen Sheriffs bedroht, und bigotte alte Damen mit blauen Haaren zeigten mit ihren goldberingten Fingern auf mich. Ich habe die Rauchkammern in den Flughäfen von Hongkong und Manila überstanden und aus Wut auch schon mal einen brennenden Glimmstängel vor dem Auge des Gesetzes lebendig geschluckt. 
Eigentlich dachte ich, alle gegen Raucher entwickelten Foltermethoden zu kennen. Ich rechnete aber nicht mit dem Schweizer Erfindungsgeist. Nachdem ich an der Eingangstüre zum Restaurant die Werbung einer berühmten Zigarrenmanufaktur entdeckt hatte, freute ich mich auf einen gelungenen Abend. Als ich dann auf der Menükarte den folgenden Aufdruck las, war diese Freude allerdings auch schon wieder vorbei. «Wir danken Ihnen, wenn Sie erst ab 22.00 Uhr rauchen.»

Es ist 19.30 Uhr und ich weise den Dank umgehend zurück. Was wird wohl als Nächstes kommen? Es gibt ja bereits Restaurants mit Handy-Verbot, mit Kreditkarten- und Kinderverbot. 
«Italienern und Zürchern ist das Sprechen erst ab 23.00 Uhr erlaubt. Das Benutzen von stark riechenden Deodorants ist ab 19.00 Uhr verboten. Wir danken Ihnen, wenn Sie unsere Toiletten erst nach 22.15 Uhr benutzen. Wir danken Ihnen, wenn Sie unser Restaurant um 23.00 Uhr ruhig und gesittet wieder verlassen. Bitte bezahlen Sie nur den aufgedruckten Betrag. 
Wir danken Ihnen, wenn Sie nicht mehr wiederkommen.» 
Bitte, gern geschehen.




Samstag, Juni 16, 2018

Haarige Geschichten

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel 
Hanspeter Gsell, Verlag BoD


Ich gebe es gerne zu: In jungen Jahren war mir der Coiffeur-Besuch immer ein Graus. Vielleicht lag es daran, dass ich mir auf dem schwarzen Stuhl immer die neusten Gruselgeschichten aus dem Koreakrieg anhören musste. Vater Stähli war ein begnadeter Erzähler und Schauspieler. Wenn nötig, konnte er den Angriff auf einen Nordkoreaner auch lebensecht nachstellen. Dazu warf er sich hinter die kleine Kommode mit den farbigen Shampoo-Flaschen, schaute durch das imaginäre Visier seiner Schere und feuerte durch das Schaufenster auf die Bäckertochter, die eben ihr Gesicht an der Scheibe platt drückte.


Diese Vorstellung, samt Haarschnitt mit dem dröhnenden Rasierer, kostete 50 Rappen, und ein Sugus gab es auch noch dazu. Der Nachfolger von Stähli hiess so ähnlich wie „Hitler“, was ihn auch nicht sympathischer machte; sein Kaffee war miserabel. Abgesehen davon, war der Haarschnitt in jenen Tagen nicht freiwillig, sondern eine elterliche Massnahme gegen die beginnende Verwahrlosung der Sitten.


Mein nächster prägender Kontakt mit einem Coiffeur erfolgte in den 70er-Jahren in der Stadt Basel. Er war klein, grau und schwatzhaft; sein Kaffee war miserabel. Nach kurzer Inspektion meiner Lockenpracht führte er seine Schere Richtung Ohr und entfernte mir gekonnt einen Teil meines rechten Ohrläppchens. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er die blutende Wunde fachmännisch versorgte. Da der besagte Schnitter nicht mehr unter uns weilt, werde ich seinen Namen natürlich nicht preisgeben.
Obwohl ich dem Täter keinen Vorsatz nachweisen konnte, wechselte ich trotzdem zu einem anderen Coiffeur. Dieser war jedoch offensichtlich von seinem Kollegen informiert worden. Nach einem schlechten Kaffee und wenigen Schnitten versuchte er, mich mittels eines gezielten Stiches in meinen Hals zu ermorden. Das Vorhaben misslang kläglich.


Seither ist natürlich alles anders geworden. Ich gehe wieder gerne zum Coiffeur und geniesse die entspannenden Momente, eine kleine Pause in der Ruhelosigkeit eines langen Tages. Niemand erzählt mir Kriegsgeschichten und auch die Rasierer dröhnen nicht mehr wie alte Rasenmäher. Ich lese gescheite Zeitungen und interessante Magazine; manchmal versinke ich in einen leichten Schlaf. Dann träume ich vom Duft einer wunderbaren Zigarre und der Prosecco prickelt erfrischend in meinem Glas. Wenn ich dann aufwache, zerplatzt der Traum und ich erhalte zum Abschied ein Sugus.
Seit es im Quartier so viele Coiffeure gibt, ist der Kaffeeumsatz im Café Schüümli massiv zurückgegangen. Das liess man sich natürlich nicht gefallen, und so kann man sich jetzt im Schüümli zum Macchiato gratis rasieren lassen.

Noch mehr Kolumnen finden Sie im neusten Buch von 
Hanspeter Gsell
Immer wieder Fernweh - Aus dem Logbuch eines Inselsammlers - erschienen im Verlag  BoD




Sonntag, Juni 10, 2018

Immer wieder Sonntags ...


 ... eine neuer Text von Hanspeter Gsell.
Heute aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel, erschienen bei BoD
 
Funktionsdürftig

Da meine Hände vom jahrelangen Schreiben in kalten Mansarden spröde und rau geworden sind, verwende ich regelmässig eine Handcrème. Ihr pflegender Wirkstoff, es handelt sich um den Extrakt der Aloe Vera, bringt meinen müden Schreiberhänden sofort lebendige Spannkraft, prosaischen Glanz und journalistische Griffigkeit zurück.

Seit kurzem nun muss ich mich nicht mehr täglich salben, und mein Federkiel freut sich des fettfreien Schreibens. Ich kann nämlich meine Handcrème jetzt als Beauty-Drink zum Apéro schlürfen. „Trink dich schön“, heisst die Werbebotschaft, und liebevoll hat man dem Getränk neben Aloe Vera gleichzeitig auch noch Biotin zugesetzt. Dieses wird mich ab sofort vor Ekzemen, Schleimhautentzündungen, bösartigen Blutveränderungen und Haarausfall beschützen. Warum man das Biotin nicht einfach Vitamin 'H' nennt, weiss ich nicht. Vielleicht, weil der menschliche Körper im Normalfall genügend eigenes Vitamin 'H' produziert? Den Functional Drinks sind keine Grenzen gesetzt. Man denke nur an den trinkbaren Sonnenschutz („Trink Dich braun mit Sherpa Cola!“) oder an die süffig prickelnde Zahnpasta („Bürste Dir ein weisses Lächeln!“). Barolo mit Betablockern für den älteren Herrn,  Frizzantino gegen das Blonde im Mann, Mosquito bianco mit integriertem Insektenschutz und Malariaprophylaxe.

Nun, ich werde meine Handcrème auch weiterhin einreiben und nicht zum Frühstück trinken. Ich streiche mir schliesslich mein Shampoo auch nicht aufs Brot. Obwohl: Immerhin enthält es Extrakte aus drei Honigsorten.


Dienstag, Juni 05, 2018

Canossa



Interessierten mich auf meinen frühen Reisen nach Italien vor allem die Winzer und ihre Weine, kamen über die Jahre neue Sachgebiete dazu. Ich begann mich mit der lokalen Geschichte, aber auch mit Geschichten und Sagen vertraut zu machen. In Italien stösst man bekanntlich hinter jeder Ruine, um nicht zu sagen hinter jedem Olivenbaum, auf «Geschichte». Das ist soweit ganz schön. Ausser man ist Besitzer eines Hügels und möchte dort einen neuen Weinkeller bauen. Natürliche ahnt man, dass unter einer dünnen Schicht Humus allerhand Wertvolles oder zumindest Kurioses verborgen sein könnte.


Nehmen wir die fiktive Ortschaft Paveggio in den Hügeln des Oltrepò Pavese. Die ersten Bewohner waren wohl Gallier. Eines Tages waren die Römer da und fochten ganz in der Nähe wilde Schlachten. Etwas später soll ein gewisser Hannibal vorbeigezogen sein. Keine Ahnung ob mit oder ohne Elefanten; auch diese Wandergruppe liess jede Menge Abfälle in und um Paveggio liegen. Das war Littering vom Feinsten!

Das Dorf war im 5. Jahrhundert das letzte Bollwerk der Ostgoten gegen die Oströmer. Nach der Eroberung durch die Langobarden, wurde Paveggio zu einem wichtigen Handelsplatz ausgebaut. Zwei Jahrhunderte später war es Karl der Grosse, der unser Dorf einnahm. Wieder etwas später sah man Heinrich II., Otto III. und Konrad I. vor den Toren stehen. Anfangs des 19. Jahrhunderts schlugen die Truppen Napoleons die Österreicher. Fünfzig Jahre später wurden letztere vor den Toren der kleinen Stadt von den Franzosen, verstärkt mit Soldaten aus dem Piemont, geschlagen. Wie sie sehen: Da blieb einiges liegen in der Gegend um Paveggio.

Und so hat der Bauherr des Weinkellers auf dem kleinen Hügel in der Nähe von Paveggio den Aushub heimlich und in der Nacht vorangetrieben. Sollte man zufälligerweise und höchstwahrscheinlich auf altes Zeugs treffen, könnte man die Sache kurz vor Anbruch des Tages von einem Bulldozer wieder bedecken lassen. Denn auch in Italien ist der Denkmalschutz unerbittlich und kann einen Bauherrn kurzerhand in den Ruin treiben.

Als ich neben Daniele stand und zuschaute, wie der Schaufelbagger auch noch die letzten Tonscherben wieder eingrub, erzählte er mir die Geschichte von Canossa.

Heinrich IV. aus dem Geschlecht der Salier war römischer Kaiser von 1084 bis 1105, und er hatte, wie man heute wohl sagen würde, Stress mit Papst Gregor VII. Dieser hatte ihn nämlich kurzerhand wegen ein paar Lappalien exkommuniziert, das heisst zur Kirche rausgeworfen.
Man vereinbarte ein klärendes Gespräch und traf sich auf halben Weg bei Mathilde von Canossa. Nicht dass sich diese um ein solches Treffen bemüht hätte. Aber wer hatte schon die Möglichkeit, gleichzeitig Papst und Kaiser in den eigenen Gemächern zu beherbergen!
Zudem hatte man von ihrer Burg, auf einem Hügel in der Nähe des heutige Reggio Emilia gelegen, einen guten Überblick über die Po-Ebene.
Im Winter 1076/1077 soll es gewesen sein, als Mathilde auf dem steilen Weg zur Burg einen bärtigen Wanderer entdeckte. Es war eisig-kalt, der Wind heulte grausig durch die Hügel.

«Herr Papst, ich glaube, der Heiri ist im Anmarsch! Solle’ mir ihn reinlasse’?», fragte Mathilde.
«Nein. Man lasse den Heiri noch warten.»

Und so liess man den Kaiser drei Tage warten. Kurz bevor er erfroren war, das Protokoll hatte nämlich nur ein einfaches Büssergewand vorgesehen, rief man ihn in die Burg. Keuchend und mit blauen Händen zog er sich die steile Treppe hinauf.
Nach einigem Zögern entschloss sich Gregor, das Tor zu öffnen. Heinrich warf sich zu Boden, Gregor sprach seinen Segen, erlöste Heinrich vom Bann und nahm den reuigen Sünder wieder in die Kirche auf: Die Sage vom «Gang nach Canossa» war geboren.

Ob man während des ungemütlichen Beisammenseins ein Glas Lambrusco, von diesem herrlich-süssen, roten Prickler gesüffelt hat, ist nicht überliefert. Vielleicht hatte Heiri diesen Wein noch aus seinen letzten Campingferien in Rimini in Erinnerung und vorsorglich ein paar Flaschen Rheinwein mitgenommen.






Sonntag, Juni 03, 2018

Verstand








Hühnerbrust und Federkiel
Hanspeter Gsell, Verlag BoD

Es war 21.00 Uhr und ich beschäftigte mich eben mit einem fantastischen Cordonbleu, als der Patron an meinen Tisch trat. Geschwollen schwadronierte er daher, dass sein Koch jetzt „seinen wohlverdienten Feierabend antreten zu gedenke“, und wedelte mit der Dessertkarte vor meinem Kopf herum. Er bat mich, jetzt schon den Nachtisch zu bestellen und dankte mir für mein Verständnis in dieser leidigen Sache. Da es sich bei der Person des Koches gleichzeitig um den Patron handelte, beschloss mein Verstand auf Verständnis, Dessert und weitere Besuche zu verzichten.

Ich übernachtete mit 20 Personen in einem Hotel am lieblichen Thunersee. Wir assen ausgezeichnet, wurden nett bedient und auch die Preise waren angenehm. Um Mitternacht wurden wir aufgefordert den Saal zu verlassen, da man jetzt das Frühstück aufdecken müsse. Der Patron bat um unser Verständnis: er sei jetzt schon seit mehr als 15 Stunden für uns da. Da er während unseres Aufenthaltes lediglich ein paar Minuten „für uns da war“, lehnte ich sein heuchlerisches Angebot ab. Im Gegenzug verzichtete er auf sein Verständnis, uns in der Hotelbar zu bewirten, und servierte uns die letzten Drinks auf dem Parkplatz hinter dem Haus. Es regnete bei acht Grad und stürmischen Böen aus westlicher Richtung. Für Unverstand gibt es kein Verständnis. Selbstverständlich nicht.

Der liebreizende Patron des Restaurants hat seither noch mehrere andere Betriebe zu Grunde gerichtet. Er arbeitet heute als Magaziner bei einem schwedischen Möbelhaus.

Noch mehr von Hanspeter Gsell finden Sie im neusten Buch:
IMMER WIEDER FERNWEH
Logbuch eines Inselsammlers







Mittwoch, Mai 30, 2018

Wecker Konstantin




Aus dem Buch
Hühnerbrust und Federkiel
Seitenhiebe auf die Gastfreundschaft
von Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD




Als Morgenmuffel und Tiefschläfer benötige ich auf Reisen immer mehrere Wecker. Leider vergesse ich sie jedoch mit grösster Regelmässigkeit zu Hause, oder aber sie geben aus unendlich vielen Gründen ihren zeitigen Geist auf. Damit ich trotzdem zur richtigen Zeit am vielleicht richtigen Ort eintreffe, bin ich auf die Mithilfe von netten Hotelmitarbeitern und anderen sprechenden Uhren angewiesen.


Noch gibt es einige Hotels, die diesen Service persönlich nehmen, um mich dann pünktlich zu wecken. Andere haben ihren Weckdienst direkt an die Putzequipen delegiert. Exakt zur gewünschten Zeit werden diese, gleichzeitig vor sämtlichen Zimmern, die Motoren ihrer Staubsauger starten. 

In den meisten Fällen werde ich mir jedoch weiterhin die abendliche Langeweile damit vertreiben, ausführlich vorsintflutliche Weckmaschinen zu programmieren oder die Anleitungen des vollautomatisierten Wecktelefons auswendig zu lernen. Und wichtige Termine werde ich weiterhin verpassen, da ich die Aufwachautomatik wieder mit der Einschlaftaste, das a.m. mit dem p.m. und den Timer mit der Uhrzeit verwechsle.

Wie schön ist es doch, zu Hause aufzuwachen! Über meinem Schlafzimmerfenster ist wieder die Spatzenfamilie vom Vorjahr eingezogen. Mit grösster Selbstverständlichkeit imitiert deren Familienoberhaupt das Schrillen meines Weckers. Ich nenne ihn deshalb Konstantin, den Wecker. Zurzeit bringe ich dem Vogel die Uhrzeit bei, da er immer nur im Morgengrauen schrillt.




Sonntag, Mai 20, 2018

Heute schon empört?



Lügen haben Hühnerbeine

 
Als Jakob B. verhaftet wurde, ging ein Aufschrei durch die Schweiz. „Spritzen-Jakob“, wie man ihn nannte, war ein gern gesehener Gast in schweizerischen Kälberställen. Ob Schweineschnuppen oder Kalbshusten, Jakob B. hatte gegen jede Krankheit ein Mittelchen. Hormone und Antibiotika gab’s im Doppelpack. Und wenn man bei ihm gleich auch noch die Futtermittel bestellte, kam er auch bei Nacht und Nebel ins Haus. Wir empörten uns national. Das war vor 25 Jahren.

Und wieder einmal empören wir uns national. Und wieder sind es Antibiotikahühner und Hormonkälber die uns den Appetit ganz schön verderben. Wir sind aber auch empört über thailändische Krevetten, die jeder Bronchitis Einhalt gebieten, und über norwegischen Lachs, der eigentlich rezeptpflichtig wäre und nur in Apotheken abgegeben werden dürfte. Wir empören uns über Tierfabriken in Rumänien und
über Tiertransporte von Russland nach Tunesien. Wir empören uns über leer gefischte Meere vor Kanada, sterbende Delfine in koreanischen Treibnetzen, über zersäbelte Haie auf chinesischen Schiffen und über japanische Walfänger. Und wir empören uns über Importeure und selbstgerechte Grossverteiler die uns betrügen, belügen und falsch deklarieren.

Vielleicht sollten wir uns aber auch über das Menü 1 zu Fr. 12.50 empören. Und über unsern aberwitzigen Glauben, dass zu diesem Preis unverfälschte und echte Lebensmittel auf dem Teller landen können. Ich empöre mich darüber, dass wir uns tagtäglich schamlos belügen.

Heute schon empört?

Noch mehr Geschichten von und mit Hanspeter Gsell
finden Sie im Buch
IMMER WIEDER FERNWEH
Logbuch eines Inselsammlers
Erschienen bei BoD und überall dort erhältlich wo's Bücher gibt.

 
 
 





 


Mittwoch, Mai 16, 2018

Besser weinselig als bierernst


Eine Geschichte aus meinem Buch

Seitenhiebe auf die Gastfreundschaft
Hühnerbrust und Federkiel

Erschienen bei Bod und überall dort erhältlich,
wo's gute Bücher gibt:
Bei Ihrem Lieblingsbuchhändler, im Internet, in der
Brockenstube oder direkt beim Verlag.

Ich höre schon den Kari sagen, 'der Gsell, der spinnt wieder'. Wie kann man nur so eine dämliche Überschrift produzieren. Aber der Kari war schon immer ein unverbesserlicher Stänkerer. Bei der Überschrift handelt es sich nämlich um eine so genannte „‚Oenosenz“. Oenosenzen sind hohle Sprüche für leere Gläser, weinseliger Nonsens für Klamauk-Germanisten.

"Vulkan" - Wasserfarbe auf Schuhkarton.
Aus der Reihe "Dinosaurier" von CMG

 

Natürlich, die Flasche fällt nicht weit vom Tisch und auch eine Traube macht noch keinen Herbst. Trotzdem ist mir lieber eine Flasche in der Hand als ein Glas auf dem Dach. Oder wie man früher sagte: Lieber Wein als kein.
„Wein Gott Walter!“, mögen Sie jetzt denken. Aus dieser hohlen Flasche soll er kommen? Doch wohl kaum. Aber weisse Weine reizen weise Waisen reisend Reime reimend. Diese unglaublich lustigen Sprüche, skurrile Wortschöpfungen und sprachlichen Banalitäten sind nicht etwa die Ausbeute eines feuchtfröhlichen Abends am Stammtisch, sondern die real existierenden Ergüsse fantasievoller Laienwerber.
"Vulkan" - Wasserfarbe auf Schuhkarton
Aus der Reihe "Dinosaurier" von LEG

Nicht zur Gattung der Oenosenzen zählt man jedoch die Kampagne einer Schweizer Telefongesellschaft. „Einfach Mami, einfach Papi, einfach Isolde, einfach Adalbert, einfach anrufen.“ Einfach doof. Aber schon mit wenigen Änderungen können Sie diese postnatale Fraktursprache Ihren Gegebenheiten anpassen „Einfach herein, einfach trinken, einfach essen, einfach bezahlen, einfach tschüss.“ Einfach toll!

Die heutigen Bilder stammen von Colin und Lenny - Danke!

 
Noch mehr Geschichten finden Sie in meinem neusten Buch
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammlers
 

Dienstag, Mai 15, 2018

Well


Zukunftsforscher, Trend-Gurus und andere Zauberlehrlinge reisen mit mahnenden Fingern, Hellraumprojektoren und schwarz-weissen Prognosen durch die touristisch interessierte Schweiz. Sie verbreiten sich, ihre Trends und ungefragten Meinungen gewinnbringend und flächendeckend. Ob Schwimmbadkiosk oder Militärkantine, Trend muss sein, Trend hin oder her. „Wellness“ heisst der Trend der Zeit. Wellness ist in. Wellness muss man haben, Wellness braucht man; nichts anderes braucht der Mensch zu seinem und des Hoteliers Glück.

Was aber ist denn diese „Wellness“ eigentlich? Warum fühle ich mich so unwohl beim Klang dieses Wortes und weshalb nur erinnert es mich an Rheuma, Abstinenz und dritte Zähne? Vor meinen Augen dampfen Schlammbäder, der Ischias ruft und lange Gänge mit Böden aus grünem Linoleum verlieren sich angestaubt im morbiden Halbdunkel eines Sanatoriums. Eidgenössische Ober-turner üben die mentale Halfpipe, Spätgeborene ertüchtigen sich Kraft der Freude und gemeinsam geniesst man das Wohlfühlaroma eines voralpinen Heublumenbades.

Wellness schmeckt nach Mottenkugeln und Bohnerwachs. Wellness tönt nach Muss und schliesst den Genuss aus. Nun, auch die Wellness wird uns wohl nicht lange erhalten bleiben. Denn Trends sind ein Business, Business für die Wellness einer ganzen Branche. Und so werden sie auch nächstes Jahr wieder mit mahnenden Fingern durch die Lande ziehen.

Bitte hier neue Trends eintragen. Aber mit Bleistift. Dann kann man sie auch gleich wieder ausradieren.

Freitag, Mai 11, 2018

Oel

Aus der Kolumnensammlung
Hühnerbrust und Federkiel
von Hanspeter Gsell, erschienen bei Bod


Ich sitze inmitten von Olivenbäumen in den Hügeln von Castellina und denke an Angelo und seine hübsche Pizzeria in der Schweiz. Auf seinen kleinen Tischen mit den karierten Tischtüchern standen früher immer die Flaschen mit dem wunderbaren Olivenöl.
 
"Die Biene". Oel auf Pappe von LEG
Eines Tages aber fand der Buchhalter von Angelo, dass dieser unbedingt seine Margen verbessern müsse. Und er sagte ihm auch gleich wie. Es gäbe doch viel günstigere Olivenöle: Wieso er denn für den Liter Olivenöl 28 Franken bezahle, wo er doch eben ein Angebot für 8 Franken gesehen habe. Bei einem Verbrauch von 20 Litern pro Monat mache dies immerhin bla-bla-bla. Da Angelo zwar viel von der Küche aber nur wenig von Zahlen verstand, befolgte er den Rat und kauft sich seither eine olivenölartige Flüssigkeit, die er nachts heimlich in die alten Extravergine-Flaschen umfüllt. Er selber mag das Öl zwar nicht, aber der Buchhalter hat ihm gesagt, dass die Schweizer garantiert nichts merken würden. 
Und tatsächlich, weder Frau Doktor Selbig noch Herr Hugentobler von vis-à-vis sagten bei ihrem letzten Besuch ein Sterbenswörtchen. Der Buchhalter gratulierte Angelo zur deutlich gestiegenen Küchenrendite. Allerdings ist sich Angelo nicht sicher ob er sich darüber freuen soll. Ihn interessiert vielmehr wo eigentlich die Selbig und der Hugentobler geblieben sind.

Eben erst wieder wurde ein grosser Konzern wegen Produktefälschung angeklagt. Und der Meierhans von nebenan fährt immer noch regelmässig über die Grenze, um sich mit billigem Olivenöl einzudecken. Es kostet immerhin dreimal weniger als das Motorenöl für seinen Mercedes.

Noch mehr Geschichten finden Sie im Reiseverführer IMMER WIEDER FERNWEH.



Mittwoch, Mai 09, 2018

Alles Wurst




Als Ostschweizer liegen mir Würste nicht nur am Herzen sondern manchmal auch auf dem Magen. Ich esse sie leidenschaftlich gerne. Aber immer öfter verschafft mir diese Leidenschaft jedoch tatsächlich Leiden. Was in der sommerlichen Schweiz wieder in Tausenden von Gartenrestaurants, an Schützenfesten und an privaten Grillpartys als Bratwurst aufgetischt wird, lässt St.Galler erbleichen und Thurgauer weinen.

Fetttriefende, manchmal auch Wasser lösende wurstförmige Erzeugnisse riechen auf schlecht gereinigten Grillstäben, und mitunter Feuer schlagend, vor sich hin. Mal sind sie aussen verkohlt und innen schlabberig, mal graubraun und gummig. Mal sehen sie aus wie nach einem Bombenangriff, mal sind sie nach „Art der Kopfjäger“ geschrumpft. Nicht einmal mit Senf – nur von Wurstdilettanten zur geschmacklichen Aufbesserung aus verschmutzten Tuben gepresst – können solche „Würstlinge“ noch gerettet werden. Es sind nicht nur fahrlässige Grilleure die solche Massaker veranstalten. Die Vorarbeit wurde vielfach bereits von geizigen Einkäufern geleistet. Ehrgeizig wäre in diesem Fall besser gewesen: ehrgeizig, die besten Würste des Landes einzukaufen. Und nicht die Billigsten. Denn nur Würstchen kaufen billig.

Aber auch was Metzgermeister zwischen die besungenen zwei Enden stopfen, ist wahrlich nicht immer meisterlich. Geradezu wurstverachtend ist die Methode, bereits die Würste mit Ketchup oder Käse (!) zu füllen. Es ist wirklich zum „aus der Haut fahren!“. Aber das ist eigentlich die Aufgabe der Wurst.
 
Aus der Kolumnensammlung Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD. Noch mehr Geschichten finden Sie im neusten Buch IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammlers. Ebenfalls erschienen bei BoD. Auch als E-Book erhältlich.
 

Montag, Mai 07, 2018

On the Rocks

Vom Autor des Reiseverführers IMMER WIEDER FERNWEH:
 
 
Aus der Kolumnensammlung Hühnerbrust und Federkiel
 
Endlich Sommer! Ich schwitze ungewohnt und trotzdem gemütlich vor mich hin und freue mich auf einen angenehmen Abend in der Gartenwirtschaft. Und ich freue mich auf ein kühles Glas Weisswein. Doch leider ist die Vorfreude nicht nur die schönste Freude, sondern manchmal auch völlig deplatziert.

Denn, Sommer ist dann, wenn das Bier in warmen Gläsern serviert wird, wenn das helle Blonde wärmer ist als der unterkühlte Charme der servierenden Blondine. Sommer ist auch dann, wenn ich die Flasche Weisswein, ohne Weinkühler serviert, in 10 Minuten austrinken muss. Und Sommer ist dann, wenn der Rotwein wärmer ist als die Spaghetti auf dem kalten Teller. Wenn der Rosé so lauwarm ist wie die verwelkten Salatblätter auf dem warmen Teller. Sommer ist’s, wenn Kellner und Kühlschränke überfordert sind, der einzige Weinkühler bereits am Tisch 4 im Einsatz ist und die Eismaschine revidiert werden muss. Da schreien alle nach Sommer, und wenn er endlich da ist, merkt es keiner!

Frustriert sitze ich vor meinem temperierten Zweier und entschliesse mich, nach reichlicher Abwägung aller verfügbaren Waffen, zur Guerilla-Taktik. Ich robbe zum Tisch 4 und fische heimlich ein paar Eiswürfel. Geschickt verberge ich sie in der Serviette und lasse sie unbemerkt in mein Glas Wein gleiten. Der Wein schäumt ein wenig und das Eis klirrt bedrohlich. Aber immerhin ist er jetzt trinkbar, der Dôle. Der ist zwar nicht weiss. Aber Sommer ist auch, wenn mich die Wanderkellner aus dem Hindukusch nicht verstehen.
 

 

Samstag, Mai 05, 2018

Schnitzel under construction

Vom Autor des Reiseverführers
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammler:

Schnitzel under construction
Ein Text aus der Kolumnensammlung Hühnerbrust und Federkiel

Es ist 18.00 Uhr, und ich habe Hunger. Ich surfe durch die gastronomischen Angebote im Internet und bereits nach kurzer Zeit stosse ich auf die erste kulinarische Homepage. Das Menü:  Saltim Bocca und Zimtgalce mit eingelegte Zwetschgen. Zuzüglich MWST. Interessant. Dem Hinweis Kreditkarten werden akzeptiert folgt weiter unten die Bemerkung: keine Kreditkarten. Also weiter. Den Link zur SBB verstehe ich nicht und ich will weder ein Ferienhaus in der Toskana noch will ich dieses in irgendeine Währung umrechnen. Wohl doch nichts für mich, weiter mit Next. 

Eine Weinkarte verspricht Australische Weine: an erster Stelle steht ein „Sissacher Blauburgunder“. Weiter! Damit ich alle Informationen erhalte, muss ich zwischendurch noch ein Programm installieren. Nach minutenlanger Wartezeit und mehreren Fehlermeldungen entschliesst sich mein PC zum Absturz. Eine neue Suche führt mich zum aktuellen Angebot und dem Hinweis auf den Silvester-Ball 2000! Weiter!
 
Eine Fotogalerie mit niedlichen Bildlein zum Anklicken erweist sich als „Paulianisches Gruselkabinett“. Grünliche Stäbchen liegen neben gräulichen Schnitzeln. Das Gulasch ist unscharf und die Pizza verheisst ungute Gefühle. Im Dienst ergraute Patrons grüssen verwackelt hintergründig, wünschen blinkend einen schönen Aufenthalt und freuen sich auf meinen Besuch. Ich lehne dankend ab. Es ist 21.00 Uhr und ich habe keinen Hunger mehr.

1930 schrieb Ernst Pauli das Lehrbuch der Küche. Unter Köchen und Gastronomieprofis wird es einfach nur noch „der Pauli“ genannt.
 
 

Freitag, Mai 04, 2018

Käferfest


Vom Autor des Reiseverführers
IMMER WIEDER FERNWEH - Logbuch eines Inselsammler:

Käferfest

Die Lust am Ekel ist salonfähig geworden. Ob marinierte Ameisen oder gegrillte Made: Kein Vieh ist unappetitlich genug, sein ohnehin schon kurzes Leben in menschlichen Mägen auszuhauchen. Grillen aus Bodenhaltung, Marienkäfer aus artgerechtem Anbau und Bio-Blattläuse vom Bauernhof finden reissenden Absatz. Der Tierliebe sind keine Grenzen gesetzt und genüsslich lässt man die Chitin-Panzer knacken, verlustiert sich an behaarten Beinchen und schwärmt von fetten Fühlern.


Was auf den ersten Blick absonderlich wirkt, bringt leidgeplagte Gastronomen, sensible Ökologen und umweltbewusste Biologen geradezu ins Schwärmen. Denn noch nie konnten lästige Insekten derart umweltschonend bekämpft werden. Die Maikäfer des Basler Flugjahres müssen endlich nicht mehr chemisch gekeult werden, sondern landen direkt und lärmschonend in den Fritteusen.

Auf den Kammerjäger können wir zukünftig verzichten, denn knackige Schwabenkäfer beleben jede Stehparty, zarte Silberfische beflügeln jedes Konfirmationsessen. Legionen von Ameisen, die ihre Strassen durch die Gar-tenwirtschaft gebaut haben, werden unter Einsatz arglistig gefälschter Signalisationen direkt in den Steamer umgeleitet.


Der Lehrling kann am Abend die lästigen Schnaken mit dem Schmetterlingsnetz einfangen und sie flugs in einem zarten Bierteiglein ausbacken. Panierte Borkenkäfer statt Pommes Chips,  gesalzene Wasserwanzen statt Nüssli. Nach strangulierten Bernhardinern und langsam zu Tode geprügelten Siamkatzen ein weiterer Sieg der menschlichen Grösse.

Habe heute wieder zwei kleinen Fruchtfliegen das Leben gerettet. Nachdem sie sich aus Verzweiflung in mein Weinglas gestürzt hatten, holte ich sie mit Hilfe eines Löffels zurück ins Leben. Ich setzte sie auf den Tisch und föhnte ihnen mit meinem Odem die nassen Flügelein. Alsbald stiegen sie wieder dem Lichte entgegen. Um sich sofort wieder in meinem Veltliner zu ertränken.
 
Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell,
erschienen bei BoD, erhältlich überall dort wo es gute Bücher gibt. Aber auch im Antiquariat, in der Brockenstube und im Internet.