Samstag, März 31, 2018

Frühstück inbegriffen

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD. Auch als E-Book bei bod.ch / bod.de erhältlich.


Es gibt das Kunststück. Und es gibt das Frühstück. Manchmal haben sie etwas gemeinsam. Meistens jedoch nicht wirklich. Das durchschnittlich inbegriffene Hotelfrühstück ist eher der Beweis für das Kunststück, aus nichts noch weniger zu machen. Was mir hier zur angeblich schönsten Stunde des Tages vorgesetzt wird, ist meist ein klägliches Stück gastronomischer Biederkeit. Das einzige „Gold im Mund zur Morgenstund“ ist meist nur in Form von Zahngold anwesend.

Seit Jahr und Tag erhalte ich die gleichen Einheitsaufbackgipfel, das Hausbrot von gestern und ein Knäckebrot, welches das Knacken schon längst verlernt hat. Dazu die unsäglichen Portionen-Konfitüren – warum nur trifft es mich immer mit der Zwetschge? Der Honig eignet sich höchstens als Klebemittel – mit dieser Melasse lockt man nicht eine einzige Biene aus der Wabe. Die Käseauswahl besteht aus Scheibletten und Gerberkäsli neben einem unreifen Tilsiter. Sorgfältig aufgetürmte Berge von Cornflakes erheben sich, die Früchte sind zum fürchten und der Orangensaft ist ein rückverdünnter Schatten seiner selbst. Der Schinken kennt das Schwein nur vom Hörenriechen und auf das 135-Minuten-Ei würde sich nicht einmal mehr ein altes Suppenhuhn setzen. Das Kaffee-Kännchen leckt auch noch 200 Jahre nach dem Tag, als die Muselmanen vor den Toren Wiens standen. Aber vielleicht sind Kaffeekannen beseelt und ihre Leiber verweigern den Befehl. Deshalb wird wohl auch dieser neuartige Kaffee – der aus dem Konzentrat und mit der 8-Stunden-Schaumhaltegarantie – nur in der Tasse serviert. Die Kannen würden ihre Schnäbel krümmen vor Scham!

Eine Art magische Frühstücks-Zahl ist die Zehn. Zehn wie 10.00 Uhr. Um 10.00 Uhr wird die Kaffeeküche kalt und morgenmufflige Oberkellner mit dem Habitus eines Strafversetzten vollziehen den Räumungsbefehl. Ich will aber nicht vor 10.00 Uhr frühstücken! Ich träume lieber etwas länger vom paradiesischen Frühstücks-Buffet im Bayrischen Hof über den Dächern von München, vom verrückten Breakfast bei Brennan’s an der Rue Royale in New Orleans, dem Zmorge bei Haris im Pochtenfall und von Basil’s Brunch auf der Dachterrasse des Cobblestone Inn auf St. Vincent.

Aber eben: Eigentlich will ich überhaupt nicht mehr im Hotel frühstücken. Und schon gar nicht vor 10.00 Uhr. Und sicher nicht inbegriffen. Ich werde es zukünftig wie unsere südlichen Nachbarn halten: so rasch wie möglich
in die nächste Kaffeebar und zwei Ristretti schlürfen. Dazu ein Panino essen und die grosse, rosarote Zeitung lesen. Und mit den Ragazzi über Gott und die Welt plaudern. Und mich ausgesprochen wohl fühlen. Was für ein herrlicher Morgen!
Mehr Geschichten zum Schmunzeln im neuen Buch von Hanspeter Gsell
Immer wieder Fernweh - Logbuch eines Inselsammlers Verlag BoD

Donnerstag, März 29, 2018

Fandango

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell.
Erschienen bei BoD - erhältlich überall dort,wo's gute Bücher gibt. Vielleicht auch in der Brockenstube Ihres Vertrauens.

„Das Atmen geht schwer. So muss sich ein Feuerschlucker vorkommen, wenn er die Flamme raus bläst. Wow – ein richtiges Kraftbündel mit dem man die Fundamente vom World Trade Center bauen könnte. Sie wirkt so elegant, dass sogar der Roadster Viper eine lahme Ente wäre. Wer damit die Frau seiner Träume nicht rumkriegt, muss wirklich aussehen wie Frankenstein und das Biest zusammen. Man hat das Gefühl, es fliegen einem die Zähne raus, die Haare wachsen nach innen.“




Was Sie hier lesen, ist weder der schüttere Aufsatz eines pubertierenden Jünglings, noch der Fahrbericht eines Autojournalisten. Der Text stammt aus der Angebotskarte eines Weinhändlers. Es handelt sich um die nicht wirklich schlicht gehaltene Beschreibung eines seiner Weine.

Und jetzt vergleichen Sie diesen Beschrieb doch einmal mit der Vertextung einer Menükarte. Und was steht da? Etwa: „Zartes Kalbsfilet mit frischer Morchelsauce und feinen Nüdeli?“ Vielleicht noch etwas ausgeschmückt mit dem üblichen „hausgemacht“, aus CH-Fleisch oder auf einem Pilzbeet und dem unvermeidlichen Aceto Balsamico? Vergessen Sie doch endlich diese altmodische und vorväterische Auflistung nach Paulianischer Tradition. Fantasie ist gefragt!

Wie wär’s damit? „Unser heutiges Filet stammt vom Kalb Ignaz, das an einem lauen Frühlingsmorgen vom Muni Fandango im Natursprung mit der Kuh Flora gezeugt wurde. Der stramme Ignaz, stark wie ein Rasenmäher mit 16 Zylindern und Liebling aller Eichhörnli, entwickelte sich zu einem wahren di Caprio unter stieren Kälbern und bei seinem Anblick überkam auch die ältesten Kühe im Stall das Verlangen aller Schwiegermütter. Letzte Woche nun ging Ignaz den Weg aller Kälber, wurde gut abgehangen, zerlegt und ausgebeint: sein bestes Stück liegt auf ihrem Teller.“
Oder vielleicht so: „Als unsere Köchin heute Morgen die getrockneten Hochland-Morcheln von ihrer tödlichen Plastikhülle befreite, lief es ihr kalt den Rücken hinunter und warm wieder hinauf. Und als sie etwas später die
verschrumpelten Kümmerlinge ins kalte Feucht des Bergbachs legte, fühlte sie sich wie eine wahre Stauffacherin. Demütig und voller Hingabe beobachtete sie die Wiedergeburt der Gummimorcheln“. Und so weiter und so koch.

Lassen wir doch diese kleine Geschichte mit einer grossen Frage enden: Wer ist denn hier eigentlich das grösste Kalb?

Noch mehr Geschichten von Hanspeter Gsell finden Sie im neusten Buch.
Immer wieder Fernweh - Logbuch eines Inselsammlers / Verlag BoD


Mittwoch, März 28, 2018

Billig


 
Nennen wir ihn Kari Koch. Ersten gibt es ihn nicht. Zweitens aber gibt es ihn sehr wohl. Er ist eine Art virtueller Feind geistiger Festplatten, ein bösartiger und virulenter Virus der Gattung „Rentabilitosa gastronomis“. Übertragen wird er durch Tröpfcheninfektion an Vereins- und Verbandsanlässen, Urheber ist eine Gruppe betriebswirtschaftlicher Endzeit-Strategen.

Kari Koch ist stolz darauf, dass seine getrüffelte Gänseleberpastete noch nie – auch nicht von weitem – eine Gans gesehen hat. Zu den Trüffeln schweigen wir lieber. Sein Coq ist ein dänisches Käfighuhn und der Dézaley dazu stammt von den zusammengeschütteten Resten des letzten Banketts. Der Parmaschinken kommt aus dem Tessin, das Bündnerfleisch ist ein billiges Imitat. Der Champagner im Sorbet ist keiner und das Cüpli ist ein Frizzantino. Die Bodenseefelchen stammen aus holländischen Aquakulturen, die Mozzarella di Bufala von ordinären Kühen. Karis hausgeräucherter Speck kommt vom Cash & Carry und sein Schinken ist ein aus irgendwelchen Teilen zusammengepresster jämmerlicher Fleischhaufen. Seine Pouletschnitzel sind, wie auch die unvermeidlichen Fischstäbli, zerkleinerte und wieder zusammengesetzte Bestandteile animalischer Herkunft. Karis Kaviar ist eingefärbter Rogen unbekannter Abstammung, der Weisse Trüffel ist ein aromatisiertes Ersatzprodukt aus der Türkei. Wenn man bei Kari Mineralwasser bestellt, bekommt man selbstverständlich karbonisiertes Leitungswasser und den zwanzigjährigen Whisky macht er aus vier Fünfjährigen. Statt Martini gibt’s ein Generikum.

Nun – Kari Koch gibt’s nicht wirklich. Oder – Kari Koch ist immer der andere. Aber – Kari Koch sieht man nicht. Aber auch – Kari Koch kann in allen sein. Im Küchenchef, wenn er stolz erzählt, dass er noch günstigere Poulets gefunden hat. Im Einkäufer, wenn er eine noch günstigere Quelle für „Weissnichtwas“ gefunden hat. Im Sommelier, wenn er einen wirklich günstigen Schaumwein gefunden hat. Und im Chef de Bar, wenn er den absolut günstigsten Cognac eingekauft hat.

Billig bleibt billig, auch wenn man günstig dazu sagt. Vergessen Sie deshalb diese Worte sofort. Überlassen Sie diese Unwörter den Discountern, Telefongesellschaften und dem Nachbarn. Denn die Steigerungsreihe von billig lautet: billig, billiger, am billigsten, nichts. Denn nur „nichts“ ist billiger und erst noch gratis. Kari Koch hilft gerne dabei. Günstig und billig.



Wenn Markt im Dorf war, zog es mich als kleinen Jungen unwiderstehlich zum „Billigen Jakob“. Bei ihm gab es alles zu kaufen, was man auf dem Land zum täglichen Leben so brauchte: Hagenbuchige Hosen, Nagelschuhe und Melkschemel. Allerhand Lederzeug, grosskarierte Hemden und handgestrickte Socken. War ein Verkauf abgeschlossen, liess er gekonnt ein paar Hosenträger in die Streben des grossen Sonnenschirms schletzen, warf das Geld in eine grosse Holzkiste und knallte den Deckel so laut zu, dass man es noch bei Bartholdi hinter der Kirche hörte. Der Billige Jakob war alles, aber sicher nie „billig“.
 

Dienstag, März 27, 2018

Geisterfahrt

Die Ansprüche der globetrottenden Jugend an Nervenkitzel und Adrenalinstösse steigen jährlich. Höher – schneller – kälter heisst die Devise, oder aber auch nässer, tiefer, dunkler. Touristikmanager sind gefordert und meistens überfordert: Denn laufend müssen immer neue Risikosportarten erfunden und vermarktet werden. Mit dem Militärvelo einen Gletscher hinunter brausen? Pipifax von gestern! Übernachtungen in Gletscherspalten werden höchstens noch von Seniorengruppen gebucht und Riverrafting ist zum lahmen Familienausflug verkommen. Ich habe mich deshalb bei den wichtigsten Anbietern von Adventure-Reisen umgehört.

In der Innerschweiz organisiert die Göschener Telltour Tauchgänge durch die Druckstollen des heimischen Wasserkraftwerks mit anschliessendem Biwak bei km 3.4 im Gotthard-Basistunnel.
 
Im hinteren Rheintal offeriert Ogitour eine spannende Edelweiss-Suche im Zielhang eines übenden Panzerregiments. Überlebende dürfen am Kompanieabend den Fahnenmarsch steppen.



Fast immer ausverkauft ist auch das teuerste Angebot von Jump-Tours: Der Flug im Radkasten einer alten DC-8 von Genf nach Zürich mit Fallschirmabsprung in den Kühlturm des AKW Gösgen. Die morgendlichen Geisterfahrten mit den Rollerskates durch den Bareggtunnel entwickeln sich zum Top-Event. Leider sind bereits auch die ersten unseriösen Angebote aufgetaucht. Das „Giftpfeil-schiessen mit Bruno Manser im botanischen Garten von Hugelshofen“ (!) gehört wohl ins Reich der Fantasie.
Gewarnt sei ausdrücklich auch vor der Gipfelbesteigung im Café Morgenrot mit Sherpa Tensing. Erstens hat’s dort nur ungeeignete Butter-Gipfel und zweitens ist Sherpa Tensing eine Sonnencrème.
 

Der Schweizer Menschenrechtsaktivist und Regenwaldschützer Bruno Manser ist seit seiner letzten Reise nach Malaysia im Mai 2000 spurlos verschwunden. Am 10. März 2005 wurde er vom Zivilgericht des Kantons Basel-Stadt für verschollen erklärt. Ich habe lange überlegt, ob ich die Passage über Bruno Manser weglassen soll. Ich habe es – im Andenken an Bruno Manser – nicht gemacht.

Auch diese Kolumne entstammt dem Buch Hühnerbrust du Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen bei BoD. Erhältlich im guten Buchshop, im Internet oder in der Brockenstube.
Noch mehr unglaubliche Geschichten von Hanspeter Gsell finden Sie im neusten Machwerk:



 

Montag, März 26, 2018

Presskopf





Ein guter Freund bat mich einst und nicht erst im Mai, mir Gedanken über das Verhältnis zwischen Küche und Presse zu machen. Sicher ist grundsätzlich jedes Verhältnis an sich problematisch. Und dies nicht erst, seit Adam der Eva an der Rippe rummachte. Dieses bis heute ungelöste Rätsel vereinfacht natürlich die Ausgangslage für meine Reihenuntersuchung überhaupt nicht. Eine Annäherung über Wortspielereien führt zwar zum Presskopf. Da ein solcher jedoch heute nicht mehr aufgetischt wird, und sich kaum ein Journalist gerne so nennen lässt, dürfte dieses Thema ebenfalls abgeschlossen sein.

Manchmal schreiben Köche Kochbücher die niemand braucht. Und manchmal schreiben Journalisten über Köche. Im Gegensatz zu Rezepten sind jedoch Köche der natürlichen Fluktuation unterworfen. Und so kommt es, dass die Presse über Köche schreibt, die schon längst die Küche gewechselt haben. Über Hoteliers und Wirte, die schon längst nicht mehr da sind, wo sie einmal waren.

So publizierte die grösste Weinzeitschrift der Schweiz eine Reportage über die angeblich erfolgreichste Weinbar der Nordwestschweiz. Pech war, dass dieser Betrieb beim Erscheinen der Zeitschrift bereits seit vier Wochen geschlossen war. Was aber ein anderes Zürcher Hochglanzmagazin nicht davon abhielt, zwei Monate später diesen angeblichen Betrieb als „Konzept, das man unbedingt gesehen haben muss“ aufzuzählen. Und auch wenn Köche manchmal erpresst werden, ergibt sich daraus faktisch noch kein Zusammenhang. Auch nicht, wenn die Presse bekocht wird. Das wäre dann schon ganz schön abgekocht.


Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen im Verlag BoD. Erhältlich überall wo's gute Bücher gibt.

Freitag, März 23, 2018

Das Spiegelei

Nachdem es der Wissenschaft gelungen war, den Geschmack von Spiegeleiern zu isolieren, musste nur noch ein Verwendungszweck gefunden werden. Dem berühmten spanischen Molekularhühnerbiologen Don Sebastian della Hueva gelang letzten Sonntag das Meisterstück: Pommes Chips mit Spiegeleier-Geschmack. Endlich keine fettige Küche mehr. Sack aufreissen und Spiegeleier geniessen. "Knackt so schön zwischen den Zähnen".
PATATAS FRITAS CON SABOR A HUEVO FRITO
Gefunden bei SAURA in Cabo roig. Noch habe ich die Packung nicht geöffnet. Vielleicht an Ostern ...

Donnerstag, März 22, 2018

Tod in der Südsee

 

Schon vor vielen Jahren bekam ich den Auftrag, eine Serie über berühmte Köche zu schreiben. Nach schweiss-treibenden Recherchen kam ich zum Schluss, den Auftrag nicht nur nicht auszuführen, sondern zurückzugeben: Es wurde bereits alles geschrieben. Eher zufällig bin ich jedoch auf folgende kleine Geschichte gestossen. Ich habe mich deshalb entschieden, in lockerer Reihenfolge über unberühmte Köche zu schreiben.

Lassen Sie sich erzählen von alten Zeiten. Wir schreiben September 1944 und es begab sich auf der kleinen Insel Mogmog im Ulithi-Atoll, irgendwo in den unendlichen Weiten des Westpazifiks. Die Richtung Japan vorrückenden amerikanischen Truppen, hatten über der von feindlichen Soldaten besetzten Inselgruppe bereits Flugblätter abgeworfen, um die Einheimischen vor der bevorstehenden Invasion zu warnen. Trotzdem traf sich der amerikanische Küchengehilfe Bob K. heimlich, und in der Hitze der Nacht, mit Prinzessin Kalara, der Tochter von König Ueg, zu einem tropischen Techtelmechtel. Sie waren die ersten und letzten Toten des Kampfes um die Insel Mogmog. Die Prinzessin erhielt ein Staatsbegräbnis, der Koch wurde auch nicht berühmt.

Einige Wochen später traf sich der Vorgesetzte von Bob, Küchenchef Stewart ‚Stu’ Lucas, mit König Ueg zum Kartenspiel. Nach mehreren Flaschen Whisky gewann ‚Stu’ beim Pokern ein Grundstück auf der benachbarten Insel Mangajang. Dort gründete er am nächsten Tag die Republik Lucastan, ihre Flagge zeigt das siegreiche Pokerblatt. Leider wurde Lucastan völkerrechtlich nie anerkannt und so wurde auch dieser Koch nie berühmt. Aber die Geschichte ist zu schön um nicht geschrieben zu werden.

Lucastan liegt im Pazifik, 180 km nordöstlich von Yap "in the middle of bloody-damn-all.“ Es bedeckt einen Drittel der Insel Mangajang im Ulithi Atoll und besitzt eine Landfläche von etwas mehr als 1 km2. Die Koordinaten: 9º 47' N, 140º 7' E.

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, erschienen im Verlag BoD.




Freitag, März 16, 2018

Attribute

Die Einladung klang ausgesprochen verlockend. „Gekonnte Gastlichkeit und gehobene Küche“ waren angesagt, ein wahrer Geheimtipp sollte es sein: Spontan, kreativ, gemütlich, aufmerksam, raffiniert, aufregend, geniesserisch und angepasst will man sein. „Herzlich verwöhnen“ werde man die lieben Gäste und „jederzeit auf deren speziellen Wünsche eingehen“.
Unsere, wie immer fröhliche und zur Weinseligkeit neigende Gruppe von Besseressern und Leichtgläubigen, konnte diesen Attributen nicht widerstehen und beschloss, „den weit über die Region hinaus bekannten Starkoch“ zu besuchen.
Eine eidgenössisch diplomierte Servicefachfrau in der Gestalt von Fräulein Rottenmeier, gab uns gleich bei der Begrüssung den gekonnt gastlichen Tagesbefehl bekannt. „Da der Küchenchef heute alleine in der Küche steht, würden wir es schätzen, wenn alle das Gleiche bestellen würden.“ Sie liess dabei allerdings offen, ob es sich beim Gleichen um den angepriesenen Geheimtipp aus der gehobenen Küche handeln sollte. Vielleicht aber war diese gastronomische Ouvertüre nichts anderes als eine liebreizende Vorbotin der gekonnten Gastlichkeit?
Gemütlich diskutierten wir deshalb das raffinierte Angebot und genossen die kreative Diskussion. Wir beschlossen spontan auf die Wünsche des aufregenden Fräuleins einzugehen und verwöhnten sie aufmerksam mit unserer angepassten Einheitsbestellung.

Jedes Adjektiv oder Partizip das als Attribut verwendet wird, hat eine starke und eine schwache Beugung. In der Werbung hingegen findet man vorwiegend die starke Beugung der Wahrheit.

Der „weit über die Region hinaus bekannte Starkoch“ steht nach wie vor hinter seinem vergoldeten Herd und schwadroniert spontan, kreativ, gemütlich, aufmerksam, raffiniert, aufregend, geniesserisch und angepasst. Nur hat’s noch niemand gemerkt.
 

 

 

 

Dienstag, März 13, 2018

Just in Time

Die Weinkarte war in feinstes Kalbsleder gebunden und ein güldener Bacchus versprach mir höchstes Trinkvergnügen. Hunderte von „sorgfältig ausgesuchten Tropfen“ warteten nur darauf, meine dürstende Kehle zu ent-zücken. Noch ahnte ich nichts vom Grauen der einbrechenden Nacht, entschied mich für einen leichten Roten und lief damit direkt in die gestellte Falle. „Leider ausverkauft!“
Als erfahrener Gast hatte ich natürlich bereits eine Alternative vorgesehen und so bestellte ich – immer noch lächelnd – den schweren Roten. Ich hätte es besser nicht getan! Inzwischen etwas vorsichtiger geworden, verlegte ich mich auf das Zufallsprinzip.
Mit geschlossenen Augen ertippte ich mir einen mittelschweren Roten. Der im Trunke ergraute Sommelier zog seine linke Augenbraue in die Höhe und erstarrte zur Sprechblase. Bevor auch nur eine einzige weitere Worthülse seine geschürzten Lippen verlassen konnte, ergab ich mich feierlich, warf sinnbildlich ein imaginäres Handtuch und überliess die weitere Auswahl dem befrackten Herrscher über tausend Weine.

Als ich mich umdrehte sah ich, wie sich im Fenster ein dunkler Schatten spiegelte. Gebückt, in Eile und mit Schlapphut, schlich sich eine sonderbare Gestalt durch den unordentlichen Vorgarten zum benachbarten Gasthof. Böses ahnend versteckte ich mich konspirativ unter den hängenden Zweigen einer Trauerweide und wartete ab. Da! Da war er wieder, der schwarze Schatten! Mit zwei Flaschen in der linken Hand turnte er über die Feuerleiter zurück in die Küche. Die Frackspitzen flatterten dabei lustig im Wind.



Noch immer herrscht der „Herr über tausend Weine“ über die sorgfältig ausgesuchten Tropfen. Von einem offensichtlich blinden Gastrotester hat er in der Zwischenzeit sogar noch ein paar zusätzliche Punkte erhalten. Womit nichts bewiesen sei.

 

Mittwoch, März 07, 2018

Drei Martini

Mai 2003: Nachdem autofreie Sonntage einmal mehr – zumindest bis zur nächsten Volksinitiative – vom Tisch sind, kann ich mich wieder den schönen Dingen des Lebens zuwenden. So entschloss ich mich gestern spontan zum Besuch des neuen Trendlokals.
Ich drängte mich durch Hunderte von modisch juvenilen Menschen. Die Hosenböden an den Knien und die nach vorne gekämmten Haare in den Augen, nippten androgyne Jungs um die Gunst der Stunde. Die weiblichen Bauchnabel waren gepierct und textilfrei; die getigerten Tops erinnerten mich fatal an die Bar des Raffles in Singapur. Dort lag der Tiger früher allerdings vor der Bar und die Barmänner konnten zwar schiessen, hatten aber keine Ahnung von Shots und Alcopops. Dafür machten sie den besten Dry Martini der Welt. Dry Martini? Warum auch nicht!

Als mir der Barmann drei Martinis hinstellte, kamen mir erste Zweifel. Meine Erklärungsversuche erstickten kläglich im Lärm und ich verschenkte die überzähligen Drinks einem wildfremden Bauchnabel.
Ich startete einen weiteren Versuch. Der fröhliche Mann hinter der Bar empfahl mir einen weissen Cabernet aus Kolumbien und servierte mir einen Sauvignon aus dem amerikanischen Columbia Valley. Der Hosenboden links bestellte in der Zwischenzeit brüllenderweise einen „On-the-Rocks mit Eis“. Auf die Frage, was er damit meine, antwortete er schlicht „On-the-Rocks mit Eis“. Leider werden wir nie wissen, was der eine wollte und der andere nicht servierte. Vielleicht ist es auch besser so.

Einmal mehr wurde im Mai 2003 über autofreie Sonntage abgestimmt. Die Alcopops befinden sich seit den massiven Steuererhöhungen auf dem Rückzug und der ‚Dry Martini’ ist ausgestorben. Dafür sind Piercings und Hosenböden noch abenteuerlicher geworden. Ich habe mir trotzdem noch kein Arschgeweih zugelegt.  
 
Texte aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel
Hanspeter Gsell, Verlag BoD
Die Bilder sind alle urheberrechtlich geschützt. Allerdings nicht von mir.
 

Sonntag, März 04, 2018

Rücktritt

Eine unbedeutende Zeitungsmeldung hat mich veranlasst, über Rücktritte nachzudenken. Wie wir wissen, gibt es angekündigte und angedrohte Rücktritte. Und selbstverständlich gibt es den freiwilligen, aber auch den unter Druck zurückgezogenen, den unfreiwilligen und den altersbedingten Rücktritt. Man kann Rücktritte erklären oder davon aus der Zeitung erfahren. Eine Mutation des Rücktritts ist die Rücktrittbremse. Sie wurde 1903 von Sachs erfunden und begleitete Heerscharen von Schweizer Armee-Radfahrern in üblen Stunden durch dunkle Nächte. Als Füsilier kam auch ich in den fragwürdigen Genuss harter Sättel und gierender Bremsen. Unvergessen bleibt der Ritt mit Vollpackung durch das Tägermoos im Lichte des Neumondes. Allerdings kam dank kontinuierlicher Bergfahrt ein Rücktritt nicht in Frage. Und mit der Abschaffung der Rad fahrenden Soldaten gehört sie, die Rücktrittbremse, zumindest militärpolitisch zur Geschichte.

Rücktrittbremser hingegen findet man in den Chefetagen grosser Unternehmen. So hat doch eben ein schwedisch-amerikanischer Generalmanager den Rücktritt neu erfunden. Es handelt sich um eine weitere Variante des grund- und schuldlosen Rücktritts, den so genannten „medien-bedingten Rücktritt“. Man tritt nicht zurück wegen eines „im besten Fall zu missbilligenden Vorfalls“ der, ganz „nebenbei“, als schwerer Verstoss gegen die Firmenethik gewertet wird. Nein. Natürlich nicht. Man tritt zurück, weil die Berichterstattung der Medien dem Image der Company schadet. Der Rücktritt als Kollateralschaden der Pressefreiheit? 

Auch der Direktor eines sehr grossen Gastronomieunternehmens wurde – wegen sexueller Belästigung von Mitarbeiterinnen – „medienbedingt zurückgetreten“.
 


 

Montag, Februar 26, 2018

Grüezi !


„Grüezi, ich möchte einen Tisch reservieren.“
„Grüzi?“

 „Ja, grüezi, ich möchte bitte für morgen Abend einen Tisch reservieren.“
„Hallo?“

 „Ja, hallo, kann ich bitte einen Tisch für sieben Personen reservieren?“
„Fisch?“

 „Nein, einen Tisch.“
„?!“

 „Hallo, sind Sie noch dran?“
„Wer?“

 „Sie! Kann ich reservieren? Einen Tisch für 7 um 8.“
„Acht?“

 „Ja – sieben Personen um acht Uhr, morgen.“
„Nein, Morgen 8 Uhr geschlossen.“

 „Nein. Natürlich um acht Uhr abends, 7 für 8.“
„Hihi.“

 „Was ist denn so lustig?“
„Nix verstehen, hihihi.“

 „Haben Sie denn keinen Tisch mehr frei?“
„Tisch 8?“

 „Ist egal, irgendeinen Tisch für sieben um acht!“
„Sieben und acht? 15!“ (stolz)

 „Nein, nicht 15! Sieben!“ (wütend)
„Nicht 15?“ (weinerlich)

 
„Doch natürlich gibt das 15. Aber ich möchte für morgen gegen 8 für sieben reservieren.“
„So viel? Kein Platz!“

 „Kein Platz? Aber Sie haben doch im Restaurant Platz für 100 Personen!“
„Wieso Restaurant? Wo?“

 

Wenn Sie nun denken, dass diese Geschichte von Ephraim Kishon sei, frei erfunden, erstunken und erlogen ist, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Ich führte dieses Telefongespräch am 18. Februar 2003 um 16.30 Uhr.

 
 
Kolumnen aus dem Buch HUEHNERBRUST UND FEDERKIEL, Hanspeter Gsell, Verlag BoD
 


Mittwoch, Februar 21, 2018

Wasserschaden

Neulich trafen wir uns in einem netten Gasthof irgendwo im hügeligen Jura. Wir schwelgten uns durch die ausgezeichnete Küche, tranken uns durch den Keller und verdünnten das Ganze mit reichlich Mineralwasser. Wir bezahlten einen stolzen Preis und das Trinkgeld war mehr als grosszügig. Leider wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Wasser aufstossen kann und schon gar nicht wusste ich, dass Wasser Hirnschäden verursachen kann.


 

Als ich einige Wochen später wieder den lieblichen Gasthof betrat, musste ich meine Meinung flugs ändern. Der Wirt verkündete mir nämlich unmissverständlich, dass er bei unserm letzten Besuch nur 16 anstatt 17 Flaschen Mineralwasser verrechnet habe. Er würde diese arme Flasche der Einfachheit halber heute auf meine Rechnung setzen. Oh mein Gott, der arme Mann! Ich sah ihn in Gedanken vor mir, wie er in der Küche seine alten Nagelschuhe auskochte, damit seine armen Kinderlein wenigstens einmal am Tag etwas Warmes zu essen hatten.
 
Nach kurzem Nachrechnen stellte ich fest, dass er an diesem grässlichen Abend einen Nettoverlust vor Steuern und Abschreibungen von Fr. 4.23 erlitten hatte. Ich schämte mich zutiefst und setzte ein betretenes Gesicht auf. Selbstverständlich entschuldigte ich mich für mein Versehen, streute Asche auf mein Haupt und wälzte mich schreiend auf dem Boden. Anschliessend wischte ich mir eine einsame Träne aus dem linken Augenwinkel und bezahlte umgehend die verlangten fünf Franken. Ich nahm mir vor, der „Stiftung für wasserkranke Wirte“ einen grösseren Obolus zukommen zu lassen.


Montag, Februar 19, 2018

Changement de Patron

Eigentlich dachte ich, dieses Urgestein schweizerischer Gastfreundschaft sei ausgestorben oder habe zumindest den Übergang ins Dritte Jahrtausend nicht geschafft. Aber klammheimlich ist er wieder aufgetaucht und hat sich als virtueller Trojaner wieder in helvetischen Speisekarten eingenistet: Er, das ist „der Menüwechsel“, oder eleganter und somit französisch „Le Changement de Menu“, und kostet den Gast nach der nach oben offenen Gastfreundschaftsskala zwischen zwei und mehr Franken. Wer hat eigentlich diese Ausgeburt einer beamteten Gebührenordnung erfunden? Wie kann nur ein Gastgeber seine Gäste bestrafen, wenn sie an Stelle von Reis lieber Teigwaren essen möchten? Dafür gibt’s nur eine Antwort: „Changement de Patron“!


 
 


Natürlich hat auch Kari Koch, diese Lichtgestalt helvetischer Gastfreundschaft, einen Bussenkatalog für unfolgsame Gäste eingeführt. Er umfasst neben dem Tatbestand „des fahrlässigen einfachen Menüwechsels“ (Kartoffeln statt Härdöpfel) auch die besonders verbrecherische Variante des „vorsätzlichen, wiederholten und böswilligen Menüwechsels“. Der Preis für einen garnierten Wurstsalat kann unter geschickter Ausnutzung aller Zuschläge leicht die Hundertfranken-Grenze überschreiten. Aber auch der Preis für das Tagesmenü (inkl. Suppe, Salat und Dessert) lässt sich ohne Suppe, Salat und Dessert leicht verdoppeln.
 
 
Als gestern der Champagner ausverkauft war, mussten die Gäste zu Prosecco wechseln. Trotz Getränkewechselzuschlag war er jedoch nicht teurer als der Champagner. Meine Entscheidung aber war gefällt: Changement de Restaurant!
 
 

 

Freitag, Februar 16, 2018

Ganz in Weiss

Endlich ist die Werbung dort angekommen, wo sie schon immer hingehörte: in der Toilette. Vor einigen Wochen hat nun auch Kari Koch, meine Ausgeburt von Lieblingswirt und Sonnenschein aller Satiriker, sein stilles Örtchen gewinnbringend verschandelt. In seinem Pissoir werden jetzt Whisky und Kondome beworben, über der Toilettenschüssel hängt ein Plakat mit Empfehlungen für meine Prostata und neben dem Spiegel wirbt ein nach vorn gekämmter Bubi für sein unwiderstehliches Aftershave. Mit Spannung und Angst warten wir auf die nächsten Höhenflüge der gebeutelten Werbeindustrie.

Zum Beispiel nächstes Jahr beim Zahnarzt: Bevor er den Bohrer ansetzt, tritt der Weisskittel zwei Schritte zurück, nimmt eine bekannte Zahnpasta in seine linke Hand, streckt die Rechte himmelwärts und spricht: „Wussten Sie, dass neunzehn von zwanzig Zahnarztfrauen nur noch Pastadent superweiss verwenden? Verwenden deshalb auch Sie Pastadent superweiss!“ Seine Gehülfin spielt derweil auf dem Keyboard Ganz in Weiss, dreht sich dazu um ihre eigene Achse und die Gattin verbucht zwei Taxpunkte.

Auch für die professionellen Gastgeber werden zurzeit neue Werbeeinsätze geplant. Zwischen Prosecco, Primitivo und Pappardelle sollen zukünftig geschickte Kellner Timeshare-Anteile verscherbeln, den dazu benötigten Kleinkredit vermitteln und die weiblichen Gäste mit dem neuen Duft von Armani besprühen. Zum Coupe Dänemark gibt’s gratis ein Handy. Allerdings nur, wenn man gleichzeitig dieses Buch kauft.

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel, Hanspeter Gsell, Verlag BoD

Dienstag, Februar 13, 2018

Chicken and Beef

Es ist Januar, und ich bin unterwegs in den Fernen Osten. Aus dem Bordlautsprecher scherbelt Stille Nacht und ich freue mich auf das per Video angekündigte Nachtessen welches von „internationalen Spitzenköchen“ sorgfältig zusammengestellt wurde. Die leichte Bio-Kost – laut Werbung von Heidi und Geissenpeter direkt angeliefert – soll mir helfen, den anstrengenden Flug besser zu überstehen. Aber offenbar haben die Spitzenköche heute frei und der Geissenpeter ist im Stau stecken geblieben. Denn was den Passagieren vorgesetzt wird, dient bestenfalls dazu, den ärgsten Hunger zu stillen oder ängstliche Passagiere von der Flugangst abzulenken. Dabei ist hier Flugangst absolut unbegründet: vor dem Essen sollten Sie sich fürchten.

Der niedliche Salat aus rotem und weissem Chabis ist durchtränkt von der völlig übersüssten, benachbarten Rüeblisalatsauce. Auch das ebenfalls vom Spitzenkoch gedesignte Sultaninchen kann das Grauen nicht mindern. Diese Vorspeise wird begleitet von einer zu Brot gewordenen Ausgeburt eines Lebensmitteltechnologen mit Beziehungen zur Altpapierverwertung. Der erste Biss: So muss es sein, in eine alte Schaumgummimatratze zu beissen. Das dezente Papier-Aroma erinnert an eine nass gewordene Zeitung. Im Gaumen überwiegen Sandaromen, sie hinterlassen einen schalen Geschmack. Nur mit heftigen Kaubewegungen und der Mithilfe eines Glas Wassers kann die Masse dazu bewegt werden, den Mund via Hals zu verlassen.

Die Menüauswahl entspricht dem Standard der Branche: „Beeforchicken“ oder „Chickenorbeef“. Ein Hühnerleben ist ja an und für sich schon nichts Erstrebenswertes. Gott sei Dank weiss das bedauernswerte Vieh nicht auch noch, zu welchen absonderlichen Speisen es verarbeitet wird!
 


Welchem Hirni aber kam es wohl in den Sinn, in einem Flugzeug Spaghetti zu servieren! Bei den heute gängigen Sitzabständen wird ein solches Essen zu einer höchst unfallträchtigen Angelegenheit. Sollten die Sitznachbarn nicht durch Gabelstiche oder spitze Ellbögen ernstlich verletzt worden sein, so werden sie jedoch sicher Erinnerungen in Form von Saucenspritzern mitnehmen.

Liebe Airlines: entweder schafft ihr es, etwas Anständiges zu servieren. Oder ihr hört auf damit. Dann braucht es auch keine Werbung mehr, die der kranken Fantasie Businessklasse-reisender Marketingstrategen entsprungen ist und schlichtweg eine Vorspiegelung falscher Tatsachen ist. Vielleicht hilft jedoch auch folgende Massnahme: Verdonnern Sie ihre Marketingmitarbeiter dazu, während drei Wochen täglich eine Langstrecke in der Economyklasse zu fliegen. Ich wette mit Ihnen, dass die Qualität an Bord sprunghaft ansteigen wird.

Leider hat es nicht mehr sein sollen. Die Fluggesellschaft existiert nicht mehr. Wobei in diesem Falle die Köche nichts, aber wirklich nichts damit zu tun hatten, und somit diesen Brei auch nicht verderben konnten.

Aus: Hühnerbrust und Federkiel, Hanspeter Gsell, Verlag BoD


Samstag, Februar 10, 2018

Zuber ermittelt: Die Akte Guldenfinger

Zuber mochte es gar nicht, wenn man ihn mitten in der Nacht anrief. Als er den Hörer abnahm – Zuber weigerte sich vehement, ein Handy zu benutzen – holte er deshalb bereits zu einem rhetorischen Rundumschlag aus, besann sich dann aber doch noch eines Besseren und meldete sich mit einem dezenten „Hallo“. Schweigend hörte er zu, zog sich an und machte sich auf den Weg zum Tatort. Obwohl – eigentlich wusste er in diesem Moment noch nicht, ob der Fundort von Frau Guldenfinger auch der Tatort war. Forsch betrat er den Speisesaal des alten Hotels, nickte kurz rechts und links und machte sich an die Arbeit. Frau Guldenfinger musste bereits seit Jahren hinter dem Samtvorhang gelegen haben. Wobei, eigentlich nicht gelegen, sondern gesessen! Wie Zuber sofort feststellte, sass sie nämlich mausetot in einem eleganten Louis-Quatorze-Armlehnstuhl aus feinstem Nussbaum. Und sie sass da, als ob sie eben erst noch ihr Aktiendepot studiert hätte.

Vorsichtig, um ja nichts zu verändern, suchte Inspektor Zuber nach den untrüglichen Anzeichen eines Verbrechens. Mit Lupe, Pinzette und einem leicht gebogenen Sprüttel suchte er jeden Quadratzentimeter ab. Mit einem Pinsel entfernte er die dicke Staubschicht und zerblies die Spinnennetze. Nirgendwo konnte er Anzeichen von Gewalt entdecken. Vielleicht ein Herzinfarkt? Was aber könnte diese nette alte Dame dermassen erschüttert oder erschreckt haben? Da Zuber wusste, dass Frau Guldenfinger über ein stattliches Vermögen verfügt hatte, vermutete er eine Erbschaftsangelegenheit. Ob vielleicht so-gar Gift im Spiel war? Aber das müssten dann wohl die Gerichtsmediziner abklären. Noch einmal schweifte sein Blick über den Fundort. Da erblickte er auf dem Boden eine alte Speisekarte. Er hob sie auf und blätterte vorsichtig darin; es mussten über hundert Seiten sein!
Sofort wusste er, was hier passiert war. Frau Guldenfinger war bereits das dritte Opfer des grössenwahnsinnigen Kochs: Wieder hatte eine Speisekarte ein Opfer gefordert. Frau Guldenfinger war auf Seite 67 verhungert. Sie kam nur bis zu den Süsswasserfischen.

Aus dem Buch Hühnerbrust und Federkiel von Hanspeter Gsell, Verlag BoD

 

Dienstag, Februar 06, 2018

Gouverneure und Kobras

Es begab sich vor langer Zeit irgendwo in Hinterindien. Es herrschte eine dramatische Schlangenplage. Praktisch auf jedem Baum hatte es sich eine Kobra gemütlich gemacht, liess ihren Schwanz hängen und tat vornehmlich das, was Kobras eben so zu tun pflegen, nämlich nichts. Manchmal aber hatten sie Hunger, verliessen ihren Baum und taten sich gütlich. So lebten sie glücklich und zufrieden, genossen die indische Sonne und manchmal ein feines Curry. Wurde es ihnen langweilig, liessen sie sich von einem Schlangenbeschwörer in einen Korb stecken um diesen alsbald, aber spätestens beim Ertönen einer Flöte, wieder zu verlassen.


Als der Gouverneur Ihrer Majestät von der lustigen Schlangenvermehrung hörte, beschloss er, fortan Land und Leute besser zu schützen. Er erliess zu diesem Zweck ein Dekret und verfügte, dass die Kobras einzufangen und zu vernichten seien. Um dieses Vorhaben zu beschleunigen, zahlte er für jede Kobra einen ansehnlichen Betrag. Schon nach kurzer Zeit reduzierte sich deren Bestand rapide und manch Kobrafänger kam zu einem stattlichen Einkommen und einem Chalet am See. Gewiefte Inder – und welcher Inder ist schon nicht gewieft! – machten sich ihre Gedanken. Denn sie befürchteten zu Recht, dass ihr Einkommen bald ausgeschlängelt haben könnte. Also sprachen sie – natürlich indisch – und begannen erfolgreich mit der Zucht von Kobras. Und so lebten sie lange Zeit glücklich und zu-frieden.

Natürlich finden wir es alle gut, dass es in der Schweiz weder Kobras noch listige Gouverneure gibt. Aber von irgend etwas gibt es natürlich auch hier immer zu viel. So soll es – laut Schweizerischem Cafetierverband – in der Schweiz zu viele Cafés geben. Nun sind Cafés zwar deutlich weniger gefährlich als Kobras. Auch lassen sich Cafetiers weder in Körbe packen noch mit Flöten locken und schon gar nicht mit einem Curry abspeisen. Dann doch eher mit einer grosszügigen Stilllegungsprämie. Gewiefte Unternehmer sollten sich deshalb schleunigst daran machen, einige hundert Cafés zu eröffnen. Dank den Prämien werden sie ein glückliches und zufriedenes Leben führen können. Vielleicht sogar im Chalet am See.

Der Schweizer Cafetier-Verband ging Ende 2005 wortwörtlich fremd und hatte eine Bieridee: man wollte weniger Betriebe auf dem Markt. Der Ausstieg sollte mit satten Prämien aus dem Alkohol-zehntel versüsst werden. Die Suppe allerdings wurde von links und rechts heftig versalzen und die Idee ist wohl dort gelandet wo sie auch hingehört: im Kaffeesatz.

Aus meinem Buch Hühnerbrust und Federkiel, Verlag BoD


Sonntag, Februar 04, 2018

Könige

„Unsere Gäste sind Könige!“ Dieser royalistische Merksatz aus alten Zeiten sprang mich heute Morgen vehement an. Er stammt nicht aus einem alten Lehrbuch für das Gesinde, sondern ziert als Überschrift einen aktuellen Bericht zur Lage der Gastronomie. Mit den genannten Königen meint man natürlich nicht die echten Blaublüter und andere Drosselbärte. Nein, damit meint man die real existierenden werktätigen Gäste. Also zum Beispiel auch mich.
 

Ich aber will kein König sein! Denn vor Königen katzbuckelt man und verrichtet für sie Sklavenarbeit. Ich will weder von Untertanen noch von Leibeigenen bedient werden! Könige sind nicht Gäste sondern republikanische Pflichtübungen; Könige sind skandalös, manchmal despotisch und meistens vollkommen überflüssig. Könige lassen ihr Volk auspeitschen und in Ketten legen. Nur Königinnen und Prinzessinnen sollen noch schlimmer sein. Sie stehen den ganzen Tag märchenhaft vor dem Spiegel, hassen die Sieben Zwerge und verteilen gratis vergiftete Äpfel. Es muss wirklich wahnsinnig viel Freude bereiten, für Könige zu arbeiten! Nie im Leben möchte ich von königlichen Küchenmeistern bekocht werden, hasse untertänige Frackträger und möchte in keinem Fall als Sklaventreiber angesehen werden. Und ich will nicht von Haushofmeistern, Lakaien und Kammerdienern hofiert werden. Ich möchte ganz einfach Gast sein in einem gastlichen Haus.Es wird Zeit, die Monarchie abzuschaffen: schicken Sie die Könige ins Exil! Vielleicht sind dann Gäste wieder das, was sie eigentlich wirklich sein möchten: willkommene Gäste.

Aus dem Buch "Hühnerbrust und Federkiel" 
Seitenhiebe auf die Gastfreundschaft 
Hanspeter Gsell
Erschienen 2006 bei BoD

Mittwoch, Januar 31, 2018

Reizworte

Tatsächlich sind die Klicks auf meinen Blog um 40 % gestiegen. Die Reizworte Tatjana, Trump, Merkel, Blocher und Atom-Bubi haben gewirkt!
Die heutigen Reizworte heissen: 

Immer wieder Fernweh


Lesung

Gsell

Gasthof Alpbad 4450 Sissach 061.971.10.65
10. Februar 2018
www.alpbad.ch