Freitag, Januar 31, 2020

Auf Spurensuche im Pazifik 1


Vor 230 Jahren kam es auf der HMVA Bounty zu einer verhängnisvollen Meuterei. Diese Reportage berichtet von unserer Reise zu den Nachfahren der Meuterer, die heute noch auf der Insel Pitcairn im Pazifik leben. Die Reise fand im Frühjahr 2019 statt.

Die Nachfahren der Meuterer
der HMAV Bounty

Sissach │Auf Spurensuche im Pazifik
Teil 1: Tahiti, Französisch-Polynesien

Der Himmel schien zu brennen, wütendes Feuer erhellte die Nacht; die Bounty stand in Flammen. Neun Meuterer hatten beschlossen, ihr bisheriges Leben für immer hinter sich zu lassen. Sie hatten abgeschlossen mit dem British Empire, abgeschlossen mit der Welt.
Die Insel Pitcairn würde ihr zukünftiges Zuhause sein, hier würden sie den Rest ihres Lebens verbringen. Die Bounty aber musste verbrannt werden. Vorbeifahrende Schiffe hätten sie entdeckt. Es wäre der sichere Tod der Meuterer gewesen. Denn sie wussten, dass man sie in England zum Tod verurteilt hatte. Mit ihnen waren zwölf Frauen und sechs Männer aus Polynesien auf der Insel gelandet. Einige waren nicht freiwillig hier, man hatte sie entführt.  
In diesem Moment aber standen sie gemeinsam am Strand und beobachteten, wie die Bounty in den Fluten versank. Das alte Leben war vorbei, für immer und ewig. Einige hatten Tränen in den Augen.

Hanspeter Gsell



Wer hat nicht die Bücher über die Irrfahrten der Bounty gelesen?
Ich nicht.
Auch die Filme über die Meuterei habe ich nicht gesehen. Der 1933 mit Errol Flynn und John Warwick gedrehte Film «In the Wake oft he Bounty» lief nur wenige Wochen in australischen Kinos. Die amerikanische Filmgesellschaft MGM kaufte ihn nämlich kurzerhand auf, um ihn sogleich vom Markt zu nehmen. Mit dieser Aktion wollte man die eigene Produktion «Mutinity on the Bounty» mit Clark Gable und Charles Laughton schützen. Dieser Film kam 1935 in die Kinos. Da ich zu dieser Zeit noch nicht geboren war, bekam ich ihn auch nicht zu sehen.
1962 kam eine Produktion mit Marlon Brando und Trevor Howard in unsere Kinos. Der Einfachheit halber nannte man den Film ebenfalls «Mutinity on the Bounty» – Meuterei auf der Bounty. Zu jenen mittelalterlichen Zeiten, ich war gerade mal elf Jahre alt, durfte man solche Filme erst ab 16 sehen. Schon wieder Pech gehabt!
Erst im Jahre 1984 setzten dann Mel Gibson als Fletcher Christian und Anthony Hopkins als Captain Bligh wieder die Segel. Die Bounty war zurück. Und ich hatte kapiert, dass Christian nicht nur ein Vorname, sondern auch ein Familienname sein kann.

Freitag, Januar 17, 2020

Yap 24 Blau

Text aus dem Buch "das keinen Namen trägt" ....


«Heute blau und morgen blau, und übermorgen wieder!», lautet der Refrain eines alten deutschen Trinkliedes. Das «Blau» jedoch bekommt in Polynesien eine völlig andere Bedeutung. Wissen Sie, wie viele Blautöne es gibt?

Harald Schendera hat auf seinem Blog «Mitternachtsblau» deren 272 aufgelistet. Während ich an diesem Text werkle, fällt mein Blick auf die Lagune von Moorea und ich bin sicher, dass es noch wesentlich mehr Blautöne gibt.

Wenn ich mich durch Reiseführer und Reiseblogs wühle, dann frage ich mich manchmal, ob die Verfasser wirklich hier waren, oder ihre frisch-fröhlichen Texte nicht irgendwo abgekupfert haben. Ist es nicht ein plagiarius, ein Dieb geistigen Eigentums, ein Plagöri eben, oder ein Seelenverkäufer und Menschenräuber, wie man das lateinische Wort auch übersetzen kann, der sich solche Sätze zu eigen macht? Ist ein Plagiat immer noch ein Plagiat, wenn es zum dritten Mal verwendet wird, dazu noch verfälscht und abgeändert wurde?

Doch solche Gedankenspiele kümmern mich im Moment wenig. Ich sitze am Strand, blicke auf die Lagune und höre das ferne Donnern, der sich am Saumriff brechenden Wellen. Der Gott der Farben hat tüchtig in seinen Kübeln gerührt und das Ganze mit blauer Farbe übergossen. Dann hat er sich ausgeruht, die Wolken vertrieben und die Insel mit Sonnenstrahlen überzogen. Eine Art Schöpfungsgeschichte, täglich neu inszeniert. Dem insularen Wettergott ist es völlig egal, dass Regenzeit angesagt ist. Das Klima könnte nicht besser sein, mit dem Regen experimentiert er vorwiegend nachts.

Nur mit dem Donnermacher hatte sich der Wettergott vor einigen Tagen angelegt. Dieser fühlte sich wohl übergangen und veranstaltete zwischen den Spitzen des Mont Tohivea und des Mont Tautuapae ein gewaltiges Donnerwetter. Hinter unserem Bungalow schien der Himmel zu explodieren, die Palmen verneigten sich angstvoll, die Brotfruchtbäume wankten bedrohlich. Es regnete nicht, es schüttete aus vollen Kübeln; während zehn Minuten.

Denn bereits am frühen Morgen des nächsten Tages hatten sich Wettergott und Donnermacher auf einen Kompromiss geeinigt: Man verzog sich zusammen in die Berge und legte sich schlafen.

 

Montag, Januar 13, 2020

Yap 23 Ein Buch entsteht

Einige Leser werden sich vielleicht fragen, was man denn in Yap den ganzen Tag so macht: Man schreibt.
Zu Zeit entsteht mein neustes Buch. Es wird wiederum Geschichten aus dem Pazifik enthalten.


Den Titel wollen Sie wissen? Frei nach DJ Oetzi .......

"Das Buch, dass keinen Namen trägt."
 

 


Hier ein kleiner Auszug:
 

Der Himmel schien zu brennen, wütendes Feuer erhellte die Nacht; die Bounty stand in Flammen. Neun Meuterer hatten beschlossen, ihr bisheriges Leben für immer hinter sich zu lassen. Sie hatten abgeschlossen mit dem British Empire, abgeschlossen mit der Welt.

Die Insel Pitcairn würde ihr zukünftiges Zuhause sein, hier würden sie den Rest ihres Lebens verbringen. Die Bounty aber musste verbrannt werden. Vorbeifahrende Schiffe hätten sie entdeckt. Es wäre der sichere Tod der Meuterer gewesen. Denn sie wussten, dass man sie in England zum Tod verurteilt hatte. Mit ihnen waren zwölf Frauen und sechs Männer aus Polynesien auf der Insel gelandet. Einige waren nicht freiwillig hier, man hatte sie entführt.  

In diesem Moment aber standen sie gemeinsam am Strand und beobachteten, wie die Bounty in den Fluten versank. Das alte Leben war vorbei, für immer und ewig. Einige hatten Tränen in den Augen.

Samstag, Januar 11, 2020

Yap 22 Zeit ist ...


 

Dieser Text erschien unter der Überschrift «Mein Leben» in der VOLKSSTIMME. Die Kolumne war einem Teil dieses Lebens gewidmet: der Zeit.

Wenn die Zeit kommt
 
Es regnet. Der Niederschlag eines ganzen Monates prasselt auf uns herab. Von wegen Schleusen, die sich geöffnet haben sollen! Ich kann ihnen versichern, dass es hier keinerlei Schleusen gibt! Es sind tosende Wassermassen, die sich über uns ergiessen. Laut den aktuellen Daten des Flughafens von Yap, waren es in weniger als zwölf Stunden eintausend Millimeter.

Noch regnet es weiter. Und es ist an der Zeit, die erste Kolumne des neuen Jahres zu schreiben. Die guten Wünsche haben sich erfüllt, die andern haben sich beizeiten wieder verflüchtigt. Oder, wie es die grossartige, österreichische Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach einmal formuliert hat:

«Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.»

Dem ist nichts dazuzufügen. Ausser vielleicht die Tatsache, dass Zeit, so wie wir sie kennen, in manchen Ländern noch nicht entdeckt wurde.

Einmal mehr sind wir der Kälte entflohen und verbringen einen Teil des Winters in Yap, in Mikronesien. Und ich habe Zeit, über die Zeit nachzudenken.

Ob ich sie hier, in der Mitte des unendlichen Pazifiks, finden werde? Kaum. Zeit ist, wenn ein Boot ankommt, Zeit ist auch, wenn eine Kokosnuss von der Palme fällt. Zeit ist, wenn der Flieger Verwandte, Freunde und Besucher auf die Insel bringt.

Zeit ist auch, wenn die Flut die Ebbe besiegt. «Gezeiten» nennt man diese Schlacht der Urgewalten. Es sind die Wasserbewegungen der Ozeane, die infolge der Gravitation des Mondes und der Sonne durch die zugehörigen Gezeitenkräfte verursacht werden. Da der stärkere Einfluss vom Mond ausgeht, gibt es nicht in 24, sondern in knapp 25 Stunden zweimal Hochwasser und zweimal Niedrigwasser. Die Gezeiten ändern sich somit täglich, sie eignen sich nicht zur Zeitmessung. Deshalb rechnet man hier in Mikronesien eher in Vollmonden und Halbmonden als in Monaten.

Eine ganze Branche jedoch hat mit andauernden Zeitenänderungen zu kämpfen: Die Fliegerei. Ich habe deren Problematik am eigenen Leib erfahren und zu einem kleinen Rätsel verpackt:

Ein Pilot in roten Socken fliegt von X Richtung Westen. Er erreicht sein Ziel übermorgen. Ein anderer Pilot, er trägt grüne Socken, fliegt zur gleichen Zeit von X Richtung Osten und landet vorgestern. Die Frage lautet: Welcher der beiden Piloten hat an Weihnachten Broccoli gegessen?

Ich stelle mir vor, dass auch im oberen Baselbiet ein derartiges Chaos aus Tagen und Stunden herrscht.

Das Stöppli, die Sissacher Traditionsbeiz, bleibt bekanntlich am Sonntag geschlossen. Nehmen wir mal an, ein paar Meter weiter, inmitten der Sonnenkreuzung, liege eine ominöse Datumsgrenze. Dort wäre deshalb erst Samstag, das Stöppli hätte somit geöffnet. Und ich könnte noch schnell meinen Lottoschein vom Sonntag abgeben!

Vielleicht aber bewahrheitet sich die Lebensweisheit von Frau Ebner doch noch:

«Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.»

Donnerstag, Januar 09, 2020

Yap 21 Verschollen im Pazifik

(dag) Ein Flugzeug der Gesellschaft PMA, auf einem Routineflug zwischen den Insel Woolipik und Wooligang, ist gestern nicht an seinem Bestimmungsort angekommen und wird seither vermisst. Die Verantwortlichen der Küstenwache befürchten das Schlimmste.

Verschollen im Pazifik (6)
Die Rettung

Gegen Mittag des nächsten Tages wurden sie von einem Schiff der amerikanischen Navy aufgefischt. 36 Stunden auf offener See, über ihnen ein beinahe wolkenloser Himmel, unter ihnen der Yap-Trench, ein Ausläufer des Marianengrabens. Wobei es einem Schiffsbrüchigen vermutlich völlig egal ist, ob der Meeresboden nun neun oder neuntausend Meter unter ihm liegt.

Das Schiff der amerikanischen Navy war unterwegs von seiner Basis in Subic Bay (Philippinen) nach Saipan (Commonwealth of the Northern Mariana Islands). Dessen Kapitän soll zwar etwas unwirsch reagiert haben, als er den Befehl erhielt, unterwegs irgendwelche Boatpeople aufzulesen. Sein entsprechender Eintrag im Logbuch begann mit den Worten: «Das Boot ist voll …»

Aber, Befehl war Befehl. Er liess den Kreuzer umdrehen, befahl einen neuen Kurs und «volle Kraft voraus»! Und so kam es, dass am dritten Tag ihrer Kreuzfahrt ein Priester, ein Missionar, ein Regierungsbeamter, ein Soldat, ein Pilot und William das Schiff betraten. Als man William den Quieker abnehmen wollte, «Schweine haben bei der Navy nichts zu suchen!», wehrte er sich mordsmässig.

Nach Rücksprache mit dem Kommandanten des Schiffes einigte man sich darauf, dass das Schwein zwar bei William bleiben durfte, jedoch keinen Eintrag ins Passagierregister finden sollte. Wie hätte das auch ausgesehen!

Man brachte den zusammengewürfelten Haufen auf die Insel Yap, wo man die Vermissten mit grossen Augen, offenen Mündern und ebensolchen Armen empfing. Der katholische Priester dankte Gott und Maria, der evangelische Missionar Gott und Jesus. Der Beamte legte die Ärmelschoner an und machte sich auf zur Berichterstattung beim Gouverneur. Der amerikanische Soldat stand stramm, die von ihm entworfene Strassenkarte hatte er im Flugzeug zurücklassen müssen.

William aber genehmigte sich erstmal ein kühles Bier und machte sich anschliessend mit seinem fröhlich quiekenden Schwein, er nannte es Coastguard, Küstenwache, auf nach Hause. Dort bekam es einen Ehrenplatz hinter dem grossen Mahagoni-Baum. William hatte dem Schweinchen, sollte der Herrgott eine sichere Rettung organisiert haben, ein Leben in Saus und Braus versprochen. Coastguard wurde uralt und starb im hohen Schweine-Alter von 20 Jahren an einer Fettleber.

William schloss seine Ausbildung zum stattlichen Wellen-Macher mit Erfolg ab, wurde später privater Meteorologe des Gouverneurs, und lebt seit seiner Pensionierung wieder auf der Insel Woolipik.

Dienstag, Januar 07, 2020

Yap 20 Verschollen im Pazifik

(dag) Ein Flugzeug der Gesellschaft PMA, auf einem Routineflug zwischen den Insel Woolipik und Wooligang, ist gestern nicht an seinem Bestimmungsort angekommen und wird seither vermisst. Die Verantwortlichen der Küstenwache befürchten das Schlimmste.

Verschollen im Pazifik (5)
Die Landung
 
William, der angehende Wellen-Magier, lächelte anerkennend, sprach seltsame Sätze und griff sich an das Tattoo am rechten Oberschenkel und halbierte eine Betelnuss. Er erinnerte sich ein seine erste Lektion als Wellen-Magier und sah der Landung gelassen entgegen.

Wie William, der Wellen-Magier aus Woolipik, geahnt hatte, funktionierte die Landung perfekt. Der Pilot warf die Liferafts, eigentlich waren es eher knallgelbe Gummiboote, ins Meer. Die Passagiere, in vorderster Front ein Missionar und ein Priester, stiegen einigermassen geordnet aus bzw. ein. Ein erstes Suchflugzeug wurde gesichtet, es flog zu hoch, verschwand wieder, ohne die Flugzeugbrüchigen entdeckt zu haben. Die Sonne senkte sich, die Nacht brach herein.

Die Rettungsboote verfügten nicht nur über Wasser und Kekse, sondern auch über eine Notbeleuchtung. Die dazu benötigen Batterien erwiesen sich jedoch als nutzlos, sie müssen bereits vor Jahren ihren elektrischen Geist aufgegeben haben. Handys mit eingebauten Taschenlampen gab es 1981 noch keine. Eigentlich gab es noch überhaupt keine Handys. Was in diesem Fall jedoch völlig egal war, da weit und breit auch keine Sendemasten zu sehen waren.

William hatte die Wellen vorsorglich mit magischen Sätzen beruhigt: Es war beinahe windstill, die Wellen liessen das Boot nur leicht in der Dünung hin- und her schaukeln. Das monotone Plätschern wirkte einschläfernd. Der Pfarrer betete, der Missionar sang, der Beamte ruhte sich aus, das Schwein grunzte, der Soldat versuchte, sich an seinen Tagesbefehl zu erinnern, das Flugzeug gurgelte und soff ab.

William sagte gar nichts, ass seine Portion Überlebenskekse und nahm einen Schluck Wasser. Beim Wasser handelte es sich um eine Spezialabfüllung für Dehydrierte, der leicht salzige Geschmack stiess William auf. Das Wasser, so William, soll grauenhaft gewesen sein. Typisch: Da rettet man Bootsflüchtlinge und schon werden Ansprüche gestellt! Sicher würden sie auch noch Asylanträge stellen!

Die Sonne meldete sich mit einem neuen Tag zurück, es war heiss. Gegen Mittag wurden die Überlebenden von einem Flugzeug der Coast Guard, der amerikanischen Küstenwache, gesichtet. Die Männer warfen eine grosse, aufblasbare Rettungsinsel ab. An Bord fand man Wasser, Kekse, ein Funkgerät und Batterien. Mit dem Funkgerät nahm Samuel, der Bruchpilot, Kontakt zum Flieger auf.

Er wurde orientiert, dass ein Schiff unterwegs sei, um sie aus dem Meer zu pflücken. Bis zum Sonnenuntergang kreiste die Maschine der Coast Guard über den Unglücklichen und vermittelte den Seebrüchigen ein seltsames Gefühl der Sicherheit. Denn noch würde es dauern, bis sie definitiv gerettet würden. 

Eine weitere einsame Nacht stand ihnen bevor. Immerhin jetzt mit Beleuchtung. William meinte später, sie hätten wie ein schaukelnder Weihnachtsbaum ausgesehen. Doch die Nacht wurde lang, der Durst gross. In regelmässigem Abstand sandte die Coast Guard beruhigende Worte, ein christlicher Sender in Guam liess seine Zuhörer schon mal beten.

Gegen Mittag des nächsten Tages wurden sie von einem Schiff der amerikanischen Navy aufgefischt.

36 Stunden auf offener See, über ihnen ein beinahe wolkenloser Himmel, unter ihnen der Yap-Trench, ein Ausläufer des Marianengrabens. Wobei es einem Schiffsbrüchigen in diesem Moment vermutlich völlig egal war, ob der Meeresboden nun neun oder neuntausend Meter unter ihm liegt.

Montag, Januar 06, 2020

Yap 19 Verschollen im Pazifik

(dag) Ein Flugzeug der Gesellschaft PMA, auf einem Routineflug zwischen den Insel Woolipik und Wooligang, ist gestern nicht an seinem Bestimmungsort angekommen und wird seither vermisst. Die Verantwortlichen der Küstenwache befürchten das Schlimmste

Verschollen im Pazifik (4)
Der Flug

«Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein», hatte ein gewisser Reinhard May gesungen. Samuel, der Pilot der Britten-Norman BN-2 Islander, konnte sich mit diesem Text heute nicht anfreunden. «Dieser Heini,» sinnierte er, «hatte wohl keine Ahnung von Tuten und Blasen. Und vom Fliegen schon gar nicht. «Freiheit - ha!», murmelte er und suchte weiter.

Es mag wohl genau jetzt gewesen sein, als dem Piloten ein Licht auf-, das Benzin jedoch ausging. Es würde weder für den Rückflug nach Woolipik noch zum Weiterflug nach Yap reichen.

William, der Wellen-Magier, sass neben dem Captain und hatte sich die Kopfhörer des Copiloten aufgesetzt, bemerkte wie Samuel an den Knöpfen drehte. Er hörte ihm zu, wie er, leicht nervös, mit der Küstenwache Kontakt aufnahm und dieser die Situation schilderte. Nach einer Weile hörte man die krächzende Stimme eines Offiziers der Coast Guard, der Küstenwache, in Guam.

«Hold on!», meinte dieser. «Bleiben Sie dran!»

In der Zwischenzeit orientierte der Pilot die Passagiere über die missliche Situation.

«Hier spricht ihr Kapitän. Auf unserm Flug von Woolipik nach Wooligang mit Anschluss nach Yap, werden wir nun eine Zwischenlandung vornehmen. Wie sie bemerkt haben, wird diese Landung nicht auf einer Insel, sondern mitten im Pazifik stattfinden. Bitte schnallen sie sich an und stellen sie das Rauchen ein. Ziehen sie sich schon mal eine Schwimmweste über. Blasen sie diese jedoch in keinem Fall bereits im Flugzeug auf, sie würden nicht mehr durch die Notausgänge passen. Ich wünsche ihnen weiterhin einen guten Flug. Danke, dass sie mit PMA geflogen sind.»

Der Offizier der Küstenwache von Guam war nicht untätig geblieben, hatte in seinen Unterlagen gekramt, und instruierte den Piloten nun über das Verfahren einer Wasserlandung. Früher übte man solche Wasserungen nicht. Man erachtete die Erfolgschancen solcher unvorhersehbaren Landungen als «nicht existent». Die Flugsimulatoren für eine Britten-Norman BN-2 Islander hätten solche Manöver auch aus technischen Gründen gar nicht erlaubt.

«Beobachten sie die Richtung und die Höhe der Wellen. Setzen sie den hinteren Teil der Maschine zuerst auf, anschliessend das Vorderteil. Fahren sie das Fahrwerk nicht aus! Bei ruhiger See wird gegen den Wind gelandet. Bei größerem Wellengang wird parallel zu den Wellen gelandet, möglichst auf einem Wellenkamm.»

William, der angehende Wellen-Magier, lächelte anerkennend, sprach seltsame Sätze und griff sich an das Tattoo am rechten Oberschenkel, halbierte eine Betelnuss. Er erinnerte sich an seine erste Lektion als Wellen-Magier und sah der Landung gelassen entgegen.

 

Sonntag, Januar 05, 2020

Yap 18 Verschollen im Pazifik


(dag) Ein Flugzeug der Gesellschaft PMA, auf einem Routineflug zwischen den Insel Woolipik und Wooligang, ist gestern nicht an seinem Bestimmungsort angekommen und wird seither vermisst. Die Verantwortlichen der Küstenwache befürchten das Schlimmste.

Verschollen im Pazifik (3)
Der Start
 
William, ganze siebzehn Jahre alt und angehender Wellen-Magier, hatte noch nie zuvor ein Flugzeug bestiegen. Er war unterwegs nach Yap, wo er sich bei seinem dort ansässigen Onkel zwecks Weiterbildung melden sollte. In seinem Handgepäck führt er ein kleines Schwein mit; es war als Geschenk für seine Verwandten gedacht.

Endlich war ein Brummen zu hören und wenig später landete die Maschine, eine zweimotorige Britten-Norman BN-2 Islander, auf der Piste von Woolipik. Das Flugzeug unbekannten Baujahres schien zwar flugtüchtig zu sein. Die Navigationsinstrumente waren jedoch änicht wirklich auf dem neusten Stand. Der Pilot hantierte mit einem alten Kompass, war guten Mutes und sang einen Choral, der ihn an seine Kindheit erinnerte. Der Pilot hiess sinnigerweise Samuel und stammte aus Konstanz am Bodensee.

Nachdem die Fracht eingeladen worden war, stiegen auch die fünf Passagiere und ein Schwein ein. William hatte es in eine selbst geflochtene Basttasche gesteckt, der kleine Quieker fühlte sich sprichwörtlich sauwohl.

Samuel prüfte die wenigen Instrumente und hielt den Kompass gen Himmel. Nacheinander drückte, zog und riss er an einigen Hebeln und Knöpfen. Rauchend und hustend erwachten die Motoren zu neuem Leben. Nach einer Weile stimmte auch noch der letzte Zylinder in den himmlischen Chor ein, es konnte losgehen. Das Flugzeug stolperte über die ungemähte Wiese zur Piste, der Pilot betete. Keine Ahnung, zu welchen Göttern eigentlich Piloten beten, aufgrund der allgemeinen Wetterlage könnte es Donar, der alte Germane und Herr über das Donnerwetter, gewesen sein.

Der Start hätte nicht besser sein können, nach wenigen Minuten hatte das Flugzeug bereits seine Reiseflughöhe von 2'500 Meter erreicht, das Schweinchen quiekte fröhlich, William flüsterte ihm etwas in sein Ohr. Das Wetter schien es gut mit den Passagieren zu meinen. Vorerst. Denn als William nach einigen Minuten auf das Meer blicken wollte, war es verschwunden. Eine ziemlich dicke Wolkenschicht verhinderte jede Sicht. «Wie soll denn Samuel das gelobte Land Wooligang finden?», dachte sich William.

Tatsächlich war das Eiland nicht zu finden. Samuel ahnte zwar, dass es genau unter ihnen liegen müsste, versuchte einen Anflug, startete jedoch wieder durch. Man kreiste über den Wolken und Samuel erinnerte sich an ein Lied aus seiner Jugendzeit.

«Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein», hatte ein gewisser Reinhard May gesungen. Samuel konnte sich mit diesem Text heute überhaupt nicht einverstanden erklären. «Dieser Heini,» sinnierte er, «hatte wohl keine Ahnung von Tuten und Blasen. Und vom Fliegen schon gar nicht. «Freiheit - ha!», murmelte er und suchte weiter.

Freitag, Januar 03, 2020

Yap 17 Verschollen im Pazifik


(dag) Ein Flugzeug der Gesellschaft PMA, auf einem Routineflug zwischen den Insel Woolipik und Wooligang, ist gestern nicht an seinem Bestimmungsort angekommen und wird seither vermisst. Die Verantwortlichen der Küstenwache befürchten das Schlimmste.


Verschollen im Pazifik
Die Passagiere

An einem sonnigen Morgen des Jahres 1981 wartete an der Flugpiste der Insel Woolipik (Yap-State) eine illustre Schar Menschen auf das Flugzeug der PMA. Man wollte nach Wooligang fliegen und von dort weiter nach Colonia, in die Hauptstadt von Yap.

Mit dabei war ein Regierungsvertreter. Urumal jun. war Mitarbeiter des statistischen Amtes und hatte auf der Insel die Kokospalmen gezählt, sie durch die Anzahl Einwohner dividiert und alles sorgfältig in ein Heft eingetragen. Er sollte damit beim Gouverneur von Yap antraben.

Ein amerikanischer Soldat stand etwas abseits der Gruppe. Er war Mitglied der «Seabees», der Bautruppe der US Navy, hatte die Insel sorgfältig vermessen und eine mehrfarbige Karte erstellt. Sie sollte die Grundlage sein für den Bau einer mehrspurigen Autobahn um die Insel. Er hatte zwar seinem General bereits vor der Abreise gemeldet, dass es auf dem Eiland gar keine Autos gäbe. Der General war wütend geworden, hatte dem Soldaten Insubordination unterstellt, einem von Vorgesetzten immer wieder gern benutzten Tatbestand, und ihn zwar nicht in die Wüste aber ins Meer geschickt.

Einer fiel besonders auf. Nicht nur wegen seiner Grösse, er mass beinahe zwei Meter. Sondern wegen seines vorlauten Mauls. Jedem der es auch nicht hören wollte, erzählte er («Halleluja») von seiner grossartigen Arbeit, lobte den Herrn, jedoch vorwiegend sich selbst («Halleluja»). Als Missionar hatte er die Seelen der Insulaner ausgelotet, einige ungetauften Exemplare entdeckt und war eben dabei, das Budget für die nächste Taufreise zusammenzustellen.

Der katholische Priester, er war auf einer Urlaubsreise, warf dem evangelischen Missionar heimlich böse Blick zu und suchte nach Möglichkeiten, dessen Arbeit zu sabotieren. Da zu viele Zeugen vor Ort waren, beschloss er zu schweigen, ging in sich und griff zum Rosenkranz.

William, ganze siebzehn Jahre alt und angehender Wellen-Magier, hatte noch nie zuvor ein Flugzeug bestiegen. Er war unterwegs nach Yap, wo er sich bei seinem dort ansässigen Onkel zwecks Weiterbildung melden sollte. In seinem Handgepäck führt er ein kleines Schwein mit; es war als Geschenk für seine Verwandten gedacht.

Mittwoch, Januar 01, 2020

Yap 16 Verschollen im Pazifik

(dag) Ein Flugzeug der Gesellschaft PMA, auf einem Routineflug zwischen den Insel Woolipik und Wooligang, ist gestern nicht an seinem Bestimmungsort angekommen und wird seither vermisst. Die Verantwortlichen der Küstenwache befürchten das Schlimmste.

 


Verschollen im Pazifik (1)
Fliegen mit Jesus

Die Fluggesellschaft PMA wurde 1974 von Edmund Kalau gegründet. Kalau, geboren 1928 in Ostpreussen, trat im Alter von zehn Jahren der Hitlerjugend bei, besuchte in der Folge stramm nationalsozialistische Schulen und trat später in die Luftwaffe ein.

Je nach Lebenslauf wurde er über Russland abgeschossen und dort von einem russischen Arzt heim ins himmlische Reich missioniert. Oder aber er floh aus der Gefangenschaft, erreichte zu Fuss, und mit Hilfe eines Davoser Schlittens, die USA. Dort wurde er von einem amerikanischen Offizier zum rechten Glauben bekehrt.

Auf seiner Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär landete Edi bei den Liebenzeller Missionaren, wurde staatlich geprüfter Seelenmasseur und wanderte 1956, zusammen mit seiner Frau, nach Mikronesien, nach Guam, aus. Bereits nach zwanzig Jahren bemerkte er, dass es noch weit kleinere Inseln als Guam gab, die ohne medizinische Versorgung und seelische Betreuung ihr Leben fristen mussten.

Er beantrage bei seinem Arbeitgeber, der Liebenzeller Mission, den Kauf eines Flugzeuges. Als ehemaliger Pilot wäre es für ihn kein Problem die Inseln anzufliegen. Viele von ihnen verfügten über alte Flugpisten, die von den Japanern während des Zweiten Weltkrieges gebaut wurden.

Doch seine Vorgesetzten bei den Liebenzellern («Mit Gott - von Mensch zu Mensch») hatten, trotz ihres vollmundigen Slogans, kein Gehör und legten den Antrag auf den linken Stapel, um diesen alsbald zu schreddern.

Kalau, durchaus nicht nur ein Mann des Wortes, kündigte umgehend und gründete eine eigene Missionsgesellschaft. Er nannte sie Pacific Mission Aviation und versah sie mit dem Slogan Serving Jesus Christ in the Islands of Micronesia. Nach einer Betteltour («Fund raising») durch die USA und Deutschland kaufte er sich ein ausgemustertes Fluggerät, eine Evangel 4500. Der Name wurde Programm und so evangelisierte er sich in den folgenden Jahren durch den Pazifik. Auch in Yap-State und dessen weit verstreuten Inseln der westlichen Karolinen wurde man aktiv.

An einem sonnigen Morgen des Jahres 1981 wartete an der Flugpiste der Insel Woolipik (Yap-State) eine illustre Schar Menschen auf das Flugzeug der PMA. Man wollte nach Wooligang fliegen und von dort weiter nach Colonia, in die Hauptstadt von Yap.

 

Montag, Dezember 30, 2019

Yap 15


20 Jahre Mikronesien

Vor zwanzig Jahren haben wir das erste Mal Mikronesien bereist. In der Zwischenzeit dürften es weit mehr als 500 Tage gewesen sein, die wir hier verbracht und auch gelebt haben. In alphabetischer Reihenfolge haben wir folgende Inseln besucht:

 Ant
Dublon
Etten
Falalop
Fefan
Guam
Ik
Ikik
Ifalik
Lamotrek
Minto
Moen
Ngulu
Oroluk
Pasa
Param
Pakin
Palau
Ponape
Ruo
Sorol
Satawal
Udot
Umam
Ulithi
Tol
Yap
 

Das war's bereits für heute: Sollten Sie einige der Inseln auf ihrer Weltkarte nicht finden: Melden Sie sich einfach per Whatsapp oder E-Mail bei uns. Wir geben Ihnen gerne Auskunft.

Die nächsten Tage wird’s wieder ruhig auf meinem Blog. An Festtagen bleibt die Schreibmaschine im Schrank. Nächstes Jahr geht’s dann wieder los. Mit spannenden Geschichten aus der Südsee!

Ich wünsche allen Lesern einen guten Start ins Neue Jahr! Bleiben Sie mir treu!

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Samstag, Dezember 28, 2019

Yap 14


Wir basteln uns einen Beamten

Der Stempler

Die Ankunft am Flughafen von Yap ist immer wieder überwältigend. United Airlines hate ihren Flugplan weiter ausgedünnt. Man fliegt gerade mal noch zweimal wöchentlich auf die Insel. An- und Abflüge finden prinzipiell nach Mitternacht statt. ‘Die sollen froh sein, dass wir überhaupt noch nach Yap fliegen’, wird man sich dabei gedacht haben.

Wie üblich werden zuerst die Pässe kontrolliert. Obwohl die Regel gilt, dass Besucher 90 Tage im Land bleiben dürfen, gibt es bei der Einreise grundsätzlich nur eine Bewilligung für 30 Tage. Heute ist der 12. Dezember 2019. Der Herr über die Stempel schwitzt nur leicht, rechnet dafür um so mehr und notiert in unserm Pass: Ausreise am 21. Dezember 2019.

Anschliessend legt uns ein junges Mädchen im Auftrag des Tourismus-Büros eine Blumengirlande über die Schultern. Da es hier keine Rollbänder für das Gepäck gibt, folgt nun ein fröhliches Wett-Pflücken. Die Koffer werden vom Flieger auf einen Gepäckwagen geladen, zum Flughafengebäude gefahren und dort mehr oder weniger sanft auf eine Rampe gelegt. Jetzt dürfen die Koffer gepflückt werden!

Wir bemerken das Missgeschick des amtlichen Stemplers erst bei unserer Ankunft im Hotel. Am nächsten Morgen fragen wir einen Mitarbeiter der Reception, was den jetzt zu tun wäre. Aus der Erfahrung des letzten Jahres wussten wir, dass das für Ein- und Ausreisestempel zuständige Büro zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen sein würde. Und wir wussten auch, dass niemand weiss, an welchen Datum genau die Festtage wieder zu Ende gehen würden.

Der Mitarbeiter des Hotels behändigte sich unserer Pässe und brachte diese ins Passbüro. Wir erhalten sie etwas später wieder zurück. Jemand hatte die Daten von Hand überschrieben. Unsere amtlich bewilligte Ausreise hatte nun am 11. Januar 2020 stattzufinden.

Da wir unsere geliebte Insel jedoch erst am 22. Januar 2020 verlassen werden, müssen wir dem Passbüro wohl oder übel noch einmal einen Besuch abstatten. Aber erst nächstes Jahr.

 

 

 

Freitag, Dezember 27, 2019

Yap 13


Guam
 
Nach einem langen Flug aus Hawaii sind wir in Mikronesien, in Guam, gelandet. Da es sich um einen Inland-Flug handelt, wird auf Passkontrollen verzichtet; schon eine Stunde später haben wir unser Hotel erreicht. Unzählige Male haben wir bereits im Hotel Santa Fé übernachtet. Es ist vielleicht das einzige Hotel auf der ganzen Insel, dass nicht von Japanern oder Amerikanern, sondern von Einheimischen betrieben wird. Keine Ahnung, woher das Hotel den seltsamen Namen hat. Die Stadt Santa Fe liegt nämlich in New Mexico. Nein nicht in Mexico, sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber auch dies irritiert uns nicht. Wir checken ein und setzen uns in das Restaurant am Strand.

Über Guam habe ich in meinen Büchern «Ikefang und Gutgenug» sowie «Immer wieder Fernweh» bereits alles geschrieben was Wissenswert ist. Auch darüber, dass die amerikanische Armee jede Menge Atomwaffen auf der verbuddelt hat. Man weiss ja nie: Immerhin hat der nordkoreanische Atom-Kaspar die Insel Guam zu einem seiner Lieblingsziele erkoren.

Nur eines wussten SIE vielleicht noch nicht: Hier fülle ich immer meinen Vorrat an Zigarillos wieder auf. Ben Salazar, so heisst der Inhaber des kleinen Shops in der Micronesian Mall, hat sie für mich besorgt. Dass er an diesem Tag den Umsatz des Jahres macht, nehme ich gerne in Kauf. Denn auf der Insel Yap, und genau dorthin wollen wir jetzt, gibt es überhaupt keine Zigarillos zu kaufen.

 

 

 

Mittwoch, Dezember 25, 2019

Montag, Dezember 23, 2019

Yap 12


Was Churchill nicht gesagt hat

Ich erwache mitten in der Nacht. Eigenartige und ungewohnte Geräusche sind zu hören. Laute wie «Ohhh» und «Ahhh» setzen sich in meinen Ohren fest. Was war nur in diesem Hotel los?

Im Hotel war gar nichts los. Aber davor! Nach Pearl Harbor und der gestrigen Memorial- Parade bekamen wir gleich noch ein drittes Spektakel zu sehen und zu hören.

Über den grossen Boulevard vor der Hotelanlage wälzte sich eine riesige Menschentraube. Zehntausende ächzender, stöhnender und schnaufender Menschen rannten durch die frühmorgendlichen Strassen Honolulus. Was ich zu hören bekam, waren die anfeuernden Worte der unzähligen Zaungäste, die das Spektakel sehen wollten: Den Hawaii-Marathon 2019.

Die Spitzensportler waren wohl bereits im Ziel angekommen. Was ich zu sehen bekam, war bestenfalls das dritte Drittel der Veranstaltung. Mütter stiessen entnervt ihre Kinderwagen über den noch kühlen Asphalt. Ein älterer Mann mit Rollator versuchte, den Anschluss zu halten. Mehrere Rollstühle flitzten vorbei, Teenager auf Surfbrettern, die mit Rädern bestückt waren, keuchten und versuchten den Anschluss an die Menge zu finden.

Es sollen über Hunderttausend gewesen sein, die an diesem Morgen unser Hotel passierten. Ich denke kurz über den Laufsport nach. Aber nur ganz kurz.

«No sports!», soll Churchill gesagt haben, als ihn ein Reporter nach dem Geheimnis seines langen Lebens befragt hatte. «Sport ist Mord!», übersetze dieser die Antwort und schuf damit ein geflügeltes Wort. Ein geflügeltes Wort, dass es jedoch weder in englischer noch in deutscher Sprache je gab. Der Reporter hatte die Antwort Churchills ganz einfach erfunden.

Nach der geballten Ladung Aktivität in Hawaii sehnen wir uns nach den wirklichen Ferien. Unser nächster Flug wird uns von Honolulu über den Pazifik nach Guam bringen. 6’000 Kilometer über offenes Wasser! Ich greife unter meinen Sitz und kontrolliere das Vorhandensein der Schwimmweste.

 

Sonntag, Dezember 22, 2019

Yap 11


Pomp und Paraden
 
Heute geht’s auf Besichtigungstour. Nachdem wir notgedrungen auf der Insel Oahu einen Zwischenstopp eingelegt haben, wollen wir diese auch besichtigen. Wir entscheiden uns für eine Busreise in den Osten der Insel. «Discover the real Hawaii», wird uns angedroht.

Während der Fahrt durch das Villen-Quartier von Honolulu werden wir mit den notwendigen Informationen berieselt. Wir sehen die grösste Villa, das grösste Grundstück, das Haus der reichsten Familie, das Anwesen des berühmten Kaugummi-Fabrikanten. Natürlich auch das Film-Haus von MAGNUM. Weder dessen Darsteller Tom Selleck, noch seinen Film-Hausmeister und dessen Dobermänner bekommen wir zu sehen.

Wir umrunden Vulkankegel, die Strasse führt einer Steilküste entlang zu unzähligen Aussichtspunkten. «Hier hat Elvis Presley seine Muse geküsst. Oder Sie ihn.»
«An diesem Strand ist irgendein Bond-Girl dem Wasser entstiegen; auf jener Klippe hat Tony Curtis gestanden.» Und so weiter, und so fort.

Es ist tatsächlich eine wunderbare Gegend, die wir zu sehen bekommen. Hinter jeder Kurve verändert sich die Landschaft. Bergrücken, so kahl wie die schroffen Berge im südlichen Kreta wechseln mit Ansichten, die an die Hochebenen des Juras erinnern. Wir tauchen ein in tropische Wälder, befinden uns plötzlich auf einer Autobahn. Wir durchfahren einen veritablen Tunnel und gelangen zu einem weiteren Aussichtspunkt. Informationstafeln geben Auskunft über vergangene Schlachten. Unter uns liegt ein riesiges Militärgelände der amerikanischen Armee.

Als wir uns gegen Abend wieder Honolulu nähern, erwartet uns ein nicht ganz unerwartetes Chaos. Die Zufahrstrassen nach Waikiki und somit zu den Hotels wurden geschlossen. Der Verkehr bricht zusammen, die Stadt steht still. Heute ist Memorial-Day, man gedenkt der Schlacht von Pearl Harbor, die genau heute vor 78 Jahren stattfand. Und wie in Amerika üblich, werden solche Tage mit Pomp und Paraden gefeiert.

Sämtliche Truppengattungen marschieren in mehr oder weniger martialischer Aufmachung durch die Strassen Waikikis. Militärmusik ertönt, Majoretten schwingen Bürzel, Fahnen und Beine. Eine Kolonne aus Oldtimern fährt vorüber. Die Polizeitruppe «Waikiki-Beach» erscheint auf knatternden Motorrädern, dicht gefolgt vom lautstarken Harley-Davidson Club «Hula-Hula». Beinahe zwei Stunden dauert das Treiben, dass manchmal an einen Cortège an der Basler Fasnacht erinnert.

Wir bestellen ein letztes Glas Wein an der Hotelbar. Um 23.00 Uhr wird sie geschlossen, der Wein in Plastikbecher umgeschüttet. Das  nächste Mal, wenn es denn eines geben sollte, werden wir uns ein anderes Hotel aussuchen.

Morgen nehmen wir Sie mit auf unsern Flug von Honolulu nach Guam. Bis dann!

 

 

Samstag, Dezember 21, 2019

Yap 10


 

 Vergangenheit

Amerikaner und Japaner besichtigen ihre eigene Vergangenheit. Ob sich Amerikaner und Japaner den Gräuel des Krieges verziehen haben? Diese Frage habe ich in meinem letzten Blog nicht beantwortet. Ich kann es auch heute, am zweiten Tag unseres Besuches von Honolulu nicht wirklich beantworten.

Tatsache ist: Die Japaner haben den Amerikanern im Dezember 1941, nach dem Überfall auf Pearl Harbor, den Krieg erklärt. Ein Krieg, der offiziell am 2. September 1945 beendet wurde. Inoffiziell ging er bereits am 6. August, mit dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, zu Ende.
 
Gewonnen hatten somit die Amerikaner. Trotzdem wurde Hawaii von Millionen von Japanern eingenommen. Diesmal lief die Invasion jedoch friedlich ab. Sie spielt sich vor den Wühltischen der Kaufhäuser, in den Nepplokalen der Tourismusindustrie ab. Die Schlachtfelder heissen nicht mehr Pearl Harbor, Bloody Beach oder Sandy Island, sondern Gucci, Rolex oder Valentino.

Morgen geht’s auf eine Rundreise um die Insel Oahu. Bis dann!

P.S. Ich gebe es gerne zu: Auch nach Jahren des Reisens und des Inselsammelns bin ich nicht in der Lage, asiatische Menschen den richtigen Nationen zuzuteilen. Man möge mir diesen Makel verzeihen!

 

Freitag, Dezember 20, 2019

Yap 9


Tora, Tora!

So heisst ein Film, den ich mir vor vielleicht fünfzig Jahren angeschaut habe. Er zeigt die Japaner beim Angriff auf die amerikanischen Streitkräfte. Tora! Tora! war der Schlachtruf der japanischen Piloten, als sie am 7. Dezember 1941 den Marine-Stützpunkt Pearl Harbor auf der Insel Oahu in Hawaii angriffen. Ein späterer Film mit Leonardo di Caprio zeigte das Desaster hautnah.

Wir sind auf der Durchreise nach Mikronesien und haben, der Not gehorchend, einen Zwischenhalt auf Hawaii eingelegt. Wir beschliessen, die zwei Tage so gut wie möglich zu nutzen. Ein Besuch der Gedenkstätte gehört dazu. Und so stehen wir am 6. Dezember vor dem Eingang zum Pearl Harbor Memorial. Nichts ahnend, dass sich morgen der japanische Angriff zum 78ten Mal jähren wird. Und nichts ahnend, dass gestern, genau an dieser Stelle, ein wildgewordener amerikanischer Seemann ein Gemetzel unter Touristen anrichten wollte.

«Business as usual», werden sich die Verantwortlichen gedacht haben und haben die Anlage heute wieder für den Strom der Touristen geöffnet. Wir bekommen sogar Tickets für die Besichtigungstour. Gottseidank liegt kein Kreuzfahrtschiff vor Anker. Gegen den Ansturm der Massen hätten wir nichts ausrichten können.

Die Tour hinterlässt zwiespältige Eindrücke. Man meint, den Kriegslärm zu hören. Bomben schlagen ein, Schiffe werden getroffen, gehen in Flammen auf. Aber man spürt auch ein wenig Hollywood, den Broadway, Disneyland. Brav trotten wir der Menge hinterher.

Amerikaner und Japaner besichtigen gemeinsam ihre eigene Vergangenheit. Ob sie sich auch verzeihen können?

 

 

Donnerstag, Dezember 19, 2019

Yap 8


Waikiki - mon amour?
 
Auf unserem Weg nach Mikronesien mussten wir in Hawaii einen Zwischenhalt einlegen. Hawaii ist eine Inselkette im Pazifischen Ozean und seit 1959 der 50. Bundesstaat der Vereinigten Staaten. Sie ist benannt nach der größten Insel des Archipels - Hawaii, die inoffiziell auch Big Island heißt. Die bekanntesten Inseln neben Big Island sind wohl Kauai, Maui und Oahu. Genau dorthin hat es uns diesmal verschlagen. Denn auf Oahu liegt Honolulu. Dort aber soll einer der schönsten Strände der Welt zu finden sein: Waikiki.

Wenn man die dicht an dicht gebauten Hotelkästen vor sich sieht, erscheint die Aussage vom «most wonderfoul beach of the world» ziemlich weit her geholt. Vielleicht hat sie vor hundert Jahren gegolten. Heute ist Waikiki ein perfektes Beispiel für den viel zitierten «Overtourism».

Beim ach so berühmten Strand handelt es sich nur noch um eine, von Wellenbrechern und künstlichen Riffen, zubetonierte Kunstinstallation. Ohne diese Technik wäre der ganze Strand mitsamt den Hochhäusern und Bettenburgen schon längst im Meer versunken. Desgleichen wohl auch die Einkaufsmeilen mit ihren riesigen Shopping-Arkaden. Läden übrigens, die mehrheitlich den gleichen Scheiss anbieten wie überall auf der Welt. Und trotzdem sieht man Menschen mit riesigen Einkaufstaschen über die Gehsteige hetzen. Rein zu Gucci, zu Valentino zu Tiffany.

Geld scheint im Überfluss vorhanden zu sein. Hawaii müsste also wahnsinnig teuer sein. Ist es jedoch nicht. Man findet auch ausgezeichnete Italiener, wo man für wenig Geld viel bekommt. Eine Grundregel könnte heissen: Bei jeder Parallelstrasse zum Strand halbiert sich der Preis.

Wieso aber reisen so viele Japaner nach Hawaii? Und wieso kaufen sich diese in Waikiki eine Uhr von Rolex? Mehr dazu in den nächsten Tagen …

 

 

Mittwoch, Dezember 18, 2019

Yap 7


Eine Magnum mit Magnum

Wir sind in Honolulu gelandet und mit dem Taxi nach Waikiki, der Traumdestination aller Wellenreiter und Sonnenanbeter, gefahren. Da wir weder der einen noch der anderen Kategorie gehören, machen wir uns auf, die Stadt auf eigenen Füssen zu erkunden. Natürlich ist Waikiki kein gemütliches Paradies für Spaziergänger. Es ist ein Paradies für allerlei Stretch-Limousinen, tiefer gelegte Strandvehikel und laute, hochtourige Sportwagen. Als wir eine der Strassen überqueren wollen, werden wir plötzlich angehalten.

«Ton ab, Kamera läuft. Und Aeggschen!», brüllt ein bebrilltes Wesen. Wie vom Affen gebissen, rennt eine junge Frau durch einen kleinen Park Richtung Beach. Verfolgt wird sie von allerlei dunklen Gestalten. Sie kommen ihr immer näher, die Frau schreit um Hilfe, wirft ihre Reisetasche weg und entschwindet hinter einer Reihe von Surfbrettern. Die Zuschauer klatschen und grölen, rufen immer wieder «Aeggschen» und können gar nicht genug kriegen.

Nachdem die Szene zum dritten Mal wiederholt wurde, fragen wir nach dem Grund dieser Verfolgungsjagd.

«Oh», meint eine junge Dame, die wohl zum Filmteam gehört.

«Oh», wiederholt sie. «Hier sehen sie die Dreharbeiten zur 969sten Folge von Magnum PI.»

«Sie meinen wohl den Werbespot für das Eis am Stiel?»

«Oh NO!», antwortet sie etwas mitleidig.

«MAGNUM ist der Detektiv aus der gleichnamigen Krimiserie. PI heisst «Private Investigator», Privatdetektiv. Das ist der mit den zwei Dobermännern!»

«Aber Tom Selleck, der Darsteller des Titelhelden, muss doch über 80 Jahre alt sein! Der kann doch gar nicht mehr so schnell rennen!»

Sie nuschelt etwas von den Vorzügen der amerikanischen Schönheitsindustrie und entschwindet hinter der Kamera.

Sollten Sie uns in ferner Zukunft in einer Folge von MAGNUM am Strand von Waikiki sehen: Ja - das sind wir!